Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 20 (1903)
- Issue
- 17 (24.4.1903)
- Date
- 1903-04-24
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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Nr. 17 Dr. Bloch's WochrnMcifk. Veite 263 liche Landesrabbiner von Vorarlberg matt erscheinen werde; doch Dr. Tänzer hielt sich wacker und je länger er sprach, desto wärmer wurde er, desto tiefer der Eindruck seiner Rede auf die Hörer. In markigen Worten und in energischen Zügen entwarf er ein Lebensbild des Hingeschiedenen, dessen Werke ihm die Unsterblichkeit sichern und als unvergängliche Monumente seinen Namen der späten Nachwelt dauernd erhalten werden. Den Worten des Rabbiners aus Hohenems folgten tiefes Schweigen und Ergriffenheit, als der Sarg, in dem die letzten irdischen Ueberreste eines der größten Gelehrten unserer Zeit ruhen, in die Gruft, deren Wände mit Tannenzweigen bekleidet waren, gesenkt wurde. Dumpf kollerte die Erde nach und manche Thräne fiel hinein. Langsam wölbte sich der Hügel über dem Grabe und zu diesem Grabe an der Ostwand des Meraner blumenreichen Friedhofes wird man noch in spätesten Zeiten pilgern, wie zu einer heiligen Stätte, denn hier ruht ein Patriarch seines Volkes, ein Weiser seiner Zeit, ein Gelehrter aller Zeiten — hier ruht Moritz Lazarus!- Zn den deutschen Reichslags-Uenwrchlen. (Brief ans Deutschland.) Die Reichstagswahlen rücken immer näher heran und noch bevor der Sommer vorüber ist, wird das deutsche Volk an die Urne treten, um seine Vertreter für die nächsten fünf Jahre zu wählen. Schon sind die Parteien zum Kampfe gerüstet, und die Vorgefechte, die meistens gehässiger als die eigentliche Schlacht sind, haben bereits begonnen. Wir sind weit davon entfernt, die Bedeutung dieser Wahlen zu überschätzen und uns der pathetischen Ausdrücke des parteipolitischen Dogmatismus zu bedienen. Das Heil des Vaterlandes hängt nicht vom Ausfall der Wahlen ab. Zunächst ist die Majorität des Reichstages nicht immer identisch mit der Majorität des deutschen Volkes. Das haben uns die Zedlitz'sche Schulvorlage und die Lex Heinze bewiesen, die am Widerwillen des alarmirten deutschen Volkes gescheitert sind, trotzdem im Reichstage, resp. im preußischen Landtage eine große Majorität für diese reactionären Wünsche gesichert war. Man darf wohl behaupten, daß in allen priucipiellen Fragen das Volk liberaler als seine parlamentarische Vertretung i st. Das deutsche Volk ist trotz seiner systematischen Erziehung zur Reaction in den letzten zwei Decennien jünger und frischer als seine meisten Wortführer, es macht nicht so schnell Concessionen und schachert nicht mit seinen Gefühlen und Ueberzeugungen, während im Reichstag kein Gesetz zu Stande kommt, ohne Compromisse und Handel. Die do ut des-Politik ist im Reichstag leider zur Regel geworden, und die liberale Sturm- und Drangperiode mit dem feurigen, hinreißenden Idealismus ist bedauerlicher Weise längst vorüber. Aber selbst ein streng liberaler Reichstag könnte bei dem Wind, der heute von der Regierung weht, nicht allzuviel ausrichten. Die neuen Beschlüsse bleiben einfach Jahre hindurch im Schoße des Bundesrathes, und man erfährt nicht einmal ihr Schicksal. Jeder praktische Politiker weiß auch aus Erfahrung, daß es meistens weniger auf die Gesetze als auf ihre Ausübung ankommt. Die Gesetze sind in Baden nicht viel anders als in Preußen, und doch welch' ein Unterschied in der Behandlung der jüdischen Bürger hie und dort! Hier sind sie unter dem Schutze eines väterlichen Fürsten de kueto vollberechtigte Bürger und dort steht ihr Recht auf dem Papier, um täglich umgangen zu werden. Wir legen also den Wahlen keine welterschütternde Bedeütuug bei. Aber ganz ohne Bedeutung ist die Gestaltung des Reichstages sicherlich nicht. Vor Allem ist der Reichstag eine Art politische Sternwarte. Man kann von da aus noch am sichersten beobachten, wie das Barometer in der Regierung und in den Volksschichten steht, man kann hier die Symptome der Zeit studiren. Dann aber wirkt auch der Reichstag politisch-erzieherisch auf das Volk, denn die Reden bilden die verbreitetste Lectüre und sie üben einen großen Einfluß auf die Leser aus, es ist hier eine Art Volks- Phonograph geschaffen, der veredelnd und verrohend wirken kann. Ohne also den politischen Wetterpropheten spielen zu wollen, kann man der Versuchung nicht widerstehen, den Schleier der Zukunft zu lüften und eine Prognose des künftigen Reichstages zu stellen. Uns Juden als solche ginge die ganze Sache nichts an, wenn die Verhältnisse gesund wären. Die Juden haben keine besonderen politischen Interessen. Ihr Glaubeusberenntniß hat gar keine Berührung mit der Politik des Tages und auch ihr Beruf bindet sie an keine Partei. Weeu man sie am stärksten in den linken Parteien findet, so liegt das hauptsächlich daran, daß die rechten Parteien eintm mehr oder minder verschämten oder unverschämten Antisemitismus huldigen. Aber leider stehen nicht nur viele politische Parteien den jüdischen Bürgern direet feindlich gegenüber, sondern man macht auch noch die Juden für das Treiben der linken Parteien verantwortlich. Die Juden haben also von einer fortschrittlichen Entwicklung Deutschlands Alles zu erwarten und von einer reactionären Strömung Alles zu befürchten. Sie sind also bei allen großen politischen Activnen doppelt interessirt, und es ist sehr zu bedauern, daß gerade in den jüdischen Kreisen in den letzten Jahren eine politische Apathie platzgegnffin hat. Gerade sie müssen durch ihre politische Bethätigung bekunden, daß sie sich als vollberechtigte Bürger fühlen und ihre Bürgerrechte zu schützen wissen. Genau kann natürlich Niemand sagen, wie die Wahlen ausfallen werden, aber die Gegenwart bietet immer den relativ zuverlässigsten Schlüssel zur Benrtheilung der Zukunft, und aus Symptomen und Erscheinungen kann man sich ein ungefähres Bild des Werdenden zusammenstellen. Es scheint uns, daß der neue Reichstag für den politischen Liberalismus kein glücklicher sein wird. Die Tendenz der Zeit, die politischen Interessen durch die wirthsch östlichen zu verdrängen, macht immer mehr Fortschritte. Das Volk schaart sich heute nicht um Ideale, sondern um Versprechungen. Wer am meisten schreien und wer am scrupellosesten versprechen kann, der hat die Volksmassen gewonnen. Unter dieser Strömung leiden natürlich diejenigen Parteien am meisten, die ihrer ganzen Anlage nach keine ernste Socialpolitik treiben können und keine leeren Versprechungen machen dürfen. Dazu kommt noch, daß der Freisinn in Deutschland einen Kampf nach zwei Fronten zu führen hat, nach der rückschrittlichen und nach der socialistischen Seite, eine Aufgabe, die seine Kräfte übersteigt. Im ersten Wahlgang hat der Freisinn schon bei der letzten Reichstagswahl keine Mandate zu erobern vermocht und bei den Stichwahlen wird er wohl auch nicht überall die nöthige Unterstützung finden. Es ist also sehr wahrscheinlich, daß der Freisinn beider Schattirungen im neuen Reichstage noch schwächer vertreten sein wird. Die National-Liberalen werden wahrscheinlich mit Hilfe der Regierungen und mit Preisgabe eines Theiles ihrer alten Ideale den Status yuo retten. Eine größere Schmach aber könnte diese einst qualitativ und quantitativ so hervorragende Partei nicht erfahren, als dadurch, daß sie sich dazu degradirt, mit Conservativen, Bündlern und Antisemiten zu pactiren. Die beiden conservativen Parteien, die ja doch nur von der Gnade der Regierung leben, werden vielleicht ihren Bestand retten. Neue Mandate werden sie trotz der gewaltigen agitatorischen Kraft des sich stets schlagenden und wieder vertragenden Bundes der Landwirthe kaum gewinnen. Auch die geplante größere Wahrung des Wahlgeheimnisses durch die Einführung amtlicher Couverts dürfte den Einfluß der Junker auf die ländlichen Arbeiter stark einschränken. Sie haben also einen Zuwachs kaum zu erwarten, wohl aber eine Schwächung sehr zu befürchten.