Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 20 (1903)
- Issue
- 17 (24.4.1903)
- Date
- 1903-04-24
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/3020846-3021493-3021511--12625-3037230- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Sette 264 Dr. Bloch's Wochvnschrifl. Nr. 17 Die „reinen" Antisemiten werden trotz des Siegesjubels xiLmunerauäo wahrscheinlich 2 -3 Mandate von chrem geringen Besitzstände verlieren. Sie haben bis auf den ganz verpöbelteu kleinen Theil des Volkes ihre Rolle gründlich ausgespielt. Sie bilden im Reichstage die Karikatur einer politischen Partei nnd degradiren die Politik zu einer Farce. Das hat das Volk bald nach dem kurzen Rausch eingesehen, und es fängt immer mehr an, sich dieser Führer zu schämen. Um die politischen Clowns zu machen und die College» durch ihre burlesken Sprünge zu belustigen — dazu genügen schließlich auch fünf oder sechs Antisemiten im Reichstage. Ja, der eine Ahlwardt würde dazu genügen, wenn er nicht so häufig dem Reichstage die Ehre seiner Anwesenheit entziehen würde. Die kleinen Parteien, Polen, Welfen und Elsaß-Lothringer, haben nicht viel zu verlieren und auch nichts zu gewinnen. Es ist auch von gar keiner Bedeutung, ob sie einen Abgeordneten mehr oder weniger haben. Großen Einfluß können sie nicht erlangen, und um ihren Standpunkt bei wichtigen, sie berührenden Fragen zu betonen, dazu genügen .auch einige Männer. In den brausenden politischen Wogen gibt es nur zwei Parteien, die nichts zu fürchten haben, das Centrum und die Socialdemokratie, weil beide eine geschlossene feste Weltanschauung hinter sich haben und eine großartige Organisation, ein geschultes, au Disciplin gewohntes Heer besitzen. Der Besitzstand des Centrums ist so ziemlich gesichert, und selbst wenn es 5 oder 10 Mann verlieren sollte, so bliebe es immer noch die größte und einflußreichste Partei. Die Socialdemokratie wird sicherlich nichts verliertn, höchst wahrscheinlich aber um 8 oder 10 Mann stärker in den neuen Reichstag einziehen. Sie ist die einzige Partei, die stets im Verhältniß zur Zunahme der städtischen Bevölkerung wächst. Freilich ist dieses weder für die Partei selbst, noch für die freiheitliche Entwicklung Deutschlands ein Vortheil. Denn sobald die Socialdemokratie im Reichstage zu einer großen Macht wird, wird die geschlossene Reaction zur Aenderung der Verfassung schreiten. So stehen die Aussichten, und der Blick in die Zukunft ist nicht sehr erfreulich. Wir Juden gehen auch ernsten Zeiten entgegen. Denn unser Feind ist der Antisemitismus und nicht die antisemitische Partei. Der antisemitische Geist ruht bei den Conservativen, bei den Agrariern und in letzter Zeit leider auch im Centrum. Dieser sogenannte vornehme Antisemitismus ist um so gefährlicher, weil er nicht dahin strebt, die Staatsgesetze zu ändern, sondern ihre Ausübung im reactionären Sinne zu beeinflussen und so das Recht illusorisch zu machen. Gegen diesen gefährlichen Feind nicht allein des Judenthums, sondern auch der deutschen Volksfrecheit kann nur eine Abwehr großen Stils, eine gesunde Volksaufklärung helfen. Das Heil der deutschen Judenhejr beruht auf der freiheitlichen Entwicklung des Vaterlandes, auf dem gesunden Culturfortschritt. Das ist unser Ruhm und der Glaube an den menschlichen Fortschritt unser Trost. F. 8. Vom Jahrmarkt des Lebens. Glossen zur Tagesgeschichte. (GrafKielmansegg und Dr. Lueger. — Ein Idyll auS dem^Landtage. — Alldeutsch und perfid.) Das feierliche Ceremoniell, das seit vielen Jahren bei der Beeidigung eines Wiener Bürgermeisters eingehalten wird, war zu gering, als in der vorigen Woche Dr. Carl Lueger neuerlich den Eid leistete, die Staatsgrundgesetze in Ausübung seines Amtes zu beobachten. Eine eifrige Agitation wurde durch mehrere Wochen in den Kreisen der Bürgervereinigung, sowie bei den Genossenschaften entwickelt, um eine massenhafte Betheiligung bei dem Beeidigungsacte zu sichern. Durch ein Spalier schwarzbefrackter Herren, welche den »kleinen Mann" statirten, schritt der schöne Karl in den Festsaal, wo mit Fahnen- und Blumenschmuck nicht gespart worden war. Inmitten der großen und kleinen Nullen fühlte sich Dr. Lueger als Ziffer, die etwas bedeutet, und er benützte diese Gelegenheit, eine an Eigenlob und Uebertreibungen reiche Rede zu halten. Hatte schon der Statthalter, vermuthlich um sich die Gunst des gewaltigen Bürgermeisters zu erhalten, in seiner Ansprache asten Leistungen L u eger's ein vollgerütteltes Maß von Lob zu theil werden lassen, so überbot ihn noch der Gefeierte in einer an Cäsarenwahnsinn grenzenden Rede. Alle Loblieder, mit welcher seine Anhänger dem Führer huldigen und die in dem Refrain »Unser Karl wird's schon machen" endigen, sind dem armen Dr. Lueger zu Kops gestiegen, und er behauptete frank und frei, daß alles Schöne und Gute in Wien sein Werk sei. Das Verkehrswesen, die Wasserleitung, die Spitalsfrage, die Armenpflege, das Approvisionirungswesen — das Alles wird »unser Karl.schon machen!" und zur Zufriedenheit der Wiener Bevölkerung in Ordnung bringen. Aber nicht nur als den tüchtigen Verwalter öffentlicher Interessen und Mehrer des communalen Vermögens bezeichnete sich dieser so überaus bescheidene Mann; mit seltenem Eigendünkel und mit dem falschen Pathos, das er immer dann anschlägt, wenn weit und breit kein Widerspruch laut werden kann, sagte Dr. Lueger: »Stolz können wir sagen, daß in unserer Stadt Friede herrscht — Wir hassenkeinenMitbürger — Hetzer finden bei uns keinen Boden!" Dr. Lueger, auf dessen Geheiß und mit dessen ausdrücklicher Zustimmung socialdemokratisch und deutschnational gesinnte Lehrer drangsalirt und der Verzweiflung preisgegeben werden, dessen getreuer Partisan Schußgeld auf Juden aussetzt, der Lueger, dem es glerchgiltig bleibt, ob mau die Juden hängt oder köpft, der vor den Wahlen Militär »zur Aufrechthaltung der Ordnung" — nämlich seiner Ordnung — erbettelt, dieser Lueger erklärt: Friede herrsche in der Stadt. Er vergißt, daß sein Programm, vom Hasse dictirt, vom Hasse nur leben kann, daß die Verhetzung der Confessionen und Stände die Lebensbedingung für seine Partei ist, daß Juden nur um ihres Glaubens willen in ihrer Ehre und Existenz schwer geschädigt werden und unverhohlen Ausnahmsgesetze gegen die Andersgläubigen begehrt werden — und doch »wir hassen keinen Mitbürger!" In dieser Partei edler Geister „findet der Hetzer keinen Boden" und kaum eine Woche früher bezeichneie sich derselbe Lueger als den gewerbsmäßigen Hetzer: »Ich werde stets ein Agitator sein und bleiben." Jawohl der Agitator, dem Prix und Grübl und viele Andere nicht gewachsen waren, der so lange schürte und hetzte, bis Männer, die aus Gesinnuugstreue und unbemakelten Charakter Hinweisen konnten, vom Schauplatz abtreten mußten. Dre planmäßige Hetze hat Dr. Lueger zu dem Posten gebracht, von dem aus er am Donnerstag in der vorigen Woche die Tiraden zum Besten gab, welche ihm nicht cmmal seine allzeit getreuen Anhänger glauben. Sie erkannten ihren Karl kaum, der sich als Förderer des Vereines zur Ausspeisung armer Schulkinder ausgab und als Führer der Opposition gegen diese Institution mit dem Aufgebote seiner Beredtsamkeit loslegte, der heute noch durch Entziehung der Schulbücher die Kinder von Wiener Mitbürgern straft, die nicht in seinem Lager stehen. Uuv mit diesen hohlen Phrasen, denen er durch falschen Pathos den Schein der Aufrichtigkeit verleihen will, contrastiren scharf die Thaten, die in einem sechsjährigen Regime Lueger für die Stadt Wien vollbracht wurden. Eine Anwandlung dieses Gefühles schien auch den Redner zu erfassen, als er, gleich einem Frömmler, mit den Worten schloß: »Ich bitte um Verzeihung, wenn ich fehle; ich bitte um Geduld und Vertrauen!" * * Der Statthalter, der sich durch sein Lob der Thätigkeit Lueger's undseiner Partei bei den Christlich-Socialen einzuschmeicheln versuchte, ist in der letzten Landtagssitzung gründlich überzeugt worden/ daß seine Lobhudelei, außer der Befremduug in den Reihen der freisinnigen Elemente, keinen Eindruck machte, daß die Christlich-Socialen sich gegen ihn trotz seiner Rede genau so roh benehmen, als wenn er sie getadelt hätte. Herr Bielohlawek, der, weil er »die Bücher g'fressen" hat, der richtige Vertreter der Wiener City ist, griff in der gemeinsten Weise das St. Pöltener Kreisgericht an, da es nicht wie ein Gericht, das den Beifall dieser Demagogen finden würde, vorgeht, sondern gewagt hatte, einen clericalen Redacteur zu verurtheilen. Der Statthalter, der den Angriff auf dar Gericht zurückweisen wollte, wurde angeflegelt und niedergebrüllt, als ob er ein oppositioneller Abgeordneter wäre, dem gegenüber sich die clericalen Helden auch nicht anders zu vertheidigen wissen. Man beachte nur ihr