Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 20 (1903)
- Issue
- 17 (24.4.1903)
- Date
- 1903-04-24
- Page
- – (sequence 14)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/3020846-3021493-3021511--12635-3037240- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Sette 274 Dr. Blmh's Wochrnschrrfl. Nr. 17 Györ. Aus der Jahresbilanz des Györ- und Györszigeter isr. Frauenvereines, abgeschlossen pro 31. December 1902, ersehen wir, daß derselbe 330 Vereinsmitglieder zählt. Bei der jährlichen Zunahme von erwerbsunfähigen Hilfsbedürftigen und verschämten Armen beliefen sich dessen Gesammtausgaben an Unterstützungen ohne Confessions- und Partei-Unterschied auf 6818 Kronen 49 Heller. Die Kategorie dieser Unterstützungen besteht ans monatlichen und außerordentlichen Geldunterstützungen, Vertheilung von Lebensmitteln, Winterbolz, Bädern rc. und was eine Haupttubrik bildet, aus dem Kostenbetrag von 2195 K 57 h für complete, solide Winterbekleidungsstücke an 140 arme Schulkinder, unter denen sich eine namhafte Zahl christlicher Schulkinder befand. Auch wurden während des überaus strengen Winters 45 arme Schulkinder mit warmem Frühstück auf Bereinskosten versorgt. Diese humaniläre Einrichtung, die erste in unserer Gemeinde, die hoffentlich von Bestand sein wird, ist aus der Initiative unsere Bereinsleitung hervorgegangen. Außerdem participirte auch der Verein an der Verköstigung armer Schulkinder. Bor ungefähr 5 Jahren initiirte der Verein die Errichtung einer jüdischen Volksküche und hat es bisher zuwege gebracht, daß durch munificente Spenden wahrer Menschenfreunde, durch Kranzablösung rc. vorläufig ein Fond von 6117 Kronen 30 Heller sich angesammelt, der, zinstragend angelegt, durch die zu erhoffenden weiteren Spenden seitens edler Menschen in Bälde jene Höhe erreichen dürfte, die das Jnslebentreten dieser gottgefälligen Institution ermöglichen dürfte. Temes-Vegraz. Unser Bezirk wurde durch das Hinscheiden unseres Bezirksarztes, des Herrn Dr. Eduard Grün, in tiefe Trauer versetzt, er starb noch kurzer Krankheit am 7. April. Das am 9. April erfolgte Leichenbegängniß zeigte von der allgemeinen Liebe und Verehrung, welche der Entschlafene im ganzen Bezirke genoß. Die Trauergäste waren zu Hunderten herbeigeströmt, von allen Orten des Bezirkes erschienen Deputationen, auch di- Behörden waren zahlreich vertreten und viele von christlichen Notabilitäten gcsprndete Kränze schmückten den Sarg. Von den Angehörigen waren viele aus weiter Ferne her beigeeilt, unter ihnen die Brüder des Hingeschiedenen, die Herren Rabbiner Dr. N. Grün aus Prag und Med.-Dr. Jakob Grün aus Neusohl; Ecsterer gab fernem tiefen Schmerze über das Hinscheiden des geliebten Bruders in einem erschütternden Nachruf Ausdruck, darauf hielten der Rabbiner und der evangelische Geistliche Trauerreden. Es war ein besonders ergreifender Moment, als der Geistliche in bewegten Worten im Namen der Bewohnerschaft des ganzen Bezirkes dem im besten Mannesalter Hingeschiedenen den Dank für all die Liebe und Treue, welche er clls Mensch und Arzt geübt, ausdrückte. Feuilleton. Moderne Moranne«. Ein Zeitbild aus dem Leben der Juden in Rumänien. Von I. I. Lewontin. Aus dem Hebräischen. (Fortsetzung.) Seit jenen Ereigniffen war lange Zeit verstrichen . . . . Gustav Sonnenstein war in Bukarest geblieben und hatte seine Stellung beibehalten . . . Das Glück war ihm günstig, er stieg immer höher mit dem Steigen des großen Bankhauses, an dessen Spitze er stand und das sich in letzter Zeit beträchtlich gehoben hatte. Gustav war einer der mächtigsten Finanzmänner der Stadt, aber sein Temperament und sein Wesen schienen sich geändert zu haben. Er war mürrisch und finster geworden. Auch in seinem Hause gab es keinen Frieden mehr, an Stelle der früheren Heiterkeit schien jetzt eine dumpfe Trauer in der Luft zu schweben. Wenn zuwellen das Clavier ertönte, so war es sicher ein Trauerlied, das deu Tasten entquoll . . . Auch die sanften Sümmchen der Kinder waren verstummt, der älteste Knabe befand sich bei den Eltern der Mutter, wo er die Schule besuchte und in der Bibel Unterricht erhielt. Zenaidens Eltern hatten nach langem Kampfe nur unter der Bedingung eingewilligt, daß ihre Tochter, die dem alten Glauben treu blieb, mit den Gatten beisammen bleibe, wenn die Kinder zu einem bestimmten Alter in das Haus der Großeltern zur Erziehung kämen . . . Gustav's greiser Vater hatte nicht die geringste Ahnung von dem, was mit seinem Sohne vorgegangen war. Jetzt war Sonnenstein nur von dem einen Gedanken beseelt, in kurzer Zeit so viel Geld als möglich zusammenzuhäufen, um alsbald das Stielvaterland zu verlassen und die Maske, die er zu tragen gezwungen war, abzulegen. Mittlerweile verstrich ein Jahr nach dem andern, und Gustav konnte noch immer nicht den geeigneten Zeitpunkt finden, um den Staub Rumäniens von seinen Schuhen zu schütteln und sich eine neue Heimat zu suchen . . . Wenig fehlte und Sonnensteins hätten sich schließlich an den unnalürlichc:?, neuen Zustand gewöhnt und wären am Ende vielleicht gar noch glücklich und froh dabei gewesen, wie ehedem. Bei ihm regte sich freilich von Zeit zu Zeit im stillen Herzen ein Gefühl, welches seine Seele tief erschütterte, indem es ihm blitzartig die ganze Haltlosigkeit seiner auf Trug und Unaufrichtigkeit aufgebauten Lage beleuchtete. Aber die unmittelbare Wirklichkeit und das alltägliche Leben behielten stets die Oberhand, besiegten seinen Willen und seinen festesten Entschluß, so daß er nicht die Gewalt über sich gewinnen konnte, seine Stellung und seinen einflußreichen Wirkungskreis zu zerstören. Bis endlich von Außen her ein Anstoß kam. bis eine Begebenheit stattfand, die ihm die ganze Tiefe des Abgrundes beleuchtete, in den er mitsommt seiner ganzen Familie zu versinken im Begriffe stand ... Zenaide genas eines Kindes, eines gesunden, kräftigen Knaben, dem sie in Israel den Namen Immanuel gaben. Ich sage: „in I rael", denn das Kind wurde in einer fernen Stadt im Auslande in den Bund Abrahams ausgenommen. Die Eltern aber gaben ihm den Namen Immanuel, um damit zu sagen: „Mit uns wird der Gott Israels nach wie vor sein/ Das Kind gedieh prächtig. Die Mutter freute sich darüber noch mehr als an den anderen Kindern und auch der Vater liebte es sehr. Jetzt wich Zenaide nicht mehr einen Augenblick aus dem Kinderzimmer, wo den ganzen lieben Tag Kinderlieber erschollen, mit Ausnahme naiürlich, wenn der kleine Prinz zu schlafen geruhte; da durfte kein Wesen vom Hause sich rühren, bis die kleinen Aeuglein sich öffneten und das mütterlich-selige Lächeln auf Zenaidens Lippen begrüßten. Im Hause herrschte wieder Freude und Jubel. Das kleine Kind war wie ein Engel des Himmels in diesem verdüsterten Heim erschienen. Daß es mit der größten Sorgfalt behütet und gepflegt wurde, daß man seine Gesundheit nach den strengsten Regeln der Hygiene überwachte, versteht sich von selber . . . Doch was half das alles? Eines Tages erkrankte das Kind schwer... Die ganze Familie Sonnenstein weilte außerhalb der Stadt auf Sommerwohnung. Es waren heiße Tage und in der Umgegend brach eine epidemische Kinderkrankheit aus, die auch Sonnenstein's Söhnchen nicht verschonte. Die herbeigerufenen Aerzte fanden die Krankheit ungefährlich, zumal das Kind von Natur außerordentlich kräftig und gesund war. Daher fuhr Gustav am zweiten Tage wie gewöhnlich in die Stadt, wo er die laufenden Geschäfte zu erledigen hatte. Aber als er Abend zurückkam, fand er, daß sich der Zustand des Kindes gar nicht gebessert hatte. Auch am dritten Tage war keine Besserung wahrzunehmen, aber die beiden behandelnden Aerzte behaupteten einstimmig, daß keine Gefahr vorhanden sei, nur sei dies eine langwierige Krankheit. Das Herz des Vaters wurde von bösen Ahnungen beschlichen, darum blieb er am folgenden Tage beim Bette des kranken Kindes, zumal auch Zenaide der Ruhe bedurfte, da sie drei Tage und drei Nächte am Krankenlager ihres Söhnleins durchwacht hatte. Die Aerzte blieben dabei, daß die Krankheit im Abnehmen begriffen sei und keine Besorgnisse zu erregen brauche. Daher gönnte sich Gustav eine kleine Pause und ging gegen Abend auf die Veranda hinaus, um auf dem Divan ein wenig auszuruhen, während Zenaide beim Kranken blieb. Plötzlich hörte er ihre angstvolle, veränderte Stimme, die laut schrie: „Rettet mein Kind!* Gustav stürzte in das Zimmer und erblickte das Kind schon beinahe ganz starr und regungslos auf den Armen der entsetzten Mutter ... Er eilte hinaus und lief wie. sinnlos zu den Aerzten, in die er drang, auf der Stelle mit ihm zu gehen ... Diesmal gaben die Aerzte schon zu, daß der Zustand des Kindes bedenklich sei, saßen lange kopfschüttelnd da und und verschrieben am Ende verschiedene Medicinen und Salben zum inneren und äußeren Gebrauch. Gustav verbrachte die ganze Nacht beim Krankenbette des Kindes, seine Frau aber saß regungslos und stumm im angrenzenden Gemach undwar vor Erschöpfung und Kummer nicht