Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 20 (1903)
- Issue
- 19 (8.5.1903)
- Date
- 1903-05-08
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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Ür* 19 Dr. Bloches Wochrnfärrist. fette SS5 bereits, daß in den verschiedenen Stadtvierteln eine große Anzahl Juden getödtet worden war. Die Unglücklichen, von panischem Schrecken ergriffen, ließen ihre ganze Habe im Stiche und verbargen sich mit ihren Frauen und Kindern, wo sie konnten, in den Kellern und unter den Dächern. An diesem Tage wurden sämmtliche Straßen, wo Juden wohnten, verwüstet. Auch die Synagogen wurden nicht verschont. Die Synagoge in der Gostinaja wurde umzingelt, erbrochen, die Thorarollen wurden zerfetzt und auf die Straße geworfen. Die große Synagoge auf der Siennaja erlitt dasselbe Schicksal. An den Plünderungen betheiligten sich diesmal neben halbwüchsigen Jungen auch Handwerker und Angehörige der gebildeten Classen, sogar Beamte in Uniform. Die sogenannte bessere Gesellschaft promenirte gemächlich in den Straßen und besah sich lächelnd die schreckliche „Arbeit". Die Angehörigen der »oberen Zehntausend" fuhren in Wagen aus, um das „Schauspiel" zu besichtigen. Erst gegen 5 Uhr Abends wurden in der Parschkinskaja die Plünderer von Militärpatrouillen angehalten, die ihnen die Beute abnahmen und die Schuldigen verhafteten. Aber inzwischen begannen die Exceffe auch in den oberen Stadttheilen. Die Vorstädte wurden von neuen Banden verheert, die aus den umliegenden Dörfern kamen, um ihren Theil an der Beute zu haben. Die Raubgesellen „arbeiteten" mit verdoppelter Bestialität. Erst gegen Abend des Ostermontag wurde es ruhiger. Die Banden wurden von Patrouillen verfolgt und zogen sich zurück. Im Laufe der Nacht trat endlich vollständige Ruhe ein. Die Stadt schien wie ausgestorben. Die grausam heimgesuchten Juden hatten sich versteckt und gaben kein Lebenszeichen. Am dritten Tage wurden alle Straßen und Plätze von starken Militärposten besetzt. Aus den unteren Stadttheilen bewegten sich lange Wagenzüge mit Kranken, Verwundeten, Todten gegen die innere Stadt. Auf anderen Wagen hatte man den geretteten Hausrath verladen. Den Wagen folgten lange Züge von Frauen und Kindern. Sie alle flohen den Ort, wo so viel Blut vergossen, so viel Hab und Gut zerstört worden war. Die Straßen boten einen bejammernswerthen Anblick. Einzelne derselben sind weder zu Wagen noch zu Fuß passirbar, so sehr sind sie von Möbeltrümmern aller Art, Clavieren, Bildern, Einrichtungsstücken bedeckt, wo über all dem lagert eine dichte Schichte von Bettfedern. Das jüdische Spital, das ich soeben tief erschüttert verlasse, ist in eine Hilfsstation für Verwundete umgewandelt. Alle Betten sind belegt. Am 8/LI. April zählte man 62 Schwerverwundete, von denen viele auf der bloßen Erde liegen. Ins Spital und ans den Friedhof wurden bis jetzt 57 Todte gebracht, von denen einige so schrecklich zugerichtet wurden, daß sie unkenntlich sind. Hier liegen drei todte Frauen, bei einer ist der Bauch kreuzförmig aufgeschlitzt; bei einer anderen sind Eisennagel in die Nase geschlagen, emer dritten die Brüste ausgeschnitten. Dort liegt ein Gymnasiast mit einer ausgeschnittenen Zunge, noch weiter ein' erdrosseltes Kind. Ich war Zeuge der Judenverfolgung in Kiew im Jahre 1882, aber das, was in Kischenew geschehen, übertrifft an Grausamkeit alles Bisherige. Die meisten wurden durch Stockschläge auf den Kopf umgebracht. Es herrscht unbeschreibliches Elend, es fehlt an Brot und überhaupt an Lebensmitteln. Rasche Hilfe thut dringend noth!" In einer Straße wollte ein Christ, ein wahrer Christ, ein Herr Nasarow, einen alten Juden aus den Griffen der verthierten Räuber herausziehen. Da bekam er einen wuchtigen Hieb auf den Kopf und wäre todtgeschlagen worden, wenn er nicht ausgerufen hätte: „Ich bin ein Christ!" Auf diese Weise wurden auch thatsächlich vom christlichen Pöbel zwei Christen ermordet. Derselbe Herr Nasarow bestätigt in einem Schreiben an die Petersburger „Nowostr" vom 15./28. April folgende Thatsachen: „Die Räuber waren nicht mehr als 200 Personen, die sich in kleine Gruppen von 8 bis 10 Personen vertheilten, die dann ruhig plünderten, mordeten, die Frauen entehrten, und zwar öffentlich, eoram publica." Ein besonderer Fall sei noch angeführt: Die in die Wohnung eines jüdischen Lehrers führende Thür wurde erbrochen, und zwei „Barfüßler" drangen in die Wohnung. Der Lehrer bat um Schonung und sagte, er diene ehrlich dem Czaren und dem Vaterlande. Als man von ihm Beweise für die Wahrheit dieser Behauptung verlangte, zeigte er eine ihm „Für Tapferkeit" verliehene Medaille vor. Man riß ihm die Medaille aus der Hand und verlangte Geld. Als der Lehrer seinen Geldbeutel aus der Tasche zog, wurde er ihm von einem der Plünderer entrissen. Der Beraubte bat, ihm wenigstens die Medaille zurückzugeben, doch wurde seiner Bitte nicht Gehör geschenkt. Da der Lehrer erkannte, daß auch sein Leben in Gefahr sei, sprang er ans dem Fenster auf die Straße, während die Bande in der Wohnung die Möbel und Hausgeräthe zertrümmerte und die Kleidung, Bett- und Leibwäsche vernichtete. * * * Zur Linderung der großen Noth unter den Juden erläßt ein christliches Damen-Comitß im „Beffarabischen Regierungs- Anzeiger" einen Aufruf, in welchem um Spenden jeder Art — Geld, Nahrungsmittel, Kleidungsstücke, Hausgeräthe — gebeten wird. Tolstoi spendete 15.000 Rubel. Die „Alliance israelite universelle* in Paris publicirt ebenfalls einen Aufruf zur Sammlung für die Märtyrer von Kischenew. In gleicher Weise versendet die Wiener Israelitische Allianz nachstehenden Aufruf! Ein furchtbares Maffaere hat während der verflossenen Ostertage in Beffarabien gegen die jüdische Bevölkerung gewüthet. In Kischenew allein sind 40 Personen unter entsetzlichen Martern getödtet, Hunderte von Menschen verwundet und unzählige Familien durch Raub und Plünderung an den Bettelstab gebracht worden. Der materielle Schaden beträgt mehrere Millionen Rubel. Es ergeht der Ruf an alle Menschenfreunde, sich an der Hilfe für die armen Hinterbliebenen der Ermordeten und für die zahlreichen unschuldig ruinirten Familien zu betheiligen. Die Israelitische Allianz zu Wien, welche für das Hilsswerk beiträgt, nimmt gütige Spenden mit herzlichem Danke entgegen. Der Vorstand der Israelitischen Allianz zu Wien, I., Weihburggaffe 10. Generalversammlung der Wiener Israelitische« Allia«;. Donnerstag den 30. April, Abends 6 Uhr, hielt die Israelitische Allianz zu Wien im Sitzungssaale der israelitischen Cultusgemeinde ihre diesjährige ordentliche Generalversammlung ab, die eine sehr rege Theilnahme aufwies. Präsident Herr David Ritter v. Gutmann eröffnete die Sitzung mit einer kurzen Ansprache und bringt zur Kenntniß, daß der Präsident der Gemeinde kais. Rath Kling er durch ein Unwohlsein verhindert ist, an den Verhandlungen der heutigen Sitzung theilzun hmen. Dem Geschäftsbericht ist zu entnehmen, daß der Verein seit seiner dreißigjährigen Wirksamkeit 3,284.210 X für Hilfsactionen und an Subventionen ausgegeben hat und daß das Gebahrungsdeficit des abgelaufenen Jahres 26.155 K beträgt. Dem jüngst verstorbenen Professor Dr. M. Lazarus ist in dem Berichte ein sehr warmer Nachruf gewidmet. Bezüglich der rumänischen Emigrationsbewegung ist constatirt, daß im Jahre 1902 2835 Personen (gegen 3647 im Vorjahre) nach Amerika befördert und 39ö wieder in die Heimat rückbefördert wurden (gegen 871 im Vorjahre). Der Thätigkeitsbericht des Vereines beschäftigt sich vornehmlich mit den Judenverfolgungen in Rumänien, und besonders bedeutsam ist nach dieser Richtung eine von Herrn Dr. Alfred Stern verfaßte Denkschrift, die der Verein an den Minister des Aeußern, Grafen Goluchöwski, gelangen ließ. Euere Excellenz! Der Präsident unserer Vereinigung, welche zur statutarischen Aufgabe hat, den Israeliten dort, wo sie ihres Glaubens wegen zu leiden haben, eine wirksame Stütze zu bieten, hatte im Februar d. I. die hohe Ehre, von Euerer Excellenz in Audienz empfangen zu werden und ein kurzes Memorandum über die sich fortwährend steigernde Bedrückung unserer Glaubensgenossen in Rumänien zu überreichen. Da der Gegenstand, auf welchen wir damals die Aufmerksamkeit Euerer Excellenz zu lenken uns erlaubten, seitdem unausgesetzt die öffentliche Meinung in allen Culturländern beschäftigt und in jüngster Zeit sogar der Diplomatie ferner Staaten Anlaß zu Jnterventtonen gegeben hat, so gestatten wir uns heute, Euerer Excellenz eine kurze Aufzählung von Thatsachen zu unterbreiten, die nicht nur Humanität und Rechtsgefühl tief verletzen, sondern seitens Rumäniens auch eine offene, flagrante, geradezu höhnende Vergewaltigung von Verpflichtungen bedeuten, welche ihm unter rühmlicher Mitwirkung Oesterreich-Ungarns von den Vertretern der Großmächte auferlegt wurden. Wir erachten es für überflüssig, darauf zu verweisen — Euerer Excellenz ist dies vollständigst gegenwärtig, — daß in dem Berliner Vertrage von 1878 die Unabhängigkeit jenes türkischen Vasallen-LandeS nur „unter den gleichen Bedingungen wie diejenige Serbiens" anerkannt wurde; darunter namentlich unter der genauestens formulirten Bedingung, daß der religiöse Glaube an den Rechten und Pflichten des Individuums nichts ändern, daß „der Unterschied des religiösen Bekenntnisses als ein Grund der Ausschließung oder der Unfähigkeit bezüglich des Genusses der bürgerlichen und politischen Rechte, der Zulassung zu öffentlichen Diensten, Aemtern und Ehren oder der Ausübung der verschiedenen Berufs- und Erwerbszweige, an welchem Orte es auch sei. Niemandem gegenüber geltend gemacht werden dürfe?» Ebenso wissen Euere Excellenz, daß die hohen vertragsschließenden Mächte (Oesterreich-Ungarn, Deutschland, Frankreich, Großbritannien, Italien, Rußland, die Türkei) die Anerkennung der Unabhängigkeit Rumäniens an diese „Bedingung" knüpften. — In dieser Bestimmung der Artikel 43 und 44 des Berliner Vertrages lag nicht allein der Ausdruck des die Tractatmächte durchdringenden hohen