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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1903-05-01 · 18 (1.5.1903) · page 15

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
20 (1903)
Issue
18 (1.5.1903)
Date
1903-05-01
Page
– (sequence 15)
Language
German
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Rr. 18 Dr. Blvch's WvchenPchrM. -v<-ue 391 Der unglückiiche Vater hatte seine Frau nicht in das Zimmer kommen lassen, wo die Leiche ihres Söhnchens aufgebahrt lag; so blieb die arme Mutter im Ungewissen, ob die Abgesandten der jüdischen Chewra-Kadischa oder die Todtendiener einer fremden Religion ihren Liebling auf die Arme genommen und aus ihrem Hause zu Grabe getragen hatten . . . Nur Gustav allein gab seinem Sohne das letzte Geleite auf dem fremden Kirchhof. Trocknen Auges sah er den Handlungen und Ceremonien zu, keine Thräne befeuchtete seine Wimper, er hatte das Aussehen eines Geistesabwesenden. Er bewegte sich leblos und automatisch vorwärts, hielt die Hände in den Taschen, setzte mechanisch einen Fuß vor den andern und sah sich nach allen Seiten mit fremdartigen Blicken um. Erst als die harten Erdschollen dumpf dröhnend auf den Sargdeckel fielen, da blickte Sonnenstein sich um. und als er merkte, daß das Grab beinahe ganz aufgeschichtet war, fiel er seiner ganzen Länge nach zur Erde und sein schauerliches, herzbrechendes Weinen hallte durch den ganzen Kirchhof dahin. »Wehe, wehe, mein Sohn Immanuel, mein Sohn, mein Sohn!" jammerte er aus tiefem, erschütterten Herzen, raufte sich das Haar aus und zerriß sich die Kleider. »Ob, vergib mir, mein theurer Sohn, verzeih meinen Frevel! Möge Deine reine, unschuldsvolle Seele in die Höhe steigen, vor den Thron Gottes, um Verzeihung für Deinen unglückseligen Vater zu erbitten, dessen chwere Sünden ihn zu Boden drücken/ Die Ringsumstehenden verstanden diese fremdartige Sprache nicht, sie meinten, der Schmerz über den Verlust des Kindes erpresse dem Vater sinnlose Worte . . . Dieser blieb noch lange auf der Erde sitzen und als der Grabeshügel aufgeworfen ward, trat er hinzu, setzte den Hut auf und fing an, das Kaddischgebet zu sagen: »Erhöht und gepriesen werde Sein großer Name . . schallte es fremdartig und sonderbar unter diesen Gräbern. — * * * Die folgende Nacht verbrachten Gustav und seine Frau schlaflos. Sie saßen zusammen auf der Erde, kummervoll und verbittert, Zenaide hörte nicht aus zu schluchzen, herzerschütternde Seufzer entrangen sich allemal ihrer Brust. Aus dem Tisch brannte eine Kerze und verbreitete ein trübes Licht in dem Zimmer, wo das sterbende Kind gelegen hatte, und über sein Bettchen, welches jetzt in trauriger Verlassenheit in einem Winkel dastand. »Ein schwerer Stein liegt mir auf dem Herzen und preßt es mir zusammen", sprach Zenaide. »Bitte, nimm mir den Stein vom Herzen, denn ich halte es wahrlich nicht länger aus . . ." »Weine, weine, meine Theuere", suchte Gustav sie zu trösten, »weine nur und es wird Dir leichter werden." »Ach, wenn ich weinen könnte, ober die Thränen sind ausgetrocknet . . Gustav nahm die heilige Schrift, in der er schon lange nicht gelesen, zur Hand. Ec murmelte anfangs ein paar Verse mit leiser Stimme, dann zog es ihn immer mehr hinein und bald sang er laut und leidenschaftlich die Psalmen, hingerissen und überwältigt von der großartigen, schlichten Kraft dieser tausendjährigen Worte. Das ganze Weh seines verirrten Herzens, der ganze Schmerz seiner zerknirschten und gefolterten Seele tobte sich in diesen gewaltigen Klängen des königlichen Sängers aus. Seine Frau lauschte anfangs schweigend einem jedem Worte, dann rannen ihr die Thränen aus den Augen unaufhörlich dahin. )’u: : »Es straft und züchtigt mich der Herr, aber dem Tode überliefert er mich doch nicht", sang er und blickte auf den Schein der im angrenzenden Zimmer brennenden Kerze . . . Er hatte die Ellbogen auf die Knie gestützt und war in Gedanken versunken ... Er brütete darüber nach, warum Gott ihn so hart strafte, ihm solche schwere Prüfungen auferlegte, denen er nicht gewachsen war. »Habe ich jemals im Leben Unrecht gethan . . . Ich habe keinen Menschen übervortheilt, ich habe wich in meinem Handeln von jeglicher Unredlichkeit ferngehalten, bin stets allen Dürftigen zu Hilfe geeilt, keinen Menschen habe ich jemals hungrig von meiner Thüre gehen lassen, jedem Gebeugten sprach ich Muth zu . . . Auf die Erziehung unserer Kinder haben wir stets die größte Sorgfalt verwendet ..." So sann er lange nach und fand keine Antwort und merkte nicht, daß dieses hochmüthige Pochen auf seine guten Thaten selber schon eine schwere Sünde war. Endlich sank Gustav müde und erschöpft, auf das Kissen zurück und schlief ein . . . Er träumte . . . Er sah sich als kleiner Knabe im Hause seiner Eltern. In ausgelassener Lustigkeit hüpfte er in dem großen Salon umher von Ecke zu Ecke, sprang über die umherstehenden Stühle hinweg. In einer Ecke neben dem Fenster stand ein hübsches kleines Tischchen auf drei Beinen und darauf ruhte eine prachtvolle, kostbare Base von entzückender Schönheit. Die Base war aus Krystall gefertigt und die Sonnenstrahlen brachen sich darin in allen Farben des Regenbogens. Vom Boden des Gefäßes stiegen, sich über die Wände verbreitend, wundervolle Blumengewinde auf. Er wußte wohl, wie kostbar dieses Gefäß seinen Eltern war, besonders wie hoch und theuer es die Mutter hielt, die es mit der größten Sorgfalt umgab und es unaufhörlich putzte und säuberte. Auch jetzt, wie er so muthwillig umhertollte, vergaß er keinen Augenblick, daß er in der Nähe des kleinen Tischchens vorsichtig und besonnen sich verhalten müsse . . . Doch, oh, weh! . . . Plötzlich, bevor er sichs versah, war die herrliche Vase zu Boden gefallen und in unzählige kleine Stückchen zerschmettert! . . . Wie war das nur gekommen? Wer hatte die Base zu Boden geworfen? Hatte e r das gethan? Nein! Er war es nicht gewesen! Er weiß noch ganz genau, daß er sich mit der größten Vorsicht und Sorgfalt dem Tischchen näherte und sich hütete, die Base zu berühren. Aufgeregt, höchlich verwundert, stand er da, sein Herz war von einer namenlosen Angst wie versteinert, eine schauderhafte Kälte beschlich ihn, daß er fröstelte. Plötzlich stand seine Mutter vor ihm. Er hatte weder gehört, noch gesehen, wie sie kam und konnte sich nicht erklären, welchen Weg sie genommen. Die Mutter hatte den Blick auf ihn geheftet, aber in diesem Blicke lag weder Zorn, noch Verachtung, sondern blos Mitleid und Sorge und ein namenloser mütterlicher Schmerz ... Unwillkürlich senkte er den Kopf vor diesem Blick und fühlte, wie sich sein Herz von einem wilden Weh, das ihn plötzlich gepackt hatte, zusammenschnürte . . . Jetzt wurde es laut um ihn herum . . . Durch die Stille ertönte zuerst eine leise, sanfte Stimme, voll milder, weicher Wehmuth und Trauer, wie ein ferner Gesang, der sich verdoppelte und vervielfachte, bis er wie ein Knabenchor klang, der Gebete und Lieder sang. . . Dann wurde wieder Alles still . . . Jetzt vernahm Gustav deutlich die Stimme seiner Mutter: ,OH, mein Sohn k Was hast Du gethan? Ich habe Dir ein kostbares Gefäß anvertraut, Du aber hast es nicht behütet und nun ist es hin ... Siehe, mein Sohn, was hast Du gethan?! Mein Kind, mein Kind! . . ." Gustav senkte den Kopf und der Schmerz in seiner Brust wurde quälend. Plötzlich erschien eine fremde Gestalt von seltsamen, unbegreiflichen Aussehen, sie war ganz schwarz gekleidet und ein weißer Kragen umgab ihren Hals und ihre Brust . . . Die fremde Gestalt bückte sich herab, las die Krystallscheiben auf, sammelte sie und warf sie dann auf den Mühlhaufen hinaus. Ein Schauer erfaßte ihn und schüttelte seinen ganzen Leib. Er streckte die Hände aus und fing an, laut zu schreien: Mutter, Mutter, was will diese Fremde hier? . . . Was will sie thun?" Er erwachte, von heftigen Aengsten geschüttelt; er fieberte stark und war über und über in kaltem Schweiß gebadet . . . Die Frau war, neben ihm auf der Erde sitzend, eingeschlafen und seufzte bitterlich aus dem Schlafe. Die Kerze in ihrem Zimmer war niedergebrannt, nur im angrenzenden Gemach flackerte noch das Licht neben dem leeren Kinderbettchen. Gustav richtete den angstvollen Blick auf diesen Lichtschein. Er hatte die Vorstellung, als sähe er die Augen des Kindes, wie er sie im Augenblick des Todes vor sich gesehen, und sie hatten den Ausdruck einer ergreifenden Trauer und Wehmuth .. Gustav erhob sich und zündete ein neues Licht an. . . Jetzt fuhr auch Zenaide aus ihrem Schlaf empor. »Ich habe eimn Stein auf dem Herzen, Gustav, es preßt und drückt mir die Brust zusammen und raubt mir den Athen» .. Bitte, nimm mir doch den Stein vom Herzen", flehte sie mit qualvoller Stimme.

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