Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 20 (1903)
- Issue
- 19 (8.5.1903)
- Date
- 1903-05-08
- Page
- – (sequence 18)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 94% known words query
- IRI
…/3020846-3021493-3021513--12673-3037280- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
Seite 3i0 «r. 19 Vr. Bloch's Wochsnschrikk. Darmstadt. Als eineu «harmlosen Ulk" bezeichneten die Herren Amtsrichter Dr. Mahr, Rechtsanwalt Dr. Geßner, Oberrechnungsralh Reitzel, sämmtlich von hier, und Hosbuchhändler Reitzel-Kannstalt ihr Verhalten, wegen dessen sie sich vor dem hiesigen Landgericht zu verantworten hatten. Dieser „Ulk" bestand darin, daß sie den Mitreisenden Amandus Hirsch aus Großgerau auf der Eisenbahnfahrt von Mainz nach Darmstadt mit allerlei antisemitischen Anwnrfen belästigten. Das Landgericht sah die Sache minder «harmlos" an und verurtheilte Dr. Mahr zu 150, Dr. Geßner und die Brüder Reitzel zu 70 Mark. Die letzteren drei legten Revision beim Reichsgericht ein, wurden aber kostenpflichtig abgew lesen. Berlin. Dem soeben ausgegebenen einundzwanzigsten Bericht über die «Lehranstalt für die Wissenschaft des Judenthums" geht eine wissenschaftliche Arbeit des Herrn Docenten Dr. E. Baneth' über „Maimuni's Neumondberechnung (Thei! IV)" voraus, welche an anderer Stelle dieses Blattes besprochen werden soll. Die Anstalt wurde im Sommer-Semester 1902 von 34, im Winter-Semester 190213 von 40 Hörern (32 deutschen, 8 Ausländern) und von 7 Hospitanten besucht. Die Rabbinatsprüfung haben 3 Herren .bestanden. In das Euratorium ist an Stelle des Herrn Justizrathes Dr. Heinrich Meyer Cohn Herr Professor Pagel, in das Lehrercolleginm für den erkrankten Herrn Dr. M. Schreiner Herr Doctor I. Elbogen, früher Docent am Collegio rabbinico in Florenz, eingetrcten. Die Einnahmen der Anstalt betrugen im Berichtsjahre (einschließlich eines Cassenbeftandes von 12.276.40 Mark) 43.840 Mark, davon Jahresbeiträge 11.640 Mark, die Ausgaben 17.694.55 Mark. Das Vermögen beläuft sich auf 252.251.45 Mark. Zu der am 26. d. M., Mittags 12 Uhr, im Hörsaale der Lehranstalt (Lindenstr. 48,50) stattgefundenen Generalversammlung war auch Gästen der Zutritt gestattet. Berlin. Als die Wogen der Erregung in Könitz am höchsten gingen, wurde bekanntlich in zahlreichen Blättern der Gemeindeschullehrer Weiche! des Mordes an Ernst Winter beschuldigt. Von der Staatsanwaltschaft, welche er anrief, auf den Weg der Privatklage verwiesen, strengte Weiche! gegen etwa dreißig hiesige und auswärtige Zeitungen mit Erfolg die Beleidigungsklage an. Während nun das Verfahren gegen diejenigen Blätter, welche den betreffenden Artikel nur nachgedruckt hatten, längst abgeschlossen ist, schwebt dasselbe noch immer gegen die „Berliner Morgenpost", welche die Anschuldigung zuerst gebracht hat, und die Redaction erklärt nunmehr, den Beweis der Wahrhett antreten zu wollen. «Falls das Gericht dem Anträge stattgibt", so bemerkt hierzu die «Tägliche Rundschau", «so werden wir nächstens eine Neuauflage der Konitzer Verhandlungen erleben." FeuArton. Das fuafte Gebot. Von Dr. F. Rich. Heinschel. I. Es war ein trüber, regnerischer Novembertog. Die vornehme Welt war aus den Seebädern und Sommerfrischen zurückgekehrt, doch bei solcher Witterung traf man auf den Promenaden weder die blaublütige Welt, noch auch den Adel des Besitzes. Allein auch um die Langeweile solcher Tage zu bannen, hat die Großstadt Mittel gefunden; die vornehme Welt trifft sich in i>e« Kuustsalons. Männer, gefürstet durch den Geist, oder von edlem Stamme; Börsenmatadore, Männer mit tadellosem Oberkleide und zweifelhafter Wäsche; Frauen, reich an Geist, an Besitz, oder ausgezeichnet durch Schönheit, haben dort einen Rendezvousort. Die gnädige Frau fährt heute in den Kunstsalon Dringler, rief die Kammerfrau der Frau v. Blaustein dem Lakai zu. Eine halbe Stunde später saß Frau v. Blaustein im Kunstsalon, umringt von einer Anzahl ihrer Verehrer. Julie v. Blaustein war Witwe nach dem alten Blaustein. Daß Julie ehemals Probemamsell gewesen, die der später geadelte Blaustein als alter Mann ehelichte, die Welt in der man sich amüfirt. fragte nicht danach. Der Geschäftsträger eines obscuren, überseeischen Staates machte ihr heute eifrig den Hof. Zu ihrem Stabe gehörte auch Graf v. Dahlheim, der fein verrostetes Wappen mit dem Gelbe der reichen Jüdin frisch vergolden wollte. Der Graf wurde heute vernachlässigt, dafür wollte er der Jüdin ein Schnippchen schlagen. Er drängte sich an ihre Seite und suchte ihre Aufmerksamkeit auf ein Bild zu lenken, das von Neugierigen belagert war. Die Kritiker der Tagesblätter standen wie gebannt vor dem Bilde, das durch Farbenreichthum und lebendige Ausführung von den anderen Bildern abstach; neben diesen stand der Professor der Kunstgeschichte, Dr. Auchenthaler mit mehreren brotlosen Privatdocenten; ein Schüler der Akademie war mit der Copie des Bildes eifrig beschäftigt. Neugierde war die schwache Seite der Frau v. Blaustein und es gelang dem Grafen, diese auf das Bild aufmerksam zu machen. Das Kunstwerk stellte Hagar's Entlassung dar. In der Mitte des Bildes stand Hagar. Das schwarze Haar bedeckte die Stirne und fiel rückwärts auf den braunen vollen Nacken herab. Die Ohren waren mit großen Ohrgehängen geschmückt, um den junonischen Hals waren mehrere Reihen farbiger Glasperlen geschlungen. Die großen schwarzen Augen des üppigen Weibes blickten bittend auf den rechtsstehenden greisen Abraham, daß er sie nicht in die unwrrthliche Wüste schicke, sie, die durch die Bande der Liebe an ihn geknüpft. Die hoheitsvolle, ehrwürdige Gestalt des Abraham blickte tiefbekümmert auf die Magd, Thränen rollen über den langen weißen Bart, er ist rathlos, fassungslos; er muß sie entlassen, aber er weiß, daß er ein Unrecht begeht, daß er wider seine besseren Gefühle handelt. Jsmael, der Sohn der Magd, ein großer herrlich gebauter Jüngling, dem der Stolz aus den Augen blitzt, steht links; fast rauh faßt er die Mutter bei der Linken, um sie fortzuziehen. Mit Verachtung blickt er auf den Vater, er will kein Gnadenbrot genießen; ist sich Mannes genug, um sich durch seinen Bogen, den er in der Linken hält, sein Brot zu suchen. Jsak, für den dies alles geschieht, dem die Mutter das Erbe erhallen will, steht neben seinem Vater. Er ist ein schwächlicher Knabe. Mit trüben Augen blickt er verstandmßlos auf die ganz- Scene; das einzige, das man an ihm wahrnimmt, ist die Trauer über den bevorstehenden Verlust des lustigen Spielkameraden, der stets zu Scherz und Spott aufgelegt mar; und fürchtete er den wilden Blick des tollen Jsmael nicht, er hielte ihn zurück. Bei der Oeffnung, die von Sarahs Zelt in das Wohnzelt führt, steht diese selbst. Ein altes Weib, bös, finster und schadenfroh, mit vor Zorn und E.fersucht verzerrtem Antlitz, droht sie Abraham mit dem Finger, auf das Geheul der Magd nicht zu hören und sie erbarmungslos zu vertreiben. .. „Herrlich!" sprach Frau v. Blaustein,. als Graf Dahlheim das Bild erklärt hatte, w-lches im Katalog als „Hagar's Verstoßung" bezeichnet war. Innerlich aber war Julie Blaustein tief gekränkt, weil sie von einer so grausamen Vhnmutter ab stammte. Ueber die Lippen des Grafen glitt ein feines, sarkastisches Lächeln; seine schlanken Finger zupften an den Spitzen seines Schnurrbartes, als er sprach: „Ja, das Bild ist schön; die Farbenpracht ist entzückend, das Colorit herrlich, ein Rubens hätte die Farben nicht lebendiger auftragen, ein van Dyk die Gestalten nicht plastischer dacstellen können, doch was dem Kunstwerke dauernden Werth verleiht, ist die historische Wahrheit; sehen Gnädige diesen zahnlosen Mund, dieses runzlige Gesicht, so nur kann ein altes eifersüchtiges Weib aussehen. Die Schönheit und Jugend ist auch in der Eifersucht nicht finster und verbissen, hat sie doch ein Mittel, den geliebten Mann zu fcffeln, und nur das Alter mit seinen fliehenden Reizen kann in seiner blinden Eifersucht finster und haßerfüllt blicken." Diese Worte, im feinsten gesellschaftlichen Uuterhaltuvgstone vorgebracht, verstimmten Frau v. Blaustein so tief, daß ks sie nicht geringe Mühe kostete, im Kunstsalon noch länger zu verweilen. Sie kehrte nach dieser Unterhaltung zur Gesellschaft zurück. Hätte sie sich nur wenige Augenblicke länger beim Bilde aufgehalten, ein wahres Urtheil aus dem Munde des Theologie- Professors Sebastian Muthig hätte sie über ihre Stammutter belehrt. Auf die Frage des Botschaftsrathes Graf Norci, wie ihm das Bild gefalle, antwortete er: „Das Bild ist schön, aber es muß mißfallen, weil die historische Wahrheit fehlt. Sarah war die liebevollste Mutter, eine Frau, die, frei von gewöhnlicher Eifersüchtelei, ihrem Gallen die Magd als Gattin übergibt, die den Sohn der Magd erziehen will. Sie kann bei diesem traurigen Acte nicht schadenfroh gewesen sein, denn Mutterliebe und Mitleid kämpften in ihr. Sie war selbst liebevolle Mutter, und darum muß der Kamps zwischen diesen Gefühlen hart gewesen sein. Ob sie ihr Gatte schilt, ob der eigene Sohn es verübelt, die Welt sie grausam nennt und ob sie selbst auch schwer darunter leidet: die wahre Mutterliebe obsiegt. Jsmael ist eine Gefahr für Jsak, und wo sie eine solche für ihr Kind erblickt, da weicht