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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1903-05-08 · 19 (8.5.1903) · page 10

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
20 (1903)
Issue
19 (8.5.1903)
Date
1903-05-08
Page
– (sequence 10)
Language
German
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sette 302 Vr. Bloch's WochVNschrifl. str. IS letztes Ziel ist, die Selbstsucht des Menschen, die in tausendfachen Formen ins Leben tritt, zu unterdrücken, auf ein edles Maß zurückzuführen, ist die Nächstenliebe das sichtbarste Zeichen für den Erfolg dieses Strebens. Es gibt nichts Selbstloseres als den Gedanken für seine Nebeumenschen, für die vom Schicksale schwer Heimgesuchten, für Kranke und Leidende, die uns nicht nahe stehen, inmitten besten eigenen Wohlergehens zu schaffen und zu sorgen. EinesTheiles des vielleicht hart Erworbenen willig und freudig sich entäußern zu Gunsten der weniger Glücklichen, ist ein Triumph der Selbstlosigkeit und der Erkeuntniß, selbst in den Aermsten und Schwächsten einen Nebenmenschen zu finden. Fürwahr mit Recht erklärt der Spruchdichter: „Wer Liebe dem Armen erweist, preist seinen Schöpfer"; „Wohlthätigkeit allein macht groß ein Volk, und Liebeswerke sind die Sühnopfer der Nationen." Darum betrachtet auch unsere Religion die Humanität nicht etwa als eine Gnade, die Einer dem Anderen erzeigt, sondern als eine religiöse Pflicht, die umso größer wird, je glücklicher, gesegneter wir sind; als eine kleine Abstattung unserer großen Dankschuld an die Vorsehung, die im Daseinskämpfe uns beigestanden und zum Siege verholfen hat. Und wie erst, wenn wir ohne Kampf zu den Glücklichen der Erde gehören! Wir, die Bewohner dieses Ortes, sollten eigentlich, ohne Unterschied der Confessio«, nur rin großes Ziel kennen: in der Betätigung der Nächstenliebe die höchste Stufe zu erklimmen. Wenn Tausende und Zehntausende zu uns eilen, um hier Verjüngung ihrer Lebenskräfte zu finden, ist es etwa unser Verdienst? Der Ackersmann muß Pflügen, säen, dann erntet er; der Handwerker muß schwielig seine Hände abarbeiten, will er Weib und Kinder ernähren; der Kaufmann muß sorgen und mühen um das tägliche Brot, unserem Orte strömt Gottes Segen zu, schier ohne jedes eigene Hinzuthun, müssen wir uns nicht dessen würdig zeigen? Daß auch der Arme und Dürftige, wenn er krank und siech ist, an unseren Quellen Erholung, Genesung, Rettung finden könne, ist dieses Ortes allererste Pflicht, in deren Erfüllung er nie genug thun kann! Uud daß nunmehr auch die jüdische Gemeinde dieses von Gott gesegneten Ortes ihrer religiösen Ehrenpflicht nach kaum vierzigjährigem Bestände in würdigster Weise nachzukommen vermag, darf uns mit Stolz und Freude erfüllen. Doch bleiben wir bescheiden! Nicht unser Werk ist's, auf das wir heute mit erhebender Genugthuung blicken, bis jetzt sind wir nur die Vollstrecker hehrer Menschenliebe, die Handlanger edler Wohlthäter gewesen. Von diesem Tage an sollen wir zeigen, daß wir das große Vertrauen auch verdienen, das in uns gesetzt wurde, indem wir alle, Gemeinde wie Einzelne, die größten Opfer zu bringen bereit sind zur Erhaltung uud Ausgestaltung des Werkes, auf daß es daun mit Recht das unserige genannt werden dürfe. Ein Ansporn werde für uns Alle dieses Haus zu stets sich erneuernder Nächstenliebe, eine dauernde Mahnung, dem höchsten religiösen Ideale, der selbstlosen Hilfsbereitschaft für Kranke und Schwache, unentwegt nachzustreben. Hochgeehrte Versammlung! Unsere alten Weisen pflegten zu sagen, der Bote eines Mannes sei wie dieser selbst; wer im Aufträge eines Anderen eine gute That vollzieht, ist, als hätte er sie selbst unternommen. Müssen wir nicht vor Allem dankbar sein unserem erhabenen Kaiser, der aus Anlaß der fünfzigsten Wiederkehr seiner Thronbesteigung alle seine Uuterthanen, und so auch uns, Sendboten seines edlen Herzens werden hieß!? Segne, o Allvater, unseren liebeerfüllten Herrscher Franz Joseph I., daß er noch lange, lange Jahre der Segensfürst unseres Vaterlandes bleibe! Des Herrn Segen werde zutheil all den wohlthätigen Männern und Frauen, die zur Errichtung dieses Hauses beigetrageu und seinen edlen Zweck gefördert haben. Segne, Allgütiger, unsere staatlichen und städtischen Behörden, die im Bewußtsein chrer großen Nächsteuliebepflicht uns in unserem frommen Werke zu helfen bereit sind; segne alle Jene, die treu und hingebend an diesem Baue gearbeitet haben; Deinen Segen verleihe unserer Gemeinde, die keine Mühe und kein Opfer scheut für diese große Schöpfung des Edelsinnes! Und auf diesem Hause ruhe Deine volle väterliche Huld und Gnade! Licht und Glück entströme ihm. Es werde ein Segen der Kranken, ein leuchtendes Beispiel der Glücklichen, Stolz und Zierde unserer Gemeinde, eine Freude der Menschheit. Amen! Zum Schlüsse ergriff der Ch-farzt des neuen Hospizes Herr Dc. Richard Rosenfeld das Wort zu folgender Rede: Hochansehnliche Versammlung! Geehrte Damen und Herren! Durch die verehrte Repräsentanz der israelitischen Cultusgemeinde mit der ärztlichen Leitung dieses neuen Institutes beauftragt, ist es mir heute Pflcht und Ehre zugleich, für das Vertrauen zu danken, das ich in solcher Berufung erblicken darf. Ebenso dankenswerth wie dies Vertrauen ist aber auch die gebotene Gelegenheit, in einem weiter gezogenen Kreise als Arzt wirken zu können, alte Kenntnisse verwerthen, neue erwerben zu dürfen, ebenso dankenswerth die hier so reichlich vorhandene Gelegenheit, sich als Mensch seinen Mitmenschen nützlich und hilfreich erweisen zu können. Mit zwei bedeutungsvollen und schönen Worten ist dieser Wirkungskreis umschrieben, den ärztliches Handeln an einer solchen Stätte finden soll; mit den Worten „Wissenschaft" und „Humanität". Der Wissenschaft dankt der Arzt als treuer Jünger die Kenntniß der geistigen Wege, auf Venen er der Ursache und Wesensart menschlicher Leiden nachspücen kann; ihrem in Jahrtausenden gesammelten und gesichteten Schatz von Kenntnissen und Erfahrungen entnimmt er die Mittel, zu helfen und zu lindern, der Heilung die günstigen Pfade zu bereiten. Auch dieses schöne Haus, durch edler Menschen Mühewaltung und Opferwilligkeit gegründet, von Herrn Stiaßny's Meisterhand geschaffen, mit liebevollstem Berständniß ausgestattet — soll unter der täglichen Wirkung ihrer Lehren stehen. In der Auffassung und Aufklärung all' der Leiden, um derentwillen unser Karlsbad jährlich von vielen Tausenden ausgesucht wird, herrscht regstes Leben. Es ist hier und heute nicht der Platz, von diesen Forschungen und Fortschritten des Näheren zu berichten, zu zeigen, wie im weiten Reiche der Wissenschaften „ein Schlag tausend Verbindungen schlägt", (wie „Hm'melskräfte auf und nieder steigen und sich die goldenen Eimer reichen") — lassen Sie mich nur darauf Hinweisen, welche Förderung unter Anderem die Lehre von den Stoffwechselkrankheiten, von den Gallensteinleiden in den letzten Decennien erfahren bat, die Lehre von jenen Leiden, die uns in diesem Hause besonders beschäftigen werden. Hier wollen wir die wunderbaren Heilkräfte der Natur, die segensreich dem Erdschoße entquillen, nach Kräften nützen; unser Streben muß es aber auch sein, die Leidenden, die sich diesem Hause anvertrauen, aller anderen Hilfsmittel der Wissenschaft und ihrer stetigen Fortschritte theilhastig werden zu lassen; bei Leibe nicht ephemeren, pseudowissenschaftlichen Tagessensationen nachzueilen, aber das bewährte Alte, die Wunderkcaft unserer Quellen mit dem guten Neuen zu wirksamen Bunde zu vereinen. — Je nachdem man der Lehre und Buchweisheit oder dem persönlichen Einfluß des Arztes größere Bedeutung für den Kranken zuerkennt, wird man geneigt sein, die immer noch schwebende Frage zu entscheiden, ob das ärztliche Thun am Krankenbette mehr Kunst oder mehr Wissenschaft zu nennen sei; eines aber wiffen wir bestimmt, daß hier vor Allem Mephistos Worte gelten: „Nicht Kunst und Wissenschaft allein, Geduld will bei dem Werke sein." — Jene Geduld, die absehend vom Werth oder Unwerth des Individuums, absehend von jedem äußeren Schein, nur des leidenden Menschen gewahr wird, dem geholfen werden soll. So bethätigt sich der Geist jenes zweiten Leitwortes, unter dessen Schutz wir dieses Haus stellen möchten: der Geist der Humanität! Mag es hochragenden Menschen gegönnt sein, mit großen Thaten Millionen zu nützen, Culturen erblühen zu lassen, furchtbare und dennoch fruchtbare Jdeenkreise zu schaffen — hierin offenbart sich die Humanität des großen, erhabenen Stils — wir wollen uns der bescheideneren Gelegenheit erfreuen, im Kleinen zu nützen: Hier einen Vater den Seinigen als Ernährer zurückzugeben, dort eine Mutter ihren Heranwachsenden Kindern zu erhalten, arbeitsunfähige Mitglieder der Gemeinschaft neu gekräftigt ins Leben und zur Thätigkeit zurückzusenden. Auch

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