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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1903-04-24 · 17 (24.4.1903) · page 5

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
20 (1903)
Issue
17 (24.4.1903)
Date
1903-04-24
Page
– (sequence 5)
Language
German
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Nr. 17 Dr. Bloch's Wochensthrifk. «Lite LSS Verhalten dem Abgeordneten Seitz gegenüber, dessen berechtigte Kritik sie wie Peitschenhiebe trifft und auf die sie kein sachliches Wort der Erwiderung haben. In der Debatte über das Volksschulwesen in Niederösterreich widerlegte Herr Seitz die Geßmann'schen Phantasiegewebe über unsere idealen Schulzustände durch Anführung empörender Thatsachen, z. B., daß in Wien Unterlehrer mit nahezu 20jähriger Dienstzeit nur deshalb nicht avanciren, weil sie Juden sind. Das wirft ein grelles Licht auf die von Dr. Lueger so sehr gerühmte Gerechtigkeitsliebe eben dieses Dr. Lueger. Kein sachliches Wort der Erwiderung fanden die Wortführer der Partei, das sind in erster Linie die Herren Gregorig und Bielohlawek, — da rettete sie der jüngste christlichsociale Abgeordnete, Herr Victor Silberer, aus ihrer Verlegenheit. Diesem einstigen Freiheitshelden und Fortschrittsmann, bekannt unter dem Namen »der liberale Buchmacher", kam ein genialer Gedanke. Er hielt Herrn Seitz vor, er beziehe von der Gemeinde Wien seinen Gehalt und habe daher kein Recht, Kritik zu üben. Das ist ganz einfach ordinär, Herr Silberer! Ein Abgeordneter, der in Abhängigkeit von der Gemeinde Wien steht, verliert darum nicht das Recht der freien Meinungsäußerung. Herr Silberer, der jenen anmaßenden Ton, durch welchen die meisten Mitglieder der christlich-socialen Partei emporgekommen sind, forcirt, stellte sich durch diesen Vorhalt auf das Niveau eines Schneider. Herr Silberer ist freilich in der glücklichen Lage, nicht auf einen Gehalt angewiesen zu sein, weil er als Buchmacher und Börsenjobber ein Vermögen ergattert hat. „Juden hattet die Tasche» zu". Wir erhalten folgende Zuschrift: Wien. 16. April. An die Redaetion von Doctor Bloch's »Wochenschrift" in Wien! Im Aufträge des Wiener Männergesangsvereines fordere ich Sie hiemit auf, auf Grund des § 19 Pr.-G. folgende Berichtigung des unter dem Titel »Juden haltet die Taschen zu" in der Nr. 14 Ihres Blattes enthaltenen Eingesendet, in die nächste oder zweitnächste Nummer Ihres Blattes an der gleichen Stelle und in den gleichen Lettern aufzunehmen : 1. Es ist unwahr, daß der Wiener Männergesangsverein behufs des Zusammenschnorrens zum Zweck der Erbauung eines »Gesangshauses" ein demonstrativ judenreines ComitS in die Welt hinausposaunt. Wahr ist. daß der Wiener Männergesangsverein an Niemanden um Gelder zur Erbauung eines »Gesangshauses" herangetreten ist und auch gar kein Comits ^u diesem Zwecke, also auch kein demonstrativ judenreines in die Welt hinausposaunt, weil er kein solches Comitö eingesetzt hat. Achtungsvoll Dr. Heinrich K rükl Leitungsmitglied des Wr. Männergesangs-Bereines. Nachschrift der Redaetion: Der Bericht ist uns von einer angesehenen Persönlichkeit in verantwortlicher Stellung zugekommen und müßten wir sehr bedauern, wenn man unser Vertrauen mißbraucht haben sollte. Herr Franko Stein, von der »Arbeiter-Zeitung" zu wieder holtenmalen als »Verleumder Stein" charakterisirt, erhielt Dienstag vom Ministerpräsidenten eine moralische Ohrfeige. Herr Stein hatte eine Interpellation eingebracht, in welcher er die Juden beschuldigte, dem Dienstmädchen Marie Hanel in Jägerndorf zu rituellen Zwecken Blut abgezapft zu haben. Herr Dr. v. Körber erklärte in seiner Antwort, die gerichtliche Untersuchung habe ergeben, daß sich das Mädchen die Verletzungen selbst beigebracht habe, um ihrem Dienstgeber Unannehmlichkeiten zu bereiten. Franko Stein hatte ja nicht einen Moment daran gedacht, daß wirklich ein Ritualmordversuch vorlag, er wußte ja, daß alle derartigen Beschuldigungen gerichtlich als ganz ungerechtfertigt erwiesen wurden. Macht nichts, Herr Stein interpellirt, es finden sich ja genug Leute, die solche Ammenmärchen glauben. Man gilt vor ihnen als Beschützer des Christenthums, den Ausgang solcher Ritualmordaffairen vertuscht man womöglich, wozu denn auch die Leute darauf aufmerksam machen, daß man verleumdet hat. Herr Franko Stein hat wieder einmal bewiesen, daß ihm der Titel »Verleumder Stein" mit Recht zukommt. 18 6 g r i m. Die Blutlügner tut Parlament. In der Sitzung des österreichischen Abgeordnetenhauses vom 21. April beantwortete Ministerpräsident v. Körber die Interpellation der Abgeordneten Stein und Genossen, in welcher verlangt wurde, dem Hause die Ergebnisse der Untersuchung bekannt zu geben, welche aus Anlaß der Beschuldigung, daß dem Dienstmädchen Marie Hanel in Jägerndorf angeblich zu ritualen Zwecken Blut abgezapft worden sei, eingeleitet worden. Der Ministerpräsident gibt bekannt, daß aus Anlaß dieser Beschuldigung eine eingehende und umfassende Untersuchung stattgefunden hat, welche ergab, daß die Beschuldigung jeder Grundlage entbehrte. Marie Hanel, welche sich anläßlich ihrer wiederholten Einvernehmungen fortwährend in Widersprüche verwickelte und deren Aussage auch mit den Angaben ihrer Mitbediensteten in keiner Weise übereinstimmte, wies zwar an den Fußsohlen verschiedene Verletzungen auf, aus denen aber nach Aussage der Sachverständigen höchstens einige Tropfen Blut geflossen sein können, so daß die Verletzungen zu einer Blutentnahme ganz ungeeignet waren. Ueberdies sei es ausgeschlossen, daß die Verletzungen der Marie Hanel von dritter Hand zugefügt worden seien. Die Erhebungen haben auch zweifellos ergeben, daß Marie Hanel sich die Verletzungen selbst beigebracht hat, und zwar wahrscheinlich ans Haß gegen ihren Dienstgeber, der ihr den Dienst gekündigt hatte, und dem sie Unannehmlichkeiten bereiten wollte. Gegen Marie Hanel wurde deshalb auch auf Grund des erdrückenden Beweismaterials wegen falscher Zeugenaussage, Verbreitung eines falschen, beunruhigenden Gerüchtes und wegen Ehrenbeleidigung die Anklage erhoben, und sie wurdet auch zu vier Monaten Kerkers verurtheilt, welche Strafe btej Genannte bereits abbüßt. „Maria von Magdala" und das Jndenlhum. So wäre denn die Erstaufführung des alle Gemüther in Aufregung versetzenden Dramas „Maria von Magdala" an uns vorübergegangen. Da wir Residenzler dieses Stückes in absehbarer Zeit nicht theilhaftig werden, mußte man in die mährische Hauptstadt pilgern, und unter dieser Pilgerschaar befand sich auch zufällig Schreiber dieses. Das Brunner Theater steht unter den österreichischen Provinzbühnen in erster Linie; es dankt dies zunächst der Opferwilligkeit des größtentheils jüdischen Publicums, das sich dafür von den „Rettern des Deutschgedankens in den bedrohten Städten" bei ausverkauftem Hause nachsagen lassen muß: „In den Logen wimmelt es von Krummnasen", . und bei leerem Hause: „Judäa hatte sich ferngehalten." In Brünn war man augenscheinlich sehr stolz darauf, trotz innnd ausländischer Zensurverbote und Proteste die Neuheit „herauszubekommen". lieber die wirklich gute Aufführung zu sprechen, wäre hier nicht der richtige Ort. Wohl aber über die Tendenz und Wirkung des Stückes. Schon nach den ersten Acten ging das Scherzwort durch das Haus, warum wohl der Bischof und nicht der Landesrabbiner gegen die Aufführung protestirt habe? Natürlich nur ein Scherzwort! Denn hat man schon gehört, daß der Jude an einem Kunstwerke — und ein solches ist und bleibt „Maria von Magdala" — den Maßstab der Unduldsamkeit anlegt? Und gottlob, unsere Seelsorger lassen derartige Fragen lieber unerörtert. Aber einen ernst zu nehmenden Kern hat dieses Scherzwort doch! Denn abgesehen von der natürlich schon in diesem Stadium der Vorbereitung des Christenthums auftauchenden Fiction eines „Judengottes", der ebenso natürlich ein „Rachegott" sein muß — in „Maria von Magdala" wird das Neu-Judenthum, aus dem sich später das Christenthum entwickelte, in glänzender Weise verherrlicht, während das Alt-Judenthum mit allen seinen Vertretern in die Schattenseite der Dichtung versetzt erscheint. Mit einer einzigen Ausnahme: Der angebliche Verrath Judas Jscharioths wird in künstlerisch vornehmer Weise mit seiner glühenden Liebe zu seinem Volke und zu Maria motivirt, in der er sich zwiefach enttäuscht sieht. Warum also die Zensurverbote, aus welchem Grunde der Protest! Man schiebt jetzt zur Erklärung beider jene Scene in den Vordergrund, in der Leben oder Tod des Nazaräers davon abhängig gemacht erscheint, ob Maria die Liebeswerbung seitens Aulus Flavtus annimmt oder nicht. Aber abgesehen davon, daß Flavius im letzten Acte sagt: „Wer sagt dir, daß er die Hand des Retters ergriffen hätte, statt als ein Märtyrer und Held in den Tod zu gehen!", wodurch also diese „Einwendung" erükräftet erscheint, — eine geringfügige Aenderung dieser Scene hätte jene verpönte Tendenz ausgemerzt, tzt Aber je weiter das Stück vorwärts schritt, desto klarer ward es, wodurch dasselbe in jenen Kreisen Anstoß erregte. Zunächst: Müßte es nicht dem unbefangenen Zuschauer klar werden, daß all die Hoheit der Moral, all der Glanz der Tugenden, all die Weihe wahrer Gottesverehrung, die die christliche Kirche heute ihr eigen nennt, unverfälscht jüdischer Abstammung sind? Denn all die „guten" Gestalten des Stückes: Hancuya, Simon, der alte Mann und Mirjam — das sind ja Juden! Und die Nachkommen dieser selben Juden sollen uns ja heute verdammen, verfolgen, verachten! Das gäbe ja zu denken! : Und ferner: Judas der Verräther, dessen angebliche That »Jahrhunderte hindurch an den Juden aller Staaten und Länder bei »passenden und unpassenden Gelegenheiten gerächt wurde, dieser selbe /Judas soll nun diese über sein Volk Tod und Verderben bringende »That aus entschuldbaren und wohl gar edlen Motiven begehen dürfen?

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