Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 20 (1903)
- Issue
- 20 (15.5.1903)
- Date
- 1903-05-15
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 816 Vr. Bloch's WochsnschrM. Nr. 30 gegen 10O, soweit sich das heute feststellen läßt. Der angerichtete Schaden beziffert sich auf mehrere Millionen Rubel. Die Noth spottet jeglicher Beschreibung. Einige tausend Familien sind obdachlos und liegen unter freiem Himmel ohne Speise und Trank. Erbarmen Sie sich unser und bemühen Sie sich, etwas für uns zu thun. Reden Sie mit unseren Odeffaer Brüdern, damit sie uns in dieser Noth nicht verlaßen. Zahlreiche Frauen und Kinder sind zu Witwen und Waisen geworden und aller Mittel beraubt. Ich schreibe unzusammenhängend, weil ich seit fünf Tagen nicht geschlafen habe. Wir fürchten, daß sich die Plünderungen und Metzeleien wiederholen, da die Räuber damit gedroht hatten. Die Polizei fährt in ihrer Taktik der absoluten Unthätigkeit fort. Von Seiten der Redaction des „Befsarabetz" werden erneute Maßnahmen zur Aufstachelung der Volksleidenschaften getroffen. Mitarbeiter dieses Blattes waren sogar Anführer der Banden. Mit einem Worte, das Unglück ist so groß, daß es jeglicher Beschreibung spottet. Helfet uns, theure Brüder. Ihr unglücklicher N. Ich selbst bin jetzt nock unversehrt, aber rings um mich ist Alles zerstört und verwüstet. Ich bin vorläufig wie durch ein Wunder noch dem Tode entronnen. Kischenew, 10. April, 10 Uhr Abends. Theurer N. N.! Um 5 Uhr habe ich mit Ihrem Vertreter aus Odeffa gesprochen, aber man hört durch das Telephon sehr schlecht. Die Leidenschaften haben sich noch nicht beruhigt. Aus den Vorstädten kommen immer noch traurige Nachrichten über Räubereien und Mordthaten, welche ungehindert fortgesetzt werden. Man plündert und mordet unaufhörlich. Um nur einen kleinen Begriff geben zu können von dem, was hier sich zugetragen hat, muß man über die Beredtsamkeit eines Jeremias verfügen. Es genügt, blos auf den Kirchhof zu gehen und auf die verunstalteten Leichname zu blicken. Da liegen drei gemordete Frauen: der einen ist der Leib im Kreuzschnitt aufgeschlitzt, bei der anderen sind lange Nägel in die Nase getrieben, welche hinter dem Schädel wieder herausragen, der dritten sind die Brüste abgeschnitten. Hier liegt ein getödteter Gymnasiast der 7. Classe, dem die Zunge herausgeschnitten ist, und nicht weit davon ein todgetretenes Kind. Bis 4 Uhr Mittags sind vorläufig auf den Kirchhof 46 Leichen gebracht worden; in den Krankenhäusern liegen zahlreiche Schwerverwundete, deren Zustand hoffnungslos ist. Viele Getödtete liegen noch auf den Dachböden, wo die Unglücklichen sich vor den Verfolgern zu retten suchten. Viele Leichen sind aus den Retiraden gezogen worden. Die christliche Bevölkerung ist durch die Artikel im „Beffarabetz" so aufgestachett, daß die aufgeregte Menge sich gar nicht beruhigen kann; man wartet jeden Tag, daß sich die Räubereien erneuern. Gestern ist hier der Procureur des Odeffaer Kreisgerichts Herr Palan angelangt. Eine Deputation hiesiger Juden, in welche auch ich gewählt war, begab sich zu ihm. Ich sprach mit ihm eine halbe Stunde, schilderte ihm genau die Haltung unserer Polizei, welche dem Raub und der Metzelei nicht nur nicht Einhalt gethan, sondern diese sogar gefördert hatte (es sind unwiderlegbare Thatsachen vorhanden). Ich erzählte ihm ebenfalls von den Hetzartikeln Kruschewan's (Redacteur des „Befsarabetz"). Um Gotteswillen beeilen Sie sich und kommen Sie uns zu Hilfe! Schildern Sie unser Unglück den Odeffaer Reichen. Mag jemand Herkommen und sich überzeugen, daß das, was ich schreibe, nur den millionsten Theil dessen trifft, was sich wirklich zugetrageu hat. Denken Sie daran, daß sett Sonntag einige Tausend Familien ohne Brot sind. Wir sind jetzt alle Bettler, weil dreiviertel der jüdischen Bevölkerung vollständig ausgeraubt ist. Die Kischenewer sind aus Angst vor dem Kommenden und durch das Ausgestandene so verwirrt, daß sie Tausende Unglücklicher, welche schon jetzt unter freiem Himmel liegen, ganz vergessen haben. Helfen Sie uns, solange wir am Leben sind! Erlassen Sie an alle Juden über ganz Rußland einen Aufruf um Hilfe für uns! Wir haben kein Brot, denn alle Bäckereien sind zerstört; senden Sie uns gebackenes Brot! Wir haben alle den Kopf verloren, da wir jeden Augenblick für unser Leben zu fürchten haben, so daß Niemand im Stande ist, etwas zu unternehmen. Gerade jetzt, ist Initiative nothwendig. Beeilen Sie sich, lieber N., und helfen Sie uns mit Rath und That! Bedenken Sie, daß Tausende von Menschenleben von unseren Brüdern abhängen, daß die Hilfe sofort, momentan kommen muß, denn wir haben keine Kraft, um zu warten! Um Gottes Barmherzigkeit willen helfen Sie uns. Ihr Sie aufrichttgst achtender N. * * Die jüdische Gemeinde hat dem Director des Polizei- Departements im Ministerium des Innern, Herrn Lopuchin, der zur Untersuchung der schrecklichen Vorgänge, die sich während der ruffischen Osterfeiertage abgespielt haben, nach Kischenew gesendet worden ist, eine Denkschrift überreicht. Die Denkschrift führt aus, daß die Ursachen der Exeeffe keineswegs in den Fällen wirtbschaftlicher Ausbeutung der christlichen Bevölkerung zu suchen stnd, auf die bei derartigen Gelegenheiten gewöhnlich hingewiesen wird. In ganz Beffarabien und speciell in Kischenew bestand keine Schärfe in den Beziehungen zwischen der christlichen und jüdischen Bevölkerung. Die Erklärung hiefür liegt zum Theil in dem ruhigen und friedlichen Charakter der einheimischen Bevölkerung, zum Theil in den verhältnißmäßig günstigen ökonomischen Berhältniffen dieses Landestheiles. Der Grund für die Schreckenstage ist vielmehr in dem Einfluß der örtlichen Presse zu finden, deren einziger Vertreter die Zeitung „Befsarabetz" ist. Diese Zeitung besteht seit länger als fünf Jahren. Bis zu ihrem Erscheinen hatte die Gegend keine eigene Zeitung. Somit ist es der Zeitung „Beffarabetz" beschieden gewesen, ihre Wirksamkeit auf ganz jungfräulichem Boden auszuüben. Daher war ihr Einfluß von Anfang an sehr groß. Vom zweiten Jahrgange ihres Bestehens an begann dieses Blatt systematisch die Judenhetze. Wir könnten Artikel anführen, welche die Bedeutung einer Aufforderung zur vollständigen Vernichtung der jüdischen Bevölkerung haben. Andere Zeitungen hat das Centralcensur-Comits nicht genehmigen wollen und so bekam die Bevölkerung tagaus tagein nur ein und dasselbe zu hören, nämlich: „Die Juden sind Feinde, die Juden sind schädlich, die Juden müssen vernichtet werden! Die Denkschrift fährt fort: In solcher Stimmung nahte das Osterfest dieses Jahres, und das Gewitter wurde von der ganzen Bevölkerung ins Werk gesetzt. Man sprach davon offen und überall, es war auch kein Geheimniß für die Behörden, die selbst am 4. April den Magistrat anwiesen, in den Polizei- Kasernen eine größere Zahl von Bettstellen unterzubringen. Allein zum höchsten Erstaunen haben die Behörden nicht nur keine Vorbereitungsmaßregeln getroffen, sondern auch als die Ereignisse schon eingetreten waren, keine Maßregeln getroffen, um zu verhindern, daß das Unheil solch unerhörten Umfang annehme. Vor den Augen der höchsten und der niedrigen Polizei- Organe fanden unglaubliche Excesse an Menschenopfern statt. Es geschahen Grausamkeiten, wie sie in der Geschichte Rußlands seit mehreren Jahrzehnten nicht vorgckommen waren; dicht dabei stand Militär, und die Behörden haben aus unerklärlichen Ursachen die Rechte und Vollmachten nicht benützt, , die ihnen für solche Fälle das Strafgesetzbuch gewährt. Dadurch, daß sie selbst unthätig blieben und das Militär in völliger Passivität hielten, haben sie den Pöbel ermuthigt, der lediglich in Folge dieser Passivität der Behörden immer heftiger wurde und von einfachen Krawallen schließlich zu Gewaltthätigkeiten und Massenmorden der beispiellosesten und unglaublichsten Art übergegangen ist. In ihren Angaben an den Staatsanwalt haben die durch die Gewaltthaten betroffenen Juden auf Fälle hingewiesen, wo Polizisten und Polizei-Sergeanten selbst den Pöbel zu Ausschreitungen ermunterten durch Rufe: „Schlagt die Juden todt!" Die Juden aber, die sich zum Selbstschutze mit Stöcken bewaffnet hatten, wurden von der Polizei entwaffnet. Das Ergebniß dieser unerhörten Tage war: 45 Leichen, 86 Schwerverwundete, bis 500 Leichtverwundete, Todtschläge, Vergewaltigungen von Erwachsenen und Kindern, alle Schrecken der niedrigsten Zügellosigkeit. Unter diesen Umständen ist es nicht zu verwundern, daß manche der verhafteten Excedenten erstaunt fragten: „Weshalb wurden wir verhaftet? Es ist doch erlaubt, die Juden zu erschlagen!" Es sind Fälle vorgekommen, wo die Plünderung bei einem und demselben Geschäftsmanne am Hellen Tage acht bis zwölf Stunden fortgesetzt worden war (so bei Mundes, Fradiß, Rudi), und Hilfe kam nicht, obwohl sich die Betroffenen an alle möglichen Amtsstellen wendeten. Erst um 5 Uhr am Abend des 7. April, als das Militär zum Eingreifen berufen wurde, begann der Pöbel allmälig von seiner schrecklichen Arbeit abzulaffen. Angesichts dieser erschreckenden Ereigniffe ist die Lage derart, daß absolut keine Bürgschaft für die persönliche Sicherheit vorhanden ist und es ganz unmöglich erscheint, zur normalen friedlichen Beschäftigung zurückzukehren. Die durch die blutigen Ausschreitungen der letzten Tage gequälte Bevölkerung, ohne schützendes Obdach und ohne Mittel, ist ganz verzweifelt und ihres Lebens nicht sicher. Der Bermögensverlust kann jetzt noch nicht berechnet werden, es ist aber sicher, daß er viele Millionen beträgt. Die Flammen der Excesse und Plünderungen, die Kischenew in Brand steckten, haben sich auch schon auf die Provinz übertragen. Die Bevölkerung erwartet von Eurer Excellenz Genugthuung und Beruhigung, Schutz der persönlichen Sicherheit und des Vermögens. Schon die bloße Ankunft Eurer. Excellenz in unserer Stadt gibt uns die Hoffnung, daß wirksame und entschiedene Maßregeln getroffen werden sollen.