Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 20 (1903)
- Issue
- 17 (24.4.1903)
- Date
- 1903-04-24
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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Seite 862 Dr. Bloch's Wortzsnschrifk. Nr. 17 Michelet Sensation. Zn Halle 'a. d. Saale erfolgte 1849 in glänzender Weise seine Promotion. Die Dissertation „Ueber die ästhetische Erziehung des Kindes * blieb bedauerlicher Weise ungedruckt. Im Alter von 26 Jahren veröffentlichte Dr. Lazarus seine erste Schrift : „U. eder Die sittliche Berechtigung Preußens in Deutschland"', eine Streitschrift, in der nachgewiesen wurde, was sich auch sechzehn Jahre später — 1866 — bewährte, daß Preußen vermöge seines protestantischen Geistes berufen sei, Deutschlands Einigung und Führung zu übernehmen. Im Jahre 1855 erschien der erste Band seines psychologischen Hauptwerkes: „Das Leben der Seele", eine geradezu clasftsche Arbeit, Ucf gedacht, geistreich, glänzend geschrieben und in manchen Abschnitten von wunderbarer Schönheit. Die Fülle und Vielseitigkeit seines Wiffens erregten schon früh Staunen und Bewunderung, und so wurde ihm ungesucht der Ruf als Professor der Psychologie an die Universität in Bern, wohin er 1860 übersiedette. Durch elf Semester trug er dort Psychologie, Gu>l?züge der Bolkspsychologie, Psychologie des Staatslebens, Ethik, Moral, Statistik und Kunstgeschichte vor. So groß war sein Ansehen in Bern, daß er Decan und Rector, mit besonderer Genehmigung der Regierung, gleichzeitig war (1863). — Im Jahre 1865 vertrat er seine Universität bei dem fünfhunderljährigen Jubiläum der Wiener Universität, wo er sehr gefeiert wurde. So viele Würdigung und Anerkennung er auch in B-rn fand, ihn zog es nach Berlin, wohin er 1866 zu.ückkehrte und bis 1873 an der dortigen Kriegsakademie Philosophie letji tc. Es verdient, hervorgchoben zu weiden, baß s ä m m t l i ch e Officicre der Akademie und unter ihnen der Kro Prinz, späten r Kaiser Friedrich, seine Vorträge hörte:, die er ob: e Compendium, frei und fließend hielt, und von deren der Kronprinz besonders entzückt war, ebenso Moltke. Im October 1873 übernahm Lazarus eine ordentliche Honorarprofeffur an der Berliner Universität und widmete gleichzeitig ferne Thätigkeit der Gründung der H o cd j ch u l e für dieWissenfchaftdes Judenthums, an der er auch lehrte. Lazarus' Bedeutung trat immer mehr hervor; seine erstaunliche Thärigkeit und große Leistungsfähigkeit auf allen Gebieten menschlichen Wiffens und culturellen Strebens machten ihn zum Centralpunkt der intelligenten Kreise Berlins. Er stand Pathe bei der Schillerstiftung, deren Präsident er bis zu seinem Wegzug war, ebenso der Zunzstiftung, wie er überhaupt gleichzeitig dreizehnfacher Präsident von Instituten, Vereinen und Gesellschaften gewesen, aber nicht blos Präsident ad honoris, sondern thätig und thatkräftig; er war Maschinist und Maschine, ohne daß dadurch seine Schaffenskraft in die Brüche ginge! Im Vereine mit seinem gelehrten Schwager Steinthal gründete er die „Zeitschrift für Völkerpsychologie und Sprachwissenschaft" in deren zwanzig Bänden die beiden befteundeten Forscher einen Schatz von Wissen niedcrlegten. Dann erschienen: „Erziehung und Geschichte" — „W as heißt national?" — „Ursprung der Sitten." — „Ideale Fragen" — „Prophet Jeremias" — „EthikdesJudenthumsl. Th." An diesem letzten Werke arbeitete er mit Lust und Liebe, wobei ihm seine Frau Nahida Ruth erstaunlicher Weise durch Aufsuchen von Bibel- und Talmudstellen und Abschriften wesentlich hals. Vor wenigen Wochen erzählte er mir, daß die Ethik von Meisterhand ins Hebräische übertragen werde, worauf er eine» großen Werth legte. Ich sprach mit ihm bei dieser Gelegenheit über den zweiten Theil. Mit ruhiger Stimme sagte er alsdann: „Wenn ich noch drei bis vier Monate leben würde und jeden Tag zwei Stunden arbeiten könnte, so wäre der zweite Theil vollendet." Dann schwieg er lange; er scheint sein nahes Ende geahnt zu haben. Am Morgen seines Sterbetages bezeichnete er seiner Gattin zwei jüngere deutsche Gelehrte, die befähigt wären, den zweiten Theil der Ethik zu vollbringen. Diese ewige Arbeit ohne Unterlaß und Ruhe müßte auch den stärksten Organismus zerstören. Lazarus' sonst robuster Körper konnte mit seinem noch robusteren Geist nicht gleichen Schritt halten; müde und leidend beschloß der große Gelehrte im Herbst 1896 seine akademische Laufbahn; hielt noch viel bewunderte Borträge in München, Augsburg, Karlsruhe, Braunschweig und zuletzt in Wien, wo auch seine Frau mit Erfolg das Podium betrat; dann übersiedelte er zu einem ruhigen Leben nach Meran, wo er sich in die von ihm angekaufte Villa Ruth, nicht gänzlich zur Ruhe, als vielmehr zu einer stillen, nicht überhasteten Thätigkeit zurückzog, wunderbar gehegt und gepflegt von seiner viel jüngeren entsagungsvollen Gattin, die das hinterm Gartengitter abgeschlossene Leben des Philosophen überwachte und leitete, ohne, gleich ihm, monatelang die Schwelle des in Gebüschen schlummernden Hauses zu überschreiten. Man wird staunen, zu hören, daß dieser Mann, voll Ideale und Probleme, auch auf realem, wirthschaftlichem Gebiete thätig war — es war die Frucht der in ihn in seiner früheren Jugend gelegten Keime zur productiven Thätigkeit des Kaufmannes. Lazarus besaß vei Leipzig einen Sommersitz, Schöneftld, und in Leipzig selbst ausgedehnte Liegenschaften. Die Roßstraße daselbst ist sein Werk; er kaufte, demolirte, reconstrunie und baute. Anfangs mit Erfolg; dann kam die unheilvolle Krisis; die Bedeutung der Leipziger Messen nahm ab und mit ihnen der Werth der Realiiäten und in ganz kurzer Zeit war das, was Lazarus erspart und erworben, wie vom Sturm verweht — seine stabilen Bezüge schützten sein Alter vor Mangel; er lebte behaglich und hatte die Beruh'gui g, daß die von ihm verehrte und geliebte Gattin auch i ach ihm ein von Sorgen nicht getrübtes, ruhiges Dasein haben werde. — —- Es war kein Leichenbegängniß, wie es die Pietät gegen einen Verstorbenen, selbst, einem so hervorragenden Verstorbenen gestaltet; es war eine spontane und andachtsvolle Huldigung des großen Todten, des gefeierten Gelehrten, des unermüdlichen Forschtrs. des überzeugungstreuen Juden, des Spinoza der Neuzeit, eine Huldigung vor dem Throne der Unsterblichkeit! Der südliche Frühling hat den Merauer Friedhof zum Empfange des erlauchten Todten mit duftenden Blumen und üppigen Gewächsen geschmückt. An dein zwiichen einem Blumenspalier aufgebahrten Sargc stand, vor: Frtundcn umgeben, die schmerzgebeugte Frau Nahida Ruth Lazarus, auf die sich die allgemeine Theilnahme richtete. Als geistlicher Functionär erschien der Oberrabbiner von Vorarlberg Dr. Tänzer aus Hohenems. Der Verband der deutschen Rabbiner entsandte den Dr. Werner. Eine bessere Wahl konnte er nicht treffen. Die Wiener Culmsgemeinde war durch Herrn Salo Cohn, die Lemberger durch Dr. Schaff vertreten, die Königswarter-Stiftung durch Bankier Stranzky und Herrn Weil, dann erschienen mehrere locale Abordnungen und ein sehr zahlreiches distinguirtes Publicum von Einheimischen und Fremden. Der erste Redner war der Delegirle Dr. Werner. Mit weilhin schallender Stimme überbrachte er dem Meister die G üße des Rabbinerverbandes. warf einen Rückblick auf die Herkunft, die Jugend, den Werdegang, die Entwicklung, die Forschungen, lie Leistungen, die Erfolge und die monumentalen Werke des Verstorbenen. In überaus glänzender Weise feierte er Lazarus als Mensch, als Gelehrten, als Lehrer, als Mitbegründer der von ihm und seinem Schwager Steinthal geschaffenen Lehre der Völkerpsychologie, als Säule des modernen Judenthums, dem er das unvergänglichste Werk seines Lebens die „Ethik des Judenthums" zurückließ. Er hob die nationaldeutsche Gesinnung des Verblichenen hervor, seine großen Verdienste um die jüdische Hochschule und um die Schöpfungen der Cultusgemeinde in Berlin, um die Ausgestaltung ihrer zahlreichen Humanitäts- und Bildungsinstitute; er hob ferner die Harmonie und die glücklichen Verhältniffe hervor, in denen er lange Jahre mit seiner ersten Frau lebte. Zur zweiten, nicht minder glücklichen Ehe übergehend, die der Selige im späten Alter mit seiner treuesten und eminentesten Schülerin, der verwuweten Dr. Remy einging, sagte der Redner, sie sei eine zweite Ruth, welche ihm zurief: „Wo Du weilst, will arrch ich weilen; wohin Du gehest, gehe auch ich, wo Du leb st, will auch ich leben, und wo Du begraben sein wir st, will auch ich mich begraben lassen". — Eine allgemeine Erschütterung riefen die letzten Worte Dr. Werner's hervor, mit denen er von der Leiche Abschied nahm. „Moritz Lazarus" rief er, „Du großer Meister, fahre denn wohl — durch Dich erhält der jüdische Friedhof in Meran die höchste Weihe; zu deinem Grabe werden, wie zum Grabe der Propheten, noch Generationen nach uns wallfahrten, um dem Weisen den Tribut der Verehrung und der Dankbarkeit darzubringen! Ruhe sanft, ruhe in Frieden. Amen!" Nach dieser außerordentlich glänzenden und eindrucksvollen Rede des Münchener Predigers, die dreiviertel Stunde die tief ergriffenen Hörer fesselte, mußte man besorgen, daß der fügend-