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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1903-05-08 · 19 (8.5.1903) · page 6

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
20 (1903)
Issue
19 (8.5.1903)
Date
1903-05-08
Page
– (sequence 6)
Language
German
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OKtte £98 Dr. Bloch's Wochsnschrifl. Nr. 19 Zar Herbste 1902 trafen Nothrufe aus dem heiligen Laude ein, welche die infolge der Cholera und der Absperrung der Häfen in den meisten Städten entstandene furchtbare Theuerung und theilweise herrschende Hungersnoth siguMsirteu. Zur Linderung der N th wurde ein Betrag von 1000 Frcs. geleistet. Für den Religionsunterricht in kleinen und armen Gemeinden, wo die Kinder ohne Subvention nicht als Zrtdeu erzogen werden könnten, wurden Beiträge ertheilt, Wer die Zweckmäßigkeit der Letzteren Controle ausgeübt, feruw wurden Vereine, besonders von Studierenden subventionirt und Erscheinungen auf dem Gebiete der jüdischen Wissenschaft gefördert. Anknüpfeud an den Jahresbericht ergreift das Wort Hrrr Dr. Heinrich Schreiber: „Geehrte Versammlung! Nicht ohne innere Bewegung, ja in tiefster Erregung ergreife ich das Wort, um anknüpfend au die in dem Jahresberichte der geehrten „Israelitischen Allianz" geschilderte unglückliche und trostlose Lage unserer Glaubensgenossen in Rumänien einige, wie es mir scheint, zeitgemäße Bemerkungen vorzubringeu. Das Leid unserer Glaubensbrüder in diesem Balkanstaat spottet wohl jeder Beschreibung und geradezu aufwühlend müssen auf jeden einsichtigen und humanen Menschen, weW Glaubens er auch immer sei, jene Schilderungen wirkm, die in den Enunciationen unseres geehrten Verbandes über die gegen Juden angewendeten Gewaltmaßregeln wiedergegeben sind. Die Thatsache, daß die Juden in Btummuea als mißliebige, gehaßte Fremde auf Grund drakonischer Gesetze geradezu Vogel frei erklärt sind, die Verfolgungen und Drangsalirnngen, die sie ohne Unterschied des Stimdes, Geschlechtes und Alters zu erdulden haben, erscheinen geradezu als der Ausfluß eines wahnwitzigen, blutrünstigen Heukerthums, einer Verfolgungssucht, die an die finsterste Zeit der Inquisition erinnert. Diese Bedrückungen sind umso ärger, als sie sich nicht blos darauf beschränken, die politischen Rechte der jüdischen Bürger zu schmälern, ihnen die Gleichwerthigkeit und die Gleichberechtigung zu rauben, sondern auch ihre wirthschaftliche Existenz untergraben. Mau hat unsere unglücklichen Glaubensgenossen wirthschaftlich geradezu ausgehungert, ja selbst das geistige Brot, die Möglichkeit, sich fortzubilden und Schulen zu besuchen, wird ihnen durch willkürliche Gesetzesauslegung vorenthalteil. (Lebhafter Beifall.) Die Confequenzeu dieser gehässigen Staatspolitik liegen in geradezu gräßlichen Erscheinungen zu Tage. -Unsere Glaubensgenossen müssen, buchstäblich an den Bettelstab gebracht, mit Weib und Kind zum Wanderstab greifen und aus diesem modernsten Laude der Knechtschaft auswandern. Gott gebe, daß sie in dieser Prüfung jene geistige Führung finden, welche berufen und befähigt wäre, sie in ein gelobtes Land zu geleiten. Ich bringe aber dies Alles nicht etwa vor, um dem Lande Rumänien und seinen Staatsleukern die Entrüstung auszusprechen, das mögen Andere besorgen. Mich lenkt ein anderes Gefühl, und zwar ein Gefühl tiefster Beschämung, ein Gefühl des Unwillens und Zornes, daß sich Menschen von unserem Fleisch und Blute, Bekenner der nämlichen Religion und — seien es vielleicht theilweise Täuflinge — doch Menschen der gleichen Stammesangehörigkeit finden, diesen Bestrebungen des ärgsten Judenhasses hilfreich beizusteheu. Es erinnert an die egyptischeu Plagen, daß Rumänien in den letzten Jahren durch eine Reihe von Mißernten heimgesucht, die wirthschaftlichen Verhältnisse des Landes sich arg verschlimmert und die finanzielle Noth auf das Höchste, gestiegen war, so daß ein Zusammenbruch mit feinen schlimmsten Folgen unvermeidlich schien. In diesen Nöthen hausirten geldsuchende rumänische Staatsmänner die westlichen Culturcentren ab und siehe da, statt diese Abgesandten der Uncultur und der Barbarei unmuthig von der Schwelle zu weisen, haben sich Juden, jüdische Geldmänner gefunden, die dem Staatscredite des Landes durch bedeutende Anlehen im Belaufe von 175 Millionen Leis aufgeholfen haben. Man sollte glauben, daß ein Staatswesen, das es mit sanctionirten und wohlverbriesten Staatsrechten nicht ernst nimmt, welches Gesetze und Rechte mit Füßen tritt, keine Vorstellung der Signatarmächte des Berliner Vertrages und anderer Culturnationen achtet, nicht für creditwürdig und nicht für creditsähig angesehen wird. Hier aber ward das Unglaubliche Ereigniß. Das jüdische Bankhaus Bleichröder und die Disconto-Gesellschaft in Berlin, in deren Verwaltung zahlreiche Männer jüdischen Glaubens und jüdischer Abstammung sitzen, haben sich nicht gescheut, diese Anlehen mit dem rumänischen Staate zu negociiren. Während also die Philanthropen der ganzen civilisirten Welt sich zusammengethan haben, um das unglückliche Los unserer Glaubensbrüder zu mildern, waren es unsere eigenen Blutsverwandten, die diesem Staatswesen Hilfe gebracht haben; und höhnend rufen uns unsere Widersacher zu: „Was schreit Ihr denn so jämmerlich über Bedrückung und Verfolgung, wenn Eure eigenen Stammesangehörigen mit dem rumänischen Staate, sei es, um einige Percente zu verdienen, oder aus anderen — hier nicht zu untersuchenden — Rücksichten Geschäfte machen?" Ein wahrhaft unerquickliches Schauspiel, wenn wir sehen müssen, wie unsere Gegner darauf Hinweisen, daß Juden um des schnöden Mammons willen und aus niedriger Gewinnsucht dabei behilflich sind, Angehörige jener Gemeinschaft, aus der sie selbst hervorgegangen sind, dem Untergange preiszugeben. Wo ward es je vernommen, daß Männer eines Standes ihren Feinden die Mittel bieten, die eigenen Genossen zu bekämpfen und niederzuringen? Ist denn die Stimme der Natur in ihrem Herzen ganz verstummt? Hat denn der dräuende Ruf des göttlichen Bibelwortcs in ihrem Innern keinen Widerhall gefunden: „Das Blut Deines getödteten Bruders schreit auf zu mir!" . . . Es scheint mir, daß durch rechtzeitige und überdies im statutarischen Wirkungskreise unseres Verbandes unternommene Demarchen es hätte durchgesetzt werden können, daß so bedeutende Credite einem Lande vorenthalten werden, welches soviel Unheil und Unglück über Zehntausende unserer armen und wehrlosen Glaubensgenossen gebracht hat. Ich gestatte mir daher, an das geehrte Präsidium der „Israelitischen Allianz" die Anfrage zu richten, ob denn .dasselbe angesichts dieser offenkundigen Thatsachen nicht Mittel und Wege gefunden hat, um diese, dem jüdischen Interesse so verderbliche finanzielle Intervention zu verhindern." (Lebhafter Beifall.) Der Vorsitzende Herr David' Ritter v. Gutmann antwortet auf die Interpellation, daß er dem Redner in seinen geistreichen und beredten Ausführungen voll und ganz nachsühle, daß er aber eine öffentliche Discuffion der von ihm angeregten Frage nicht für zweckmäßig erachte. Er glaube, daß man durch Verquickung der Finanzfragen mit der Judenfrage den rumänischen Juden keinen guten Dienst erweise. Wir wollen hier über die Berliner Banquiers nicht zu Gerichte sitzen; über deren Verhalten wird sich übrigens jeder selber ein Urtheil bilden. (Lebhafter Beifall.) Nach Genehmigung des Jahresberichtes wird zum weiteren Punkt der Tagesordnung übergegangen: Wahlen. Bon der beantragten Wiederwahl der ausscheidenden Vorstandsmitglieder per acclamationem mußte Abstand genommen werden, weil von zionistischer Seite ein Einspruch vorlag. Herr Dr. Bernhard verlas die telegraphischen Zeitungsberichte über die Judenverfolgungen in Kischenew in Rußland, welche' eine ernste Mahnung enthalten an das jüdische Volk, vielleicht in der allerletzten Stunde jene Schritte zu

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