Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 20 (1903)
- Issue
- 16 (17.4.1903)
- Date
- 1903-04-17
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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Nr. 16 Vr. Bloch's Wochenschrift Seite 247 von Roretz, der Director des Allgemeinen Krankenhauses Ober- Sanitätsrath Dr. Mucha, die Directionsadjuncten Dr. Knödel und Spielberger, Verwalter kais. Rath Binder u. A. Der Cultusvorstand war vertreten durch die beiden Vicepräfidenten Herren Dr. Adolf Stern und Dr. Gustav Kohn, ferner Ne Herren Dr. Alfred Berger, Architekt Fleischer (der Erbauer des Betpavillons), Baurath Th. Ritter v. Goldschmidt, kais. Rath Moriz Hirsch, Ober-Ingenieur Arthur Edler v. Mises, Heinrich Teltscher und I. Secretär kais. Rath Dr. Tb. Lieben. Bon Rabbinern waren anwesend die Herren Oberrabbiner Dr. Güdemann, Rabbiner Dr. Schmiedl, ferner die Herren Dr. Bach, Dr. Gelbhaus, -Reich und Dr. Taglicht. Weiters bemerkte man die Herren Universitätsdocent Dr. I. Grünfeld, Dr. I. Bloch, Stadtbaumeister Gemeinderath Donat Zifferer, Commercialrath Hacker, Mitglieder des Bethausvorstandes, Vertreter der Presse u. v. A. Die Feier nahm um 57* Uhr Abends ihren Anfang mit der Absingung des Ma Towuli durch Herrn Ersten Cantor Don Fuchs, begleitet von dem Tempelchor unter der Leitung des Herrn Chordirigenten Port. Hierauf trat Herr Architekt Fleischer vor und richtete folgende Worte an die Anwesenden: -Hochgeehrter Herr Vice-Präsident, hochverehrte Festgäste! In dieser großartigen Humanitätsanstatt fehlte es bisher nur an einer würdigen Andachtsstätte für die Juden. Diesem Mangel abzuhelfen, hat fich unser verehrter ehemaliger College Herr Docent Dr. Grünfeld bemüht, der mich auch seinerzeit veranlaßt hat, die Pläne zu diesem Bau auszuarbeiten. Die hohe Statthalterei hat nun diese Pläne nicht nur gntgeheißen, sondern in wohlwollendster Weise den Bauplatz unentgeltlich zur Verfügung gestellt. Auch die löbliche Spitalsverwaltung hat uns in jeder Weise gefördert. Hiemit danke ich nun diesen Allen, insbesondere den edlen Spendern, danke auch dem Baumeister Herrn Donat Zifferer und den Werkleuten, die das Gebäude nunmehr vollendet haben, und ich bin glücklich, Ihnen diesen Dank auszudrücken. „Ich bin überzeugt, daß dieses Haus manchem kranken Juden zu einer Stätte des Trostes dienen wird. — Wollen Sie nun, hochgeehrter Herr Vicepräsident, dasselbe seiner hehren Bestimmung zuführen/ I. Bieepräfident Herr Dr. Alfred Stern übernahm das Bethaus mit folgender Ansprache: „Es obliegt mir die ebenso ehrenvolle als erfreuliche Ausgabe, namens der israelitischen Cultusgemeinde, ihres Präsidiums und ihres Vorstandes den wärmsten, herzlichsten Dank zu sagen allen jenen Factoren, jenen Persönlichkeiten und Corporationen, bei denen wir, als wir an die Errichtung dieser gottesdienstlichen Stätte gingen, ein so freundliches Entgegenkommen gefunden haben. Wir danken Sr. Excellenz dem Herrn Statthalter für die uns diesfalls ertheilte Genehmigung. Wir danken dem Herrn Statthalter, der ihm unterstehenden Behörde, der Statthalterei und ihren Referenten; wir danken dem Herrn Spitals-Director und der Verwaltung für die Förderung, welche sie Alle unserem Werke angedeihen ließen und daß sie es uns, unserem vielverdienten Architekten sowie dessen Werkgenossen ermöglichten, dasselbe so rasch und in solch würdiger Weise auszugestalten und zu vollenden. „Eine öffentliche Anstalt der Menschenfreundlichkeit", das ist nach den Worten seines unsterblichen Begründers die Bestimmung des Gebäudes, in dessen Hofraum hier unsere Betstätte sich befindet, jenes unsterblichen Begründers, der — es sind seither 120 Jahre — in seinem von heißer Menschenliebe durchglühten Herzen, in seinem Drange nach deren Bethätigung ein ernstes Monitum, ein ernstes Wort des Tadels an die damals gebildete Commiffion erließ, daß sie all die finanziellen Vorarbeiten, die Sammlung der erforderlichen und vorhandenen Fundationen für die Errichtung „des General-Spitals" binnen vier Monaten noch nicht beendet und ihm, dem Kaiser unterbreitet habe. „Eine öffentliche Anstalt der Menschenfreundlichkeit" zu sein, saluti et solatio aegrorum ist das Programm, ist die dem Programme gemäß durch zwölf Jahrzehnte in diesem Hause geübte und aufrechterhaltene Tradition. Und wir Alle wissen, was wir an Dank den Directionen, den Aerzten, der Vorgesetzten Staatsbehörde schulden. Sie haben auch von jeher erkannt, von welch hoher Bedeutung für die körperliche Gesundung des Kranken dessen Seelenleben ist, die ihn beherrschende Vorstellungswelt. seine religiösen Empfindungen und die Möglichkeit, seiner Gottesverehrung nach seiner Weise Ausdruck zu geben. Ich habe hier in Händen ein vor 56 Jahren, im Jahre 1847 aufgenommenes Protokoll. Die Vertreter der Wiener Judenschaften berathen, wie (liest) „dem von der Administration des allgemeinen Krankenhauses an die Judenschaft gerichteten, in dringendste Anregung gebrachten Wunsche, daß Erkrankte und Sterbende nicht des von ihnen öfters angesprochenen geistlichen Trostes und Zuspruches entbehren mögen", Rechnung zu tragen sei. So ist es seit Gründung dieser „öffentlichen Anstatt der Menschenfreundlichkeit" bis auf die Gegenwart der Geist unserer edlen Fürsten, des menschenfreundlichen Begründers, sowie des hochherzigen Monarchen, unter dessen gütiger Herrschaft wir heute leben, der Geist edelster Menschenliebe und der aus ihr fließenden religiösen Toleranz, der in diesem Hause waltet. Und so stellen wir, die israelitische Cultusgemeinde, an die hochverehrte Sp'ttals-Direction die Bitte, sie möge die von uns errichtete gottesdienstliche Stätte in ihre Obhut übernehmen." + + * Nachdem Herr Dr. Stern seine Rede beendigt hatte, entzündete der greise Rabbiner Dr. Schmiedl das ewige Licht und knüpfte an diese Handlung erhebende Worte und bemerkte zum Schluffe: „Gelobt seist du Gott, Schöpfer der Wett, daß du uns hast erleben lassen diese Zeit" — wo wir unter der Aegide unseres erhabenen Kaisers stehen. Wie draußen die Sonne ihre L'chtstrablen über alle Menschen herabsendet, so wendet auch unser Kaiser seine Liebe allen Menschen seines großen Reich s zu. Das größte Problem, das es für die alten Völker gab. war der gestirnte Himmel. Sie konnten es nicht begreifen, daß diese mächtigen Körper in der freien Luft schweben konnten, ohne herabzustürzen, ohne zu zerfallen. Wer war die Hand, die diese Körper festhielt, und da jeder Stern eine Welt für sich ist, wer sorgte dafür, daß sie nicht in Atome auseinander flogen, sondern zusammenhielten? Dieses Problem zu lösen, waren sie nicht im Stande. Sie kamen zu den verschiedensten Erklärungen, die aber alle nicht stichhältig waren, bis sie immer mehr erkannten: die S o n n e, die Licht- und Wärmequelle bildet den Anziehungspunkt und das magnetische Band, das alle Körper zusammenhält. Wir in diesem großen, herrlichen Staate, haben wir nicht ebenso ein P: oblem? Dieser mächtige Staat mit seinen verschiedenen Votksstämmen, getrennt durch 3 tiefe Klüfte: Verschiedenheit der Religion, der Nationalität und der Muttersprache. Wie ist es möglich, aus diesen verschiedenen Bolksstämmen e i n großes Reich zu bilden? Nur eine Aufklärung gibt es hiefür: Die Sonne; unser Kaiser ist die Sonne. Mit seiner Leutseligkeit und unerschütterlichen Gerechtigkeit bildet er den mächtigen Anziehungspunkt und das magnetische Band, das Alle zusammenhält." Sodann recitirte Herr Erster Cantor Don Fuchs mit seiner mächtigen Tenorstimme, begleitet von dem vom Dirigenten Herrn Isidor Port prächtig einstudirten Chor, den Psalm 30, worauf Oberrabbiner Dr. Güdemann die Weiherede hielt, welche auf alle Theilnehmer der Feierlichkeit einen tiefen Eindruck machte. Weiherede des Oberrabbiners Dr. Güdemann. Die Einweihung dieses Gotteshauses ruft uns eine andere derartige Feier in Erinnerung, die einst in demselben jüdischen Monate Nissan vollzogen wurde, in dem wir uns befinden. Ich meine die Einweihung der Gotteswohnung, die unsere Väter m der Wüste errichteten. Das war auch ein so bescheidenes Gotteshaus wie dieses, es bestand aus Brettern, und Teppiche bildeten seinen einzigen Schmuck. Dennoch dürfte kaum je ein Gotteshaus von andächtigeren B'tern besucht worden sein, denn unsere Väter hatten eben erst die egyptischen Sclavenketten abgestreift. Da ergab sich wohl die andächtigste Stimmung von selbst. Der Vergleich des gegenwärtigen Gotteshauses mit jenem ersten und ältesten liegt deshalb nahe genug. Es gibt eine Sklaverei, die wohl nicht schimpflich, aber qualvoller ist als jede andere. Auch kann der Freieste nnb Stolzeste fich nicht rühmen, sie nie erduldet zu haben oder ihr für immer entronnen zu sein. Das ist die Krankheit. Und wenn sie eine Sclaverei genannt werden darf, dann befinden wir uns hier in einem großen „Sclavenhause'; aber auch in einem großen Hause der Freiheit. Denn so tapfer und aufopferungsvoll wird nirgends für die Freiheit und die Befreiung der Gefesselten gekämpft, wie es hier geschieht, wo erfahrene, selbstlose und muthige Aerzte gleich Moses eine drückende Tyrannei zu brechen suchen und die von ihr Unterjochten erlösen.