Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 20 (1903)
- Issue
- 19 (8.5.1903)
- Date
- 1903-05-08
- Page
- – (sequence 19)
- Language
- German
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**. 19 Dr. Bloch's WvchrnschrM. Sette SU sie nicht zurück, da scheut sie keinen Kampf. Das ist die wahre, selbstlose Mutterliebe, die nur das Wohl des Kindes im Auge hat. Hagar, die auf dem Bilde idealisirt ist, kann nicht das bittende, trauernde Weib sein, nur die Sorge um die ungewisse Zukunft kann sich auf diesem Gesichte abgespiegelt haben. „Da haben doch Herr Profkssor übers Ziel geschossen', erwiderte der Botschaftsrath, „Hagar liebte doch auch ihr Kind, es war ja doch ihr einziges, und wie sollte da nicht tiefe Trauer sie erfüllt haben, da sie ihren Fuß in die unwirthliche Wüste sitzen sollte, um der alten Heimat wieder entgegenzuschreiten.'' „Hagar liebte ihr Kind, das ist freilich wahr', so erwiderte der Professor, „doch das war nur Selbstliebe, die dem Muttergefühl entstammte. Das zeigt sich noch am selben Tage. Das Wasser war aus dem Schlauche geschwunden, das Kind sollte vor Durst sterben. Was thut die liebevolle Mutter? Sucht sie ihrem Kinde zu helfen? Sucht sie nach einer Erfrischung, nach einer Oase? Nichts von alledem! Sie wirft es weit von sich und weint. Sie kann das Kind nicht sterben sehen, weil sie es liebt. Sie kann wohl sehen, wie der wilde Bogenschütze mit roher Hand Alles vernichtet, leiden aber kann sie es nicht sehen, weil sie selbst so schwer darunter leidet. Das aber ist keine selbstlose Mutterliebe. Sie kann ihrem Kinde keinen Wunsch versagen, nicht nur weil das Kind darunter leidet, sondern auch, weil sie selbst das Leid des Kindes schmerzlich empfindet.' Frau v. Blaustein hatte die laut gepflogene Unterhaltung nicht mehr gehört, denn sie war bereits an der oberen Ecke des Salons bei ihrer Gesellschaft angelangt. Sie blieb nicht länger, als bis sie sich unauffällig verabschieden konnte. Sie eilte die Treppe hinunter und athmete erleichtert auf, als sie sich im Fond ihres Wagens befand. Hier fand sie eine Art Befriedigung, es war ihr, als hätte sie mit dem Verlassen der Gesellschaft auch die düsteren Gedanken vergessen. Es fröstelte sie und sie hüllte sich fester in ihren Mantel. So kam sie wieder gesammelter vor das elegante Palais, welches sie auf der Ringstraße bewohnte. Der Kutscher fuhr durch das Vestibüle bis zur Freitreppe, wo der Kammerdiener bereits wartend den Wagenschlag öffnete. Dann stieg sie die breite, teppichbelegte Treppe empor. Oben angelangt riß der Kammerdiener eine Flügelthüre auf; Frau v. Blaustein war in ihrem Wohnzimmer. Es war ein großes mit allem Luxus und Comfort fast bis zur Verschwendung ausgestattetes Gemach. Die Wände waren mit Seid.'ntapeten bekleidet, an denen werthvolle Gemälde in vergoldeten Rahmen hingen. Die großen Spiegelscheiben waren durch herrliche Gobelins fast verdeckt. Das Zimmer war wohlig durchwärmt; im Kamin, der mit reicher Stuccatur versehen war, brannte ein Helles Feuer. Die großen Holzscheite strahlten ein helles Licht aus, so daß auch die Oelgemälde erglänzten, als wären sie von der Sonne beschienen. Die- Alles verlieh dem Gemache, trotz des trüben regnerischen Wetters, das draußen herrschte, eine gewisse Behaglichkeit. Die Behaglichkeit schien auch auf die Bewohnerin überzugehen, als sie im Fauteuil zurückgelehnt, die Mütagspost durchflog. Darüber verstrich einige Zeit. Da ließ sich aus dem Nebenzimmer ein trippelnder Gang vernehmen; im selben Augenblicke wandte Frau Frau v. Blauslein den Blick zur Sammlportiöre, durch die ein etwa neunjähriges Mädchen eintrat. Es war ein blondlockiges Kind. Die hellbraunen Augen strahlten von Frohsinn und Uebermuth. Das zierliche Mädchen war lauter Beweglichkeit und jugendfrischer Munterkeit. Als das Kmd in das Zimmer hereingesprungen war, riß es den breiten, weißen Filzhut von den Locken, schleuderte ihn in einen Winkel, warf sich ohne darauf zu achten, daß der weiße Mantel gedrückt wurde, auf die im Fauteuil ruhende Frau und bedeckte ihr Gesicht mit Küffen: „Mama, liebe Mama, wo warst Du? Ich habe Dich heute noch nicht gesehen und bin so froh, daß Du wieder da bist.' Die Mutter wehrte die Liebkosungen ab und sprach: „Goldkind, gib doch acht, daß Du Dich nicht stichst.' Dabei fiel der Blick des Klndes auf das Papiermeffer, das die Mutter in der Hand hielt. Ein flammendes Roth überzog des Kindes Antlitz und die braunen, blitzenden Augen füllten sich mit Thränen. Voll Wehmuth sprach es zur Mutter: „Mama, Du hast die Briefe selbst geöffnet, Du weißt doch, daß heute Samstag ist und der liebe Gott auch die kleinste Arbeit zu verrichten verboten hat. Ich liebe Dich ja so sehr, theure Mama, liebe Dich nicht weniger, trotzdem Du gegen den lieben Gott sündigst; der Herr Doctor sagt ja, man müsse die Eltern verehren, auch wenn sie den Geboten Gottes zuwiderhandeln, weil dem Kinde kein Urtheil über ihre Thaten zusteht. Doch Du betrübst mich sehr, liebe Mama, ich wäre so froh, wenn Du fromm wärest/ „Geh, kleine Närrin', sprach die Mutter, die wieder nachdenkend geworden war, und klein Else verließ das Z'mmer, doch nicht mehr so freudestrahlend, als sie es betreten. Kaum, daß Else das Zimmer verlassen, klingelte Frau v. Blaustein; der Kammerdiener erschien. „Johann', sagte sie zu dem sich verneigenden livrirten Diener, „wenn der Religionslehrer meines Kindes in den Nachmittagsstunden zum Unterrichte kommen sollte, bringen Sie ihn vor Beginn desselben zu mir, denn ich möchte ihn sprechen.' Die Borwürfe des Kindes und der unangenehme Vorgang in der Bilderausstellung hatten in ihr den Entschluß reifen lassen, mit diesem hyperorthodoxen Lehrer zu brechen. (Fottsetzung folgt.) Neue Bücher. Hermann Klauber, Rabbiner und Retigionslehrer in Böhmisch-Neustadtl. Hochzeits-Album. Eigener Verlag. I. Rosenlhaler, Lehrer an der Realschule der israelitischen Religionsgesellschaft zu Frankfurt a. M. Jllustrirte Hebräische Lesesibel. Mit Benützung der Japhet'scken Fibel nach den Grundsätzen der Anschauung und der Phonetik. Verlag von A. I. Hosmann, Frankfurt a. M. Kriefkasterr. B. P. in Prag. Edi Kohn, Oberbearnter der Firma M. JoßL Löwen st ein, hat seinen Namen in „K e r n e r" umgewandelt. Dazu erhielten wir ein Epigramm: Pereles verwandelt sich in Perner, Nun wird aus Kohn gar ein Kerner, Verdient Ihr nicht zum Kopfschmuck Hörner? K. Der Gemeinderath von Triest hat unseren Glanbensgenoffen Felice V e n e z i a n zum Vicebürgermeister gewählt. iS. Die antisemitischen Defraudationen erfahren täglich Bereicherungen. Der Secretär des Armenrathes in Waidhofen a. d. Ubbs, ein leidenschaftlicher Bekenner der antisemitischen Principien, ist natürlich zum Defraudanten geworden. Seit sechs Jahren fand daselbst die dritte Defraudation statt, alle von durchaus waschechten Antisemiten. Auch in Baden bei Wien erlebten die antisemitischen Defraudationen neue Auflagen. „vLeier". Carmen Shlva, die Königin von Rumänien, hat soeben eine große dramatische Scene in englischer Sprache versaßt, in der das Schicksal einer verstoßenen, in die Welt hinausgejagten Jüdin zum Gegenstände der dramatischen Scene gemacht wird. In ihrer Auflehnung gegen das ihr bereitete ungerechte, verzweifelte Los ist die Heldin zunächst eine zürnende Jüdin, allgemach bemächtigen sich ihr mildere, versöhnlichere Stimmungen, und in einer Art von Versöhnung mit der Welt stirbt die Unglückliche. Aus einem schönen Mitleid nnt der Bedrängniß einer verfolgten Jüdin ist die Dichtung geboren, die jüngste poetische Schöpfung der Königin von Rumänien. Wir hoffen zuversichtlich, daß dieses Gedicht auch in die rumänische Sprache übersetzt und so allen Unterthanen der dichtenden Königin zugänglich gemacht wird. M. Weiß in T. Die Informationen aus Aussig haben die Mittheilungen nicht bestätigt, sondern in ganz anderem Lichte erscheinen lassen. D.in P. Die Vereine „Lus 2!on"verfolgen ganz andere Tendenzen als die Vereine Las Lritb und stehen miteinander in keiner Verbindung. _ tM»l* Die Conversion der Nordwestbahn - Prioritäten. Die Nordwestbahn schreitet nunmehr an die Durchführung der Conversion der fünfpercentigen Prioritäten. Es ist eine freiwillige Conversion, welche von der Gesellschaft in eigener Regie durchgeführt wird. Zur Conversion gelangen die fünfpercentigen Pnoritäts-Obligationen vom Jahre 1871 erster Emission im unverlost aushaftendeu Bettage von 40-68 Millionen Silbergulden, die fünfpercentigen Prioritäts-Obligationen vom Jahre 1871 für das Ergänzungsnetz im aushastenden Betrage von 33-24 Millionen Silbergulden, endlich die fünfpercentige Goldanleihe vom Jahre 1874, von welcher noch 26-67 Millionen Mark ausstehen. Diese fünfpercentigen Prioritäten sollen durch Abstempelung in u'/.pereentige Titres umgewandelt werden. Gleichzeitig gelangen drei neue Emissionen von 3'/»percentigen Prioritäts-Oblrgationen vom Jahre 1903 zur Ausgabe, und zwar 33-68 Millionen Kronen lat. A, 13-16 Millionen Kronen Lit. B und 8 06 Millionen Mark lat. C. Diese neuen Emissionen sollen dazu dienen, um den Besitzern der allen fünfpercentigen Titres, welche die Conversion auf 3'/, Pereent accep-