Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 20 (1903)
- Issue
- 17 (24.4.1903)
- Date
- 1903-04-24
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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Ur. 17 Dr. Bloch’s Iahr-a»s XX Centrslorgan für die gesammten Interessen des Iudenthums. Wir«, 24. April 1903. Erscheint jeden Freitag. - >< -tz - Brief-Adresse: Wien, IX/1, Berggasse SS. Telegramm-Adresse: Bloch's Wochenschrift, Wien. * -= -m V. k. Pofisparrassen-Amk Clearing-Verkehr Ar. 810.976. ArdarUon und Administrativ» Wien IX/1, Berggalfe Nr. 39. Talephon Nr. 14.847. »-rugsxrei» fltr Srstrrrrich Halbjährig 8 Krone». Einzelexemplare Sv Heller, Fiir'W An»l«nd: Halbjährig 10 Krone». Ganzjährig 20 m Anzeige»! Die4mal gespalte», Beiitzeile 24 Heller. *■-... U Inhalt: Leitartike l: Moritz Lazarus. — Zu den deutschen Reichstags-Neuwahlen —Vom Jahrmarkt des Lebens: Glossen zur Tagesgeschichte. Die Blutlügner im Parlamente. „Juden haltet die Taschen zu." „Maria Magdala" und das Judenthum. Wie ein katholischer Geistlicher das vierte Gebot befolgt. Die Reise des rumänischen Ministers de« Innern nach Berlin. Die jüdische Auswanderungaus Rußland. Eine Ritualmordbeschuldigung vor 100 Jahren. — Eorr ei von de uzen: Aus der Plenarsitzung des Vorstandes der israelitischen Eultusgemeinde in Wien. Wien, Prag, Gyöngyös, Dürrmaul, Berlin. Paris. Die Sonntagsruhe und die Juden in Italien. Junge Antisemiten in New-Aork. — V-rm'schres: Kranz ablösungsspenden zu Gunsten der Ehewra-Kadischa in Wien. Wien, Leipnik, Krakau, Mährisch-Aussee, Ghör, Temes-Vegraz. — Feuilleton: Moderne Marannen. — Literatur. — Neue Bücher. — Brieflasten. — Notiz. — Inserate. Moritz Kaxarns. Von Leo Herzberg-Fränkel» Meran. Als ich ein paar Tage vor seinem jähen Ende Geheimrath Lazarus besuchte, saß er, wie gewöhnlich zu dieser Stunde, vor seinem Speisetisch und braute auf seiner Non plus ultra-Maschine für sich und seine treue Gefährtin Frau Nahida Ruth Lazarus den Besperkaffee. Als er zu meiner Begrüßung aufstehen wollte, merkte ich, daß ihn dies schwer ankomme, und hinderte ihn daran. Eine erloschene Cigarre lag vor ihm. „Heute", sagte er mit trübem Lächeln, „geht es mit dem Rauchen und Sprechen schlecht". Ich erbot mich die Kosten der Unterhaltung zu tragen; aber er sprach doch, wenn auch mit sichtlicher Anstrengung trotz meiner Mahnung und mitunter lebhaft, als die Rede von der Klausner'schen Broschüre „Hie Bibel, Hie Babel" war, die er vom Verfasser erhielt und mir zur Lectüre empfahl. Um ihm diese Anstrengung zu ersparen, entfernte ich mich sehr bald und hörte noch von der mich begleitenden trefflichen Gattin des großen Gelehrten im Vestibüle die Besorgnisse, die ihr der Kräfteverfall ihres Mannes verursache. Ich ging mit schwerem Herzen, und als ich den nächsten Tag wiederkam, fand ich den Professor im Bette und Frau Nahida Ruth in Thränen. Der Verfall der Kräfte machte rasche Fortschritte, die Schatten des Todes senkten sich auf diesefrüher so reiche Leben, ohne jedoch den starken Geist umnachten zu können, der klar und genau der schmerzgebrochenen Frau alle Verfügungen dietirte, die nach seinem Ableben getroffen werden sollen. Dann folgte eine kurze Abspannung, aus der er noch erwachte, um langsam eine Tasse Kaffee zu schlürfen; das müde Haupt sank auf die Brust — ein lautes hohles Rasseln und das Leben des edlen Mannes, des großen Forschers, des gefeierten Gelehrten, des Juden, vor dem der frechste Antisemitismus erfurchtsvoll Halt machte, war erloschen. Raschen Schrittes verbreitete sich die Trauerkunde durch Meran. Die Meisten kannten ihn, die Wenigsten haben ihn gesehen. Man wußte, daß drüben in der stillen Billa Ruth, entrückt dem Geräusche, dem Straßenverkehre und dem Straßenstaube, im Schatten der ewig grünen Edeltannen sich das Leben eines bedeutenden Mannes abspinne, der nur höchst selten, im Rollstuhl von seiner treuen Gattin geführt, einen Blick in das laute Getriebe des Curortes werfe. Und wer ihn sah in diesem Handgefährte, ohne ihn zu kennen, mit dem wallenden Silberhaar und Bart, dem durchgeistigten Gesichte, dem milden Auge und dem freundlichen Lächeln, mußte unwillkürlich zum Hute greifen, um die unverkennbare Majestät des Genies zu grüßen, die da leuchtete! Wir müssen einen weiten Weg in die Vergangenheit machen, um Moritz Lazarus (geb. 15. September 1824) in seinem Baterhause im ostpreußischen Städtchen Filehne zu sehen. Gegenwärtig haben wir wahrlich keinen Grund, über unsere socialen Verhältnisse Hymnen anzustimmen, damals aber ging der Jude mit gebundener Marschroute durch das Leben — Kaufmann, nichts als Kaufmann! Trotz der großen Anlagen und der Neigung des jungen Menschen zu ernsten Studien, wurde er von seinem Vater doch verhalten in ein Handelshaus zur Lehre und Praxis zu treten. Er traf es aber glücklich. Der Colonialwaarenhändler Neuman Kornfeld in Brody besaß zu jener Zeit eine Filiale in Posen, dem sein ältester Sohn Samuel Kornfeld Vorstand. In dies Geschäft kam Moritz Lazarus. Sein Chef war ein guter Talmudist und fromm, er brachte einen Theil der Nächte beim Studium der Gemara und ihrer Commentare zu. Zu diesen Studien zog er den jungen Mann, der vom Hause aus begabt und gut vorbereitet war, heran, ohne zu bedenken, daß derselbe den ganzen Tag im Geschäfte, die halbe Nacht vor den Folianten, der Arbeit erliegen müsse. Nähe daran, das Augenlicht zu verlieren und vom Arzt gewarnt, diese destruktive Lebensweise fortzusetzen, faßte Lazarus den Entschluß, die Stelle, die er inne hatte, aufzugeben, den ihm lieb gewordenen Chef zu verlassen und sich den wissenschaftlichen Studien zu widmen. Er ging nach Braunschweig. Hier marschirte er im Doppelschritt, zwei Jahrgänge in Einem Jahre zurücklegend. Wie ein tapferer Soldat, dem es gilt, eine Fahne zu erobern, stürmte der wackere Gymnasiast auf das Zeugniß der Reife, um in die höheren Disciplinen ehestens eintreten zu können. Es war eine jämmerliche Zeit für den Jüngling, der da einen harten Kampf gegen die Nothwendigkeiten des Lebens kämpfte, oft ohne Essen, ohne Licht und Holz blieb und mit dem kargen Ertrage seiner Unterrichtsstunden sich nur kümmerlich erhalten konnte — die Jugend Moses Mendelssohns, beim Kienspan, mit erstarrten Fingern vor der zusammengefrorenen Tinte! Doch die Jugend ist elastisch, besonders ein so starker Geist, wie er sich in Lazarus entwickelte. Voll Muth und Zuversicht ging er nach Berlin. Ohne seine hebräischen Studien aufzugeben, sich unausgesetzt mit Maimonides, Juda Halevy u. A. beschäftigend, hörte Moritz Lazarus in Berlin Physiologie bei Joh. Müller, Geschichte bei Ranke, Strafrecht bei Berner, Philologie bei Böckh, Sprachphilosophie bei Heyse und erregte durch ein Disputatorium unter