Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 20 (1903)
- Issue
- 20 (15.5.1903)
- Date
- 1903-05-15
- Page
- – (sequence 12)
- Language
- German
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Sette 884 Dr. Bloch's Wochenschrift. Nr. 80 Stärkung des konfessionellen Lebens hin. Jedenfalls müsse man fordern, daß junge Leute (Kinder) unter 18 Jahren, die nach dem Gesetz Juden sind, in der jüdischen Religion erzogen werden. Darauf müsse man aufs Rigoroseste bestehen, und man dürfe nicht zulassen, daß — wie es vorgekommen ist — der Leiter einer Lehranstalt im Sinne des Gesetzes jüdische Schüler vom jüdischen Religionsunterricht dispensirt. Redner empfiehlt seine Ausführungen der Aufmerksamkeit der Versammlung. (Minutenlanger Applaus und Eljenrufe.) Reichstagsabgeordneter Joseph Väßi schließt sich mit Freuden den Mezei'schen Anregungen an. Dr. Jllös Adler empfiehlt, daß in Zukunft den Gemeinde- Districtssitzungen ein feierlicher Gottesdienst vorangehen möge. — David VLradi hält die Schaffung eines Instituts, wo jüdische Erzieherinnen herangebildet werden, für nothwendig. Man müsse die Kinder reicher Juden von den ausländischen Gouvernanten, die den Interessen der Missionsgesellschaft dienen, fern halten. Nachdem der von Max Szabolcsi gestellte Antrag, wonach die Districtsgemeinden in Circularen aufgefordert werden mögen, die Tempelspenden eines Samstags durch Vermittlung der Landeskanzlei den nothleidenden Juden Bessarabiens, insbesondere der Ortschaft Kischenew, zu überlassen, schloß der Vorsitzende die Versammlung. Berlin. Die „Voffische Zeitung" schreibt: Seinen siebzigsten Geburtstag feierte am Freitag, 1. Mai, Dr. Adolf Berliner, der sich durch Forschungen zur Geschichte und Literatur der Juden einen Namen gemacht hat. Er wurde aus diesem Anlasse mit dem Titel „Professor" ausgezeichnet. Berliner ist ein wissenschaftlicher 8elk made man. In Öbersitzko, in der Provinz Posen, geboren, erhielt er zunächst eine wesentlich auf die Kenntniß des hebräischen Schriftthums sich gründende Ausbildung. Jedoch machte er sich von dem allgemeinen Wissen so viel zu eigen, daß er zuerst in seiner Heimat, dann in der neumärkischen Kleinstadt Arnswalde als Lehrer wirkte. Bon dort aus lenkte Berliner durch Beiträge zum hebräischen Schriftthum die Aufmerksamkeit der engeren Fachkreise auf sich. Das wurde der Anlaß, daß man ihn nach Berlin zog. Er erhielt eine Docentenstelle an dem von I. Hildesheimer begründeten Rabbinerseminar. Für die rege wissenschaftliche Arbeit, die Berliner in der Folge entwickelte, wurde ihm mannigfaltige Anerkennung zu theil. Er erhielt den Ehrendoctortitel der Philosophie und wurde mehrfach von der Regierung mit Reisestipendien bedacht. Seinen Ruf in der Wissenschaft begründete Berliner durch eine Ausgabe des sogenannten Raschi-Commentars. Biel Anerkennung fand sodann seine Ausgabe der Mafforah zum Targum Onkelos. Sie bildet die Vorläuferin einer Ausgabe des Targum Onkelos. Zu diesen philosophischen Arbeiten gesellt sich eine längere Reihe geschichtlicher Studien. In den Vordergrund treten dabei zwei Gruppen von Untersuchungen. Die eine betrifft die Geschichte der Juden im Mittelalter; die andere hat die Geschichte der Juden in Rom zum Gegenstände. Auf letzterem Gebiete ist Berliner als einer der besten Kenner allgemein anerkannt. Von seinen einschlägigen Veröffentlichungen ist an erster Stelle seine „Geschichte der Juden in Rom von den ältesten Zeiten bis zur Gegenwart" (1893), ein Werk, das von großer Gelehrsamkeit und großem Fleiße Zeugniß gibt, zu nennen. Anzureihen sind die Studien „Censur und Confiscation hebräischer Bücher im Kirchenstaat", „Aus dem inneren Leben der Juden im Mittelalter", ^Persönliche Beziehungen zwischen Juden und Christen im Mittelalter", „Hebräische Grabschriften in Italien", „Beiträge zur Geographie und Ethnologie Babylons in Talmud und Midrasch", „Aus den letzten Tagen des römischen Ghettos", „Einfluß des ersten hebräischen Buchdrucks auf den Cultus und die Cultur der Juden". Einen geschätzten Namen hat Berliner als Bücher- und Handschriftensammler. Seine Fachbibliothek, die nach Frankfurt a. M. gekommen ist, gehört zu den größten und besten ihrer Art. Antwerpen. Von dem seinerzeit in diesem Blatte berichteten „Gegenseitigen Hilfsverein Israelitischer Gewerbetreibender zu Antwerpen", deffen Wirken wir besonders durch die Neuwahl einiger Vorstandsmitglieder hoffnungsvoll entgegensahen, können wir heute weniger Erfteuliches mittheilen. Der damals neugewählte kassier S. Frey verlangte gleich bei der Wahl die Einsetzung einer Commission behufs Prüfung der Vereinsbücher. Dieses Verlangen wurde von fast allen Mitgliedern gebilligt, allein der wiedergewählte Präsident und Secretär, L. Natowitz und I. Skalla, hielten es nicht für augezeigt, dem Wunsche des Herrn Frey beizustimmen. Da sich aber Proteststimmen verlauten ließen, wurde nach längerer Debatte zur Abstimmung geschritten. Es wurde fast einstimmig zu Gunsten des Herrn Frey beschlossen. Trotzdem vergingen 7 Monate, ohne daß die Bücher aus den Händen gegeben wurden. Dies erweckte bei den Mitgliedern ein berechtigtes Mißtrauen gegen die bisherige Leitung und dieses Mißtrauen kam alsbald bei der Generalversammlung zum Ausdruck. Hierauf sah sich der Vorstand genöthigt — so unangenehm es besonders dem Präsidenten war — seine Demission zu geben. Dies begrüßten die Mitglieder mit Freuden, zumal da sie hofften, die wiedergewählten fünf Vorstandsmitglieder, gegen die allein das Mißtrauensvotum gerichtet war, scheiden zu sehen. Es wurde alsbald zur Neuwahl geschritten, welche infolge der Uneinigkeit einige Wacken dauerte. Endlich lud Herr Natowitz, der nun in oen Vorstand wiedergewählt wurde, zur Wahl eines Vorsitzenden zu sich ein, zu der aber nur die Hälfte des Vorstandes kam, die andere Hälfte erklärte, Herr Natiowitz habe kein Recht gehabt, eine Sitzung zu bestimmen ohne vorangegangene Berathung mit den anderen Vorstandsmitgliedern, und übrigens sei bei Natowitz':— ein Emigrantenhaus — nicht der richtige Platz zur Abhaltung von Versammlungen oder Sitzungen und weigerte sich, der Einladung Folge zu leisten. Herr Natowitz machte kurzen Proceß, strich die Abwesenden aus der Mitgliederliste und ließ sich von den anwesenden vier Vorständen wieder zum Präsidenten wählen. So hatte er nun, wie er selbst sagte „die Peitsche wieder in Händen" und sah seinen Ehrgeiz vollständig befriedigt. Herr „Präsident" Natowitz wollte nun mit seiner Peitsche knallen, allein er merkte gleich, daß er sie nicht mehr besitze. Er „befahl" Herrn Frey, die Eassa zu übergeben, andernfalls werde er gerichtliche Schritte anwenden. Wie getäuscht war aber Herr Natowitz, als Herr Frey, ihm kein Gehör gab, sondern dessen Gebühren als lächerlich bezeichnete und eine neue Vorstandssitzung anberaumte, welche folgendes Resultat ergab: M. Levin I., I. Kohn II. Vorsitzender, I. Springer I., M. Jsraelowitz II. Schriftführer, S. Frey kassier, I. Strahl I., A. Singer II. Krankenvorsteher, L. Natowitz, S. Katz, I. Skalla und H. Holländer Beisitzende. Herrn Natowitz konnte dies Ergebniß nicht gut gefallen und er sammelte Unterschriften zu einem Protest gegen die vor einigen Wochen stattgefundene Wahl, wobei er sich natürlich nicht ganz reeller Mittel bediente. Das führte zu einer neuen Sitzung, bei der endgiltig beschlossen wurde, sich einem Schiedsgerichte zu unterziehen. Wir sind gespannt auf den Schiedsspruch und noch mehr, ob die Natowitz-Partei sich auch wirklich ihm fügen wird. Sobald dieser bekannt werden wird, will ich ihn an dieser Stelle berichten. Ein Vereins,nitglied. Rom. Sie brachten die Mittheilung, daß der ehemalige italienische Minister Luzatti auf dem historischen Congreß eine Rede gegen Delitzsch gehalten hätte. Der internationale historische Congreß tagte hier vom 1. bis 10. April d. I. im Collegio Romano. Der Congreß hatte eine besondere Section für Geschichte und Philosophie und Geschichte und Religion. Präsident dieser Section war Professor Stein-Bern, Ehrenpräsident Professor Harnack aus Berlin, der in dieser Section jenen vielbesproch-nen Vortrag über die Entstehung des Neuen Testamentes gehalten, der ganz Rom in Spannung hielt. Diesen Anlaß benutzte Luzakti als Präsident der As806iazion6 della Stampa (römischer Preßverein), das Thema: Bibel, Babel, Bebel zu öffentlicher Discussion zu stellen, um die Creme der römischen Gesellschaft zu diesem Redetournier einzuladen. Etwa 500 Personen der ersten Kreise Roms füllten den glänzend ausgestatteten Empfangssaal der Stampa. Als Redner waren in Aussicht genommen: Luzatti zur Einführung, Professor Minochi aus Florenz, katholischer Priester, über Babel, Professor Harnack über Bibel, Professor Chiapelli aus Neapel über Bebel (d. h. die sociale Frage und die Bibel). Im letzten Augenblick war Harnack verhindert, so daß Professor Dr. Ludwig Stein als Präsident der betreffenden Section, auf Bitten Luzatti's, an Stelle Harnack's das Referat übernahm. Luzatti hielt die einführende Rede, aus welcher Sie den betreffenden Passus richtig citirt haben. Professor Minochi nahm die Bibel gegen Delitzsch in Schutz. Chiapelli trat sehrwarm für die Originalität der socialen Ideen des Judenthums ein; sowohl der Florentiner Priester-Professor, als auch der Neapolitaner Socialphilosoph — nebenbei bemerkt: der erste Fachmann in Italien — sprachen mit hinreißender Wärme. Luzatti's Einführung war ein Lidduseb Hasekern im vollen Sinne des Wortes! Eine Offenheit, Zuversichtlichkeit, Bekennerfreudigkeit, wie sie nur in Italien von einem gewesenen Minister, der in aller Munde, Vorkommen mag. Zuletzt sprach Professor Stein an Stelle Harnack's mit großer Wirkung. Er begann deutsch, indem er dem Publicum eröffnete: ich werde nicht im Geiste, wohl aber in der Sprache Harnack's sprechen. Darauf forderte das Publicum stürmisch italienisch! Und so sprach der Redner etwa eine halbe Stunde italienisch mit geradezu fascinirender Beredtsamkeit und Begeisterung. Er schloß seine Rede mit der hebräischen Bekenntnißformel: Leftema Jisroel, Adonai Elohenu! Adonai Echad! Die Aufnahme war eine wahrhaft enthusiastische! G log au. Die Gesellschaft zur Förderung der Wissenschaft des Judenthums beabsichtigt, jüdischen Gelehrten Jahressubventionen bis zu einer Dauer von drei Jahren zukommen zu lassen. Es können nur solche Bewerber bedacht