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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1903-05-15 · 20 (15.5.1903) · page 3

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
20 (1903)
Issue
20 (15.5.1903)
Date
1903-05-15
Page
– (sequence 3)
Language
German
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Kr. 20 Dr. Bloch's Wochenschrift. Sette SIS Kischenen». Dr. M. L. Stern. Die Berichte über die schauerliche christliche Feiertagsstimmung am Tage der Auferstehung und menschlichen Wiedergeburt in der volkreichen Stadt Beffarabiens erfüllen mit Entsetzen und Weh jedes fühlende Menschenherz. Eine Frage aber drängt sich vor Allem auf: Und der Kaiser? Rußland hat doch einen Kaiser? Das ruffische Staatswesen ist doch auf dem Gottesgnadenthum begründet? In diesem soll ja die Sicherheit aller kaiserlichen Unterthanen verbürgt sein? Welches Schamgefühl muß doch ein rechtschaffenes Fürstenherz erfüllen angesichts von Ereigniffen und Schandthaten, welche dem ganzen Gottesgnadenthume, dem monarchischen Principe den Stempel der Lüge und Nichtigkeit aufprägen? Als oie anarchistische Verwilderung in dem Dreyfus-Proceffe offenkundig zu werden begann, da hat Zola seine Anklage nicht an die Regierung, nicht an die Volksvertretung und nicht an die Gerichtsbarkeit des Reiches gerichtet, sondern an den erwählten Präsidenten der Republik, der für nichts im Staate als eben nur für die Anarchie in der Verwaltung verantwortlich sein kann. Welche Ehrfurcht vor dem staatlichen Oberhaupte herrscht in einem Reiche, in welchem nicht die Beamten vom höchsten Range bis zum niedrigsten Polizeimanne herab davor zittern, daß das Reichsidol, die Reichskrone mit Schmach bedeckt, das Gottesgnadenthum in seinen Grundsätzen erschüttert werden könnte. Durften es Polizei, Militär und Behörden zulaffen und ruhig anschauen, daß wilde, verhetzte, bethörte Horden über die jüdischen Unterthanen des Kaisers selbstherrlich solch bestialisches Gericht hielten, ganze Vermögen, die Frucht vieljährigen Schweißes, zerstörten und plünderten, menschliches Leben, um welches ganze Familien bangen und weinen, grausam vernichteten, Kinder aus den Fenstern schleuderten, Frauen den Bauch aufschlitzten, die Brüste ausschnitten, in die Nase Nägel schlugen? Welche Bedeutung hat da noch der Staat, der Kaiser, das monarchistische Princip, das Gottesgnadenthum? Ja fürwahr, nur seine eigene Ehre hat ein Kaiser zu wahren, wenn er nach solchen unerhörten Greuelthaten eine gründliche Säuberung in dem gesammten Berwaltungskörper seines Reiches vornimmt und allen Beamten für die Zukunft ein gewaltiges Memento gibt, wessen sie sich fortan zu versehen haben. Bor drei Jahren hat es sich ungestüm geregt, als ganz Europa, Rußland mitinbegriffen, mit bewaffneter Hand in China eindrang, um die Christenmetzeleien zu rächen. Das hatte man als gemeinsame Aufgabe betrachtet, die man im Jntereffe von Cultur und Humanität zu lösen habe, so wie auch die europäischen Mächte meist gemeinsam vorgingen, wenn in der Türkei sich Christenverfolgungen zutrugen. Und bei diesem Vorgehen stand gewöhnlich Rußland an der Spitze. Oder sollte Judenblut kein Menschenblut sein? Wenn irgend ein Volk Betriebsamkeit, Fleiß, Regsamkeit und Mäßigung zeigt, wenn es von Vaterlandsliebe, von Bildungsdrang, von Gesetzesachtung erfüllt ist und getreulich an den Traditionen hängt, die ihm von verehrten Vorfahren überliefert wurden: dann nimmt man alles das mit vollstem Rechte als Tugenden dieses Volkes, die dessen Lebensfähigkeit sichern; an den Juden aber, die auch alles das üben, wird das als Unrecht stigmatisirt, man verfolgt sie, zumal in wirthschaftlich noch zurückgebliebenen Staaten um jener Tugenden willen, weil sie sich so die Lebensfähigkeit, die Concurrenzfähigkeit sichern. Das ist der zweifache Maßstab, der noch immer angewandt wird von Denen, die den angeblichen Gott der Rache des Alten Testaments in den Gott der allgemeinen Menschenliebe des Neuen Testaments wollen umgewandelt haben. * * * Einem Kischenewer Privatbriefe entnehmen wir folgende Mittheilungen: »Die Intelligenz der Stadt hat, wie sich jetzt klar herausstellt, sich sehr erheblich an der Plünderung betheiligt. Jeder hat, was er gerade brauchte, geraubt. Es war Alles gut vorbereitet und organisirt. Man gab sich durch Pfiffe gegenseitige Signale zur Verständigung. Man wußte von vornherein, daß es zum Osterfest losgehen wird. In den Wirths Häusern und auf den Straßen fand man Zettel und Proclamationen, welche die Vorgänge ankündigten und das kommende christliche Fest als den Zeitpunkt angaben, an welchem das Unternehmen beginnen soll. Jüdischerseits ging man zum Gouverneur und bat ihn, für die Sicherheit besondere Vorkehrungen zu treffen, man wandtefich auch an den Polizeimeister, beide haben die Juden beruhigt, es werde Vorsorge getroffen für die Sicherheit der Bewohner, man habe nichts zu fürchten. Betheiligt waren gegen Tausend Personen, beim Beginn waren es blos 2—300. Christliche Hausbesitzer, welche Jahrzehnte hindurch in Frieden und Freundschaft mit ihren jüdischen Nachbarn lebten, scheuten sich nicht, an der Beraubung und Plünderung derselben sich zu betheiligen. In den Wohnungen wurde Alles zerhackt. In den Weingeschäften wurde der Wein ausgelaffen und die Fässer zerbrochen. Einem armen Juden, dessen einziges Befitzthum eine Kuh bildete, hat man die Kuh mißhandelt und ihr die Füße abgehackt. Ebenso erging es einem Pferde, welches das einzige Befitzthum eines jüdischen Fuhrwerkers war. Man mordete die Leute mit der Hacke in den Wohnungen, in den Kellern, wohin sie sich geflüchtet hatten, ja auf offener Sttaße vor den Augen des Publicums hat man sie mit Fußtritten erschlagen. Man lief zum Polizeimeister und bat um Schutz, und als dieser verweigert wurde, so hat dies den Muth der Mörder noch gesteigert und sie zu neuen Unthaten ermuntert. Auf dem jüdischen Friedhof wurde eine besondere Abtheilung eingerichtet für die heiligen Märtyrer, die Opfer der Judenmaffacres. Die jüdischen Blätter in Rußland publiciren die Namen der Märtyrer, unter welchen sich auch ein zwölfjähriges Mädchen befindet. Eines der Opfer namens Moses Hirsch Kugel wurde vor der heiligen Bundeslade ermordet, als er die Thorarollen vor den Excedenten mit seinem Leben vertheidigte. Er wurde mit ausgesuchter Grausamkeit mißhandelt und seine Leiche fand man an derselben Stelle in entsetzlichem Zustand. Für diese heiligen Märtyrer sollte in allen Synagogen eine Seelenseier stattfinden. Der Gouverneur empfing vor zwei Tagen eine Deputation von 25 Juden, unter ihnen auch den Rabbiner Ettinger. und hat ihnen eindringliche Moral gepredigt. Er hat ihnen nämlich die »heilige Pflicht" eingeschärft, auf ihre Brüder beruhigend einzuwirken, sie sollen aus dem Herzen jedes Gefühl von Haß und Rache verbannen, im Jntereffe des Friedens und der Ordnung, das Vergangene vergangen sein lassen, das Borgefallene vergessen, zur ordentlichen Arbeit zurümehren, um so den armen Leuten Verdienst zu verschaffen; sie sollen nicht blos die jüdischen Arbeiter verdienen lassen, fie sollen trachten, auch ihre christlichen Nachbarn zu Verdienst zu bringen. Die Deputatton hörte diese Rede des Gouverneurs, welche ein rührendes Zeugniß seiner christlichen Nächstenliebe bildet, schweigend an und verließ die Audienz ohne weitere Bemerkungen. Dieser edelherzige Gouverneur, welcher die unglücklichen Juden zuerst schutzlos den Mordgesellen ausgeliefert hat, um ihnen nachher in rührenden Worten die christliche Nächstenliebe zu predigen, ist natürlich von Geburt ein Deutscher, Generallieutenant von Raaben. Alle Meldungen aus Kischenew stimmen darin überein, daß der Gouverneur das Maffacre hätte hindern könne», wenn er den Willen dazu gehabt hätte. Erst als der Befehl aus Petersburg kam, befahl er Einstellung der Gewaltthättgkeiten, und die anderen Hallunken gehorchten ihm sofort. Die Fürsorge des edlen Gouverneurs beschränkte fich darauf, daß er den Juden verbot, ihre Wohnungen zu verlasse«. Auf diese Weise wollte er die Organifirung der Gegenwehr verhindern. * * * Das »Berliner Tageblatt" publicirt folgende Privatschreiben aus Kischenew, die ihm zur Verfügung gestellt wurden: Kischenew, 10. April, 12 Uhr Mittags. Theurer N. N.! Mit Thränen in den Augen schreibe ich Ihnen diese Zeilen. Ich weine und schluchze beim Anblick dieser unerhörten Zerstörung und Vernichtung, welchen die Juden Kischenews während 48 Stunden unterworfen waren. JA habe bisher noch nicht meine Gedanken sammeln können, um zur Feder zu greifen und irgend Jemandem von den schrecklichen Eindrücken jenes die Seele aufwühlenden, herzzerreißenden Bildes zu berichten, welches wir wahrend zweier Tage vor Augen hatten. Es wurde geraubt, geplündert und gemordet. Dreiviertel aller jüdischen Häuser find geplündert und verwüstet. Die Frauen wurden vergewaltigt, Kinder aus dm Fenstem mehrerer Stockwerke hoch auf die Sttaße gefchleudett. In den Häusern ist Alles vernichtet und zerrissen. Und alle diese Bestialitäten trugen fich vor den Augen der Polizisten zu, nicht ein einziger Polizist rührte auch nur einen Finger, um der allgemeinen Metzelei Einhalt zu thun! Der Gouverneur fuhr erst am dritten Tage aus, um das »Bild" zu „besichtigen" .... Die Anzahl der Gemordeten bettagt gegen 100, die der Schwerverwundeten 180, der Leichtverwundeten

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