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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1903-05-01 · 18 (1.5.1903) · page 1

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
20 (1903)
Issue
18 (1.5.1903)
Date
1903-05-01
Page
– (sequence 1)
Language
German
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Ur- Dr. Bloch 8 Jahrgang n Centralorgan für die gessmmten Interessen des Iudenthums. Mir«. 1. Mai 1SV3. -«»— «. —<-— Erscheint jeden Freitag. --- Brief-Adresse: Wien, IX/1, Berggaffe 39. Telegramm-Adresse: Bloch's Wochenschrift, Wien. wr =- - X »ejugsprei» fltr Srstrrrrtch Halbjährig 8 fronen. Einzelexemplare SV Heller. Für'» Anal and: Halbjährig 10 Jkraueu. Ganzjährig 2V » Anzeigen- Dir 4mal gaspatt«, veNtzeile 24 Heller. » — =m II. k. Postsparcagen-Amt Clearing-Verkehr Nr. 610.876. j Ledsction und Administratio»! Wien IX/I, Berggaffe Nr. 38. | Talephon Nr. 14.847. *— - — ' « Inhalt r Leitartikel: Die Jndenplssnderungen in Uhnow. — Professor Lazarus über die Jndentaufen. — „Oesterreichisch-Jsraelitische Union". —V omJahrmarktdesLebens: Glossen zur Tagesgeschichte. Die Schreckeiistage in Bessarabien. Superintendent Dr. Theodor Haase.— Correspondenzen: Moritz Lazarus. „Eine Cooperation aller Ver-ine zur wirthschaftlichen Unterstützung". Wien, Humpoletz, Berlin, Köln. Die Demolirung eines Ghetto-Thors. Bucarest, Pittsdurg. — L-. r mischt es: Kranzablösungsspenden zu Gunsten der Chewra-Kadischa in Wien. Wien, Vöslau, Troppau, Czernowitz, Budapest, Szered, Nagy-Kanizsa, Leipnik, Darmstadt, Berlin, Frankfurt a. M., Paris. — Feuilleton: Moderne Maranneu. — Neue Bücher. — Briefkasten. — Inserate. Die Iudenpiunderrmgen in Dlhrrarv. In einem kleinen galizischen Städtchen, hoch oben an der russischen Grenze, sind wieder einmal Inden geplündert und geschlagen worden. Aus den bisher vorliegenden Berichten ist die Ursache der Excesse noch nicht klar zu erkennen. Nur das Eine steht fest, daß in nachtschlafender Zeit ein Brand ausgebrochen ist, der innerhalb einer Stunde zwanzig Häuser einäscherte und daß während dieses Brandes die Bauern sich zusammenrotteten, um die Inden zu überfallen. Wir folgen antisemitischen Berichten, wenn wir feststellen, daß der erste Feuerruf in Uhnow um 4 Uhr Früh erscholl, und daß schon um 5 Uhr Früh 300 Bauern auf dem Ringplatze zu einer Berathung versammelt waren, deren Ergebniß die ungesäumt ins Werk gesetzte Plünderung und Demolirung der Judenhäuser war. Uhnow liegt in einer armen Gegend. Mit harter Mühe ringt der Bauer dem kargen Boden spärliche Früchte ab. Man weiß, daß in den meisten Gegenden Galiziens der Frühling die Zeit des Hungers für die Bauern ist. Der harte Winter hat die kümmerlichen Ersparnisse der Erntezeit aufgesaugt und neue Schulden können nicht gemacht werden, so lange die frische Saat nicht in die Halme geschossen ist. Nicht minder kümmerlich fristet der Jude in dieser armen Gegend sein Dasein. Auf dem verwahrlosten Ringplatze drängt sich Laden an Laden, aber vergebens spähen die Kleinhändler nach Käufern aus, denn es fehlt an Baargeld und die Waare kann nur auf Borg abgesetzt werden. Die Landleute freilich, die Sonntag in das Städtchen kommen, sehen nicht die schweren Sorgenfalten auf den Stirnen der jüdischen Händler, sie sehen nur den bunten Tand und Trödel, der sich lockend vor ihren Augen in den schmutzigen Läden ausbreitet, und ihre vom Hunger gepeitschte Phantasie verwandelt diesen Kram in Schätze, deren Besitz allen Entbehrungen ein Ende machen müßte. Das ist das psychologische Moment fast aller Judenplünderungen in Galizien. Und nun vergegenwärtige man sich das Schauspiel dieser Nacht. In dem Hause eines christlichen Gewerbetreibenden bricht Feuer aus, das rasch um sich greift. Schreckensrufe gellen durch die Stadt. Halbnackte Menschen stürzen hervor. um das bloße Leben zu retten. Einem solchen nächtlichen Brande gegenüber ist man in den kleinen galizischen Nestern nahezu machtlos; es fehlt an Löschwerkzeugen, es fehlt an Wasser, es fehlt in der vom Hunger ausgemergelten und apathisch gewordenen Bevölkerung zumeist auch an dem Willen oder doch zumindest an der Energie, zu reiten. Aber der Brand weckt in der stumpfsinnigen Menge die thierischesten Jnstincte. Wilder noch als die Gluth des Feuers, flackert die Gluth der Begierde in den Augen der Männer und Weiber. Plötzlich, wie aus dem Boden gewachsen, stehen Hunderte von Menschen auf dem Ringplatze, und sie Alle beseelt nur ein einziger Gedanke: die Verwirrung des Brandes, die Zügellosigkeit zu benützen, um mit einem einzigen Griffe sich der Habe Anderer zu bemächtigen und auf solche Weise den in den Eingeweiden wüthenden Hunger zu stillen. Wo der Wunsch der Vater des Gedankens ist, da ist es leicht, einen Vorwand für den Raub zu finden. Da ist Einer, der ab und zu eine polnische Zeitung liest, eines jener Hetzblätter, welche systematisch den Judenhaß in der Landbevölkerung schüren. Der belesene Mann findet einen Vorwand für das Verbrechen; es bedarf nur einer halben Andeutung, um das Gerücht in Umlauf zu setzen, daß die Juden den Brand gelegt und daß es nur eine gerechte Strafe sei, wenn man in ihre Häuser einbreche, sie beraube und Niederschlage. Ein Zufall kommt dem Verleumder zu Hilfe. Jener christliche Gewerbetreibende, in dessen Hause das Feuer zum Ausbruche kam, hat angeblich vor einigen Wochen einen bei ihm bediensteten jüdischen Gesellen zum Glaubenswechsel bewogen und nun wird ausgesprengt, daß die Juden für diese „verlorene Seele" Rache nehmen wollen. Fünf Stunden lang währt die Verwüstung, ehe ans der nächsten Garnisonsstadt militärische Hilfe requirirt wird. Fünf Stunden lang haben die Gemeindebehörde und die Gendarmen die Plünderer ruhig gewähren lassen, ehe fie sich dazu aufrafften, weiterem Unheile vorzubeugen. Solche Und thätigkeit ist in Galizien keine neue Erscheinung. Wir sinihr schon vor fünf Jahren anläßlich der furchtbaren Judenexcesse in Westgalizien begegnet, und wenn wir auch nicht behaupten können und wollen, daß hier böser Wille der

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