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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1903-04-24 · 17 (24.4.1903) · page 15

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
20 (1903)
Issue
17 (24.4.1903)
Date
1903-04-24
Page
– (sequence 15)
Language
German
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Nr. 17 sr. Swch's WochenkchrM. Sette 875 im Stande, ein Glied zu rühren ... In ihrem versteinerten Gesichte lebten nur noch die Augen, die auf einen einzigen Punkt hinstarrten, alle ihre Sinne waren wie gelähmt, nur von der einen Vorstellung beherrscht, daß ihr Kind dort unweit mit dem Tode ringt . . . Doch zugleich regte sich in ihr die unklare Hoffnung, daß bald Jemand erscheinen werde, um ihr zu verkünden, daß das Kind wieder genesen sei und nach den Liebkosungen der Mutter verlange ... Es war ihr, als müßte sie jeden Augenblick aufstehen» zu der Wiege des Kindes hineilen, um es mit ihrer Brust zu erwärmen und ihm mit ihrem Munde einen Lebensodem einzuhauchen, doch zugleich hielt sie ein unbestimmtes Angstgefühl zurück und ließ sie nicht an das Sterbelager treten . . . Gustav saß mittlerweile einsam im Zimmer und verwendete kein Auge von dem Kinde. Jede Stunde erhob er sich und flößte dem Kranken die vorgeschriebene Medicin ein, wobei er jedesmal gezwungen war, mit Gewalt die zusammengeklemmten Zähne des Kindes aufzureißen . . . Dann setzte er sich wieder hin und wartete und hoffte, während die Stunden in furchtbarer Langeweile sich dahinschleppten. Er fühlte, daß der Tod mit seinen schwarzen Flügeln dieses Kinderbett gestreift. Er sah schon klar ein, daß in diesem Ringen mit dem Tode um das theure Leben des Kindes nicht er der Sieger sein werde. Aber er erfüllte mit automatischer Genauigkeit die Vorschriften der Aerzte. . . Mittlerweile fing es an, im Osten hell zu werden. Ein leichter Wind bewegte die Zweige der Bäume, die Vögel im Garten ließen ihr Zwitschern vernehmen und flatterten hm und her, und die von ihnen veranlaßten Geräusche wiederhallten schauerlich in dem Gemach, wo der Tod eingezogen war, um ein Opfer zu Haschen . . . Der Athem des Kindes ging immer schwächer. Gustav bemühte sich noch, ihm etwas von dem labenden Trank einzuflößen . . . Die Augen des Kindes waren geöffnet und blickten den Vater mit glanzlosem, herzbrechenden Blick an . . . Im Zimmer brannte eine Lampe, deren Schein vor dem eindringenden Tageslicht erblaßte, doch in der Ecke stand das Bettchen wie in einen tiefen Nebel gehüllt . . . Der Vater neigte sich hinunter und lauschte auf jedes Röcheln des todtkranken Kindes . . . Bald bedeckte er es mit einer Würmern Decke, um nur der Vorschrift des Arztes genüge zu thun . . . Er erfaßt die Hand des Kindes, sie war warm, fiel aber kraftlos auf die Decke hinunter ... Der Athem wird immer schwächer und schwächer . . . Wie lange dauerte das schon? ... Er griff nach der Uhr und sah nach ... Es waren kaum zwanzig Minuten vergangen, und ihm hatte es geschienen, daß schon Stunden verronnen waren . . . Jetzt kam ein schwerer, langer Athemzug, dann wurde alles still. . . Gustavs Herz schnürte sich zusammen, er stand da und wartete mit versperrtem Odem . . . Dann kam aus der Brust des Kindes wieder ein langes Aufathmen, aber schon gai z leise und gedämpft, . . . dann wieder ein kurzer, heftiger Athemzug, dann wurde es still. Gustav stand da wartend mit gepreßtem Herzen ... er hörte das Pochen des eigenen Pulses ... Ist das Kind schon todt und war dies sein letztes Athemholen? . . . Wie ein Blitz durchzuckte ihn dieser Gedanke . . . Er stand wie in spannungsvoller Erwartung und wagte es nicht, Athem zu schöpfen . . . Eine furchtbare Stille herrschte . . . Gustav beugte sich an das Bettchen des Kindes hinunter und legte das Ohr an das kleine Herz . . . kein Pochen war vernehmbar . . . Das Gefäß mit der Medicin war zu Boden gefallen und über den Teppich bis zum Tisch in der Mitte des Zimmers hin gerollt. Mechanisch hob es Gustav auf und drehte es wie geistesabwesend in der Hand hin und her, und wußte nicht, was damit anzufangen. Plötzlich verspürte er einen stechenden Schmerz im Herzen, seine Knie wankten, die Kraft verließ ihn, er sank kraftlos auf einen Stuhl hin und das Gefäß fiel ihm aus der Hand ... Er wußte selber nicht, wie lange er in diesem Zustande verharrte. Aber plötzlich tauchte in ihm der Gedanke auf, vielleicht sei das Kind noch nicht todt, und man müffe noch einmal den Arzt rufen. Dieser Gedanke machte ihn emporfahren. Er berührte die Hände des Kindes, sie waren noch warm, aber die Beinchen waren schon ganz kalt, die Augen waren stier und verglast... ihr glanzloser Ausdruck war furchtbar .. . Gustav drückte die Lider des Kindes zu und verdeckte das Gesichtchen . . . Eine Minute später stand er neben seiner Frau im angrenzenden Zimmer. Die Frau saß noch immer wie eine Bildsäule mit offenen Augen da. Nur das kleine Mädchen schlief auf ihren Knieen. Sie richtete einen fragenden Blick auf den Gatten. „Todt?" rief dieser mit gebrochener Flüsterftimme. „Todt?" kam es herzzerreißend von den Lippen der Frau. Sie sank ohnmächtig zurück. Das schlafende Mädchen auf ihrem Schoß erwachte und fing an zu weinen. Er nahm es auf die Arme, herzte und beschwichtigte es, ohne zu merken, was mit seiner Frau vorging. „Dein Brüderchen Immanuel ist todt, mein Kind!" sagte er. und der ganze Jammer des gebrochenen Baterherzens klang aus seiner Stimme. Das Mädchen fi >g noch lauter zu weinen an und plötzlich füllten sich auch die Augen des Mannes mit Thränen. Er ließ das Kind los, bedeckte sein Antlitz mit den Händen, sank auf einen Schemel neben der Wand und weinte bitterlich. Seine Stimme war fast unhörbar, nur durchlief ein Beben seinen ganzen Leib. Die Hände hatte er auf die Knie gestützt und alle seine Glieder schüttelte ein seltsames Zucken. Plötzlich hörte er einen schreckensvollen Ruf: „Gnädige Frau, was ist Ihnen? " Er fuhr jählings empor. Er sah feil e Frau am Boden liegen, das Dienstmädchen stand neben ihr und suchte sie zu ermuntern . . . (Fortsetzung folgt.) Literatur. Eine Auslese aus Egon Wicländer's Gedichten ist jüngst erschienen und durfte die Freunde des hochbegabten jungen Mannes, den der grimme Tod zu früh aus diesem Leben abberufen, in hohem Grade interessiren. Man glaubt Heine zu lesen, indem man die Liebeslieder, die so wahr und zwanglos der Jugend innerstes Fühlen schildern, mitempfindend liest. Wieländer war offenbar ein Talent, das zu den schönsten Hoffnungen berechtigte. Seine Balladen: „Die Ruine", „Das Duell" „Im Mondenscheine" haben epischen Schwung und Gedankentiefe; die Aphorismen zeugen von Weltkenntniß und jener jungen, lyrischen Dichtern oft abgehenden kurzen, prägnanten Ausdrucksweise, die nur dem reifen Alter eigen. Ja, Egon Wieländer war, obgleich erst 17 Jahre alt. reif an Jahren; er kannte Welt und Menschen und hatte die seltene Gabe, sie zu schildern, seinen Blick in des Herzens Tiefen zu versenken und das Gesehene poetisch zu verklären. Wie wir hören, wird demnächst eine weitere Folge von Wieländer's Gedichten und Dramen erscheinen; sie dürften des Beifalles aller Gebildeten sicher feilt; aber wen beschleicht nicht ein Gefühl der Wehmuth bei dem Gedanken, daß ein so hoffnungsvolles junges Menschenleben so früh von kalter Todeshand gestreift wurdet J. B. Neue Bücher. Tr. Mehemed Emin Efendi (Pseudonym). Das neue Weltreich. (Ein Beitrag zur Geschichte des 20. Jahrhunderts.) II. Therl: Bon der Eroberung Constantinopels bis zum Ende Oesterreich-Ungarns. Verlag von Friedrich Luckhardt, Berlin und Leipzig. „Ost und West". Jllustrirte Monatsschrift für Modernes Judenthum. III. Jahrgang April 1903. Heft Nr. 4. Verlag S. Calvary & Com P., Berlin, NW. 7, Neue Wilhelmstr. l. Inhalt: Die Juden von Gestern. „Altneuland" — Achad H a a m. Sabbath im Ghetto — Leo Heller. Geskel Salomon — Dr. Adolf Kohut. Die „Alliance israelite universelle“ — Dr. S. Bernfeld. Das sociale Motiv der Tracht und die Judenfrage — Alfred H. Fried. Jacob Pleßner — G. K u t n a. Hijob — Abraham Reisen. Jüdische Volkslesehallen — Dr. Th. Zl o eist i. Israels Frühling — Nah um. Literarisches und Aphorismen, Revue der Presse. Dr. Bernhard Kuttner. Jüdische Sagen und Legenden. II. Bändchen. I. Kauffmann, Frankfurt a. M. Sara Rabinowitfch. Die Organisationen des jüdischen Proletariats in Rußland. — Verlag der G. Braun'schen Hofbuchdruckerei, Karlsruhe. Samuel Kahan, Krakau. Anaf Ez Aboth, Familienstammbaum der bekannten jüdischen Familien: Horowitz, Heil« pern, Rappaport, Margulies, Schorr, Kaznelnbogen rc. von deren Ursprung bis zur Gegenwart. Verlag des Verfaffers. Dr. Wilhelm Münz. Rabbiner in Gleiwitz. „Es werde Licht!" Eine Aufklärung über Bibel und Babel. Verlag von Wilhelm Koebner, Breslau.

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