Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 20 (1903)
- Issue
- 18 (1.5.1903)
- Date
- 1903-05-01
- Page
- – (sequence 14)
- Language
- German
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Sette £90 Dr. Blmtz's Wochenschrift. Nr. 18 schüft dar, ein unausgesetztes Forschen, Schaffen und Lehren. Die unsäglichen körperlichen Leiden, die er in seinen letzten Lebenstagen erdulden mußte, ertrug er mit einer beispiellosen, rührenden Gottergebenheit und bewahrte auch in dieser Zeit der Prüfung seinen regen Sinn für die Wiffenschaft. Bei seinem Leich-nbegängniffe, das hier am 21. April unter großer Betheiligung Itattfand, zeigte sich eine allgemeine Theilnahme und aufrichtigste Trauer. Im Sterbehause brachte Herr Dr. S. Eibuschitz den Dank des jüdisch-literarischen Vereines zum Ausdrucke, in der Leichenhalle hielt Se. Ehrwürden Herr Dr. A. Blüh einen tiefempfundenen Nachruf und am offenen Grabe sprach Se. Ehrwürden Herr Dr. Oppenheim aus Olmütz in herzbewegender Weise. 8. 6. Czerrrowitz. Der hiesige Gemeinderath hat zwei seiner ältesten Mitglieder, den Präses der Jsraeliten-Cultus-Gemeinde kais. Rath Naftali Tittinger und den Realitätenbesitzer Markus Kampelmacher, in Würdigung ihres vieljährigen öffentlichen, besonders Humanitären Wirkens zu Ehrenbürgern ernannt. Szered. Herr Isidor Magen verschied hier am 22. April d. I. im 86. Lebensjahre nach kurzem Leiden, betrauert von seiner zahlreichen Familie, Verwandten und Freunden. Das Leichenbegängniß fand Freitag den 24. April unter allgemeiner Theilnahme statt. Nagy-Kanizsa. Am 27. April wurde Herr Sam. Goldmann, Cantor der hiesigen israelitischen Cultusgrmeinde, mit der von der hohen ungarischen Regierung für vierzigjährige Dienstzeit creirten Verdienst-Medaille feierlichst decorirt. Leipnik. Am Ostersonntag wurde hier die Lehrerswitwe Frau Resi Frank im 86. Lebensjahre zu Grabe getragen. Trotz des strömenden Regens war die Betheiligung eine recht lebhafte, denn die Verblichene hatte durch ihren gottesfürchtigen Lebenswandel, durch ihre Herzensgute, durch ihren trotz ihrer bescheidenen Mittel ausgeprägten Wohlthätigkeitssinn, der sich nimmer genug thun konnte und dessen Wirkungen sich über ihr Grab hinaus erstrecken, sich einer nicht alltäglichen Beliebtheit und Achtung erfreut. Ihr unerschütterliches Gottesvertrauen hatte sie an den Tag gelegt, als sie schon im Jahre 1877 ihren Gatten und Ernährer, den hier in bester Erinnerung stehenden Lehrer Herrn David Frank (die heutige Generation Leipniks zählt meist zu seinen Schülern) durch den Tod verlor und mit ihren halberwachsenen Kindern ganz unversorgt ohne Vermögen und o h n e Pension zurückblieb. Für ihre Standhaftigkeit wurde ihr die Genugthuung zu Theil, daß von ihren drei Söhnen der eine als Gymnasialprofeffor, die beiden anderen als renommirte Advocaten angesehene Lebensstellungen erlangten. Zwei derselben und zwei Schwiegertöchter folgten schmerzerfüllt ihrem Sarge, der dritte konnte wegen seines zu fernen Domicils (in Banjaluka, woselbst er soeben zum Cultusvorsteher gewählt wurde) nicht mehr rechtzeitig znm Leichenbegängniffe eintreffen. Letzteres verlief wegen des Feiertages fast ohne alle Eeremonien und Predigt, aber würdig und stille, wie die edle Hingeschiedene gelebt hatte. Frankfurt a. M. Herrn Dr. Adolf Brüll wurde anläßlich feines Ausscheidens aus dem Lehramte der Rothe Adler-Orden vierter Claffe verliehen. Paris. Der gefeierte Archäologe Prof. Salomon Reinach, Vicepräsident der Alliance israölite universelle und Mitglied des Verwaltungsrathes der Jewish Colonisation Association, ist zum Officier der Ehrenlegion ernannt worden. LemUelon, Moder«« Marannen. Ein Zeitbild aus dem Leben der Juden in Rumänien. Von I. I. Lewontin. Aus dem Hebräischen. (Schluß.) Eine Stunde später begab sich Gustav hinaus in die Stadt, um Anstalten zur Beerdigung des Kindes zu treffen. Seine Frau hatte er unter dem Schutze des eiligst herbeigerufenen Arztes zurückgelaffen. Der Arzt betrachtete auch das ruhig daliegende Kind, betastete seinen Puls, blickte ihm unter die herabgelaffenen Augenlider, konnte aber nur den bereits eingetretenen Tod bestätigen. Er erklärte, er habe noch gestern den Tod kommen sehen, da zu der bisherigen Krankheit, die das Kind ohnehin schon arg mitgenommen hatte, auch noch eine Gehirnentzündung getreten wäre — und gegen eine solche Complication war jeder Kampf von vorneherein aussichtslos . . . Gustav hörte wohl den Klang der Worte, aber der Sinn derselben drang nicht in sein Bewußtsein. Der Gedanke, daß es ihm nun oblag, sein Kind unter die Erde zu bringen, jagte ihn hinaus. Er setzte sich in einen Wagen und befahl dem Kutscher, ihn nach der Wohnung des Rabbiners der jüdischen Gemeinde zu bringen. Der Rabbiner saß gerade beim Kaffee aus der Veranda seines Gartenhauses im Kreise seiner Familie. Er war ganz erstaunt und verlegen, als er Sonnensteil s ansichtig wurde. »Was führt Sie hieher, mein Herr? Warum sehen Sie so schlecht aus?" rief er theilnahmsvoll und geleitete den Gast in den Salon. »Mein jüngstes Kind ist heute Morgen gestorben", sagte Sonnenstein beklommen und die Thränen traten ihm in die Augen. »Es war ein Knabe", fuhr er fort und blickte nach dem Garten hinaus. »Gott hat's gegeben und Gott hat's genommen", rief der Rabbiner bewegt. »Gottes Namen sei gepriesen." »Ich wollte Sie bitten, Herr Rabbiner", begann Gustav nach einer verlegenen Pause . . . »Sie möchten so gut sein und . . . und mir die Erlaubniß geben, mein Kind auf dem jüdischen Friedhof zu beerdigen . . ." Gustavs Stimme war ganz leise geworden, so daß der Rabbiner das Ohr seinen Lippen ganz nahe bringen mußte, um ihn zu verstehen . . . Der Rabbiner erhob sich und blieb einige Secunden ganz sprachlos stehen. Aufs Höchste erstaunt, musterte er sein Gegenüber. Schließlich faßte er Gustav unter den Arm und führte ihn in eine Gartenallee hinaus. »Lieber Herr, das, was Sie von mir verlangen, ist rein unmöglich", begann er, als er sich überzeugte, daß kein Lauscher in der Nähe war. »Unmöglich", erwiderte Gustav, ^aber warum denn unmöglich. »Das müssen Sie ja selber einsehen", bemerkte der Rabbiner, »da Sie ja in das Standesregister der Protest«! ten als ihr Glaubensgenosse eingetragen worden sind . . . so . . ." »Aber, verehrter Herr Rabbiner, meinen Sohn habe ich ja in den Bund Abrahams aufnehmen lassen . '. . Meine Frau ist dem Glauben der Väter treu geblieben . . . und auch ich ... ich werde ... ich will ganz bestimmt ..." Er vollendete nicht. Ein langes, feierliches Schweigen trat ein. »Das ist unmöglich", brachte der Rabbiner endlich hervor, und ein schwerer Seufzer entrang sich seiner Brust. »Ich würde ja namenloses Unheil über meine Gemeinde heraufbeschwören ... Glauben Sie mir", fuhr der Rabbiner fort, ergriff Gustavs Hand und drückte sie herzlich. »Glauben Sie mir, lieber Herr, ich möchte von Herzen gern Ihren Wunsch erfüllen . . . Aber wie kann ich das? . . . Sie wissen ja, wie unsere Lage beschaffen ist . . . Wenn die Sache ruchbar wird ... ich würde unsere ganze Gemeinde den ärgsten Bedrückungen und Verfolgungen aussetzen ... Am Ende würde die Leiche doch schließlich exhumirt werden . . . Ein förmlicher Religionskrieg würde sich gegen uns erheben . . . Unsere Lage ist ja ohnehin schwierig genug . . . Es thut mir sehr leid, mein Herr . . . aber ich muß an unsere Gemeinde denken . . . Wenn ich nur meine Person allein der Gefahr aussetzen würde ... ich möchte auf nichts achten . . . aber wie kann ich Tausende von Menschen gefährden? . . ." Gustav antwortete nichts, nur die Thränen rannen ihm unaufhörlich über die Wangen. Er war keines Wortes mächtig. Auch die Augen des alten Mannes wurden feucht. So standen sie lange nebeneinander, der getaufte Jude und der alte, fromme Rabbiner. Das menschliche Leid des Einen war dem Andern tief zu Herzen gegangen. Der Rabbiner hielt Gustavs Hand in der seinigen. Beide verhielten sich lautlos, nur die Thränen rannen ihnen über die Wangen. Am dritten Tage wurde das Kind auf dem christlichen Friedhofe in der protestantischen Abtheilung beerdigt.