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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1903-05-01 · 18 (1.5.1903) · page 8

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
20 (1903)
Issue
18 (1.5.1903)
Date
1903-05-01
Page
– (sequence 8)
Language
German
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Veite 884 Dr. Blvch's Wochenschrift. Nr 18 Superintendent Dr. Theodor Hanse. Ein Freund unseres Blattes schreibt uns: Angesichts der eben wieder im Osten sich abspielenden mittelalterlichen Greuelthaten gegen Juden bildet es eine wahre Wohlthat, zu wissen, daß es immer noch Menschen gibt, welche auch den Muth besitzen, offen und ehrlich ihren Abscheu vor dem Antisemitismus zu bekennen. Die Zahl der Christen, welche nicht einverstanden sind mit dem wüsten und rohen Treiben der Hetzer ist sicherlich nicht gering, allein Jene, die es wagen, dieser Meinung nngescheut durch Wort oder Schrift Ausdruck zu verleihen, sind sehr wenige. Desto erfreulicher und erhebender wirkt daher jeder dahin gehörende Beweis wahrhaftiger Menschlichkeit. Umsomehr, wenn er von Personen gegeben wird, welche auf einer gewissen Höhe der socialen Stufenleiter sich befinden. Eine solche Größe, eine aus dem niedrigen Sumpfe hervorleuchtende Jdealgestalt ist zweifellos der bedeutende Philosoph und Philanthrop Herr Superintendent Dr. Th. Haase in Letschen — ein Kirchenfürst in des Wortes bester Bedeutung. Es möge eine Zuschrift Beweis seiner edlen Gesinnung geben, welche derselbe anläßlich seiner Ernennung zum Ehrenmitgliede des Vereines zur Abwehr des Antisemitismus an den Vorstand dieses Vereines richtete und welche, da ungefähr der zehnte Jahrestag seither verflossen, hiemit zur Kenntniß gebracht wird. Angesichts der blutigen Ereignisse in U h n o w ist es daher ein wenn auch nur schwacher Trost, eine Aufmunterung, auszuharren in dem ungleichen Kampfe, den das kleine aber standhafte Israel gegen den riesenhaften tückischen Feind seit jeher zu bestehen hat. Der Brief lautete: Hochgeehrte Herren! Der Verein zur Abwehr des Antisemitismus hat in seiner Generalversammlung vom 17. März 1893 mir die hohe Auszeichnung erwiesen, mich zu seinem Ehrenmitgliede zu ernennen. Indem ich Ihnen fiir die geschätzte Zuschrift vom 22. März 1893, in welcher Sie mich von der mir zutheil gewordenen Ehrung in Kenntniß setzen, den verbindlichsten Dank abstatte und Sie zugleich bitte, Ihrem hochgeehrten Verein den Ausdruck meiner dankbaren Gesinnungen zu übermitteln, bedarf es wohl nicht erst der Versicherung, daß es mir stets zur besonderen Genugthuung gereichen wird, die Interessen Ihres Vereines nach besten Kräften zu fördern. Der Antisemitismus, indem er den Haß gegen unsere jüdischen Mitbürger auf seine Fahne schreibt, verleugnet vor Allem die Grundsätze des Christenthums, dessen erhabener Stifter alle Menschen zu einer großen Gottesfamilie vereinigen wollte. Durch das Bewußtsein der Gotteskindschaft und durch gegenseitige Liebe sollten sich Alle als Brüder und Schwestern mit einander verbunden wissen. Was die Menschen sonst von einander trennt, wie Nationalität, sociale Schranken, besondere Formen der Gottesverehrung, sollte durch die gegenseitige Liebe überwunden werden, fiiet ist, schreibt der Apostel Paulus, nicht Jude noch Grieche, nicht Knecht noch Freier. Der antisemitische Haß und diese alle Gegensätze überbrückende Liebe schließen einander völlig aus, und wenn Düring sagt, ein Christ könne kein richtiger Antisemit sein, so hat er damit nicht blos Diejenigen, welche in ihm den Großmeister des Judenhasses verehren, vor die Alternative gestellt, zwischen Christenthum und Antisemitismus zu wählen, sondern er hat damit auch den sogenannten ,Christlich-Social-n^ den Widerspruch, an welchem diese Richtung leidet, unbarmherzig vor Augen geführt. Der Antisemitismus verleugnet aber auch die moderne Cultur, indem er die schönste Blüthe derselben, die Humanität, mit Füßen tritt. Alles, was wir in den Begriff „Herz* zusammenfafsen, das Erbarmen mit der fremden Noth, die Fürsorge für die verwahrlosten Kinder, für die Armen, Kranken, Blinden, Taubstummen, für die Verwundeten im Kriege, hätte keinen Platz mehr in der Welt, wenn der im Antisemitismus verkörperte Racen- und Classenhaß in der Gesellschaft die Oberhand gewänne. Ich halte die Gefahr einer so radicalen Entmenschung der Menschheit für ausgeschlossen, würde es aber für sehr bedenklich ansehen, wollte man über die antisemitische Bewegung gleichgiltig hinweggehen. Man muß den Antisemitismus jenen Kinderkrankheiten beizählen, welche im Culturleben der Völker jezuweilen epidemisch auftreten, die Gehirnfunctionen der erkrankten Personen stören, ihr Begriffsvermögen trüben, physische Beängstigungen und Visionen bei ihnen verursachen und sich bei Bielen bis zur Herzlähmung steigern. Man beobachte nur die Wirkungen des Antisemitismus, wo er in seiner ganzen Fieberhitze zur Erscheinung kommt, wie z. B. in den Fällen Tisza- Eßlar und Lauten. Er verwirrt die Gedanken der Kläger und der Zeugen, verdirbt die Gesittung sonst als anständig bekannter Leute, stumpft in ihnen alle edleren Gefühle ab, ruinirt ihren Charakter, macht sie zu unzurechnungsfähigen Fanatikern. Wenn wir die Leiden unserer Nebenmenschen mit antisemitischer Herzlosigkeit ansehen würden, könnten wir sagen: was geht denn uns das an; es sind ja doch nur die Antisemiten, ivelche verderben. Die Humanität, in deren Dienst wir stehen, gebietet uns aber, nicht blos zur Rettung physisch Kranker alle zweckentsprechenden Vorkehrungen zu treffen und zur Zeit herrschender Seuchen weder Anstrengungen noch Opfer zu scheuen, um die Erkrankten zu heilen und die Weiterverbreitung der Krankheit zu verhindern. Wir exponiren Aerzte, errichten Jsolirhäuser, bauen Cholerabaracken und bestreben uns vor Allem, bei Denjenigen, welche es mit der Reinlichkeit sonst nicht eben genau zu nehmen Pflegen, eine größere Reinlichkeit zu erzwingen. In dieser Art gilt es auch gegen die in unseren Tagen leider wieder epidemisch gewordene Krankheit des Antisemitismus zu Felde zu ziehen, die christliche Bevölkerung über das Wesen des Antisemitismus in Wort und Schrift aufzuklären, die Jugend vor seinen verheerenden, alle Ideale zersetzenden Wirkungen zu behüten, das Volk an ein selbstständiges Denken zu gewöhnen, dessen Mangel allein es verschuldet, daß die mit der bestehenden Gesellschaftsordnung stets unzufriedenen Massen, statt in treuer Arbeit und redlicher Pflichterfüllung die Besserung ihres beklagenswerthen Zustandes zu erstreben, jedem Schlagwort und wäre es noch so blöde, wenn es ihnen nur das Huhn in den Topf verspricht, in blindem Eifer nachloufen und namentlich immer wieder daran zu erinnern, daß man. bevor man berechtigt ist, vor fremden Thüren zu kehren, zunächst mit dem Unrat he im eigenen Hause und Herzen aufgeräumt haben muß. Es wird dabei nicht überflüssig sein, auch daran zu erinnern, daß was wir thun, nicht etwa blos zum Schutze der Juden geschieht, deren mit Blut und Thränen geschriebene Geschichte dereinst erzählen wird, daß das jüdische Volk nach so vi:l Unglück, Drangsal und Verfolgung auch den modernen Antisemitismus gesund überdauert hat, sondern zum Wohle, zur Ehre und im Interesse unserer christlichen Mitbürger, im Interesse der Wahrheit und der Gerechtigkeit, im Interesse der Cultur und ihrer edelsten Tochter — der Humanität. Der Verein zur Abwehr des Antisemitismus ist zu dieser vorwiegend hygienischen Thätigkeit berufen. Möge allen seinen Mitgliedern das beglückende Bewußtsein beschieden sein, zur Gesundung unseres öffentlichen Lebens an ihrem Theile redlich mit beigetragen zu haben. In ausgezeichneter Hochachtung Ihr dankbar ergebener Dr. Theodor Haase m. p. Wien, 7. April 1893. Correspondenzen. Moritz Lazarus. Anläßlich des Hinscheidens des großen Gelehrten wurden insbesondere aus Oesterreich seitens zahlreicher Vereine, Corporationen rc. Condolenzschreiben an die Witwe des Verblichenen gerichtet. Im Nachstehenden veröffentlichen wir die von dem „Allgem. Oesterr.-Israelitischen Bunde^ an die Witwe des Professors Lazarus abgesandte Trauerkundgebung, in welcher die große Bedeutung, die dieser Mann für das gesammte Judenthum besaß, ihre Würdigung findet: Wien, 16. April 1903. Hochverehrte Frau! Wenn jemals die Antheilnahme an einem großen Verluste den Schmerz ob desselben zu lindern vermochte, dann werden Sie bei dem Hinscheiden Ihres edlen Gatten Trost in dem Gedanken finden, daß die Klage über den Heimgang dieses großen Mannes eine allgemeine ist. Unvergänglich sind die Werke, mit denen Moritz Lazarus als Bahnbrecher auf einem Gebiete der Forschung, das er erschlossen, die Wissenschaft bereicherte; leuchtend steht seine Gestalt in der Erinnerung Aller, die die Vornehmheit seines

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