Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 20 (1903)
- Issue
- 16 (17.4.1903)
- Date
- 1903-04-17
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
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Nr. 16 Dr. Bloch's Wochenfttzrist. Seite 249 gleichgeblieben sind. Dabei werden die Forderungen der Lehrer nach einer ausgiebigen Besserung ihrer Lage abfällig kritisirt, und Herr Dr. Geßmann findet es tadelnswerth, daß die Lehrer gegen jede kleine »Mehrleistung" sich sträuben. Der Herr Landesausschuß selbst sträubt sich freilich gegen Mehrleistungen nicht, aber er läßt sich seine verschiedenen Functionen ausgiebig bezahlen und findet in dem Betriebe der Diätenschinderei keinerlei Maßlosigkeit. Die Lehrer dagegen, die soviel haben wollen, damit sie A wenigstens nothdürftig leben können, die bezeichnet er als maßlos. Die Lehrer werden in dem Tone des Berichtes die offenen und versteckten Drohungen, die gegen sie ausgestoßen werden, verstehen. Herr Doclor Geßmann constatirt: »Gewiß haben strengere Maßregeln der Schulbehörde im vergangenen Jahre manchem Lehrer größere Vorsicht auferlegt und manchem von unbedachten Schritten abgehalten." Ein cynischeres Geständniß, daß die Lehrer in Bedrohung ihrer Existenz zur Gesinnungsheuchelei gezwungen werden, hätte Herr Doctor Geßmann gar nicht ablegen können. I 8 e g r i m. Die antisemitischen Dertheidiger Rumäniens. ui. Die »Zeitung für die österreichische Monarchie" war schämlos genug, zu behaupten, daß die Lage der Juden in Rumänien eine günstigere ist, als die Lage der Juden in Galizien. Wie sehr sie damit der Wahrheit ins Gesicht schlägt, haben wir bereits in unserem jüngsten Artikel dargelegt; ob es mit ihrem ^Patriotismus" vereinbar ist, Oesterreich so sehr zu verunglimpfen, daß man dessen Zustände auch nur in einem Lande wie Galizien tiefer stellt, als die rumänischen — das mag die »Zeitung für die österreichische Monarchie" mit ihren Patronen ausmachen. Jedenfalls ist es gut. den »Patriotismus" dieser Sippe an einem praktischen Beispiel illustrirt zu sehen. Aber selbst wenn nur der wirthschaftliche, nicht der rechtliche Zustand der rumänischen Juden als ein besserer wie der der galizischen gemeint sein sollte, so wäre auch mit dieser Parallelisirung der Wahrheit ins Gesicht geschlagen, und überdies werden damit die Zustände in Galizien so stigmatisirt, daß man nun an die Partei dieser Zeitung, die ja in Galizien einen so großen Einfluß besitzt, die Frage richten muß, warum sie denn die wirthschaftlichen Verhältnisse nicht bessert, nicht im Interesse der Juden — so viel Menschlichkeit dürfen ja die Patrone der »Zeitung für die österreichische Monarchie", wenn sie den Gesinnungen dieses Organs folgen wollten, gar nicht besitzen — aber im Interesse der österreichischen Monarchie, in deren größtem Kronlande Galizien doch nicht Verhältnisse geduldet werden dürften, die »schlechter als in Rumänien" sind. Wenn wir der »Zeitung für die österreichische Monarchie" eine solche antipatriotische Gesinnung aber nicht zumuthen sollen, dann gibt es für sie nur eine Entschuldigung, daß sie die rumänisch»n Artikel nicht selbst verfaßt hat, sondern einem Einsender aufgeseffen ist, der ihr nach dem Muster der Pfefferkorn, Brimanus und ähnlicher Gesellen ein Kuckucksei ins Nest gelegt und Lüge für Wahrheit verkauft hat. Daß sie selbst urtheilslos genug war — oder vom Antisemitismus so verblendet — um falsche Waare anzunehmen. daS bleibt allerdings auf ihr sitzen. In unserer Meinung über die wahre Natur dieser rumänischen Aufsätze in der »Zeitung für die österreichische Monarchie" werden wir noch mehr bestärkt durch die in diesen Artikeln enthaltenen Bemerkungen über das rumänische Jndustrieförderungsgesetz. Dieses Gesetz wird nämlich als Beweis dafür angeführt, daß die rumänische Regierung den Juden wohlwolle und sie zur Arbeit heranziehen wolle, während diese verstockten Juden ohne Arbeit ihr Leben im süßen Nichtsthun in Rumänien verbringen wollen. Die Gewissenlosigkeit dieser Anklage wird nur von der Unwissenheit Desjenigen übertroffen, der sie niedergeschrieben hat, und eS gereicht der »Zeitung für die österreichische Monarchie" nicht zur Ehre, daß sie ihre Spalten solchem Unsinn und solcher Unwahrheit geöffnet hat. Das rumänische Jndustriegesetz hat an und für sich mit den Juden in Rumänen überhaupt nichts zu schaffen. Es bezweckt nämlich nicht, dies Arbeitsgebiet der Juden zu erweitern oder überhaupt ihnen Arbeit zu schaffen, sondern sein ausgesprochener Zweck ist, fremdes Geld ins Land zu ziehen, und damit dieser Zweck leichter erreicht werde, find in Bezug auf die »Heimatsberechtigung" den Verwaltern des fremden Geldes einige Zugeständnisse gemacht worden, jedoch durchaus keine für die rumänischen Juden. Aber dieses Gesetz hat in seiner ersten Fassung den beabsichtigten Zweck nicht erreicht. ES hat sich kein fremdes Capital gefunden, das auf rumänische Rechtssicherheit sich verlassen hätte. Sturdza hat daher dem Gesetze eine »mildere" Fassung geben lassen, wonach insbesondere die Zahl ver »fremden" Berwaltungsräthe in den neu zu gründenden industriellen Unternehmungen eine größere hätte sein dürfen, so daß sie sogar die Majorität im Verwaltungsrathe dargestellt hätte. Für die rumänischen Juden und ihre Arbeitsgelegenheit war damit nicht das Mindeste bezweckt. Ihr Geld hatte man ja ohnedies, es sollte Geld aus dem Auslande und Unternehmungsgeist aus dem Auslande herangezogen werden. Dieser Zweck wurde aber auch mit der zweiten Fassung des Gesetzes nicht erreicht. Es existirt in diesem von der Natur begünstigten Lande eine Zuckerfabrik, die kläglich ihr Dasein fristet; eine Tuchfabrik. die nur das ordinärste Tuch erzeugt und nur deshalb fortbestehen kann, weil die Armee ihr alle Erzeugnisse abnehmen muß; eine einzige Glasfabrik, deren Bestand nur durch die königliche Unterstützung sichergestellt ist. Zwar zählt man eine größere Reihe von Industrie-Etablissements auf — die auf dem Papiere sich sehr stattlich ausnimmt. Wie es aber in Wirklichkeit mit der rumänischen Industrie bestellt ist, hat erst jüngst der Finanzminister Costinescu mit voller Aufrichtigkeit dargelegt, der wahrlich ein verläßlicherer Zeuge ist, als der Artikeleinsender der „ Zeitung für die österreichische Monarchie". Das Land hat Holz und Kohle in Ueberfluß, aber keine sich darauf aufbauende Industrie; das Land hat einen großen Petroleum- und Salzreichthum und dennoch keine die Producte in großem Maßstabe selbst verwerthenden Etablissements. Statt nun jenen Theil der einheimischen Bevölkerung, der die Fähigkeit, den Willen und die Ausdauer besäße, die Reicht hümer des Landes nutzbar zu machen, zu dieser Arbeit heranzuziehen, stößt man ihn durch Gesetze und Verordnungen fort, treibt ihn außer Landes, verwehrt ihm die Bethätigung seines Fleißes und seiner Kenntnisse und macht auf diese Weise das Land selbst arm und ärmer. Der Rumäne hat keinen Sinn für Industrie, er ist kein ausdauernder Arbeiter, wie man ihn bei anderen Nationen findet, er hat auch keinen Arbeiterstock, der in industrieller Arbeit zu verwenden wäre. In den Salinen arbeiten Sträflinge, im Walde und Ackerbau allerdings Rumänen — aber mit der ihnen eigenen Arbeitsweise, welche für die Industrie nichts taugt. Selbst im Kleingewerbe in den Städten vermöchte der Rumäne nicht mit anderen Nationen zu concurriren und nur der hohe Schutzzoll kommt ihnen einigermaßen zu Statten. Er ist aber nicht nn Stande — vielmehr er verhindert geradezu — die Qualität der Leistungen auf die Höhe derjenigen der eingeführten Gegenstände zu bringen. Wenn man rumänischerseits behaupten will, daß man die Juden vom Handwerke, Gewerbe, Berufen rc. ausschloß, um die »nationale" Arbeit zu heben, so ist dies eben nur eine Lüge, mit der man verbergen will, daß der Schutzzoll nicht im Stande ist, aus den Rumänen gewerbliche Arbeiter zu machen. Man muß die Juden in Krajowa, Bukarest, Plojescht, Jassy, Galatz. Braila und in verschiedenen Dorfgemeinden gesehen und beobachtet haben, daß sie sich jeder, auch der schwersten Arbeit unterziehen, dann wird man, wenn man nicht absichtlich lügen will, gewiß nicht ihnen die Arbeitswilligkeit absprechen, wie eS der unwissende oder böswillige Verfasser der Artikel in der »Zeitung für die österreichische Monarchie" gethan hat. Wenn Rumänien keine Industrie besitzt und wenn ihm auch seine Jndustriesörderungsgesetze weder Geld noch Industrie zuführen, so ist es selber schuld. Seine Gesetzgebung ist eine absolut fremdenfeindliche, seine Rechtsbegriffe entsprechen europäischen Begriffen nicht, seine Gerichte flößen kein Vertrauen ein, die Willkür seiner Beamten fordert das schärfste Mißtrauen heraus — darin liegen die Ursachen seiner Rückständigkeit und nicht in den Juden. A. Wiener. Die Juden im Londoner GK-Gnd. London, den 2. März 1903. Die gegenwärtig in England ansässigen Juden werden auf 156.000 geschätzt, wovon 97.000 auf London entfallen. Sie werden officiell durch die tut Jahre 1760 gegründete jüdische „Deputirten- Kammer" vertreten, die zur Aufgabe hat, die Wohlfahrt der englischen Juden als einer religiösen Gemeinde zu überwachen und wo es Notb thut, zu fördern. Diese „Deputirten-Kammer" ist aus 65 Abgeordneten zusammengesetzt, wovon 31 von den hauptstädtischen Synagogen gewählt werden, 32 von provinzialen und 2 von colonialen Synagogen.