Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 20 (1903)
- Issue
- 18 (1.5.1903)
- Date
- 1903-05-01
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
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Sette 282 Dr. Bloch's Wochenschrift Nr. 18 uur eine suppletorische, vorbereitende Arbeit für eine legale Organisation leisten, die früher oder später im Wege einer sämmtliche österreichische Cultusgemeinden umfassenden gemeinsamen Verfassung geschaffen werden muß. Eine nach oben und unten mit autoritativen Befugnissen ausgestattete Repräsentanz der ganzen österreichischen Judenschaft — das ist das Ziel, welchem wir unablässig zustreben. Nur auf diesem Wege allein kann jene Zusammenfassung aller verfügbaren Kräfte unter unseren österreichischen Glaubensgenossen durchgesetzt werden, die erforderlich ist, um unseren Anspruch auf volle Gleichberechtigung zur Geltung zu bringen und jeden wie immer gearteten Angriff auf unsere Stellung als freie Staatsbürger erfolgreich zurückzuweisen. Die vielberufene Solidarität der Juden existirt leider nur im Munde unserer Feinde, sie ist noch lange nicht zur Wahrheit geworden. Es muß offen ausgesprochen werden, daß die politische Schulung und Reife unserer Glaubensgenossen noch vielfach gehemmt wird durch eine beklagenswert he Engherzigkeit und Gleichgiltigkeit in unseren eigenen Reihen. Dieses innere Hemmniß einer Einigung durch unermüdliche Aufklärung zu beseitigen, ist unsere vornehmste, wenn auch schmierigste Aufgabe. Noch müssen Tausende und Abertausende, die abseits stehen, für unsere Bestrebungen gewonnen werden und jeder Einzelne, der sich uns bereits angeschloffen hat, muß selbst wieder zum Apostel werden mt*' in seinem engeren Kreise immer wieder mit ungeschwächter Begeisterung den Gedanken verkünden: „Kämpfen wir für unsere Rechte, damit wir sie ungeschmälert unseren Kindern und Kindeskindern überliefern können." (Lebhafter, anhaltender Beifall.) Dem Cassaberichte, den Herr Albert Winterberg erstattete, entnehmen wir, daß die Einnahmen im Jahre 1902 K 41.331*56 und die Ausgaben K 39.30479 betrugen. An die Verlesung des Rechenschaftsberichtes knüpfte sich eine kurze Discussion, an welcher sich die Herren Schick, Rosenzweig, Ehrlich, Dr. Bloch, Dr. Zins und Salomon Beer betheiligteu. In derselben wurde eine Reihe werthvoller Anregungen für die Ausgestaltung der Vereinsorgauisation gegeben. Auf eine Anfrage Dr. B l o ch's erklärte Secretär Fleischer, daß das Rechtsschutzbureau sich mit den Judenplünderungen in U h n o w bereits befasse. Ueber Antrag des Herrn Schick wurde dem Vereinsvorstande für seine ersprießliche Wirksamkeit die einstimmige Anerkennung votirt und der Jahresbericht zur Kenntniß genommen. Nachdem der Präsident den znrücktretenden Vorstandsmitgliedern Dr. M e i t n e r, R o s e u b a u m und Winterberg unter allgemeinem Beifalle seinen 'wärmsten Dank ausgesprochen hatte, erfolgte die Neuwahl des Vorstandes. Wiedergewählt wurden die Herren: kais. Rath Wilhelm A u n i n g e r, Prof. Dr. S. E h r m a n n, Julius Granichst ä d t e u, Jakob I a i t e l e s, B. K a n i tz, Sigmund Mayer und Maximilian Paul-Schiff. Neugewählt die Herren: Emanuel K a u d e r s, Dr. Heinrich Schreiber und Richard T e w e l e s. Herr Salomon Beer, welcher eine ansehnliche Minorität auf sich vereinigte, wurde ersucht, als Beirath zu fungiren. Zu Revisoren wurden die Herren Winterberg und Fuchs bestellt. Der Jahresbeitrag pro 1904 wurde mit K 4*— fixirt. Vom Jahrmarkt des Lebens. Glossen zur Tagesgeschichte. (Verzichtleistung auf die Bisthümer. —Eine interessante Statt st ik. — Echte Christen und Talmichristen. — Das herrschende System.) „Wir erklären feierlich in unserem eigenen Namen und glauben auch für unsere Glaubens genoffen die Erklärung abgeben zu dürfen, daß wir Juden einfür allemale auf alle Bischofs- U'rd Erzbifchofssitze Verzicht leisten". Diese Renunciation sind wir dem „Deutschen Volksblatt" und ähnlichen antisemitischen Organen schuldig, die sich nicht entblöden, den Erzbischof Kohn gegen die Juden auszuspielen; es ist die neueste heitere Specialität der antisemitischen Blätter, daß sie aus Ausschreitungen eines katholischen Kirchenfürsten Capital gegen die Juden schlagen. Erzbischof Kohn entstammt einem Hause, das seit Generationen dem Christenthume angehört, er hat eine streng katholische Erziehung genossen, sein ganzes Leben verbrachte er im reinsten clericalen Milieu, von jüdischem Geiste besitzt er und kann er auch naturgemäß nicht das Geringste besitzen. Diese Thatsachen touchiren den Leitartikler des „Deutschen Bolksblattes" nicht, und er erklärt mit großem Pathos, „daß sich wieder einmal die absolute Berechtigung des Racenantisemirismus herausgestellt hat. Wenn sogar ein Jude, der es bis zum Erzbischof gebracht, die Eigenthümlichkeiten des Volksstammes, dem er entsprossen ist, nicht abzustreifen vermag, dann müssen wohl alle Einwände gegen die Anschauung, daß die Judenfrage keine confeffionelle ist, verstummen. Alles, was Dr. Kohn gethan hat, ist keineswegs eine Wirkung des Milieus, das ihn jetzt umgibt, sondern es sind nur Aeußerungen des jüdischen Geistes. Die Rachsucht, mit der er Alle verfolgt, die ihm entgegenzutreten wagen, der schmutzige Geist, der ihn dazu veranlaßt, Arme, die in den bischöflichen Wäldern nach Klaubholz suchen, der Behörde anzuzeigen u. s. w., — alles das ist echt jüdisch". Vermutlich deshalb echt jüdisch, weil es von den Clerical-Feudalen strengster Observanz geübt wird. Der große Psychologe des „Deutschen Volksblattes" wird sich wohl beruhigen, nachdem wir nun in aller Form auf die geistlichen Würden der römischen Kirche Verzicht geleistet haben. Ernstlich auf die citirten Ausführungen einzugehen, halten wir für ganz überflüssig. Gelungen nimmt sich besonders aus, daß es als eine jüdische Eigenschaft hingestellt wird, Jeden, der anderer Meinung ist, zu verfolgen. Man braucht sich nur daran zu erinnern, in welcher Weise Deutschnationale und socialdemokratische Lehrer um ihrer Gesinnung willen von den Christlich-Socialen behandelt werden. Wo in aller Welt gibt es Juden, die Leute um ihrer anderen Gesinnung willen verfolgen? Die Juden befinden sich überall in der Minderheit, und da wäre es doch sehr thöricht von ihnen gehandelt, ihren Willen gewaltsam durchsetzen zu wollen; es liegt ja in ihrem eigenen Interesse, daß Friede herrscht. Die zweite angeblich jüdische Eigenschaft, welche die Herren an Erzbischof Kohn finden, den schmutzigen Geiz, können die Christlich-Socialen gleichfalls bei ihresgleichen oft genug vorfinden. Unter den christlich-socialen Gemeinderäthen sind die Hausherren ziemlich stark vertreten^ die arme Leute, welche den Zins nicht pünktlich bezahlen können, rücksichtslos delogiren, die ärgsten Schundlöhne werden von den feudalen Herren, wie von den Schwarzenberg, gezahlt, aber wenn es sich um irgendwelche Wohlthätigkeitsacte handelt, da sucht man vergeblich unter den Namen die Antisemitenführer, während die jüdischen Reichen stets größere Beträge spenden. Vielleicht machen die Christlich-Socialen, die so gerne mit der Angabe der genauen Procentzahlen hervortreten, wenn sie das jüdische Uebe.rgewicht Nachweisen wollen, einmal den Versuch, auszurechnen, wieviel mal größer btr Procentsatz ist, welchen die Juden bei solchen Wohlthätigkeitsacten beisteuern, als es ihrer Bevölkerungsziffer und ihrem Antheile am Gesammtvermögen entsprechen würde. Um das gewaltige Uebergewicht der Juden, welches die Christlich-Socialen da finden würden, zu brechen, wüßten wir ein einfaches Mittel. Die Herren brauchten nur tief in ihren Geldbeutel zu greifen, sie würden dadurch zeigen, daß sie frei von schmutzigem Geize sind und sie würden dadurch zum erstenmale in ihrem Leben wirthschaftlich Verarmte aus ihrem Elende befreien, während sie sich bis jetzt immer damit begnügt haben, es mit tönenden Worten zu thun. Wir fürchten aber sehr, höher als die günstige Gelegenheit, sich als Volksfreunde zu zeigen, steht ihnen ihr Geldsack. Daß die Ausschreitungen des Erzbischofes Kohn nichts Jüdisches an sich haben und nicht vereinzelt dastehen, — gehören etwa die vielen „Wieder einer" auch dem Judenthume an? — sondern eine Folge der hierarchischen Einrichtungen der römischen Kirche sind, könnten die schriftstellerischen Leuchten der antisemitischen Partei aus dem diese Woche in einer Wiener Wochenschrift erschienenen Artikel Peter Rosegger's „Die Gottsucher unserer Zeit" ersehen, worin Rosegger u. A. sagt: „Wer die fatalen Auswüchse an der römischen Kirche abschneiden will und wer eine Reform im Sinne der ersten Christen verlangt, gegen den wird auf Kanzeln, im Beichtstühle, an Krankenbetten geeifert, gegen den werden Pamphlete verbreitet und Bücher geschrieben, vollgespickt mit Unwahrheit und Verleumdung". Diese Kritik charakterisirt sehr treffend die Kampfesweise der Clericalen im Allgemeinen, die unserer Christlich-Socialen aber ganz besonders. Jeder sachliche Einwand, den man ihnen macht, wird entweder