Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 20 (1903)
- Issue
- 16 (17.4.1903)
- Date
- 1903-04-17
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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«eite 246 Dr. Bloch's Wmlrvnschrisk. Nr. 16 Nichtbestand blutmörderischer Secten zu bestimmen. Wir« wollen ihnen ruhig das Feld auch weiter überlassen. Wir^! wollen ihnen den Ruhm gönnen, die mitteleuropäische Civilisatiou so tief erniedrigt zu haben, daß die „Barbaren" des^ Ostens mit Verachtung auf uns herabsehen können. N Kürzlich hat der Bürgermeister von Bukarest Herr I. Bibescu eine vor einigen Monaten von ihm gehaltene Rede veröffentlicht, welche den Nachweis führen soll, daß es böswillige Verleumdung sei, wenn die „verlogene europäische Presse" behaupte, daß die Juden in Rumänien verfolgt würden. Mit welchen Schönfärbereien und Wahrheitswidrigkeiten dieser Versuch einer Mohrenwäsche operirt, braucht nicht dargethan zu werden. Von einem gewissen pikanten Interesse aber rst es, daß Bibescu als Haupttrumpf die Thatsache ausspielt, daß man in Rumänien niemals etwas von einer Ritualmord - Beschuldigung gegen Inden vernommen habe, während in fast allen anderen Ländern immer wieder die Bezichtigung auftauche, daß Christenkinder getödtet werden, um deren Blut zu jüdisch-rituellen Zwecken zu gebrauchen. Und diese Anklagen würden nicht nur in der Presse und in Versammlungen erhoben, sondern haben sogar wiederholt zu Verurtheilungen in den Gerichtssälen geführt. Der Bürgermeister von Bukarest sagte wörtlich: „Gestatten Sie mir, daß ich Ihnen den Grad der Civilisation unseres Volkes in allen Zeiten ins Gedächtniß rufe und an einigen Beispielen erläutere. Wir sehen es häufig und lesen es ununterbrochen, daß m anderen Stauten den Zuden die gehässige Anklage entgegengeschleudert wird, daß dieselben Christen ermorden, um deren Blut zu rhren religiösen Zwecken zu verwenden; und man begegnet derartigen Anklagen nicht nur in der Presse und in öffentlichen Versammlungen, wir finden von Behörden anhängig gemachte Processe, durchgeführte Untersuchungen und selbst verkündete Urtheile. Hat man bei uns etwas derarüges gesehen? Nein! Bei uns, denen man vorwirft, daß wir haßerfAlt gegen die Juden sind und daß wir sie wegen ihres Glaubens verfolgen, hört man nichts von solchen Anklagen und nichts von solchen Processen. Und doch sind wir inhuman und doch verfolgen wir die Juden mit unserem Hasse und mit unserer blinden Leidenschaft". Diese Ausführungen fanden, wie in dem Vortrage hervorgehoben wird, den „lebhaften Beifall" aller Hörer, „welche damit ihre uugetheilte Uebereinstimmung zum Ausdruck brachten." In Rumänien Hausen aber gerade diese „Juden des Ostens", von denen gefabelt wird. Daß den Antisemiten diese beschämende Lectwu erthellt wurde, ist bezeichnend und dürfte sie mit Ingrimm auf die Rückständigkert der Rumänen blicken lassen, deueu das Verständniß fehlt, zu welchem Zwecke die „Ritualmord" -Anklagen fabricirt werden. In oem Königreich an der unteren Donau bedarf es allerdings dieses Umweges nicht, um den anderwärts damit erstrebten Zweck zu erreichen; wo man die Juden durch eine Farce von „Gesetzgebung" politisch knebelt und ökonomisch erdrosselt, sind derartige Kraftmittel überflüssig, um rhueu den Garaus zu machen. Das Unterbleiben von Blutbeschuldigungen bildet somit in Wahrhert nicht einen Beweis für die Vorurtheilslosigkeit der Rumänen, sondern ein Zeuguiß für die Ueberflüssrgkeit, diese etwas anrüchige Waffe zu gebrauchen. Eines aber muß bei dieser Gelegenheit festgestellt werden. Die merkwürdige Erscheinung der Häufung von Blutlügen in Böhmen ist nur zu erklären aus dem furchtbaren Hasse, den dort die nationalen Gegensätze aufgehäuft haben, aus der Verwirrung der Begriffe, aus der Ueberreizung der Phantasie, welche in den unteren Volksschichten durch die Racenhetze erzeugt worden ist. Daraus folgt für unsere Glaubensgenossen die Lehre, daß jede Theilnahme an nationalen Treibereien, daß jede Unterstützung chauvinistischer Bestrebungen, jede Anerkennung des Racenstandpunktes von ihrer Seite nur ein Wühlen im eigenen Fleische wäre und daß ihnen die Pflicht der Selbsterhaltung gebietet, sich inmitten dieser Kämpfe auf den Standpunkt voller Neutralität zurückzuziehen, sich wann und wo immer frei und offen als Juden zu bekennen und als solche chre staatsbürgerlichen Pflichten zu erfüllen. Geheimer Regierungsrath Professor Dr. Morst Haxarus.;j Am 14. April starb Moriz Lazarus in Meran nach einem glanzvollen, erfolgreichen Leben. In ihm verliert das Judenthum einen seiner genialsten Söhne und beredtsten Wortführer. Am 15. September 1824 wurde er in Filehne geboren. Früh schon wandte er sich philosophischen und historischen Studien zu und gründete 1859 mit seinem berühmten Schwager Hermann Sieinthal die „Zeitschrift für Völkerpsychologie und Sprachwissenschaft". Die Gesetze des geistigen Lebens der Gesammtheit in ihrem Zusammenhänge und rhrer Wechselwirkung sollten darin ebenso erforscht und sestgestellt werden, wie es mittelst der Psychologie am einzelnen Individuum geschieht. Zu einer, vielleicht von ihm selbst nicht geahnten Höhe und Erfolge brachte Lazarus diesen Zweig der Wissenschaft, der Jahrzehnte hindurch im Vordergründe aller philosophischen, historischen und publicistischen Erörterung stand. 1860 ging Lazarus nach Bern, wo er als gefeierter Hochschullehrer Psychologie und Völkerpsychologie lehrte. Schon vorher hatte er das berühmte Hauptwerk seines Lebens: „Das Leben der Seele in Monographien" herausgegeben, das sich, abgesehen von seiner wissenschaftlichen Bedeutung, durch eine außeroroentliche Klarheit und eine hohe künstlerische Vollendung des Styles auszeichnet. 1866 kehrte Lazarus nach Berlin zurück, wo er zuerst als Lehrer an der Kriegsakadeu.ie, nach weiteren sechs Jahren als ordentlicher Professor an der Hochschule wirkte. Viel und Vieles hatte er inzwischen veröffentlicht: „Ukbcr den Ursprung der Sitten", „Zur Lehre von den Sinnestäuschungen", „Ueber die Ideen in der Geschichte", in welchen Schriften nicht nur der philosophische Gedankeninhalt, sondern auch die unvergleichliche lichtvolle Sprache bewundert wurde. Im Vordergründe seines Interesses und seines Schaffens stand jedoch stets die Völkerpsychologie. Aus dieser Quelle stammt sein für das Judenthum wichtigstes Werk über die „Ethik des Judenthums", in dem mit dem vornehmen, hervorragenden Geiste des Gelehrten die herrliche Energie und überwältigende Beredsamkeit des Kämpfers sich vereint. In den Jahren 1869 und 1871 fungirte Lazarus als Präsident der ersten und zweiten israelitischen Synode zu Leipzig und Augsburg und aus jener Zeit stammen: „Treu und Frei, gesammelte Reden und Vorträge über Juden und Judenthum". Ein Gemeingut aller Gebildeten wurden die „Idealen Fragen", „Die Sprüche". Im 70. Lebensjahre, nachdem er alle erdenklichen Ehren erfahren, mit dem Titel eines Geheimen Regierungsrathes ausgezeichnet wurde, zog er sich von dem öffentlichen Leben zurück, um die letzten Jahre seines Lebens mit seiner geistesverwandten zweiten Gattin, Frau Nahida Ruth, in stiller Beschaulichkeit zu erbringen. Den Wienern war wiederholt und erst vor einigen Jahren durch den „Politischen Volksverein" Gelegenheit geboren. Moriz Lazarus als Redner zu bewundern. Seine ganz exceptionelle dialektische Begabung wirkte da umso hinreißender, als sich zu der bezwingenden Form der Geist nicht nur eines bahnbrechenden Gelehrten, sondern des wirklichen Weisen gesellte. Denn das war Lazarus, den man den letzten Herbatianer genannt hat. Ein Weiser, der, intensiv theilnehmend an allen Fragen und Bestrebungen des Tages, für Recht und Gerechtigkeit kämpfend, doch den großen Blick für das Ewiggeltende, für die großen Zusammenhänge nie verlor. Nichts Einzelnes hatte vor ihm Bestand, Alles war nur Theil der großen Menschheitsfamille, der seine Arbeit galt und die nun trauernd an der Bahre des noch immer zu früh Geschiedenen steht. Eine eingehendere Würdigung dieser nach vielen Setten merkwürdigen Persönlichkeit behalten wir uns für die nächste Nummer vor. Einmeihnug des KrtparnUons im AUgemei«en Krankerchaufe. Donnerstag den 9. April 1903 fand die feierliche Einweihung des von der israelitischen Cultusgemeinde errichteten Betpavillons für die kranken Israeliten im k. k. Allgemeinen Krankenhause statt. Zu derselben waren erschienen: Als Vertreter der hohen k. k. niederösterreichischen Statthalterei Herr k. k. Statthaltereirath