Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 20 (1903)
- Issue
- 20 (15.5.1903)
- Date
- 1903-05-15
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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Dr. Bloch’s Iahrga», XX CentrslorgÄN für die gessmmten Interrffen des Iudenihums. * - K. k. Pofisparraffen-Amt! Clearing-Verkehr » Nr. 810.976. Ledartton und Administration' Wien I IX/1, Berggaffe Nr. 39. | Talephon Nr. 14.847. | Wen. 15. Mai 1903. Erscheint jeden Freit ag. -'H1 +^*--- Brief-Adresse: Wien, IX/1, Berggaffe 39. Telegramm-Adresse: Bloch's Wochenschrift. Wien. *- - -X Be;ugsprei» für Srstrrrrich Halbjährig 8 Jtronen. Einzelexemplare 50 Heller. Für'» Mu»l«udr Halbjährig IO Shonen. Ganzjährig 90 , Anzeigen: *)Je4na( 5«titzeile 24 Heller. Inhalt: Leitartikel: Prinz Alois Liechtenstein auf dem niederösterreichischen Katholikentag. — Die Centrnmspartei und das Judenthum. — Kischenew. — VomJahrmarkt desLebens: Ein jüdischer Festabend. Eine „Wendung" im Zionismus? Wo sind die Ritualmörder' zu suchen? Eingesendet. — Correspondenzen: Aus der Plenarsitzung des Vorstandes der israelitischen Cultusgemeinde in Wien. Wien, Baden. Ein Brzeznowsk^-Parteiscandal in Sicht. Budapest, Antwerpen, Rom, Glogau, München. Die jüdische Kolonie Woodbine. — Vermischtes: Kranzadlösungsspenden zu Gunsten der Chewra-Kadischa in Wien. Wien, Prag, Budapest, Siffek, Györ, Pohrlitz, Moskau, Kiew. — Feuilleton: Das fünfte Gebot. — Literatur. — Inserate. Mein; Alois Liechtenstein >urf dem niederösterreichischen Katholikentag. Der niederösterreichische Katholikentag, welcher zu Beginn dieser Woche in Wien tagte, hat neuerdings die traurige Thatsache documentirt, daß die Führer der Katholiken in Oesterreich nicht sowohl clerical als vielmehr antisemitisch sind. Einer der Redner sagte mit Recht: „Dr. Lueger bilde ein Programm"; er ist das Programm der clericalen Partei in Oesterreich geworden. Ob damit die wirklichen Ziele der Religion gefördert werden, das sollen andere Faktoren beurtheilen. Mit welchen Mitteln indessen auf diesem Katholikentag gearbeitet worden ist, dafür bietet eine Rede des Prinzen Alois Liechtenstein die traurigste Illustration. Wir haben in einigen Artikeln unter der Ueberschrift: „Phantasien eines Realisten" wiederholt die negative Wahrheitsliebe des Prinzen Liechtenstein gezeichnet. Diesmal haben wir wieder einen neuen elastischen Beleg dafür. Prinz Liechtenstein erzählt von den Zuständen an der Wiener Universität: „Derzeit haben wir an der Wiener juridischen Facultät von 27 Professoren, exclusive der Honorarprofessoren. 12 Juden, an der medicinischen Facultät von 81 Professoren mit Einschluß der Docenten, welche Professorstitel tragen, 27 Juden, an der philosophischen Facultät von 79 Professoren 22 Juden und 12 Ausländer. Sie ersehen hieraus, welchen Löwenantheil sich das auserwählte Volk in den Collegien der Hochschullehrer zugeschanzt hat. In der juridischen Facultät beinahe die Hälfte der Plätze, in der medicinischen ein volles Drittheil, in der philosophischen nahezu ein Drittheil, während die Ausländer in letzterer Facultät auch auffallend stark vertreten sind. Dies alles geht natürlich auf Kosten der inländischen, christlichen, arischen Gelehrten, die in ihrem Vaterland von Juden beiseite geschoben, vielfach auch zu Gunsten von Fremden benachtheiligt werden." Man braucht blos die Kataloge anzusehen, um die Unrichtigkeit dieser Angaben sofort zu erkennen. Wenn man selbst die getauften jüdischen Professoren dem Judenthum zuzählt, so gelangt man noch immer nicht zu derlei Zistern. Der prinzliche Redner fühlte wohl, daß das Wiener Beispiel für seine Hetzereien doch zu schwach sei, und brachte vorerst ein anderes Beispiel für die Ueberfluthung der Universitäten durch die Juden. Er sagte: „Seine Majestät der deutsche Kaiser, der infolge seiner Staatsklugheit und Liebe zur Gerechtigkeit eine gleich wohlwollende Behandlung seinen katholischen und protestantischen Unterthanen angedeihen läßt, hat einen hochbegabten jungen Historiker unserer Confession, Herrn Martin Spahn, an die Straßburger Universität berufen trotz der lebhaften Proteste der dortigen Professorenkoterie, welche ein hundertfaches klagendes Echo in sämmtlichen deutschgeschriebenen Judenblättern Deutschlands und Oesterreichs gefunden haben. An der Hochschule des katholischen Elsaß zählte damals die philosophische Facultät von dreißig Professoren sechzehnJuden, zwölf Protestanten und zwei Katholiken. (Hört! Hört!) Diese Facultät, die auf dem besten Weg ist, sich in ein S a n h e d r i n umzugestalten, hatte die Stirne, gegen die Ernennung Spahn's mit Händen und Füßen sich zu wehren und eine schnöde Agitation gegen die kaiserliche Entschließung einzuleiten." Prinz Liechtenstein fügte hinzu: „Was unsere unartenlosen Mitbürger anbelangt, bin ich der Ansicht, daß sie ihre allzu reichliche Vertretung im Professorencollegium keineswegs gerade metaphysischen Ursachen, wissenschaftlicher Ueberlegenheit, sondern der in ihrer Natur begründeten Cohäsionskrast verdanken, welche es zustande bringt, daß in jedem Beruf, in welchen ein Jude eindringt, hinter ihm mittelst der keilförmigen Schlachtordnung seine ganze Blutsverwandtschaft nachrückt. Das ist ein rein mechanischer Vorgang. Jeder eingeborene christliche Mann der Wissenschaft ist durch solche eingerissene Mißbräuche in seiner Carriöre behindert und künstlich ist der Verkehr mit der wißbegierigen Jugend für ihn unterbunden. Die Ungunst dieser Lage trifft jedoch mit verdoppelter Härte denjenigen, der treu zu seinem Glauben hält und die Liebe zu seinem christlichen Volk offen und mannhaft zur Schau trägt. Der ist ein Paria in seiner Heimat, er hat die Gelehrtenkaste verloren, er findet kein Brot, wenn er von seinem Beruf zu leben gezwungen ist, er findet keine Kanzel, um die sich Hörer versammeln dürfen, im besten Fall mag er Gott danken, wenn er in einer fernen Provinz an einer Hochschule zweiter Güte mit ungenügenden Studienbehelfen geduldet wird." Seine Zuhörer haben die statistischen Daten des edlen Prinzen auf Treu und Glauben hingenommen. Daß aber diese statistischen Ziffern völlig erfunden sind, hat in der Katholikenversammlung wohl Niemand geahnt. Im Deutschen Reichstag ist aber der Fall Spahn am 11. Jänner 1902 zur Sprache gekommen. Nicht von jüdischer, sondern von protestantischer Seite wurde die Ernennung des Profestors Spahn wegen der ungewöhnlichen Art, in welcher sie erfolgt war, einer harten Kritik unterzogen und der Staatssecretär für Elsaß-Lothringen, von Köller, erhob sich, um diese Ernennung zu rechtfertigen, und dieser Staatssecretär für Elsaß-Lothringen sagte in jener Rede unter Anderem: „Bei Prüfung der Bedürfnißfrage mußten wir uns die Ziffernverhältnisse hinsichtlich der Studirenden wie der Professoren an der Universität Straßburg vor Augen führen. Sie hatte im December vorigen Jahres in allen Facultäten zusammen1078Studirende, davon Katholiken: 113 Medicin, 16 Rechtswissenschaft. 57 Philosophie und 71 Mathematik und Naturwissenschaft Studirende. also im Ganzen 360 Katholiken, während 607 Protestanten waren. Ungefähr ebenso stellt sich das Verhält-