Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 20 (1903)
- Issue
- 18 (1.5.1903)
- Date
- 1903-05-01
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
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Nr. 18 WMMMrrM. Sette 983 Vx. SWÄL'S durch bewußte Entstellung lächerlich gemacht oder todtgeschwiegen. Damit die patentirten Hüter des Christeuthums, die ihre Aufgabe darin sehen, Andersgläubige zu verfolgen und gegen sie den Haß und alle Leidenschaften ihrer Mitbürger zu entfachen, wissen, was ein wirklicher Christ ist, citiren wir noch einen Satz aus dem Artikel Rosegger's: „Das für Andere leben, das im Wähle der Nächsten sein ganzes Glück sehen, das den Schwachen aufhelfen wollen, das Alles verstehen, indem man Alles begreift, — was ist es denn anderes als Christenthum?" So spricht ein wirklicher Christ, und er lehrt gerade das Entgegengesetzte von dem, was die christlich-socialen Demagogen üben. * * * Die Gehaltsregulirung der Lehrerschaft hängt von den Ergebnissen der Steuern ab, anderntheils aber auch von der allgemeinen Meinung, die man von der Lehrerschaft hat und im Interesse derselben noch gewinnen wird. Der Herr Dr. Pattai als Landesausschuß hat diese Erklärung öffentlich abgegeben und sein würdiger College Dr. Geßmaun hat sich ihr angeschlossen. Das sind wahrlich offenherzige Bekenntnisse schöner Seelen und sie gewähren uns Einblick in die politische Moral der Christlich-Socialen und in ihr allbewährtes System der politischen Erpressung. Wenn die Lehrer fromm und brav sind, d. h. wenn sie Parteigänger der Christlich-Socialen werden, dann vielleicht dürfen sie auf die Aufbesserung ihrer elenden Gehalte hoffen. Sind sie aber fortschrittlich oder gar socialdemokratisch gesinnt, dann sollen sie nur weiter hungern. Damit aber in dieser Hinsicht ja nicht der geringste Zweifel obwalte, schilderte Pattai ausdrücklich die edle Selbstverleugnung, die dazu gehört, daß die Landtagsabgeordneten Lehrern, von denen sie „beschimpft" werden, den Gehalt erhöhen, und er machte dabei offene Anspielungen auf die Gesinnungsgenossen des Abgeordneten S e i tz. Der wirthschaftliche Zwang soll die Lehrer ins christlich-sociale Lager treiben. Sie sollen bezahlt werden nicht nach ihren Bedürfnissen und nach ihren Leistungen, sondern nach ihrer Parteizugehörigkeit und sie wissen nunmehr, was sie zu thun haben, damit ihre Brodherrn eine gute „Meinung" von ihnen gewinnen. _ Isegrim. Die Schreckenstage in Beffarabien. Aus K i s ch e n e w schreibt man uns : „Meine Hände zittern. Wir durchleben Schreckenstage. Auf der Straße tritt man auf Seide, Plüsch und andere kostbare Stoffe. Möbel, Geschirr, Kleider liegen in den Gassen. Man geht in Federn wie im größten Schnee. Alles ist weiß. Die großen Magazine sind verwüstet und sehen wie leere Stallungen aus. Die Wohnhäuser ohne Fenster, ohne Möbel, ohne Menschen. Tausende reiche, angesehene Familien sind zu Bettlern geworden. Ein schreckliches Bild bietet der Friedhof dar. Dort liegen die Erschlagenen neben einander, bis man sie in ein Grab bettet. Neben ihnen stehen jammernd die armen Waisen, die den Friedhof und die theuren Tobten nicht verlassen, weil sie nicht wissen, wohin sie sich wenden sollen, weil sie Niemanden auf der Welt mehr haben. Hunderte und Hunderte schwer Verwundeter liegen in den Spitälern. So läuft man von dem Friedhof zum Spital und vom Spital zum Friedhof. Eine Anzahl von Leichen ist vollständig unkenntlich und schwer zu agnosciren. Seitdem die militärische Verstärkung gekommen und die Ruhe eingekehrt ist, kam ein Befehl des Polizeimeisters, die geraubten Gegenstände zurückzubringen. Die christlichen Einwohner von Kischenew bringen die Sachen zur Polizei, die sie auf der Straße „gefunden". Andere werfen die Gegenstände des Nachts auf die Straße hinaus. Es ist eine traurige Thatsache, daß wohlhabende Bürgersleute an dem Raub theilgenommen. Viele Millionen jüdisches Vermögen wurden zerstört. Die Noth ist unbeschreiblich." — Ueber die Entstehung der Exceffe melden die Blätter: In dem Städtchen Duboffary im Gouvernement Cherson, das größtentheils von Juden bewohnt ist, wurde vor ungefähr vier Wochen die Leiche des christlichen Knaben Rybalenko mit deutlichen Spuren eines gewaltsamen Todes im naheliegenden Bache aufgefunden. Alsbald wurde das Gerücht verbreitet, die Juden hätten den Rybalenko ermordet. Diese Gerüchte wurden von Antisemitenblättern dazu benützt, um ungescheut die Ermordung Rybalenko's als einen jüdischen Ritualmord zu bezeichnen. Die Folge dieser Hetze war, daß das Städtchen Dubossary von der christlichen Bevölkerung belagert wurde. Allein die russischen Behörden thaten Alles, um die christliche Bevölkerung zu beruhigen und die Ursachen des Mordes klarzustellen. Eine gerichtliche Commission mit dem Ober-Staatsanwalte von Odessa an der Spitze nahm in Dubossary die Exhumirung der Leiche Rybalenko's zweimal vor und erklärte auf Grund genauer ärztlicher Untersuchung, daß der Tod Rybalenko's im Raufhandel erfolgt, daß das Gerücht von einem angeblichen Ritualmorde völlig erfunden sei. Der Gouverneur von Cherson, Kammerherr Lewaschew. nöthigte sogar die Zeitung „Bessarabets", die Verbreiterin der falschen Gerüchte, öffentlich zu erklären, daß die Ermordung des Christenknaben Rybalenko mit einem Ritualmorde nichts zu thun habe. Aber alle diese Maßnahmen scheinen doch die gewünschte Wirkung nicht erzielt zu haben. Denn wenige Tage vor dem russischen Osterfeste erhielt die Oberverwaltung Kenntniß, daß große Krawalle gegen die Juden in Beffarabien beschlossen worden seien. Die Judenmassacres in Kischenew erinnern an die Metzeleien von Damaskus im Jahre 1840. Bis jetzt zählt man 120 Todte und viele hundert Schwerverwundete. Die Massacres wurden durch antisemitische Predigten der Geistlichen und die schamlosen Judenheben des Kischenewer Blattes „Bessarabets" hervorgerufen. Die Polizei blieb anfangs passiv und drängte später die Juden in die Häuser zurück, die Leute so der Wuth des Pöbels preisgebend. Es ereigneten sich unbeschreiblich grausame Scenen. Kinder wurden den Müttern entrissen und in Stücke gerissen. Das Kischenewer Militär, welches am dritten Tage auf telegraphischen Befehl ausrücken sollte, verweigerte den Gehorsam und es mußte Militär aus Bender requirirt werden. Die Panik ist auch noch heute ungeheuer. Die Juden verlassen, Hab und Gut preisgebend, fluchtartig die Stadt. Nach den Schilderungen von in Jassy eingetroffenen Reisenden und Flüchtlinaen aus Kischenew werden die dort gegen die Juden stattgehabten Pöbelausschreitungen als von langer Hand vorbereitete bezeichnet. Die Zahl der Opfer wird weit höher veranschlagt, als man anfangs vermuthete, und der angerichtete Schaden ist ein bedeutender. Einige beziffern die Zahl der im Kampfe Getödteten auf 70 bis 80, die der Verwundeten nach Hunderten. Die Judenverfolgungen wurden dadurch hervorgerufen, daß das Gerücht verbreitet wurde. Juden hätten einen Ritualmord verübt. Dieses Gerücht, das in verschiedenen Versionen in Umlauf gesetzt wurde, brachte unter der leichtgläubigen Bevölkerung der kleinen Ortschaft eine tiefe Erregung hervor, die von antisemitischen Agitatoren geschürt wurde. Die jüdischen Ostertage bildeten hiezu einen willkommenen Vorwand. Bald arteten die Demonstrationen des Pöbels in Gewaltthätigkeiten aus. Im Judenviertel begann ein wildes Rauben, Morden und Plündern. Truppen wurden requirirt und machten dem Plündern ein Ende. — Ein anderer Bericht lautet: Eingeleitet wurden die Schreckensscenen durch Gaffenbuben, welche die jüdischen Kaufläden mit Steinen bewarfen. Die Inden eilten herbei, um die Jungen zu vertreiben und ihr Eigenthum vor Schaden zu schützen. Die Demonstration nahm bald so große Dimensionen an, daß sich die Polizei als zu schwach erwies, und die requirirten Truppen fraternistrten mit den Demonstranten. Viele jüdische Geschäfte wurden ausgeplündert, die Maaren auf die Straße geschleudert und die meisten derselben gestohlen. Arbeiter und Bauern drangen in die Jndenhäuser ein und raubten und mordeten. Auch Frauen und Kinder wurden getödtet. Unter Anderen wurde auch der Jassyer Viehhändler Benzion Galasteanu getödtet. In einem einzigen jüdischen Hause fand man acht ermordete Juden auf. Amtlich verlautet, daß acht Juden getödtet worden seien, während in der That mehr als 70 Todte gezählt wurden. Die vom Stadtparke gegenüberliegende Juwelenhandlung Atowsky wurde devastirt und ausgeraubt. Die jüdischen Synagogen liegen in Trümmern, die Thorarollen und Geräthschaften wurden zerstört und auf die Straße geworfen. Das Palais des Adelsmarschalls Krnpensky wurde gleichfalls attaquirt. Im Kampfe gegen die Banden trug der Officier Cantacuzeno schwere Wunden davon. In der angrenzenden Ortschaft Perieni, wo die Juden in der Mehrzahl sind, verjagten diese die Angreifer. Die Straße, die vom C'ntrum der Stadt zum jüdischen Friedhof führt, ist zerstört. Eine Jüdin, die sich in einem Keller versteckt hielt, wurde getödtet, ebenso ihr Kind, das sie an der Brust hielt. In den Spitälern und Kasernen befinden sich viele Verwundete und Verhaftete. Im jüdischen Spital zu Kischenew fanden bis zum Mittwoch mehr als 200 Verwundete Aufnahme. Im Leichenhause auf dem jüdischen Friedhofe hatte man 32 Leichen aufgebahrt, deren Identität in Folge der gräßlichen Verstümmelungen nicht festgestellt werden konnte. Die Gesammtzahl der bisher geborgenen Tobten beträgt <2, darunter 43 Juden. Mehr als 500 Verhaftungen wurden vorgenommen; unter den Verhafteten befinden sich Studenten der Theologie und etwa 20 Studenten aus Odessa, die herbeigeeilt waren, den Aufruhr zu dämpfen. — Ans Odessa wird uns geschrieben: Am 20. April wurden in Kischenew 38 Juden getödtet und 173 verwundet, in Gegenwart von Polizei, Kavallerie und Infanterie. Von hier aus sind am Mittwoch sechs Waggons mit Brot nach Kischenew geschickt worden. Frauen und Kinder flüchteten am Montag, nur nothdürftig bekleidet, aus ihren Wohnungen. Dem Kaufmann Galanter sind Augen und Zunge herausgeschnitten worden, weil er sich gewehrt hatte und seine sechs Kinder beschützen wollte. Er wehrte sich mit dem Revolver in der Hand. Sämmtliches Eigenthum der Juden ist zerstört und die Waaren wurden auf die Straßen geworfen und davongeschleppt, die Häuser demolirt. Vielen jüdischen Frauen thaten die Excedenten Gewalt an; Kinder warfen sie aus den oberen Stockwerken der Häuser auf das Straßenpflaster. Und während dieser grauenvollen Ausschreitungen einer geradezu wahnsinnigen Menge ertönte auf dem Boulevard lustige Musik. Die verzweifelte jüdische Bevölkerung flüchtete zum Hause des Gouverneurs; dort trieb man sie aber gewaltsam davon. Der Gouverneur hatte erst nach Petersburg telegraphirtund Instructionen erbeten; als dann die Antwort eintraf, ging man daran, Ruhe zu schaffen. Der angerichtete Schaden ist sehr groß und wird auf etwa vier Millionen Rubel geschätzt. Tausende von Personen sind ohne Obdach und Nahrung.