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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1903-05-15 · 20 (15.5.1903) · page 5

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
20 (1903)
Issue
20 (15.5.1903)
Date
1903-05-15
Page
– (sequence 5)
Language
German
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Nr. 20 Dr. Blortz's Wochenfttzrifk. Sette 817 Die russische Regierung fühlte sich verpflichtet, eine Darstellung der Ereignisse in einem amtlichen Rundschreiben zu bieten. Der Inhalt des Rundschreibens wird in folgendem Telegramm wiedergegeben: Petersburg» 11. Mai. Ein Rundschreiben des Ministers des Innern an die Gouverneure, Stadthauptleute und Ober - Polizeimeister entwirft von der I ud e n h e tz e in Kischenew folgendes Bild: Bei den Unruhen, deren Urheber vorzugsweise einfache Leute waren, sind 45 Personen getödtet worden oder ihren Wunden erlegen, 74 wurden schwer, gegen 350 leichter verletzt. Ungefähr 700 Juden gehörige Häuser und 600 G eschäftslocale wurden geplündert. Die Untersuchung ergab, daß die Unruhen durch das zugespitzte Verhältuiß zwischen den Christen und Juden Bessarabiens hervorgerusen worden waren. Irgend ein albernes Gerücht konnte unter solchen Umständen einen Ausbruch der Bolksleidenschaften herbeiführen. Dies that denn auch die f a l s ch e A n s ch u l d i g u n g, die Juden hätten in Dubossary, dem benachbarten Gouvernement Cherson, in Kiew uitb in Kischenew Ritualmorde verübt. Dadurch entstand Ende März unter den Arbeitern und dem einfachen Volke in Kischenew das Gerede, es müsse gegen die Juden losgegangen werden Geschriebene Aufrufe, über die Juden herzufallen, wurden verbreitet. Die Volksstimmung am Ostersonntag verrieth jedoch noch nichts Außergewöhnliches. Auf dem Platze für Volksbelustigungen war Alles ruhig, bis am Nachmittag gegen 4 Uhr ein jüdischer Carousselbesitzer eine christliche Frau derart stieß und s ch l u g, daß ihr Kind ihren Händen entfiel. Dies war der directe Anlaß zur Judenhetze. Sofort flogen Steine gegen die Fenster benachbarter Judenhäuser. Die Unruhen pflanzten sich in die umliegenden Straßen fort, und die Menge durchzog sodann verschiedene Stadttheile, überall die jüdischen Häuser und Verkaufsläden zerstörend. Hierauf begannen andere Ruhestörer zu plündern. Die Ausschreitungen konnten nicht sofort unterdrückt werden, weil sie sich schnell ausbreiteten. Schon am Abend des Ostersonntags zählt man eine größere Anzahl todter Juden. Um 10 Uhr hörten die Ausschreitungen auf. Am nächsten Morgen überfiel ein mit Stöcken bewaffneter Haufe von Juden auf dem neuen Bazar die dort in bedeutend geringer Anzahl anwesenden Christen. Die Prügelei hörte aber bald auf, während sich am andern Ende des Bazars ein ähnlicher Ueberfall wiederholte. Aus der Mitte der jüdischen Angreifer fiel ein Schuß, der einen Christen verwundete. Nun erneuerten sich die Unruhen in der Stadt. Die Wohnungen von Juden wurden zerstört und diese niedergeschlagen. Die die Stadt durchziehenden Militär-Patrouillen erwiesen sich als ungenügend. Es wurden neue Truppencommandos herbeigerufen und die Ertheilung der Anordnungen zur Aufrechterhaltung der Ordnung vom Gouverneur der Militär-Obrigkeit übertragen. Den anfangs herbeigerufenen Truppen gelang die Unterdrückung der Unruhen nicht, weil in Folge mangelhafter Maßnahmen der Polizei, der offenbar die nöthige Leitung fehlte, die Straßen außer von den Ruhestörern auch haufenweise von Neugierigen gefüllt waren. Nachdem die Truppen planmäßig auf die einzelnen Bezirke vertheilt worden waren, hörten dort die Unruhen am Abend des Ostermonntags auf, ohne sich zu erneuern. Die Vorgänge in Kischenew versetzten die jüdische Bevölkerung an vielen Orten des Reiches in Unruhe und riefen unter den Christen Gerüchte von bevorstehenden Judenhetzen hervor. In einigen Städten begannen die Inden Vereinigungen zu ihrer Selbstvertheidigung zu bilden. Auf Grund der vom Direktor des Polizei-Departements an Ort und Stelle gepflogenen Erhebungen wies der K a i s e r den Minister des Innern an, den Chefs der Gouvernements und der Städte einzuschärfen, daß es ihnen unter persönlicher Verantwortung zur Pflicht gemacht wird, Maßnahmen zutreffen, um Gewaltthätigkeiten vorzu beugen und die Bevölkerung zu beruhigen, damit der Anlaß zu Befürchtungen für das Leben und Eigenthum irgend eines Theiles der Bevölkerung entfalle. Das Rundschreiben richtet die Aufmerksamkeit der Gouverneure u. s. w. darauf, daß die Bildung von Vereinen zur Selbstvertheidigung durchaus unzulässig und daß die Civilbehörde bei Unruhen nicht berechtigt sei, im Falle der Heranziehung von Truppen ihre Obliegenheiten zur Herstellung der Ruhe an die Militärbehörde abzutreten, sondern daß sie persönlich an Ort und Stelle anwesend zu sein und das gemeinsame Vorgehen der Truppen und der Polizei zur energischen Unterdrückung der Ausschreitungen zu leiten habe. Nach dem Gesetze hätte der Vertreter der Civilbehörde die persönliche Ertheilung der Anordnungen erst einzustellen, nachdem er die Commandeure per Truppentheile zum Waffengebrauch aufgefordert habe, und auch dann nur während des Vorgehens der Truppen. Prüft man dieses Rundschreiben genau, so gewinnt man die Ueberzeugung, daß seine Veranlaffung nicht sowohl die schmachvollen Excesse von Kischenew als die Erhebungen geliefert, laut welchen die Juden in einigen Städten begonnen haben, Vereinigungen zu ihrer Vertheidigung zu bilden. Auf diese wird denn auch mit besonderem Nachdrucke die Aufmerksamkeit der Gouverneure, Stadthauptleute und Ober-Polizeimeister gelenkt, und zwar mit der Weisung, daß „die Bildung von Vereinen zur Selbstvertheidigung durchaus unzulässig sei^. Die Juden sollen sich also auch des dürftigsten Mittels der Nothwehr nicht bedienen dürfen, sondern ihr Leben und ihr Gut ganz und gar mit gebundenen Händen den Polizeibehörden anheimgeben, die doch soeben in Kischenew gezeigt haben, wie sie die Juden vor den grauenhaftesten Bestialitäten zu schützen gewillt oder im Stande sind. Petersburg» 13. Mai. Die „Nowosti" veröffentlichen folgenden Bericht aus Kischenew: Besonders schwer haben diejenigen Juden gelitten, die an diesem Unglückstage die Trambahn benützten. Wenn die wüthende Menge bemerkte, daß in einem Trambahnwagen ein Jude saß, so schrie sie den christlichen Paffagieren zu: „Werft uns den Juden heraus!" Der Jude wurde auch hinausgeworfen und buchstäblich dem Mob ausgeliefert, der ihn dann in schrecklicher Weise mißhandelte. Es sind uns viele authentische Fälle bekannt, wo auf diese Weise aus den Waggons hinausgeworfene Juden von der Menge auf der Stelle getödtet wurden. Dr. N. A. Doroschewski, Arzt am Landschafts-Hospital, berichtet: I.Der Jüdin Sura Fonarschi sind zwei Nägel in die Nasenlöcher geschlagen worden, die durch den Schädel hindurchdrangen; sie starb in Folge dieser Wunden; 2. dem Juden Lys, der an der Ecke der Swietschnoj- und Gostinojstraße aufgefunden wurde, sind die Gelenke an Händen und Füßen auseinandergerissen worden; 3. dem Juden Charifon wurden die Lippen abgeschnitten und dann mit einer Zange die Zunge sammt der Kehle herausgerissen; 4. dem Juden Selzer wurde ein Ohr abgeschnitten, auch erhielt er zwölf Wunden am Kopf; er wurde wahnsinnig und befindet sich im Hospital; 5. an der Ecke der Spieschnoj- und Gostinojstraße ergriff die Menge eine schwangere jüdische Frau, setzte sie auf einen Stuhl, und dann schlug man sie mit Stöcken auf den Leib; 6. in der Zirovskistraße warf man aus dem zweiten Stock kleine Kinder auf die Straße hinunter. Außerdem sind viele Fälle von Vergewaltigung kleiner Mädchen bekannt, die in den Händen ihrer Peiniger starben; es wurde auch die Leiche eines in zwei Theile geriffenen Kindes gefunden. Fast 4000 Familien sind ohne Obdach und Brot. Die Hilfe, die den Unglücklichen bis jetzt zu Theil wurde, ist noch im höchsten Grade ungenügend. Die ganze Thätigkeit des Comitäs bestand bis jetzt nur darin, daß jede Familie etwas Brot und Thee erhielt. Die zufließenden Spenden reichen beiweitem nicht aus." So weit die „Nowosti". Die „Petersburgskija Wjedomosti" theilen mit, daß am zweiten Tage der Unruhen einem jüdischen Tischler beide Hände mit seiner eigenen Säge abgesägt worden sind. Einer Frau ist der Bauch aufgeschlitzt und sind die Eingeweide herausgerissen worden, und es sind dann in den offenen Leib Bettfedern und Daunen gestopft worden. Man schreibt aus Odessa, daß Alles, was die Zeitungen bis jetzt gebracht haben, blos einen kleinen Theil der begangenen Gräuel betrifft. Frauen wurden, nachdem man sie vergewaltigt hatte, die Augen ausgestochen. Es sind in Wirklichkeit 46 Menschen erschlagen worden; 80 sind den Wunden erlegen, 300 sind schwer verwundet, neun Kinder sind bestialisch zu Tode gemartert worden. Die Krawalle waren gut vorbereitet und organisirt; Mitglieder der russischen, christlich?«, sogenannten guten Gesellschaft nahmen thätigen Antheil. Es herrscht die feste Ueberzeugung, daß die Mordbuben frei oder mit geringen Strafen ausgehen werden. Die eigentlichen Schuldigen und Hetzer werden ohnehin nicht verfolgt werden. Vom Jahrmarkt des Lebens. Ein jüdischer Festabend. Für die Vortragsabende, welche die „Gesellschaft für Sammlung und Conservirung von Kunst- und historischen Denkmälern des Judenthums" veranstaltet, sind wir immer sehr dankbar. Hervorragende Künstler und Gelehrte treten an den Vortragstisch und bieten nicht nur ihre Kunst dar, auserlesene Werke in formvollendeter Weise uns zu Gehör zu bringen, sondern sie sind zugleich Vermittler jüdischen Denkens undFühlens, und je höher ihre eigene Kunst steht und je mehr die Werke ethischen Inhaltes voll sind, mit denen sie uns bekannt machen, desto mehr tragen sie dazu bei, das jüdische Bewußtsein zu stärken, den Gemeinsinn unter den Juden zu fördern und in trüben Tagen Stunden des Trostes, der Erhebung zu bereiten. In diesem Sinne sind die Vortragsabende der genannten Gesellschaft wahrhaft jüdische Festabende, und wir finden es wohl begreiflich, daß man sich dazu drängt, eine Eintrittskarte zu diesen Abenden zu erhalten. Als Festabende bezeichnen wir diese Vortragsabende auch deshalb, weil fie alle jene jüdischen Kreise vereinen — Reich und Arm, Jung und Alt — die!>

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