Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 20 (1903)
- Issue
- 18 (1.5.1903)
- Date
- 1903-05-01
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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«settt 278 Dr. Bloch's Wochsnschrift. Sir. 18 unmittelbar engagirten Lvcalbehörden mit im Spiel ist, so trägt an dieser bedauerlichen Erscheinung doch ganz gewiß jener den Juden feindselige Geist Schuld, von welchem innerhalb des letzten Quinquenniums die Verwaltung in Galizien erfüllt ist. Wir erinnern uns da eines merkwürdigen Vorkommnisses nach den Plünderungen von Alt-Sandez. Vor dem Ausuahmsgerichte stand damals eine Anzahl von Bauern unter der Anklage des Raubes und der öffentlichen Gewaltthätigkeit. Der Präsident des Gerichtshofes apostrophirte den Rädelsführer derselben mit folgenden Worten: „Du bist ja ein intelligenter Bauer, Du kannst ja lesen und schreiben; wie ist es Dir denn nur eingefallen, zu glauben, daß solche Dinge gestattet seien?" Und der Bauer antwortete: „Hoher Gerichtshof! Ich weiß, daß bei uns nichts gedruckt werden darf, was nicht gesetzlich ist, und daß der Staatsanwalt alle Zeitungen confiscirt, in welchen gesetzwidrige Dinge gedrucU werden. Nun kam zu uns eine Nummer des „Grlos narodu“ aus Krakau, in welcher stand, daß der Kaiser gestattet habe, die Juden zu plündern und zu schlagen. Da dieses Blatt nicht confiscirt worden war, mußte ich annehmen, daß darin die Wahrheit gesagt sei, und so habe ich meiue Genossen aufgefordert, diesem vermeintlichen Befehle von oben Folge zu leisten." Das ist eine durchaus wahre Geschichte, die man in den Acten des Neu-Sandezer Ausnahmsgerichtes Nachlesen mag. Und sie spricht fürwahr Bände« Sie beweist, daß die Zügellosigkeit, die Gesetzwidrigkeit, die Gewaltthätigkeit nicht von unten verursacht wird, sondern daß dafür immer Beweggründe maßgebend sind, für welche Diejenigen verantwortlich gemacht werden müssen, die an der Spitze der Verwaltung stehen. Wenn es Vorkommen konnte, daß der erste Beamte des Landes, wie das in Delatyu geschehen ist, sich vom Rabbiner und Cultusvorsteher, die zu seiner Begrüßung erschienen waren, verächtlich abwenden konnte, ohne sie eines Blickes zu würdigen, wie soll mau von dem einfältigen und systematisch verdummten Bauer verlangen, daß er in den Juden seine Mitbürger sehe und sich friedlich mit ihnen vertrage. Die Polnischen Blätter sind voll von tendenziösen Berichten über die angeblichen Ursachen der Uhuower Excesse. In allen diesen Berichten wird Haß und Verachtung gegen die Juden gepredigt und keinem Staatsanwalt in Galizien fällt es ein, diese Verleumdungen durch Coufiscation unwirksam zu machen und gegen die Verleumder die Strenge des Gesetzes anzuwenden. Dem Niederschlage dieser hetzerischen Berichte begegnen wir auch in Wiener antisemitischen Blättern. In einem Artikel des „Deutschen Volksblattes" heißt es, daß bei den Uhnower Exceffen keine antisemitische Agitation im Spiele war, sondern daß sich daselbst der lange zurückgehaltene Ingrimm des christlichen Volkes gegen die jüdische Ausbeutung in momentaner Aufwallung Luft zu machen gesucht hat. Das Verbrechen wird also formell beschönigt, die Verwüstung des Eigenthums wird als ein berechtigter Act des Ingrimms hingestellt und die Juden ungestraft der Brandstiftung beschuldigt, noch ehe die gerichtliche Untersuchung über die Ursachen der Krawalle Klarheit geschaffen hat. Man schreckt dabei vor den lächerlichsten Widersprüchen und Juconsequeuzen nicht zurück. Man erzählt, daß die Versicherungsgesellschaften keine Versicherung der Uhnower mehr annehmen wollen, da in den letzten zwei Jahren vielleicht zwanzigmal daselbst Feuer ausgebrochen fei; und in demselben Athem fügt mau hinzu, daß nach jeder Feuersbrunst die jüdischen Abbrändler sich viel schönere Häuser bauen ließen, während die christlichen Abbrändler sich aus der Entschädigungssumme nur elende Lehmhütten aufführen konnten. Es ist ja allgemein bekannt daß die Versicherungsgesellschaften in Galizien sich ausschließlich in christlichen Händen befinden und daß bei denselben kein einziger Jude beschäftigt wird. Die antisemitischen Assecuranzinstitute sollen die jüdischen Abbrändler gegenüber den christlichen begünstigen und das christliche Geld den Juden förmlich an den Kopf werfen? Aus dieser Uebertreibung kann man auf die vollständige Verlogenheit der betreffenden Berichte schließen. Aber auf die Wahrheit kommt es dem „Deutschen Volksblatt" und seinen Gesinnungsgenossen nicht an und es kennt seine Leser gut genug, um einen solchen logischen salto mortale zu wagen. Die gerichtliche Untersuchung ist eingeleitet. Trotz aller Erfahrungen, die wir bereits in Galizien mit gerichtlichen Untersuchungen in ähnlichen Fällen gemacht haben, hoffen wir, daß dieselbe nichts verschleiern und die wahren Urheber der Uhnower Excesse entlarven werde. Wir hoffen dies, weil die Justizverwaltung gegenwärtig in den Händen jenes Mannes ruht, der den Ausspruch gechan hat: „Das Gesetz soll eine eherne Tafel sein". An dem guten Willen Dr. v. Kverber's, auch in Galizien dem Gesetze Achtung zu verschaffen, kann man nicht zweifeln. Es ist nur abzuwarteu, ob er diesen Willen auch in die Thal umzusetzen vermag. Professor Kozorus über die Iudentlmfen. Von Dr. Herrmann Fialla. An der Bahre der Todten werden die Erinnerungen lebendig. Worte, Kundgebungen, oft nur dem flüchtigen Augenblick entsprungen, gewinnen an Tiefe und Bedeutung, weil ihnen keine mehr folgen können, weil sie als »letzte" Worte mit gesteigerter Kraft und mit Wehmuth zugleich uns erfassen. So will dem verewigten großen Meister, der dem „Leben meiner Seele" in den letzten Jahren nahegestanden, ich eine bescheidene Huldigung darbringen, indem meine bewundernde und dankbare Erinnerung aus den Briefen des verklärten Weisen, deren ich zeitweise theilhaftig wurde, einzelne Kundgebungen hervorholt, die allgemeines Interesse in Anspruch nehmen. Es war zu Ostern des Jahres 1807, als infolge meiner Initiative und Einladung seitens des „Politischen Volksvereines" Professor Lazarus und dessen congeniale Gattin nach Wien kamen und in zwei begeisternden Vorträgen durch ihre geistigen Darbietungen nicht minder, als durch den Zauber ihrer Persönlichkeit die gebildeten Kreise unserer Stadt im Sturme eroberten;.der Eindruck und die Nachwirkungen der hochgesinnten, ebenso schlicht als unwiderstehlich von Professor Lazarus entwickelten Verherrlichung des unerschöpflichen Gedankeninhaltes unseres religiösen Seins und der jüdischen Weltanschauung waren mächtig und unverkennbar, — ja bie Veranstaltung und Abhaltung dieser Vorträge inmitten der großen Oeffentlichkeit galt geradezu als Wagniß welches eine im Süden lebende, wohlbekannte Politische Persönlichkeit, einen österreichischen Minister a. D., zu nachfolgendem brieflichen Zurufe an Profeffor Lazarus bestimmte: . . . 15. April 1897. „Verehrtester Herr und Freund! Es drängt mich, Ihnen und Ihrer Frau Gemalin meine Freude, Bewunderung nnd Genugthuung darüber auszudrücken, daß Sie den Muth hatten, in dem antisemitisch verseuchten Wien Borträge über die religiösen Grundsätze des Judenthums zu halten. Ich hoffe, diese erbärmliche antisemitische Bewegung hat in Wien ihren Culminationspunkt erreicht und ist im Nledergange begriffen. Was ist doch aus demWien des 1848er-Jahres geworden! Mit Herz und Hand in treuer Ergebenheit Es waren Tage voll reichster Anregung und geistiger Erhebung, die mir gegönnt waren und deren inhaltsvoller Verlaus mich bestimmte, im August desselben Jahres im Vereine mit meiner Frau den uns lieb gewordenen Freund, den großen Gelehrten und ehrwürdigen Patriarchen, den Philosophen voll Weisheit und Güte und dessen edle und seelenvolle Gattin auf des Meisters Sommersitz in Schönefeld bei Leipzig zu besuchen und bei ihm „eine Stunde Ethik", wie ich es nannte, herzerhebend zu durchleben. Es kam der Spätherbst 1897, der uns die Schmach und Greuel der P r a g e r S ch r e ck e n s t a g e, die barbarischen Revolten gegen Juden und die Plünderungen jüdischen Vermögens brachte; unter den zahllosen Schilderungen blutiger Raubsucht und fanatischer Verfolgung erregte mein tiefstes, schmerzliches Mitgefühl und meine Empörung die sinnfällige