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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1903-04-17 · 16 (17.4.1903) · page 6

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
20 (1903)
Issue
16 (17.4.1903)
Date
1903-04-17
Page
– (sequence 6)
Language
German
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Sette 260 Dr. Bloch's Wochrnfchrifr. Rt 16 Doch die Wahlen zu dem „Jewish Board of Deputies werden en petit comite vorgenommen, von nur etwa 14.000 Juden, so daß volle 142.000 ohne Vertretung bleiben. Die Hochburg des englischen Judenthums ist sonach in London zu suchen und innerhalb Londons im Londoner Ost-End. In Bethnalgreen allein leben 15.000 Juden; in Stepney und Spitalfields sind ganze Straßen von Juden bevölkert. Am engsten aber sind die Juden in jenem Viertel des Ost-Ends zusammengedrängt, das sich aus Theilen von Whitechapel. St. George, Limehouse und Poplar zusammensetzt, und das im Norden vom Commercial Road und dem East Jndia Dock Road, im Westen vom Tower, im Süden von der Themse und den West Jndia Docks und im Osten von den East Jndia Docks begrenzt wird. Dieses Viertel ist das eigentliche Londoner Inden-Ghetto. In hebräischer Schrift sind hier die in den Schaufenstern aushängenden Zettel abgefaßt, und über den Läden prangen die Namen eines Friedmann, Isaak, Goldstein und Abraham. Begreiflicher Weise sind die englischen Arbeiter, und besonders die Dockarbeiter und Marktträger nicht entzückt darüber, aus dem so bequem gelegenen Whitechapel und St. George von den jüdischen Einwanderern verdrängt zu werden, und grollend räumen sie den Neuankömmlingen ihren Platz, um weiter nordwärts zu ziehen. Der Jude zahlt höhere Miethen als der englische Arbeiter, um der City und seinen Arbeitgebern möglichst nahe zu wohnen, und um die Kosten für Benutzung von Omnibussen und Eisenbahnen zu sparen. In einem ausschließlich von Juden bewohnten Ost-End-Hause fand man in 8 kleinen Räumen 45 Menschen zusammengedrängt. Häuser, die einst von einer einzigen Familie bewohnt waren, haben jetzt eine Familie in jedem Zimmer, und Fälle sind bekannt, wo 4 Männer und 6 Frauen ein einziges Schlafzimmer theilten. Wenn eine Familie das Glück hat, außer ihrem Schlafzimmer noch über eine Küche zu verfügen, so wird dieselbe während der Nacht vermiethet, oft an einem gentlemanhaft aussehenden, mit schwarzem Rock und Eylinder bekleideten Schlafgänger, der sein Bett auf der bloßen Diele herrichtet. Vor 25 Jahren konnte man in St. George ein einstöckiges Haus mit vier Zimmern und Garten für ly Pfund Sterling jährlich, also für 6 bis 6 Shillings wöchentlich miethen, heute zahlt man denselben Preis für ein einziges Zimmer. An diesen unverhältnißmäßig hohen Wohnungsmiethen ist wohl vor allen Dingen der Umstand schuld, daß man innerhalb der letzten hundert Jahre, wo die Londoner Bevölkerung von 1 Million auf 6 Millionen angewachsen ist, nicht genügend neue Wohnungsgelegenheiten in dem bevölkerten Theile Londons geschaffen hat. Hätte man bei Zeiten die kleinen Einfamilien- Häuser des Ost-Ends durch größere Gebäude ersetzt, so wären die Wohnungsmiethen im Londoner Osten heute bei Weitem geringer Aber vielfach haben die Juden selbst die unverhältnißmäßige Höhe der Miethen direct hervorgerufcn. Am besten wohnen diejenigen Juden, die in den großen, von Mischen Gesellschaften errichteten Häuserblocks, wie in den Rothschild- und Nathaniel-Häusern, untergebracht sind. Diese Häuser sind von zuverlässigen Verwaltern beaufsichtigt und die Miethspreise sind verhältnißmäßig gering Wie hinsichtlich seiner Wohnung, so macht der Jude auch hinsichtlich seiner Nahrung weit geringere Ansprüche als der englische Arbeiter. Das zeigen unter Anderm auch die von den Ost-End-Juden besuchten „Ha'penny-Restaurants", wo jedes Gericht nur einen halben Penny kostet, und wo man sich für zwei Pence satt essen kann, ohne zur Zahlung eines Trinkgeldes verpflichtet zu sein. In den Fenstern dieser Restaurants befindet sich gewöhnlich eine Karte mit der hebräischen Aufschrift „Speizen gut und billig", und darunter hängt eine Preisliste, worauf vermerkt ist: „Zup a hii'penny — Fish a hii'penny — Kaffee a hii'penny". Empfangen wird man in diesen Speisehäusern mit dem polnisch-jüdischen „Vos yilchekh?“ — Was wünschen Sie? und mit der Frage, ob man sich die Hände waschen will Mit diesen Restaurants ist oft eine kleine Synagoge verbunden, die sich im hinteren Zimmer des Wirthshauses befindet, und diese Synagoge wiederum dient Nachts über den Gästen des Restaurants als Schlafsaal, — ein classisches Beispiel, wie sich in dieser unvollkommenen Welt das Erhabene mit dem Nützlichen vereinigen läßt. Jede dieser Synagogen hat ihren eigenen Rabbi oder „Rebbe". der sich für freien Tisch und ein kleines Honorar im Dienste des Gastwirths befindet und dafür sorgt, daß die Besucher der Synagoge fleißig das Restaurant besuchen und die Kunden des Restaurants die Synagoge. Der Londoner „Ost-End-Nebbe" ist eine gar merkwürdige Erscheinung. Seine Antecedentien sind meist fraglich. Das bischen Wiffen, das er zur Ausübung seines Amtes benöthigt, hat er sich in seiner Jugend in einer russischen oder polnischen „Ieshiba" oder Rabbiner-Schule angeeignet, und manchmal hat er daselbst mehr gelernt, als für einen „Rebbe" des Ost-Ends erforderlich ist. Durch die Ungunst des Schicksals aus seiner Heimat Vertrieben, beginnt der Rebbe seine Laufbahn im Auslande oft als zweiter Synagogen- Leser und ritueller Schlächter. Doch lange hält er es in dieser untergeordneten Stellung und unter der Aufsicht des ersten Rabbiners nicht aus, — und der Synagogen-Leser etablirt sich als „Rebbe". Das ist überaus einfach. Man braucht nur irgendwo einen Saal oder ein Zimmer zu miethen und einen Schrank mit einer Gesctzesrolle darin aufzustellen, — und die Sache ist gemacht. Tie Größe der Gemeinde hängt dann im Wesentlichen von der Geschicklichkeit des Rebbe ab. Noch öfter wird der Rebbe von einem Gastwirth oder einer der zahlreichen religiösen Bruderschaften des Ost-Ends, den sogenannten „Hevras", engagirt. Der Ost-End-Jude hat nämlich ein entschiedenes Mißtrauen gegen das officielle englische Judenthum und liebt cs, den Gottesdienst in genau den Formen auszuüben, wie er es „derheim" gewöhnt war. Das geht so weit, daß die „Söhne von Plotsk", die „Söhne von Warschau" und die „Brüder von Grodno" jede ihre besondere Hevra und Synagoge bilden, genau so wie die „Landsmänner" von Kiew, Odessa und Wilna jede ihr besonderes Speisehaus haben. Diesem Stamm- und Sectenwesen kommt der „Rebbe" entgegen, und daher die Beliebtheit, deren er sich erfreut. Wie die Ost-End-Synagogen, so verwaltet der „Rebbe" auch die Ost-End-Besmedreshs oder „Häuser der Gelehrsamkeit". Diese dem Studium der Bibel und dem Talmud gewidmeten „Häuser" bestehen vielfach nur in einer schmutzigen Stube, deren Miethe von Pennybeiträgen bestritten wird. Bessere Dienste leisten zweifellos die jüdischen Ost-End-Schulen, deren es sechs gibt. Sie stehen unter jüdischer Verwaltung und werden von jüdischem Gelde unterhalten; eine von ihnen ist ausschließlich der Erziehung spanischer und portugiesischer Juden gewidmet. Im Ganzen werden 6180 Judenkinder in diesen rein jüdischen Schulen unterrichtet. Zu ihnen muß man indessen noch 16 Gemeindeschulen rechnen, die in Wirklichkeit jüdisch sind und nur sehr wenig Christen enthalten. In diesen Gemeindeschulen befinden sich etwa 15.000 Judenkinder, so daß sich die Gesammtzahl der jüdischen Schuljugend des Ost-Ends auf über 21.000 Kinder beläuft, wovon mehr als ein Drittel im Ausland geboren sind. Die jüdischen Eltern halten darauf, daß ihre Kinder die Schule besuchen, wo sie gute Fortschritte zu machen pflegen; doch sobald sie l-i Jahre alt sind, müssen sie auf Verlangen der Eltern die Schule verlassen und dem Broterwerb nachgehen. Wohl Niemand arbeitet härter als der Jude des Ost-Ends. Der aus Rußland vertriebene und pennylose Neuankömmling oder „Greener" pflegt 16 Stunden täglich bei einem Wochenlohn von 6 Shillingen zu arbeiten, und wenn er es auch etwas leichter nimnit, sobald er sich erst in die neuen Verhältnisse eingelebt und sein Handwerk erlernt hat, so arbeitet doch der Jude im Allgemeinen bei weit geringerem Lohn viel ausgiebiger, als der englische Arbeiter. Letzterer ist über die jüdische „Schmutzconcurrenz" natürlich entrüstet und verlangt, daß man den fremden Zuzug fernhalte. Doch das ist leichter gesagt als gethan. Ein solches Verbot würde das englische Schuh- und Schneidergeschäft erheblich schädigen, wo der jüdische Arbeiter durch systematische Durchführung der Arbeitsteilung und dank seiner ungemeinen Ausdauer und Genügsamkeit über den englischen Arbeiter den Sieg davongetraaen hat. Bettler oder „Schnorrer" gehören unter den Juden des Ost-Ends zu den Seltenheiten, und wo wirklich ein Jude öffentlicher Unterstützung bedarf, pflegt nicht die englische, sondern die jüdische Armenpflege zu helfen. Im Allgemeinen jedoch hilft sich der Jude selbst. Wer nicht als Schuster oder Schneider thätig ist, verdient sein Brot als Handelstreibender und Krämer, als koscherer Fleischer und Garkoch und als Hüringshändler oder Hausirer, welch letzterer einen besonderen Handel aus dem Verkauf von „Tzitzith" oder Fransen für Gebetbinden macht. Auch die liberalen Professionen, sind unter den Juden des Ost-Ends vertreten. Mit dem „Rebbe" haben wir bereits Bekanntschaft gemacht. Ihm verwandt ist der öffentliche Schreiber, der Briefe auf Englisch wie Jiddisch abzufassen vermag; der des Hebräischen mächtige Quacksalber;, und der Melamed" oder „gelehrte Mann", der Alles von ,,Alef bis Gemoro", d. h. vom Alphabet bis zum Talmud zu lehren vermag. Die Majorität der sich in England niederlassenden Fremden besteht aus Juden, und die Inden werden daher besonders getroffen, wenn die eingewanderten Fremden von jingoistischer Seite als der Auswurf der Menschheit bezeichnet werden. Hingegen erklärten die Rectoren von Bethnal-Green, Stepney und Spitalfields und der Vorsitzende des Whitechapeler Armenrathes, — alles Männer, die während 15. 20 und 22 Jahren im Ost-End ansässig sind und mit der dortigen jüdischen Bevölkerung in engste Berührung kommen — daß die Juden ein musterhaftes Leben führen und namentlich von Trunkenheit durchaus frei seien; sie sind fleißig und sparsam und bequemen sich den Gesetzen des Landes nach Möglichkeit an. Sie lieben zu schwätzen und ihre Neugierde aus dem „Wanderer" und dem. „Jewish Chronicle", den beiden jüdischen Zeitungen des Ost- Ends, zu befriedigen. Sie suchen ihre Unterhaltung nicht in den Public Houses und Music Halls, sondern in den Hevra-Räumen und in der gemeinschaftlichen Begehung der hohen Feste. Diese Feierlichkeiten werden von den Juden des Ost-Ends wie eine Art Concerte oder Theater-Vorstellungen betrachtet, für die berühmte Synagogen-Sänger und -Vorleser aus Warschau, Wilna und Krakau engagirt werden und für die man seine Billette bei Zeiten vormerken läßt und theuer bezahlt. Das Oster- und Neujahrsfest, Pascha und Rosch Haschono, werden nach russisch-polnischer Art von den Juden des Ost-Ends gefeiert. Die verschiedenen Vorrechte, wie das Oeffnen der Bundeslade, die Beiseiteschiebung des Vorhanges und das Tragen der Gesetzesrollcn, werden nach hcimatl'cher Sitte während des Gottesdienstes an den Meistbietenden versteigert. Auch den Gebrauch der „Taschlikh" oder „Sündenabwerfung" haben die Juden des Ost-Ends von daheim importirt. So kann man sie am Neujahrstage in Säiaaren auf dem Custom House Quay und vor dem Tower auf und ab wandeln sehen, im Vertrauen darauf, daß der Strom ihre Sünden in die See hinabspülen werde. Sollte die Themse ein paar Sünden

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