Mannheim
Compact Memory

Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1903-04-17 · 16 (17.4.1903) · page 13

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
20 (1903)
Issue
16 (17.4.1903)
Date
1903-04-17
Page
– (sequence 13)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
93% known words query
IRI
…/3020846-3021493-3021510--12617-3037221
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Nr. 16 Dr. Bloches Wochrnschrift. Sette 367 „Vielleicht empfähle es sich, im Auslande irgend eine Handelsagentur zu übernehmen?" Er begann zu überlegen, wer von seinen Geschäftsfreunden Agenten für ausländische Plätze suchte, und was für Stellen etwa noch zu vergeben waren. Es wurde ihm bei einem kurzen Ueberblick klar, daß an allen in Betracht kommenden Plätzen schier unzählige Bewerber vorhanden waren, die sich gerade aus den Ausgewiesenen recrutirten. Erst vorgestern hatte er selber die Agentur des ihm unterstehenden Hauses einem Bekannten übertragen, den das Auswanderungsgesetz betroffen hatte.... Das könnte man freilich noch zurückziehen, aber der Mann war ebenfalls ruinirt, befand sich in hilfloser Lage, wie konnte man ihm dieses Auskunftsmittel aus der Hand nehmen? . . . „Und Guttmann hat fich getauft, um im Lande bleiben zu dürfen!" tauchte plötzlich vor ihm ein Gedanke aus. „Wie konnte er das thun? . . Ec war allerdings auch vordem nicht sonderlich religiös, hütete nur wenig die Tradition . . . seine Kinder genossen fast gar keine jüdische Erziehung mehr. Aber ich merke wohl, daß dieser Schritt ihn innerlich geknickt und gebrochen hat. . . . Im Herzen muß er es wohl bereuen, der angestammten Religion den Rücken gewendet zu haben. . . . Aber auch Benditsohn hat dasselbe gethan . . . und der galt ja früher als religiös . . . er verfehlte an keinem Sabbath in die Synagoge zu gehen. . . Wie konnte er nur eine solche That verüben?... Vielleicht... vielleicht ... hat ers nur zum Schein gethan? ... Ist das möglich? . . . Und was soll aus seinen Kindern werden? . . . Die werden in der angenommenen Scheinreligion aufwachsen und gar nicht mehr wiffen, ob sie einmal Juden gewesen. . . . Es heißt auch, daß er sich in seinem angenommenen Glauben als Frömmler erweist. . . . Nein, er ist nicht nur zum Schein, sondern im Ernst Christ geworden. . . . Immerhin, vielleicht ist es psychologisch möglich, äußerlich Christ zu scheinen, und im Herzen, wie auch in der häuslichen Führung dem Judenthum treu zu bleiben". . . Plötzlich sprang er auf, wie von einer unsichtbaren Hand emporgeschnellt. . . . Lange noch schritt er, tief in Gedanken versunken, durch die Baumreihen auf und ab. . . . .... „Nur für kurze Zeit" dachte Gustav bei fich, indem er in seinem Herzen einen Gedanken niederkämpfte. „Nach wenigen Jahren habe ich mir genügend Geld zusammengehäuft und kann dann im Auslande eine Bank oder ein Handelshaus aufmachen und wieder eine unabhängige Stellung einnehmen. ... Ich bin nicht habgierig aber ich will nur die Möglichkeit haben, mir eine Basis zu schaffen, um dann auf ihr meine Selbstständigkeit aufzurichten, was ich bisher, aus Vertrauen in mein Schicksal, verabsäumt habe. . . . Dann lege ich natürlich die Maske ab und bin wieder ein freier Mann. . . . Wozu brauche ich denn hier mein ganzes Leben zu bleiben? . . . Jetzt befinde ich mich in der Noth, und zwar hat mich das Unglück überrascht, zu einer Zeit, da ich am wenigsten darauf gefaßt sein konnte. . . Gewiß, nur für kurze Zeit, nur für zwei Jahre, oder auch nur für ein Jahr, ich werde mittlerweile Zeit haben, mich nach einer neuen, geeigneten Stellung irgendwo im Auslande umzusehen. Dann bin ich wieder der Alte, bin ich wieder das, was mein Vater und mein Großvater waren . . . Wer kann mir ins Herz sehen, um zu wiffen, was in meinem Innern vorgeht? . . Ich handle in der Nothwehr! . . . Aber Zenaide, was wird fie dazu sagen? Frauen kennen in dieser Beziehung häufig keinen Spaß. . . Wird sie mir folgen wollen? . . . ... „Aber, wo denke ich nur hin?_Was wird mein Vater dazu sagen, wenn er diese Nachricht vernimmt?... Soll ich den alten Mann in Schmach und Trauer ins Grab stürzen?... Er würde mir das nie verzeihen... Wie könnte ich ihm dieftn Kummer bereiten? ... Und Zenaidens Eltern?... Ihr Vater ist ein Arzt, ein aufgeklärter Mann, aber gerade darum würde er fich mit Abscheu von mir abwenden. Ich weiß, wie sehr er am Judenthume hängt. . . . Und ich selber. . . . Brrr! . . . . schon der Gedanke macht mich schaudern!.. Ich könnte es nicht überleben. . . . Oh, wenn meine gute Mutter noch lebte! . . . Ihr hätte ich das nie anthun können, da gäbe es keinerlei Wanken .... Wer weiß, ob nicht jetzt ihre reine Seele aus uns herabschaut und uns segnet für die Wanderung in die weite Ferne, wo wir treu, dem überlieferten Glauben, eine neue Heimat finden werden. . . . Nein! . . . Die Erinnerung an die Mutter macht es mir unmöglich, das zu thun." .... „Und dann, was heißt das eigentlich, die Religion zum Schein wechseln? . . . K in Mensch kann mir freilich ins Herz blicken, aber Gott prüft ja die Nieren. . . . Wie, soll ich mich selber belügen? . . . Das ist ja ein doppelter Frevel! . . . Ich betrüge und hintergehe ja die christlichen Bekannten und Geschäftsfreunde, die mir ihr Vertrauen schenken und arglos mit mir verkehren... All die Menschen, die mir ihr Hab und Gut anvertrauen und mich für einen redlichen, offenen Menschen halten. . . . Müßte ich nicht mir selber ungemein (verächtlich Vorkommen! .... Jude und Nichtjude in einer Person. Was bin ich dann? Wer bin ich dann? .... Wenn ich m der Stunde der Noth meine Religion verleugnen kann, wer verbürgt mir, daß ich der so häufigen Versuchung widersteht n würde, fremdes Gut anzutasten? . . . ." „Aber, was thun?" . . . wiederholte Gustav seine große Frage fortwährend. Er erhob seinen thränenfeuchten Blick zum Himmel, als wollte er dort eine Antwort finden. . . . Aber der saphirblaue Himmel war heiter und ungetrübt; leichte durchsichtige Wölkchen schwebten, von einem milden Winde getrieben, dahin und zerstoben langsam in der Sonne. Endlich fing der Tag an, sich zu senken, die letzten Sonnenstrahlen überflutheten goldig die Dächer der hohen Häuser und die Wipfel der Bäume im Garten. Die Kinder waren noch vom Spiel ganz in Anspruch genommen, haschten einander und riefen fich zu mit silberhellen Sümmchen. Das Geräusch der Stadt drang wie undeutliches Murmeln bis hieher, das Geraffel der Wagen hörte nicht auf zu tönen. . . . Gustav verließ eilenden Schrittes den Garten und hatte einen Ausdruck düsterer Trauer im Gesichte. (Fortsetzung folgt.) Kampfesrufe, Losungsworte Theilt man aus an jedem Orte, Wo in wuthentflammter Hatz Wichte gegen die Semiten Täppisch und possirlich stritten. So zumal als Gegensatz Wird verbreitet, zu barbarisch Galt und gelte: Arisch. Wer und was die Arier waren, Ihr Gehaben und Gebühren Die Geschichte künden mag, Ob wir annoch aus dem Duster Alter Zeiten Tugendmuster Holen sollen heutzutag, Und sie zeig' uns exemplarisch: Was war vormals arisch? Liederliches Weibsvolk thronen Sah man, gräulich gleich Dämonen, In Athen, Rom und Byzanz, Fürsten, Helden als Trabanten, Geil verbuhlte Corybanten Rings um sie im tollen Tanz; Sie berauschten sich nektarisch — Nun denn, das war arisch! Arisch. Oannibal ante portas! Brudermörder, Wütheriche, Ruhmvoll durch gemeine Schliche, Unerreicht in Völlerei, Gierig Edles zu verfehmen, Prunkten stolz in Diademen, Von der Poetasterei Angejubelt noch fanfarisch. Hört Ihr, das war arisch! „An dem Fleische deines Sohnes", Ruft Astyages voll Hohnes, „Harpagus — hier ist sein Kopf — Mochtest weidlich du dich letzen." Schier erstarrt blerbt vor Entsetzen Fassungslos der arme Tropf Und er fühlt, daß gomorrharisch Nichts sei gegen arisch. Todeswund, von Mörderhänden Hingestreckt, sein Leben enden Fühlt ein königlicher Greis. Ueber ihn braust die Earosse; Tullia, sein Kind, die Rosse Stachelnd, sitzt darin. Den Preis Reichet Pluto ihr tartarisch Grinsend: köstlich, arisch! In dem „Weltcloaken"-Reigen Aus den Menschenleibern steigen. Die wuthschnaubendes Gethier Wild zerfleischte, blut'ge Nebel, Zur Belustigung dem Pöbel, Der aufjohlt vor Mordbegier. Grausenvoll, elementarisch; Alles vollblutarisch. Bei Patrizier-Gelagen Gab es auch Anthropophagen, Stellten es nur feiner an: Mit dem Fleisch von Sclavensöhnen Mästeten sie die Muränen, Schleckten solche Fische dann. Zubereitet culinarisch: Der Geschmack war arisch. Eicheln schmausten stolze Recken Der Teutonen, ließen schmecken Sich dazu das warme Blut Kriegsgefang'ner, hingeschlachtet Von Jungfrauen, die geschmachtet Nie nach Liebeswonnegluth. Jst's karaibisch, araukarisch? Nennt eS lieber arisch.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.