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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1903-05-01 · 18 (1.5.1903) · page 3

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
20 (1903)
Issue
18 (1.5.1903)
Date
1903-05-01
Page
– (sequence 3)
Language
German
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flr. 18 Dr. Bloches Wortzenschrist. Berte 379 Darstellung der Beraubung und Mißhandlung einer jüdischen Familie, deren greises Oberhaupt, während ihn die Missethäter unbarmherzig schlugen, inmitten dieser Greuel von den schluchzenden Kindern mit dem Rufe umschlungen wurde: „Väterchen, Väterchen, warum sind wir Juden?" Ich griff zur Feder, schilderte Lazarus die ergreifende Scene und schrieb unter Anderem: „Wer hört aus dieser angstvollen Frage des weinenden Kindes nicht die volle Tragik der zwei Jahrtausende alten Leidensgeschichte unseres Volkes? Und wer möchte nicht versucht sein, dieseFrage zu beantworten? Doch für diese Beantwortung halte ich nur Sie, verehrter Meister, den Völkerpsychologen, den Philosophen, den Historiker, den Forscher, den gelehrten Kenner des Judenthums, seiner Geschichte, seiner Schriften, seiner Traditionen und ach, seiner Mission für berufen. Die Frage brennt auf Aller Lippen, — die Antwort wäre eine Erlösung aller Herzen, — und darum rufe ich Ihnen zu: Sie, der Erste unter uns Allen, geben Sie uns die Antwort, sie werde und bleibe uns ein theueres Vermächtniß!" Und mit impulsiver Schnelligkeit beantwortete der Meister meine Anregung aus Meran am 25. Februar 1896: „Mein lieber, warmherziger Freund! Ich kann und darf nichts versprechen. Aber ich theile Ihnen den Gedanken mit, den ich sofort nach dem Lesen Ihres lieben Briefes hatte, und der ein Entschluß ist. Ja! ich will die Frage: Warum sind wir Juden? welche für mich keine ist, zu der meinigen machen und eine Antwort darauf geben, zunächst bei Ihnen in Wien, in einer großen Versammlung und dann vielleicht etwas weiter ausgeführt auch schriftlich. Aber vorerst darf ich nicht. Die „Ethik" muß erst fertig, das heißt der erste Band gedruckt und der zweite wenigstens vorbereitet sein . . . Als ich es meiner Frau sagte, waren ihre Augen voll Thränen; sie dankte mir, vielmehr sie dankte Gott, daß ich nach all' den Arbeiten der letzten Jahre so viel Energie habe, sofort Ja! zu sagen . . . Gruß und Handschlag! Ihr Lazarus." Es hat nicht sollen sein! Wohl war es dem Meister und uns beschieden, daß er uns alsbald mit der bedeutsamsten Frucht seines Geistes beglückte und sich selbst mit der systematischen „Ethik des Judenthums" (l. Theil) ein unvergängliches Monument und uns ein weithin leuchtendes Wahrzeichen errichtete, aber zugleich schlich Krankheit, ein tückisches Fieber, an ihn heran, welches sich nicht bannen ließ und des Alters Beschwer zur Gefahr steigerte. Schon das am 30. November 1899 vielfach gefeierte Jubiläum seiner fünfzigjährigen Doctorwürde, einer dreifachen, da unser Altmeister gleichsam wie dreien Welten drei Facultäten als Doctor angehörte, fand ihn leidend, so daß seine hingebungsvolle Gattin schon am 7. December 1899 tiesbekümmert klagte: „Meine lieben Freunde — was in unseren Seelen vorgeht, wenn mein Geliebter krank ist, können Sie sich kaum vorstellen. Mein Leben ohne den Sonnenschein, den er durch seine Liebe, Güte und unbeschreibliche Herrlichkeit auf mich ausstrahlen läßt, wäre ja ganz verdunkelt, nur seine Pflege wäre noch mein ganzes Glück, — aber was bin ich? Doch sein Werk! seine Ethik! sein zweiter Band, die Krone, die Vollendung des Werkes! Ich schlafe nur noch mit gefalteten Händen ein." . . . Doch es traten auch günstige, verheißungsvolle Wendungen ein und noch im April 1902 eine günstige Phase, welche mich ermuihigte, dem rastlos, mit heiterem, milden Sinne schaffenden Gelehrten die Beantwortung der Frage: Warum sind wir Juden? jedoch mit der Modification in Erinnerung zu bringen, daß ich auf den grassirenden Abfall verwies, der speciell in Wien und in den größeren Städten erschreckend zunehme; ich sprach den Wunsch aus, dieser Gefahr und diesem Jammer ein mächtiges, packendes, autoritäres Wort entgegengesetzt zu sehen, einen Mahnruf gegen diese entsetzlichen Judentaufen, eine Aufrüttelung der Herzen und Gewissen, die nur durch ihn, den verehrten Meister, mittelst einer schriftlichen Manifestation wirksam erfolgen könne. Doch Lazarus' Empfinden und Erkenntniß war gegen eine solche Kundgebung und er antwortete mir nach etwa sechs Wochen in folgender bedeutsamer Weise: Meran, den 9. Juni 1902. Mein verehrter Freund! „Könnte ich Zusagen, hätten Sie es längst gehört, eine Ablehnung kommt immer noch zu früh. Nein! ich will zur Taufsache das Wort nicht nehmen aus zwei von einander sehr abweichenden Gründen. Zunächst glaube ich nicht an irgend einen Erfolg; ich würde es als eine unverzeihliche Einbildung ansehen, wenn ich glauben wollte, daß mein Wort auch nur einen Tauscandidaten zurückhalten kann. „Ein autoritäres Wort" — daß Gott erbarm! Wo in aller Welt gäbe es eine Autorität für einen Menschen, der seinen Glauben abschwört, sogar officiell verflucht und eine Religion annimmt, an die er nicht glaubt? Meine Geneigtheit, damals — 1898 — die Frage: Warum sind wir Juden? zu beantworten, sollte auch gar nicht dazu dienen. Diejenigen, welche Nichtjuden werden wollen, als Juden zu erhalten; nur dazu wollte ich helfen:Die nochJuden sind und bleiben wollen, zu klaren und wahren, zu echten und tiefen Juden zu machen. Der Unwissenheit wollte ich ein Licht aufstecken, der Gleichgiltigkeit Feuer unterlegen. Für jetzt ist mir auch das unmöglich. Seit Monaten bin ich in meinem organischen Gesammtbefinden, medicinisch geredet, gesund, aber ich bin von Beschwerden und Schmerzen reichlich geplagt und Geduld ist die Luft, die ich athmeu muß, um mich aufrechtzuhalte n." „Auf unsere Frage zurückkommend will ich noch sagen: Das unveränderte sociale Verhalten der Un getauften gegen die Getauften bildet gleichsam die ideelle Concurrenz des Verbrechens, welches ohne dieselbe wehl meist nicht zur Ausführung käme, — aber auch da würden meine Worte wenig helfen. Nun aber mein zweiter, wichtigerer Grund, weshalb ich schweigen darf nicht blos, sondern muß. Ich müßte Dinge sagen, — denn wahrhaft energisch kann man nur bei voller Wahrhaftigkeit reden — welche Ihnen, unseren Freunden, aber auch mir selbst gar nicht gefallen würden. Längst har man einen Gedanken ausgesprochen, dem ich ungern, aber gezwungen beistimme. Die Erhaltung desJudenthums gilt als ein Wunder; zu den wesentlich mitwirkenden Elementen seiner Erhaltung gehört aber, daß, wenn sich die Anzahl der Treulosen, der leeren und der hohlen Glieder der Gesellschaft aus irgend welchen historischen Gründen gemehrt hatte, diese sich getrennt haben, ausgetreten sind. Die Fahnenflüchtigen, die e h rlosen Männer, besonders auch bieiu U nwissenheit und Eitelkeit verlotterten Weiber, sie schaden der Gesammtheit der Juden mehr, als wenn sieNichtjuden werden. Dem Judenthum leisten die Abtrünnigen durch ihre Taufe, durch die officielle Fahnenflucht vielleicht den ersten, vielleicht auch den bestenDienst, den sie nach ihrem ganzen Charakter oder bei ihrer Charakterlosigkeit ihm leisten konnten. Wegdamit! Weg! Hinaus! Und dennoch werden und müssen wir jede Taufe beklagen. Die Ausscheidung des leblos Gewordenen ist wohlthätig, weil sie für die Erhaltung des Lebens nothwendig ist; aber eben diese Nothwendigkeit schmerzt uns. Das Ausscheiden derTreulosen ist wie eine bittere Medicin; sie mag heilsam sein, bitter ist sie doch, und nicht die Medicin ist das Leiden, sondern die Krankheit, wegen deren wir sie nehmen. Jede Trennung eines Ungetreuen thut uns weh, fast mehr noch durch ihre Möglichkeit, als durch ihre Wirklichkeit ..." Lazarus verweigerte es. zur Taufsache zu sprechen. — und doch, wie viel Wahres und Vortreffliches sagte er in seiner Ablehnung, mit welchem psychologischen Seherblick erhellt er die Frage, wie brandmarkt er die Abtrünnigen und wie schwer trifft

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