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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1903-05-15 · 20 (15.5.1903) · page 2

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
20 (1903)
Issue
20 (15.5.1903)
Date
1903-05-15
Page
– (sequence 2)
Language
German
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Sette 814 Dr. Bloch's Wochsnfchrifk. Nr. SV niß innerhalb der einzelnen Facultäten. Das Verhältniß ist also: Ein Drittel Katholiken, zwei Drittel Protestanten. Die Zahl der ordentlichen und außerordentlichen Profefforen beträgt 72, davon sind 4 Katboliken (Hört, hört! im Centrum), 61 Protestanten, 6 Israeliten (Hört! hört! im Centrum) und 1 religionslos." Also der Staatssecretär sür Elsaß-Lothringen constatirt, daß an der gesammten Straßburger Universität unter 72 Professoren 6 Juden sich befinden (2 sind getauft), während Prinz Alois Liechtenstein von der philosophischen Facultät allein erzählt, daß sie unter 30 Profefforen 16 Juden habe! Wird die Lüge in eine Wahrheit verwandelt, wenn sie geheiligt wird durch feierlichen Vortrag auf einem Katholikentag? Prinz Alois Liechtenstein ist ein Meister in der Production solcher Statistiken. Im Jahre 1891 hatte der damalige Abgeordnete Dr. Bloch Gelegenheit, eine von dem Prinzen Liechtenstein producirte ähnliche Statistik zu zerpflücken. Dr. Bloch fügte damals ein Wort hinzu, welches noch heute seine Geltung nicht eingebüßt hat: „Die exacten Wiffenschaften, zu denen auch die Statistik zählt, haben unserem Zeitalter Ruhm und Glanz verliehen; Prinz Liechtenstein hat uns zugerufen: „Wenn Sie also den Antisemitismus für eine Schmach der Zeit erklären, so können Sie ebensogut behaupten, die Statistik sei ein Schandfleck unseres Jahrhunderts." Ich antworte: Jawohl, die antisemitische Statistik, die Statistik, welche die Wahrheit entstellt und verzerrt, um den Jnstincten der Maffe zu schmeicheln und die Begehrlichkeiten zu erregen, diese Afterstatistik — er hat es selbst gesagt und ich könnte es blos mit seinen Worten bezeichnen — sie gereicht weder unserer Zeit, noch sonst Jemand zur Ehre." Die Cerrtrunrsxartei und das Iudenlhum. (Aus Deutschland.) Wir Juden sind die ewigen unverbkfferlichen Optimisten. Das ist unser Ruhm, denn jeder Idealist ist von einem Optimismus beseelt, jeder, der nach Veredelung jtrebt, muß an die Macht des Guten, an den Sieg'der Wahrheit glauben. Das war aber auch schon oft unser Berhängniß, denn der Optimist sieht erst die Gefahr, wenn es zu spät ist, wenn eine Hilfe nicht mehr möglich ist. Als wir vor Jahren einmal auf die Gefahr hingewiesen haben, die dem deutschen Judenthum von der Seite des Centrums droht, hielt man es sür Schwarzseherei. Heute kann jeder Einsichtige sehen, daß das Centrum immer mehr sein antisemitisches Herz entdeckt. Es benützt heute gern den Antisemitismus als Würze und eignet sich ganz die Tiraden und Gemeinplätze unserer Feinde an. Darin liegt offenbar die größte Gefahr für die Zukunft, denn das Centrum bildet nicht nur die größte Partei, sondern sie ist auch wie keine andere Partei mit dem Privatleben, mit dem ganzen Sinnen und Trachten der Wähler verschmolzen. Für den Centrumsmann wie für den Socialdemokraten ist die Politik keine äußere Angelegenheit, sondern sie ist ein Theil seines Seelenlebens, sie beeinflußt sein ganzes Thun und Denken, sie ist ihm der einzige Maßstab des Lebens. Den Eingeweihten überrascht diese Entwickelung des Centrums nicht. Für ihn war diese Partei von Anfang an eine reactionare Maffe, deren Endziel die politische Macht ist. Gewiß fehlte es anfangs an demokratischen Unterströmungen am Rhein und auch in Baden nicht, aber diese Richtungen wurden gar bald verdrängt und an deren Stelle trat das Bestreben iurmer deutlicher, Hofpartei zu werden und bei allen großen Fragen mitzusprechen. Anfangs, als es noch im Centrum Mode war, den Märtyrer zu spielen und nach Gerechtigkeit zu schreien, da paßte es den Herren Führern ganz gut, daß man von Freiheit sprach und demokratische Gesinnungen zur Schau trug. Man wollte mit aller Gewalt den Schein vermeiden, als wäre man eine rein clericale Partei. Heute aber, wo die Partei im Grunde alle ihre Wünsche erreicht hat, heute, wo sie bereits zu einer herrschenden Macht geworden ist, zeigt sich das wahre Antlitz der Reaction. Die demokratischen Gesinnungen sind längst verwischt und das war bei der gewaltigen Organisation, bei der eisernen Disciplin und bei der Mitwirkung des Clerus nicht schwer. Natürlich mußte auch der Antisemitismus wieder auftauchen, denn zu den Merkmalen einer waschechten Reaction hat stets die antisemitische Gesinnung gehört. Die gerechten Männer vom Schlage eines Windthorst sind ja längst dahin. Die Principien gelten nichts mehr, die Hauptsache ist die Macht, der Vortheil. Bei jeder Vorlage wird gefeilscht, was für die Partei dabei herausgeschlagen werden könnte, es ist die reinste äo ul äes- Politik, die heute das Centrum treibt. Wir Juden aber bilden keine Macht und haben gar nichts zu bieten. Es mag auch heute in der Partei an gerecht denkenden Männern nicht fehlen, aber sie müssen sich dem System unterwerfen. Die Tendenz geht dahin, eine Partei zu sein, die in allen Fragen den Ausschlag gibt und dieses Ideal ist schon heute erreicht. Das demokratische Feigenblatt ist daher ein gänzlich überflüssiger Luxus geworden. Nun wandelt die Partei die gerade Bahn der Reaction und steuert der politischen Macht zu. Sie sucht daher Alles, was nach Freiheit und Liberalismus riecht, Alles, was modernes Leben ausströmt, zu bekämpfen. Da muß sich instinctiv auch ihre Abneigung gegen die Judenheit zeigen, denn die Judenheit Deutschlands ist in ihrer weitgrößten Zahl liberal und modern gesinnt. Die Juden sind in allen freien Parteien vertreten und spielen in allen neuen Strömungen eine Rolle — also Grund genug, um sie zu Haffen. Dazu kommt noch, daß keine Volksclasft sich so ausgezeichnet als Sündenbock eignet wie die Judenheit. Will man den Liberalismus verdächtigen, dann spricht man von „Freisinnig-Jüdisch". Daß das Wort ein Unsinn ist, das schadet nichts, das Volk versteht schon, was man will und ist zufrieden. Hat man ein Herzensbedürfniß, auf die Socialdemokratie zu schimpfen, dann höhnt man über die „jüdischen" Führer. Daß sie aber gar nicht jüdisch sind und daß die christlichen Führer nicht um ein Haar anders sind, das thut nichts zur Sache, die Hauptsache ist, daß man ein für den Volksinstinct passendes Wort gefunden hat. Das Wort ist Alles, der Begriff nichts. Am Atheismus sind natürlich die Juden schuld, die sociale Structur ist ein Product der Hebräer und der materialistische Geist ist von den Juden großgezogen. So erhält jedes Uebel eine Judennase, und die Juden werden für alles Mögliche und Unmögliche verantwortlich gemacht. Das ist ein bequemes System. Wer das zweifelhafte Vergnügen hat, die Centrumsblätter zu lesen, der weiß, daß wir nicht übertreiben. Mußte es so kommen? Ja! Nicht etwa, als wenn Judenthum und Katholicismus feindliche Mächte wären; das Judenthum befehdet keine Religion und hat alle Ursache, für die weitgehendste Religions- und Gewissensfreiheit einzutreten. Wäre also das Centrum eine Partei zur Abwehr feindlicher Angriffe und zur Verteidigung der katholischen Religion, dann würden Vernunft und Gerechtigkeit es gebieten, mit der Judenheit auf freundschaftlichem Fuße zu stehen. Denn beide bilden Minoritäten in Deutschland, beide werden von den Gegnern fanatisch bekämpft und beide haben von einer freiheitlichen Bolkserziehung und von einer gerechten Handhabung der Staatsgesetze ihr Heil zu erwarten. Allein das Centrum strebt nach politischer Macht und es kann und wird sie nur auf dem Wege der Reaction erreichen, daher muß es Alles, was wirklich liberal ist, Haffen. Im Grunde stehen heute Hie Centrumsleute den Conservativen näher als sie ahnen, und die Zeit ist nicht mehr ferne, wo beide sich zu einem schwarzen Bund vereinigen. Diese werden die Jesuiten gewähren und jene die paar freiheitlichen Grundsätze opfern, und der Frieden ist besiegelt. Freilich werden sich dann auch alle freiheitlichen Elemente um eine Fahne schaaren, und die Parole wird dann lauten: Hie Fortschritt, hie Reaction. Das wäre vielleicht eine ganz gesunde Entwickelung, wenigstens wäre diese klare Situation dem heutigen Chaos vorzuziehen. So sehen die Dinge aus und der Blick in die Zukunft ist nicht gerade erfreulich. Aber wir sind an ernste Zeiten gewöhnt und wir haben endlich gelernt, unser Heil von keiner politischen Partei zu erwarten. Wir vertreten keinen Stand und verlangen keine Privilegien, wir fordern Recht und Gerechtigkeit für alle Söhne des Vaterlandes, wir erstreben Licht und Freiheit für alle Bürger im Reiche. Wir wenden uns daher an keine Partei, sondern an das ganze deutsche Volk und wir suchen Schutz für das lebendige Recht. Und wenn ein Theil des Volkes die Stimme der Gerechtigkeit nicht versteht, so harren wir treu aus und hoffen, daß Wahrheit und Licht doch über Bosheit und Ungerechtigkeit siegen werden. F. S.

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