Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 20 (1903)
- Issue
- 20 (15.5.1903)
- Date
- 1903-05-15
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 90 Dr. Bloch's WochensttzrM. Wette 81» Wo find die Ritualmörder zu suchen? In der Charfreitagsnacht hat ein Bewohner des rusiischen Dorfes Baiandur, Namens Aslamanow, seinen einzigen, sieben Monate alten Sohn Gott geopfert, indem er ihn auf der Schwelle der Kirchenthür mit einem Messer umbrachte. Vor dem Untersuchungsrichter sagte Aslamanow unter heiligsten Schwüren Folgendes aus: Bor zwei Jahren erkrankte ich stark und es erwiesen sich alle Mittel als hilflos, so daß ich mich schon auf den Tod gefaßt machte, als ich folgenden Traum sah: Mir erschien Johannes der Täufer und trug mich über eine riesige Stadt hinweg in ein prachtvolles Thal. Dort sah ich wie durch einen Nebelschleier Gott auf einem goldenen Throne sitzen. Sein Anlitz war gebräunt, seine Augen groß und sein Haar grau. »Iwan — sagte Gott zu mir — ich werde dir deine Gesundheit wiedergeben. Dir wird ein Sohn geboren werden, den mußt du mir, sobald er sieben Monate alt geworden ist, opfern/ Ich verspach das und schwor auch, all mein Hab und Gut den Armen zu vertheilen. Am Tage nach diesem Traume wurde es mit meiner Krankheit besser und ich begann mein Hab und Gut den Kirchen und Armen zu geben. Alsbald gebar mir meine Frau einen Sohn, der in diesen Tagen sieben Monate alt wurde. Am 19. April erschien mir Gott im Traum und mahnte mich an mein Versprechen. Am Charfreitag wanderte ich zur Stadt und kaufte mir ein Messer, ging zur Abendmesse in die Kirche und flehte zu Gott, er möge meinem kleinen Sohne das Leben schenken, doch erhielt ich eine abschlägige Antwort aus mein Flehen. Ich ging daher nach Hause, weckte meine Frau, nahm meinen Sohn mit und opferte ihn nach der Abendmesse Gott. — Offenbar hat man es hier mit einem Geisteskranken zu thun; doch denkt die Bevölkerung anders und ist im höchsten Grade unwillig darüber, daß dieser »heilige Mann" in das Gefängniß abgeführt wurde. Eingesendet. Hochgeehrter Herr Red acteur! Aus Anlaß der, bevorstehenden hohen Feiertage erlaube ich mir, wie schon mehrmals, die Aufmerksamkeit auf die hygienischen Verhältnisse im Stadttempel zu lenken, welche entsetzenerregender nicht gedacht werden können. Der Tempel wurde in den Zwanziger-Jahren des vorigen Jahrhunderts gebaut, und es macht den Eindruck, als hätte der Baumeister erst nachdem das Gebäude fertig war, bemerkt, daß er die Fenster vergessen hat, und um diesen Uebelstand abzuhelfen, wurden in der Decke einige Löcher geschnitten, welche Luft für circa 400 Menschen hereinlaffen sollen. Ja, wenn nur wenigstens diese Fenster zur Zeit, wenn kein Gottesdienst ist, offen stehen würden, aber auch dies ist nicht im Entferntesten der Fall, und so ist thatsächlich seit mehr als 80 Jahren das Haus nicht ventilirt worden. Ich glaube, die vielen Frauen, die das Gotteshaus an den Festtagen besuchen, würden entsetzt sein, wenn in ihren Wohnungen auch nur annähernd eine derartige Luft herrschen würde, wie im Tempel, wo Alles geduldig hingenommen wird. Ich erinnere mich einer merkwürdigen Thatsache: Als eine Anzahl Glaubensgenossen im Jahre 1889 dem Cultusvorstande Vorschläge unterbreitete, welche den Zweck hatten, den Antisemitismus zu bekämpfen, da hörte man, das geht uns nichts an, wir haben blos zu verwalten; hat man dagegen eine Beschwerde, welche die Verwaltung betrifft, so scheint die konsequente Nichtbeachtung derselben, sagen zu wollen, wir haben Anderes zu thun, als um die Gesundheit unserer Gemeindemitglieder uns zu sorgen, und so bleibt Alles beim Alten. Ich frage nun: Muß denn dem Juden die Erfüllung seiner Pflicht so schwer gemacht werden? Muß denn der Aufenthalt im Gotteshaus eine Qual sein? Muß das Alles so sein? Hochachtungsvollst Albert Mandelbaum. Correspondenzen. Aus der Plenarsitzung des Vorstandes der israelitische» Cultusgemeinde in Wien vom 10. Mai 1903 unter dem Vorsitze des Präsidenten kais. Rath Klinger. Beginn der Sitzung 10 Uhr Vormittags. Im Einlaufe werden bekanntgegeben: Spenden: Legat des sel. Dr. Hermann Grünbaum zur Bertheilung an Arme.K 2000.— Bon den Erben nach Frau Katharina Brüll, im Sinne eines Wunsches der Erblasserin, für das Altersversorgungshaus.. 1000.— Bon der Firma Blum & Popper für die armen, geplünderten Juden in Kischenew.» 200.— Bon M. N. durch Herrn Vertreter Oberingenieur Edler v. Mises für die israelitische Armenanstalt » 50.— für die israelitische Versorgungsanstalt ...» 50.— Bon Herrn Donat Ziffern als Kranzablösungsspende für den sel. Herrn Hermann Pollack für die Chewra-Kadischa.. 20.— für den Handwerkerverein.. 20.— für den Verein »Frauenhort".» 20.— Von Herrn Alois Hofmann für die Kinder des sel. Rubin Ascher Braudes.. 10.— für den Mädchenunterstützungsverein . . . . » 20.— für die geplünderten armen Juden in Kischenew » 20.— Von Frau Therese Kann zur Vertheilung an Insassen der israelitischen Versorgungsanstalt.. 30.— Von Frau Sarah v. Stern für die Kinderbewahranstalt . 20.— Bon Herrn Dr. Leon Friedenthal für den Erhaltungsfond der israelitischen Bersorgungsanstalt . » 20.— Von Herrn Sigmund Kaufmann und Herrn Ludwig Albrecht ein Faß Wein (236 Liter) für die israelitische Bersorgungsanstalt. Den Spendern wird der Dank votirt. Im Einlaufe befindet sich weiters die Mittheilung des Curatoriums der Israelitisch-theologischen Lehranstalt in Wien, betreffend die am 23. April d. I. vorgenommenen Ergänzungswahlen für diese Körperschaft. Es wurden für die restliche Functionsdauer bis Ende 1905 mit Stimmeneinhelligkeit gewählt: Herr Moriz Edler v. Kuffner zum Präsidenten, Herr Theodor Ritter v. Taußig zum I. Bicepräfidenten, Herr Doctor Adolf Stein zum Controlor, Herr Emil Karpeles zum Mitgliede des Curatoriums und zum Caffier. Ferner wird ein Schreiben des Herrn Cultusvorstehers David Ritter v. Gutmann bekanntgegeben, mit welchem derselbe das ihm zustehende Vorschlagsrecht für die Besetzung zweier Fceiplätze im Karlsbader israelitischen Hospiz für das Jahr 1903 dem Präsidenten der israelitischen Cultusgemeinde, Herrn kaiserl. Rath Klinger, einräumt. Im Präfidialberichte macht der Vorsitzende Mittheilungen über die finanzielle Gebahrung der Cultusgemeinde in der Zeit vom 1. Jänner bis Ende April 1903. Des Weiteren theilt der Präsident mit, daß das Bertretercollegium, welches vom Cultusvorstande in der Plenarsitzung vom 15. April 1903 mit der Zutheilung der Amtssitze für die beiden neuernannten Rabbiner Dr. Feuchtwäng und Dr. Grunwald betraut wurde, nunmehr beschlossen habe, Herrn Rabbiner Doctor Feuchtwäng im Sinne des von ihm ausgesprochenen Wunsches für den Gemeindetempel in Währing und Herrn Rabbiner Doctor Grunwald für den Gemeindetempel in Fünfhaus zu defigniren. — Der Amtsantritt dieser beiden Rabbiner wird für den 1. August, der Amtsantritt des Herrn Rabbiners Dr. David für den 1. September 1903 in Aussicht genommen. Der Vorsitzende gibt weiters Kenntniß, daß das Vertretercollegium in der abgelaufenen Woche eine Besprechung unter Zuziehung sämmtlicher Herren Obmänner der Bezirkscommiffionen abgehalten habe. — In der Absicht, einen regeren Contact zwischen dem Cultusvorstande und den Bezirkscommiffionen herzustellen und ein gedeihliches Arbeiten derselben zu ermöglichen, hat das Bertretercollegium die Zuziehung von Delegirten der Bezirkscommiffionen in die ständigen Commiffionen des Cultusvorstandes in Aussicht genommen und wird es nunmehr Sache der Bezirkscommiffionen sein, sich zu der gegebenen Anregung zu äußern. Nach Erledigung von Steuer-Angelegenheiten wird hieraus die vertrauliche Sitzung geschloffen.