Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 20 (1903)
- Issue
- 20 (15.5.1903)
- Date
- 1903-05-15
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
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Seite SIS Vr. Blvch's Wochonschrifk. Nr. 2V geistiges Interesse dahin führt und die zugleich sich ehrlich zum Judenthum bekennen, aus ihrer Stammes- und Religionsangehörigkeit kein Hehl machen. Der tiefen, aber ruhigen Empfindung der Alten steht hier die brausende Begeisterung der Jungen zur Seite und Alle vereinigen sich zur Huldigung für Dichter und Redner, zum Danke für den Verein, der sie zusammengeführt. Wir anerkennen diese Thatsache. Aber wir ziehen auch Consequenzeu daraus. Die eine Consequenz muß sein, daß man der Gesellschaft, die im Dienst eines so hohen Gedankens steht, nicht blos dann seine Reverenz macht, wenn man bei ihr zu Gaste ist, sondern daß mau ihrer gedenke, um ihre Zwecke zu fördern. Wie viele von den vielen Hunderten, die jüugst — am Montag in der vorigen Woche — der Sonnenthal-Vorlesung lauschten, find wohl Mitglieder des Museumsvereines? Wie viele, die im Besitz historischer Alterthümer sind, denken wohl daran, daß diese im Museum der Allgemeinheit einen größeren Dienst erweisen, als wenn sie im eisernen Schranke verschlossen sind. Wie viele wecheu ihre Kräfte der Gesellschaft, deren Lasten auf wenigen Schultern ruht? Fühlen Diejenigen, die an den Genüssen theiluehmen, nicht auch die Verpflichtung in sich, zur Entwicklung des Museums beizutragen? Die andere Consequenz, die zu ziehen wäre, geht die Museums-Gesellschaft an. Sie leistet viel, sehr viel — aber nicht genug. Zu ihrer Popularisirung thäte ihr das Heranziehen frischer Kräfte gut, sie müßte auch chre Wirksamkeit über ganz Oesterreich ausbreiten, sie müßte ihre überaus interessanten Sammlungen auf Wanderausstellungen den Glaubensgenossen anderer Städte vorführen, Wandervorträge veranstalten, den Charakter der Gemeinsamkeit hervorheben, die Solidarität Aller betonen und ein geistiges Band für alle Glaubensgenossen in Oesterreich darstellen. Sollen wir sagen, wie S o n n e n 1 h a l las? Er übertraf sich selbst. Er war nicht blos Vorleser, er war Darsteller zugleich und gerade die jüdischen Charaktere, die die Dichter meisterhaft gezeichnet, die machte er zu lebendigen Gestalten. Das trat natürlich nicht in des Grafen Coudeuhove hochgräfischem Werke „Henoch". in welchem die Befreiung des Menschen vom Fanatismus und die Nächstenliebe ohne Unterschied den Grundgedanken bilden, hervor, wohl aber in Morris Rosenfeld's und Leopold Kompert*s Werken. Bevor er aus Rosenfeld's Dichtungen, „Lieder aus dem Ghetto", drei der ergreifendsten vortrug, machte er die Zuhörer mit der Autobiographie des Dichters bekannt. Wie discret ließ da S o n n e n t h a l den Dichter selbst wirken Der Vortragende schien ganz zurückgetreteu zu sein. Als er aber den „Sturm" las, da war wieder Sonnenthal im Vordergrund. Und welcher Souuenthal! Dem Maler hatte er den Pinsel entrissen, als er die Sturmesgewalt veranschaulichte, bem Sänger das Organ — das Gefühl aber, das hatte er in sich selber und kein Auge blieb thränenleer, als er die Stimmen der beiden armen Juden recitirte, die im Sturme nicht klagen, nicht verzweifeln, denn von Amerika zurückgetrieben, müssen sie dorthin wiederkehren, wo ihnen keine Heimat, keine Ruhestätte, keine Hoffnung winkt, nach Rußland! Was kann ihnen der Sturm anthuu? Unsere Augen wurden abgelenkt von dem Saale, in dem wir uns befanden, wir glaubten uns in das Schiff versetzt, wir hörten nicht blos die Stimme der beiden Juden, sondern wir fühlten uns als Ihresgleichen, der ganze Jammer erfaßte uns. — Der stürmische Applaus, mit dem die Jungen Sonnenthal begrüßten, rief Ms zur Gegenwart zurück. Und wieder erschütterte Sonnenthal seine Zuhörer, als er Rosens e ld's „Landstreicher" vortrug, in der über jene ..Gerechtigkeit" der Stab gebrochen wird, die das Kind der Mutter entreißt, weil die Mutter betteln muß, um es zu erhalten, uud Betteln ist natürlich strafbar! Rosenfeld's Dichtungen sind so tief ergreifend, weil sie in ungekünstelter Sprache die Wahrheit sagen, und Sonnenthal besitzt die Kunst wie kein Anderer, diese Wahrheit zu veranschaulichen. Das that er auch in der Vorlesung von Kompert's Novelle „Die Schweizerin". Aber Sonnenthal's Kraft reichte nicht aus, die Schwäche dieser Novelle zu verdecken — die ungerechte Buße, die der Rabbi der Frau auferlegt, die ihm ihre Liebe zu ihm nicht vor ihrer Vermählung mit einem Anderen einbekannt hatte, sondern erst nach der Trauung zu Beginn der Brautnacht, während er selbst, der sie auch geliebt, doch seine Gefühle verheimlicht hatte! Wohl aber vermochte Sonnenthal mit seinen empfindungsvollsten Tönen den Opfermuth der Frau zu versinnbildlichen. Er begeisterte seine Zuhörer, die ihm nicht nur mit Hochrufen dankten, ihn umringten, seine Hände berühren wollten, die Blumen sich erbaten, die er berührt hatte, selbst auf der Straße noch ihn bejubelten. Auch um dieses Triumphs des Künstlers willen dürfen wir den Vortragsabend als jüdischen Festabend bezeichnen. J. L. Eine „Wendung" im Zionismus? Die Landesconferenz der ungarischen Zionisten in Preßburg hat die zwei ersten Paragraphen der Statuten wie folgt beschlossen: § 1. Unter voller Aufrechterhaltung des Baseler Programmes erstreben die ungarischen Zionisten für die heimatlosen Juden die Schaffung einer öffentlich-rechtlich gesicherten Heimstätte in Palästina. § 2. Die ungarischen Zionisten wollen nicht als politische Nationalität gelten und keine Nationalitätenpolitik in Ungarn treiben. Der Reichstagsabgeordnete Herr Dr. Soma Bisontai, Präsident des „Budapester Zionisten-Vereines", empfiehlt nun eine kleine stilistische Modification dieser zwei Paragraphen, da er in denselben den ungarischen Patriotismus vollständig zum Ausdrucke gebracht wissen will. Die modificirten Punkte lauten: „§ 1. Unter voller Aufrechterhaltung des Baseler Programmes erstreben die ungarischen Zionisten nur für die heimatlosen Juden die Schaffung einer öffentlich-rechtlich gesicherten Heimstätte in Palästina. § 2. Die ungarischen Zionisten, als treue Söhne des ungarischen Vaterlandes, wollen nicht als politische Nationalität gelten, sie wollen nichts anderes, als ungarisch-politische Zwecke verfolgen." Herr Max N o r d a u schreibt darüber an die Redaction der „Ungarischen Wochenschrift" Herrn Julius Gabel: »Ich sehe nicht, welchen Einwand man aus zionistischem Gesichtspunkt gegen das von unseren trefflichen Gesinnungsgenosien Dr. Janos Ronai und Dr. Soma Bisontai svrmulirte P-ogramm der ungarischen Zionisten erheben könnte. In Ungarn ist die Nationalitätenfrage rein und ausschließlich eine Sprachenfrage. Nach Abstammung und Race fragt der ungarische Gesetzgeber und Politiker nicht. Als „nicht-magyarische Nationalität" gilt ihm nur eine solche, deren Sprache nicht die magyarische ist. In diesem linguistischen Sinne sind die Juden in Ungarn sicher keine Nationalität, da sie keine eigene Sprache sprechen, sie stellen also nur eine ursprüngliche und unbestreitbare Thatsache fest, wenn sie erklären, daß sie in Ungarn keine Nationalität bilden, keinerlei Nationalitätenpolitik treiben und in Ungarn nur ungarisch-politische Zwecke verfolgen wollen. Mit den besten Wünschen für einen gedeihlichen Fortgang Ihrer Organisationsarbeit und zionistischen Grüßen bin ich stets Ihr hochachtungsvoll ergebener ""Paris, 18. April 1903. Dr. M. N o r d a u. Die „Deutsche Israelitische Zeitung" bemerkt dazu: „Wenn die Juden in Ungarn keine eigene Nationalität sind, „da sie keine eigene Sprache sprechen", so sind auch die Juden in Deutschland, England, Frankreich u. s. w. keine eigene Nationalität, denn auch sie sprechen nur die Sprache ihres Landes, sie ist ihre Muttersprache. Demnach kann nur immer wieder betont werden: Die Nationalfrage, d. h. ob die jüdische Gesammtheit eine „Nation" heißt oder nicht, ist Nebensache. Die Hauptsache ist, daß etwas geleistet wird. Wenn diese Statuten vock zionistischen Standpunkt aus in Ungarn zuläsiig sind, so ist nicht einzusehen, warum nicht das Baseler Programm ebenfalls diese Gedanken ausspricht."