Mannheim
Compact Memory

Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1903-04-24 · 17 (24.4.1903) · page 6

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
20 (1903)
Issue
17 (24.4.1903)
Date
1903-04-24
Page
– (sequence 6)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
95% known words query
IRI
…/3020846-3021493-3021511--12627-3037232
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

1 entity mentions

Dr Bloch's Wmhsnfchrist. Nr. 17 Sette 266 Ja, dann lernt man ja Judas begreifen und nicht hassen, und man ve^eiht am Ende nach 2000 Jahren seinen Nachkommen diese That. Und endlich: Paul Heyse ist ein echter Dichter, ein aufmerksamer Beobachter, ein trefflicher Seelenmaler. Für seine „guten" Gestalten findet er ja in der Geschichte beglaubigte Vorbilder! Für die „schwarzen" Gestalten eines Kajaphas, Joab und Jothom aber findet er in keinem Geschichtswerke beglaubigte jüdische Modelle Wo wäre denn ein Hohepriester zu finden, der das Haus eines Landpflegers als B i t t st e l l e r aufsucht und schon in der nächsten Scene in demselben Hause als Drohender, Fluchender diesem Landpfleger entgegentritt! Wo findet er Modelle in der jüdischen Geschichte für diese Art und Weise, Mörder zu dingen. Fallen zu stellen, für diese Art und Weise der Verhöhnung jüdischer Lehren und Weisheitssprüche. für dieses Taumeln vom Weine zur Liebe und von der Liebe zum Weine? Gewiß, jede Nation und jede Confession hat ihre Auswürflinge; aber so wie hier Licht und Schatten ausschließlich nur nach links und rechts vertheilt sind, das ist nicht historisch! Da mußte denn die dichterische Phantasie nachhelfen, und die schafft nur i n der Zeit und mit der Zeit! Und darum geriethen alle diese „schwarzen" Gestalten so — modern, modern bis in die Fingerspitzen, ein Spiegelbild der Unduldsamkeit, Härte, Herrschsucht, Lüsternbeit und Genußsucht unserer Tage, aber gottlob nicht — oder wenigstens nur sehr vereinzelt — unseres Volkes. Sollte man in diesem Spiegelbilde nicht am Ende ein anderes Antlitz als das jüdische erkannt haben??- Nun, der Jude braucht gegen solche Kunstwerke nicht zu protestiren! Braucht in solchen „Judengestalten" nicht empfindlicherweise sein Zerrbild zu erblicken! Von jüdischer Seite wird „Maria von Magdala" keine Anfechtung erfahren! G. B. Wie ein katholischer Geistlicher das vierte Gebot befolgt. Vor dem Wiener-Neustädter Bezirksgericht erschien am Dienstag den 16. April ein siebzigjähriges Mütterchen, Anna C h a l l a, als Angeklagte. Sie war von einem Gendarmen beim Betteln angetroffen worden. In der Anzeige war zugleich bemerkt, daß die 72 Jahre alte Frau v o l l st ä n d i g erwerbsunfähig sei und schon seit acht Tagen nichts gegessen hatte. Die Angeklagte gab an: Ich habe einen Sohn, der ist Pfarrer in Maiersdorf. Wir waren von Haus aus arme Leute und haben uns den Bissen vom Munde abgespart, um den Sohn studiren zu lassen. Er wurde Priester. Erst nahm er uns auf den Pfarrhof. aber da war auch eine Wirthschafterin, mit der wir uns nicht vertragen konnten. Der Sohn ergriff immer für die Wirthschafterin Partei — gegen uns. Einmal verreiste er auf längere Zeit, da versperrte er alle Kasten und gab der Wirthschafterin den Auftrag, uns Alten nichts zu geben. Auf diese Weise ekelte er uns aus dem Pfarrhof. Er gab uns einfür allemal 15 fl. . . ♦ Die Wirthschafterin wollte er durchaus behalten. (Anm. d. Red.: Der Herr Pfarrer wird dafür seine Gründe gehabt haben.) Nachdem wir die 15 fl. verbraucht hatten, blieb uns nichts anderes übrig, als bei fremden Menschen zu betteln . . . Der Richter Gerichtssecretär Skutte schenkte dieser Verantwortung Anfangs keinen Glauben. Das Bild änderte sich aber zu Gunsten der Angeklagten, als der Pfarrer C h a l l a aus Maiersdorf als Zeuge einvernommen wurde. Dieser gab zu, daß die Angeklagte seine Mutter sei, doch gab er zu seiner Rechtfertigung an, die Eltern hätten ihn in der Achtung der Bevölkerung von Maiersdorf herabgesetzt. — Richter: Ist es richtig, daß Sie Ihre Eltern nicht weiter unterstützen? — Zeuge Pfarrer Challa: Ich habe mich bei meinen geistlichen Vorgesetzten — die Pfarre Maiersdorf gehört zum Cistercienserstifte Heilige nkreuz-Neuklo st er darüber erkundigt und die Auskunft erhalten, daß ich dazu nicht verpflichtet bin! — Der Richter bemerkte dazu mit bedenklichem Kopfschütteln:„Das ist nicht so! Sie sind verpflichtet, Ihre Eltern zu unterstützen!" Die Angeklagte wurde freigesprochen. Der Richter nahm mit Rücksicht auf die gänzliche Erwerbsunfähigkeit an, daß sie unter unwiderstehlichem Zwang gehandelt habe. Gleichzeitig wies Gerichtssccretär Skutte die Greisin an die V o r m u n d s ch a f t s b e h ö r d e, damit sie dort ihre gesetzlichen A l i m e n t a t i o n s a n s p r ü ch e an den geistlichen Herrn Sohn geltend mache. Die Reise des rumänischen Ministers des Innern nach Berlin. Der rumänische Minister des Innern Basil Lascar hat vor seiner Abreise nach Berlin durch eine ihm nahestehende Persönlichkeit die Nachricht lancirt, daß ihm eine wichtige Miffion in Berlin übertragen worden sei, die „darin besteht, dem Grafen Bülow die Lage der Juden in Rumänien nach den letzten officiellen Daten auseinanderzusetzen und dem deutschen Kanzler für die reservirte Haltung zu danken, welche er anläßlich der im deutschen Reichstag vom socialistischen Abgeordneten Bernstein entwickelten Interpellation bewahrt hat". Diese Nachricht ist ein geschickter Schachzug, mit welchem die am Ruder befindlichen Nationalliberalen ihren Uebertritt in die Opposition vorzubereiten suchen. Die sensationellen Enthüllungen über die Einmengung liberaler Minister in die Affaire der solchen Amortisirung rumänischer Rententitres haben nämlich die Stellung der heutigen Regierung von Grund aus erschüttert und die Eventualität eines Regierungswechsels in nächste Nähe gerückt. Die konservativen Nachfolger der heutigen Regierung werden aber unter dem zwingenden Drucke der Staatsraison und der öffentlichen Meinung in Europa in der unhaltbar gewordenen Lage der Juden in Rumänien gewisse Verbesserungen einführen müssen, welche sich auf den Besuch der öffentlichen Schulen, die Organisation der jüdischen Gemeinden rc. beziehen werden. Diese Reformen, so wenig bedeutend und einschneidend sie auch sein mögen, sind aber keineswegs populär, und es liegt unseren Liberalen daran, heute schon die öffentliche Meinung des Landes mit dem Gedanken vertraut zu machen, daß ihre Politik vollständiger Abstinenz in der Judenfrage nicht blos wahrhaft national und den Interessen des Landes entsprechend sei, sondern auch die volle Zustimmung der maßgebenden Factoren des Auslandes finde. Die Anrufung der antisemitischen Jnstincte der Pöbelmassen im Namen angeblicher nationaler und patriotischer Interessen hat sich aber in Rumänien stets als ein wirksames parteipolitisches Kampfmittel erwiesen, und unsere sogenannten Liberalen haben dieses Mittel immer mit großer Meisterschaft zu handhaben gewußt. Ich erfahre nun aus ganz sicherer Quelle, daß Lascar die eingangs erwähnte und im hiesigen Blatte „Adeverul" veröffentlichte Nackricht persönlich inspirirt hat, um der liberalen Partei in der Frage des Antisemitismus eine wirksame Platform für ihre künftige oppositionelle Campagne vorzubereiten. Aus den bisherigen Enthüllungen in der Finanzaffaire und insbesondere aus dem Verlaufe des Processe» Protopopesch-„Evenimentul", ist bis zur absoluten Evidenz ersichtlich, daß im Jahre 1887 der zeitige Ministerpräsident Sturdza und im Jahre 1901 der damalige Finanzminister Pallade die falsche Amortisirung von rumänischen Rententitres int Interesse des Staates anbefohlen haben. Die gouvernementalen Blätter gestehen diese Fälschungen nahezu unumwunden ein und wissen zur Vertheidigung nichts Besseres vorzubringen, als daß Sturdza nichts zu persönlichem Vortheile, sondern alles im Interesse des Staates gethan habe. Nach den rumänischen Osterfeiertagen wird eine wilde Campagne gegen die heutige Regierung losbrechen, welche sich täglich den Vorwurf der Fälschung und des Betruges gefallen lassen muß, ohne in wirksame^ Weise repliciren zu können. Die allgemeine Empfindung geht dahin, daß unsere Pseudoliberalen sich nicht mehr lange werden halten körnen. Die jüdische Auswanderung aus Rußland. Die russische Zeitung „Woschod" veröffentlicht eine Unterredung, die vor Kurzem ihr Mitarbeiter Herr R. Brainin mit einer Hamburger Persönlichkeit über die russisch-jüdische Auswanderung gehabt hat. Ueber den Verlauf der Unterredung berichtet Herr Brainin, wie wir dem „Hamb. Corresp." entnehmen, Folgendes: „Ich berührte zunächst das Thema der Klagen jüdischer Auswanderer in Bezug auf eine gewisse Rücksichtslosigkeit, der sie besonders an der Grenze begegneten. Herr Ballin hörte mich ruhig und aufmerksam an und erwiderte, die Klagen entsprächen durchaus uicht völlig den Thatsachen. Es müsse in Betracht gezogen werden, daß die in Rußland auf einen Ansiedelungsrayon beschränkten Juden sich ganz falsche Vorstellungen von der überseeischen Reise und den mit ihr verbundenen Ungelegenheiten machten. Es träte zudem noch die Ungewißheit der Zukunft hinzu, so daß ein Gefühl der Erregung und Empfindlichkeit bei den Emigranten auftauchte, die selbst diejenigen Maßnahmen oft mißbilligten, die zu ihrem eigenen Nutzen von der Linie ergriffen seien. Auf die wenig zuverlässige Schilderung überseeisch bereits angesiedelter Verwandten und Bekannten hin träten die Auswanderer ihre Amerikafahrt an und in der Phantasie dieser meist armen Leute spielten weniger die tiefen realpolitischen und socialöconomischen Ursachen der Emigration eine Rolle, als vielmehr die verhältnißmäßig ansehnlichen Summen, die von den Stammesgeuossen aus Amerika in die Heimat geschickt würden.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.