Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 20 (1903)
- Issue
- 16 (17.4.1903)
- Date
- 1903-04-17
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
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Seite 248 Dr. Bloch's Wochenschrift. Nr. 16 Von solchen Erlösten, in der Erlösung Begriffenen, oder auf sie Hoffenden, soweit sie unserem Glauben angehören, wird dieses Gotteshaus ausgesucht werden. Kann es eine andächtigere Gemeinde geben? „Nur der Kranke ist wahrhaft arm", sogen unsere Weisen. Wie reich ist dann der Genesende, und mit welcher Inbrunst wird er zu Gott beten: „Du hast meine Feffeln gelöst, dir bringe ich das Opfer des Dankes dar, und den Namen des Ewigen rufe ich an". Dieser Dank, der aus befreiten, neu belebten Herzen sich losringt, wird aber auch Denen gelten, die um dieses Gotteshaus sich verdient gemacht haben, der hohen Regierung, der verehrlichen Direction des Krankenhauses und seinen Aerzten, dem uneigennützigen Architekten, den wohlthätigen Spendern und nicht zuletzt dem Vorstande unserer Gemeinde und seinem verehrten Präsidenten. Und so möge denn dieses Gotteshaus seiner Bestimmung übergeben sein, als ein Wahrzeichen der fortschreitenden Humanität wie des erhabensten Befreiungskampfes, und als eine Stätte der Andacht für Diejenigen zu dienen, die auf Erlösung hoffen und ihrer theilhaft werden. Unser erstes Bebet aber gelte, wie es üblich ist, Sr. Majestät, dem Kaiser, unserem erhabenen Landesherrn. Gott segne und beschütze ihn und das ganze kaiserliche Haus. Gott segne das Vaterland, alle Bürger dieses Reiches und dieser Stadt, doß das Band der Eintracht und des Friedens sie umschlinge. Amen!" -i° * * Hierauf sang der Chor die VoUshymne, die von den Anwesenden stehend angehört wurde und zum Abschluß der schönen Feier das Jigdal. Anschließend daran wurde gleich der erste Gottesdienst im neuen Betpavillon abgehalten, da sich inzwischen eine genügende Anzahl von Patienten eingefunden hatte. Und nun noch einige Worte zur Beschreibung des Belpavill ons. Derselbe befindet sich im VL Hofe des Allgemeinen Krankenhauses. inmitten grüner Bäume. Er ist, wie schon erwähnt, nach den Plänen des Architekten Fleischer von Stadlbaumeister Zifferer errichtet. Sowohl das Aeußere wie der eigentliche Betsaal haben die Form eines regelmäßigen Achtecks. Durch einen kleinen Vorraum, in dem sich ein Tisch mit den Waschbecken befindet, tritt man in das Innere. Gegenüber dem Eingänge erblickt man eine Nische mit der heiligen Lade und davor den Vorlesetisch. Darüber hängt die Lampe mit dem ewigen Lichte, die, wie die beiden großer, Silberleuchter, Spenden sind. Auch zwei prachtvolle goldgestickte Vorhänge (Paroches) wurden dem frommen Zwecke gewidmet. Rechts und links vom Mittelgange sind die Sitze für die Andächtigen, ungefähr 50 an der Zahl; doch hat das Bethaus einen Fassungsraum von ungefähr siebzig Personen. Der ganze Pavillon wird von 6 hohen Fenstern reichlich erhellt. Außerdem enthält er Gasbeleuchtung und ebensolche Heizung. Für Erhaltung reiner Luft ist bestens durch eine große Anzahl von Ventilatoren gesorgt. Im Ganzen und Großen macht der reizende Betpavillon mit seinen in dunkeln Tönen gehaltenen Wänden und der bunt abgestusten Deckenmalerei auf jeden Beschauer den angenehmsten Eindruck. Die Wiener israelitische Cultusgemeinde hat mit der Errichtung dieses Betpavillons der langen Kette ihrer Humanitätsanstalten ein neues Glied beigefügt und sich damit den Dank vieler unglücklicher Menschen für ewige Zeiten gesichert. Vom Jahrmarkt des llebeus Gloffen zur Tagesgeschichte. Die Osternummer des „Deutschen Bolksblattes" brachte im Jnseratentheile die nachstehende, alle Freunde gesunden Humors sympathisch berührende Bekanntmachung: Gin -«mnerndes Hoch unserem allverehrten Reichsraths-Abgeordneten Herrn Julius Prochazka zum werthen Namensfeste. „Schweinsköpfe". Dieses kleine herzige Inserat ist eine Art Projectionsbild der politischen und socialen Verhältnisse in Wien. Es zeigt uns das geistige Niveau jener Wählerschaft, die den Herrn Julius Prochazka „allverehrt", die Reife ihres politischen Urtheils, ihre Intelligenz und ihren Geschmack. „Schweinsköpfe" bringen dem Bolkstribunen ihr Hoch aus und es donnert sonderbarer Weise, wie noch nie eine Enunciation solcher Köpfe gedonnert hat. Der Lorbeer, auch sonst oft in der Nähe von Schweinsköpfen zu finden, soll auch hier der Sache einen besonders dekorativen Reiz und einen feineren Geschmack verleihen. Es nützt aber nichts, die Schweinsköpfe gucken zuletzt doch ganz — ungeschminkt, möchte man sagen — hervor. Sie sind ja immer und ° überall obenan bei uns, diese reizenden Köpfe; viel Köpfe sind es sogar, aber sie haben nur einen Sinn: den ihnen gemäßen, natürlich. Und als ihr oberster, sozusagen als Kopf der „Schweinsköpfe", figurirt hier einmal Herr Prochazka. Das ist ein harmloser Zufall, denn es ist kein Zweifel, daß die nämlichen Köpfe sich vor jedem anderen ihrer Erwählten ebenso beugen. Das ist — zum Unterschied der Kopfsteuer, die uns Juden früher einmal bedrückte — die Schweinskopfsteuer der Christlich-Socialen. Ein donnerndes Hoch! im „Deutschen Volksblatt". Allverehrt von den „Schweinsköpfen!" Auf dem engen Raume eines kleines Inserats eine gedrängte Charakteristik einer Partei und ihrer Führer. * * * Im niederösterreichischen Landesschulrath ist bekanntlich der Herr Dr. Geßmann tonangebend, und in seinem Geiste, das heißt also in dem Geiste christlich-socialer Parteilichkeit rst auch der Bericht gehalten, den der niederösterreichische Landesausschuß über die Volksschulen in Niederösterreich im Landtage abstattete. In der Haltung der Lehrerschaft, so erzählt Herr Doctor Geßmann, sei im Allgemeinen eine erfreuliche Besserung eingetreten. Der offene Kampf gegen die bestehenden Verhältnissen habe sich gelegt oder habe wenigstens mildere Formen angenommen. Das Ungestüm, mit welchem der jüngere Theil der Lehrerschaft maßlose Forderungen in maßloser Weise stellte, habe nachgelassen und ruhiger Erwägung Raum gegeben. Wer die Haltung der christlich-socialen Partei gegenüber der Lehrerschaft in den letzten Jahren verfolgt hat, wird in der von Dr. Geßmann constatirten erfreulichen Besserung nur ' bte betrübende Thatsache constatirt finden, daß der politische und wirthschaftliche Terrorismus, der auf die Lehrer geübt wurde, von Erfolg begleitet war. Jahre hindurch haben fortschrittlich gefilmte Lehrer einen muthigen Kampf gegen die Clericalisirung der Schule geführt, Jahre hindurch haben sie vergeblich die Verbefferung der trostlosen materiellen Lage der Lehrerschaft angestrebt, die Luegergarde hat diese wehrlosen Gegner besiegt, die nicht definitiv angestellten Lehrer, die der christlich-socialen Partei entgegentraten, sind entlassen worden, die definitiv angestellten Lehrer, deren Entlassung unmöglich war, hat man in ihrem Borwärtskommen und in ihrem Nebenerwerb geschädigt. Das Schicksal des Lehrers Peyerl, den die christlich-sociale Parteiherrschaft in den Tod gejagt, ist ein typisches Beispiel für die demoralisirende Wirkung des christlich-socialen Terrorismus. Da heißt es entweder schweigen und pariren, oder auf das tägliche Brot verzichten. Wenn Jeder sich in seiner Existenz bedroht fühlen muß, der seine Ansicht frei äußert, so findet der Muth der Ueberzeugung seine Schranken in der Nothwendigkeit, zu leben. Unter dem Drucke der wirthschaftlichen Noch sind die Lehrer zum Schweigen verurtheilt, wollen sie nicht auf das Pflaster geworfen werden, und, wie einige Beispiele darthun, hat sich der Berrath an der Sache des Fortschrittes gewissen Ueberläufern als höchst rentabel erwiesen. Die Gegnerschaft zur christlich-socialen Partei bedeutete den Untergang, das Ueberläuferthum gewährte die Anwartschaft auf Avancement und Gehaltserhöhung und Vermehrung der Nebeneinkünfte. Nach diesem System hat Herr Dr. Geßmann das herbeigeführt, was er eine Besserung nennt, was aber thatsächlich nichts anderes ist, als eine Massenproduction von Heuchelei in der Gesinnung der Lehrerschaft. Aus dem Berichte geht auch hervor, welchem Ueberwachungssystem die Lehrer in ihrem Privatleben ausgesetzt sind. Charakteristisch ist in dieser Hinsicht der Vorwurf, daß einige Lehrer in ihrer freien Zeit dem Radfahrsporte huldigen. Die materielle Nothlage der Lehrer wird auch im Berichte anerkannt, ° obgleich die christlich-sociale Partei lange genug an der Herrschaft ist, um alle die Versprechungen zu erfüllen, die sie vor Erlangung der Macht gegeben hat. Die Lehrer darben unter den Christlich-Socialen noch mehr als früher, schon aus dem Grunde, weil die Preise aller Lebensmittel seither gestiegen, die Bezüge der Lehrer jedoch