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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1903-04-17 · 16 (17.4.1903) · page 12

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
20 (1903)
Issue
16 (17.4.1903)
Date
1903-04-17
Page
– (sequence 12)
Language
German
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Sette 256 Dr. Bloch's Wochrnfchrifk. Nr. is und demselben noch so gute Dienste geleistet haben, als Fr e m d e erklärt wurden, die hier rechtlos waren und beim geringsten Anlaß ausgewiesen werden konnten. Um einen Anlaß war man nicht verlegen. Gustav Sonnenstein, dessen angesehene Stellung längst schon Bielen ein Dorn im Auge war, erfuhr eines Tages, daß er das Land verlassen mußte. Der Grund war gleichgiltig . . . Doch wohin sollte er sich nun wenden, wo sollte er eine Zufluchtsstätte suchen? Sollte er sich der großen Masse der Auswanderer anschließen, die ihre Häuser, ihr Hab und Gut verließen und nach Amerika oder sonst wohin jenseits des Oceans zogen? Was sollte e r dort anfangen? Wovon sollte er in der Fremde leben? Würde er im unbekannten Lande eine gleichgeachtete und nutzbringende Thätigkeit auf dem Gebiete des Handels finden, wie er sie hier inne hatte? . . Gustav war nie darauf bedacht gewesen, Vermögen zu sammeln, was ihm ja in seiner Stellung auf die ehrlichste Weise von der Welt ein Leichtes gewesen wäre. Er widmete alle seine Kräfte dem Institut, dem er Vorstand, und würde es für einen Frevel gehalten haben, zu seinen eigenen Gunsten Geschäfte zu machen. Seine beträchtliche Gage verwendete er für den Haushalt, für wohlthätige Zwecke, die bedeutende Summen verschlangen, so daß seine Ersparnisse verhältnißmäßig nur gering waren. Zenaide war wie niedergeschmettert von dieser Hiobspost. . . . Das Erste war, daß sie nach Frauenart in einen Thränenstrom ausbrach. . . . Sie sollte plötzlich ihre Häuslichkeit. ihr Glück, ihre ganze liebe kleine Welt verlassen? .. Dieses süße Nest preisgeben, welches sie sich hier mit so viel Mühe und Anstrengung Jahre hindurch gebaut hatte? ... Und warum? Hatte ihr theurer Gatte sich etwa ein Verbrechen, oder sei es auch nur ein leichtes Vergehen zu Schulden kommen lassen? Hatte er nicht vielmehr feiner Vaterstadt ungeheuren Nutzen gebracht? War das Aufblühen einer der wichtigsten Bankinstitute im Lande nicht sein Werk? Und hatte er nicht dadurch dem Handel und der Industrie des ganzen Landes reichliche Lebenssäfte zugeführt? . . . Konnte man auf seinem ganzen Thun, auf seinem ganzen Lebenswandel auch nur den geringsten Makel finden?... Doch auf alle diese'Fragen konnte ihr der Mann nicht die mindeste Antwort geben. Er saß da, niedergeschlagen, mit gesenttem Kopf und thränenvollen Äugen und verbiß seinen Schmerz und seine Empörung in einem düsteren Schweigen. »Müssen alle Juden das Land verlassen?" fuhr Zenaide voll Bitterniß fort. »Warum denn? Sind sie denn alle Verbrecher und Missechäter? Wenn es auch unter ihnen manche unsaubere Elemente gibt, aber wir". . . . »Rede keine Thorheiten, mein Kind", unterbrach sie Gustav. »Das Gesetz richtet sich gar nicht gegen Uebelthäter. Die Juden find hier, zum großen Nutzen des Landes, im Handwerk, in der Industrie oder im Handel thätig. Das Gesetz richtet sich gegen sie nur, weil sie Juden sind." »Aber Lebensohn darf hier bleiben." . . . »Lebensohn ist einer der wenigen Glücklichen, die naturalisirt find." »Auch Guttmann behält seine Stellung im Handelshause" . . . fuhr die Frau fort. »Guttman ... er hat... er hat sich . . . getauft hat er sich nämlich." . . . Ein tiefes, langes Schweigen entstand; Zenaide durchfuhr ein heftiger Schauer, den sie sich nicht zu deuten wußte. Sie verhüllte ihr Antlitz und weinte heftig. Gustav ging schweigend im Zimmer auf und ab. »Wenn die Bank dir deinen Jahresgehalt ausbezahlt und dir dadurch in der Noth beispringt und wir obendrein unseren ganzen Hausrath verkaufen, so werden vielleicht unsere Mittel reichen, um die Stadt zu verlassen . . brach endlich Zenaide das unheimliche Schweigen. »Was den Verkauf der Einrichtung betrifft, mein Herz, so darf man sich darüber keine Illusionen machen", bemerkte Gustav. »Alle wissen, was uns zum Verkaufen zwingt. Was wird man uns geben?... Nicht den zehnten Theil des Werthes... Unser Freund Goldberg wollte sein kostbares Clavier verkaufen, für welches er erst vor Kurzem fünfhundert Francs bezahlt hatte. Die Händler kamen, und boten ihm . . . rathe einmal, wieviel? . . . Fünfzig Francs boten sie ihm. Weißt du, was er that? In der Aufwallung des Zornes ergriff er ein Beil und hackte vor ihren Augen das Instrument kurz und klein. Wir wollen alle beide kein Clavier haben, sagte er dabei." »Das Geld, welches ich von der Bank beanspruchen könnte", fuhr er fort, »wird vielleicht für die Reise nach Amerike reichen, es wird uns womöglich auch noch so viel bleiben, daß wir davon die ersten paar Monate dort leben können, . . . aber was soll weiter daraus werden? Sollen wir die Hand ausstrecken und Unterstützungen von den Hilfsvereinen in Deutschland und Amerika annehmen? Sollen wir uns in Lumpen hüllen, um wie würdige Bettler auszusehen? Sollen wir unsere Kinder hungern lassen, damit ihre herabgekommenen Gesichter Mitleid erregen?" Zenaide hörte nicht auf zu weinen und zu jammern. . . . Die Vorstellung, daß ihre Kinder, die sie wie ihren Augapfel behütete und die im Wohlstand und Ueberfluß erzogen wurden, nunmehr wie Bettelkinder heimatlos und obdachlos durch die Welt irren sollten, erregte in ihrem Mutterherzen ein Grauen. Als die beiden Kinder, Philipp und Henriette, im angrenzenden Zimmer die weinende Stimme der Mutter vernahmen, stürmten sie herein, und beim Anblick der mütterlichen Thränen stimmten sie gleichfalls, ohne zu wissen warum, ein Weinen an. Gustav ordnete seine Toilette, zog den Mantel an und begab sich hinaus. Verschiedene Fragen rumorten ihm jetzt im Kopfe herum, am meisten wurmte ihn die eine Frage, auf die er keine Antwort finden konnte: »Was thun?" . . . Wankenden Schrittes schlenderte er in den vom lebhaften Treiben rauschenden Straßen ziel- und planlos umher. Zahlreiche Wagen fuhren raffelnd an ihm vorüber, Hunderte von Menschen drängten sich eilend hin und her. Alle gingen ihrem Geschäfte oder ihrem Vergnügen nach, aber keiner von ihnen ahnte den tiefen Seelenschmerz, den der einsam Dahinwandelnde im Herzen trug. Er betrachtete die hohen Häuser, die ragenden, prunkvollen Paläste, die Schilder der Kaufläden und der Geschäfte mit ihren prangenden Goldbuchstaben, als wollte er auf ihnen eine Erklärung, eine Antwort auf seine Frage lesen . . . aber sie waren stumm. . . . »All das wird hier an Ort und Stelle bleiben", sprach Gustav zu sich selber. »Die Menschen werden ihre Arbeit rastlos fortsetzen, auch wenn ich fort bin. . . . Der Strom des Lebens wird nach wie vor unaufhörlich dahinbrausen, nur ich und mein Haus, wir stürzen ins Unglück. . ." In Gedanken versunken kam, Gustav, ohne es zu merken, nach dem Stadtgarten und ließ sich auf eine Bank unter einem Baum nieder. Woran dachte er eigentlich? Er wußte es selber nicht. Er starrte nur mit offenen Augen vor sich hin, aber etwas wie eine Wolke oder ein Dunst hatte ihm die Aussicht verhüllt, so daß er nur noch die schwarzen Umrisse der Gegenstände wahrnahm. . . . Doch da leuchtete die Sonne über die Erde, ein leichter Wind raschelte durch das Laub der Bäume, Vögel flogen zwitschernd hin und her und von der Straße hallte das Raffeln der vorbeisausenden Wagen herüber, daß es sich anhörte, wie das Tosen eines Meeres, und Gustav saß noch immer in düsteres Brüten versunken, keines klaren, zielbewußten Denkens fähig. ... »Was thun?!" ertönte plötzlich eine fremde Stimme in seinen Ohren. ... Er hatte die Illusion, als hätte ein anderer Mensch in seiner Nähe diese Frage ausgestoßen. . . . Jetzt kam eine Frau mit einer Gruppe kleiner Kinder vorbei. Die Kinder zerstreuten sich zwischen die Baumalleen, liefen ausgelassen, schreiend und spielend auf den Wegen umher, füllten ihre kleinen Gefäße mit Sand und kneteten Brode daraus... Dann fing eines von ihnen übermüthig zu schreien an. »Wer schreit? . . ." fragte sich Gustav, wie aus einem Traume erwachend. »Es schien mir die Stimme meines Sohnes Philipp zu sein . . . Doch nein! Dieser sitzt jetzt daheim und weint . . Er muß sich jetzt zum Verlassen der Heimat rüsten .. Er muß zum Wanderstab greifen und gemeinsam mit allen seinen unglücklichen Brüdern in die Fremde ziehen? . . . Doch wohin? ... Am liebsten in die Unterwelt . . ." schloß er erbittert und verzweifelt. »Ich habe einen großen Fehler gemacht", fuhr Gustav fort »daß ich mir kein Vermögen gesammelt habe. Ich war verpflichtet, mehr an mich und meine Familie und deren Zukunft zu denken. Wenn ich jetzt ein bedeutendes Privatvermögen besäße, ich könnte in jedem beliebigen Lande ein großes Handelshaus gründen..." Er fing an, auszurechnen, wie viel er wohl an Geld nöthig hätte, um die Reisekosten zu bestreiten, anderwärts sich ein Haus einzurichten und ein kleines Geschäft aufzumachen . . Aber was sollte er denn im Kleinhandel anfangen? . . . Obendrein hatte er nur herzlich wenig baares Geld ...

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