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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1903-04-10 · 15 (10.4.1903) · page 14

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
20 (1903)
Issue
15 (10.4.1903)
Date
1903-04-10
Page
– (sequence 14)
Language
German
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Sette 242 Dr Bloch's Wochsnschrifl. Nr. 15 stolzen Unzugänglichkeit und Unnahbarkeit, im Gegentheil, in den Augen hatte er ein kindliches Lächeln. Er ging mehrere Straßen lang, dann rief er mit gedämpfter Stimme einen Kutscher . . . Dann setzte er fich in den Wagen, der ihn nach Hause brachte. Aber der Lakai, der ihm die Thüre öffnete, fand den Gesichtsausdruck seines Herrn unverändert, finster, unnahbar und hochmüthig wie vordem, und eilte, um der Dienerschaft in Angst und Zittern zu melden, daß der Herr von der Reise zurückgekehrt sei. Gustav Sonnenstein war früher Leiter der Bukarester Handelsbank gewesen. Die Bukarester Handelsbank war ursprünglich ein kleines Institut gewesen und trug die Firma: ^Wechselstube von Odysseus Bulgaki und Comp/ Sonnenstein war Anfangs Buchhalter der Firma. Aber der Inhaber erkannte bald die großen Fähigketten und die kaufmännische Begabung und Geschicklichkeit Sonneuschein's und übertrug ihm die Leitung des Geschäftes. Unter Sonnenstein's Hand hob sich das Geschäft zusehends rasch und binnen Kurzem erwarb es sich ein ausgezeichnetes Renommöe im In- und Auslande und knüpfte viel neue Geschäftsverbindungen an. Einige Jahre darauf verwandelte es Sonnenstein in eine Handelsbank, deren Gefchäftsthätigkeit sich bedeutend erweiterte und die sich auf dem Handelsmarkt und an der Börse eine bedeutende, angesehene Stellung errang. Sonnenstein, der an der Spitze des Institutes blieb und die oberste Leitung in der Hand behielt, war stets von den Geschäften ganz in Anspruch genommen. Er repräsentirte das Haus gegenüber der Handels- und der Jndustriewelt, die großes Vertrauen in ihn setzte. Gustav Sonnenstein war der Sohn eines angesehenen Kaufmannes, der vor vielen Jahren aus Deutschland nach Rumänien eingewandert war. . Dieser Vater hatte seinem Sohne eine gediegene, aber streng religiöse Erziehung gegeben. Er wurde daheim in der Kenntniß der Thora und der jüdischen Religions- Vorschriften unterwiesen, dann kam er nach Deutschland auf eine höhere private Handelsschule, wo die Zöglinge sich die Kenntniß der profanen Fächer und der Handelswiffenschaften aneigneten, aber zu einer streng religiösen Lebensführung angehalten wurden. Die täglichen Gebete wurden regelmäßig verrichtet, der Sabbath wurde sorgfältig behütet, denn an der Spitze der Anstalt stand ein gottessürchtiger Leiter. - Als Gustav seine Lehrjahre absolvirt hatte, prakticirte er einige Jahre in deutschen Handelshäusern, bis er endlich in seine Heimat zurückkehrte und in das Handelshaus von Odysseus Bulgaki eintrat. Er widmete fortan alle seine Kräfte und Fähigketten der Firma, der er diente, und der Hebung des vaterländischen Wohlstandes. Er studirte mit großem Eifer die öconomische Lage des Landes, dessen Handelsverhältmsse und Beziehungen zu anderen Ländern; er untersuchte die inländischen Productionskräfte und den Import ausländischer Waaren; er kannte genau die Lage der meisten heimischen und auswärtigen Banken, mit denen er im Handelsverkehr stand, er legte fich eine Sammlung von statistischen Tabellen über alle Fabriken an, um jederzeit genau über ihre Leistungsfähigkeit und Vertrauenswürdigkeit unterrichtet zu sein und so seinem Chef die besten Dienste leisten zu können. Dagegen kümmerte er sich wenig um die Weltpolttik. Die diplomatischen Händel und parlamentarischen Streitigkeiten in Deutschland, Frankreich oder England gingen ihn beinahe gar nichts an, insofern sie nicht etwa auf den Handels markt von Einfluß waren. Er war überzeugt, daß Industrie und Handel allein die eisernen Säulen seien, auf denen die Weltordnung ruhe, und überließ die hohe Politik, wie er sich ausdrückte, hochgeborenen Müssiggängern oder Schwätzern. Ebenso wenig liebte er es, Vergnügungen nachzulaufen, wie die meisten seiner Berufs- und Altersgenossen, und so theilte er seine Zeit zwischen dem Handelshaus und feiner Privatwohnung. Besonders settdem er die schöne Zenaide als Gattin heimgeführt hatte, verbrachte er seine ganze freie Zeit ausschließlich in ihrer Gesellschaft, denn er war ihr in herzlicher Liebe zugethan. Sie war ebenso intelligent und klug, wie voller Anmuth; ein hetteres Lächeln schwebte immer auf ihrem lieblichen Gesichte; sie war stets ftohgemuth und munter. Wenn der Mann sein Bankhaus für den Mittelpunkt der Welt, wenigstens für den Mittelpunkt seiner Welt hielt, so dachte Zenaide ein Gleiches von ihrer Häuslichkeit. . . . Freilich, wenn die ganze, große Welt so friedlich und wohlgeordnet, wie Zenaidens kleines Weltchen wäre, dann wären die Menschen weit glücklicher, als sie es find. Wer die fünf Zimmer ihrer Wohnung nicht gesehen, der konnte sich von der Sauberkeit und der heiteren angenehmen Ordnung keinen Begriff machen, die dort herrschte. Die Zimmer waren nicht groß, die Einrichtung war schlicht und einfach, fern von jedem Prunk, aber einen solchen anheimelnden und wohlthuenden Eindruck, wie in dieser Behausung, empfing man auch nicht in den Häusern der reichsten Leute, die über eine zahlreiche Dienerschaft verfügen. Zenaide mit ihrem einzigen Dienstmädchen führte jeden Tag den kleinen Kampf der Hausfrau gegen die unsichtbaren Schädlinge und Feinde jedes Haushaltes, gegen den Staub nämlich, der an Wänden, Fußboden, Decke und Hausrat sich einnistet und sein Zerstörungswerk im Geheimen vollführt. Besondere Sorgfalt verwendete Zenaide aus das Arbeitszimmer ihres Gatten, dem sie es daheim so angenehm als möglich zu machen bemüht war. Auf dem großen Tische im Speisezimmer prangte eine schneeweiße Decke, der Speiseschrank war voll blanken Geschirrs, welches das Auge einer jeden Hausfrau entzückt haben würde. Im Salon war Alles anspruchslos, aber geschmackvoll geordnet, vom Divan und dem Clavier bis zu den Lampen am Plafond und den Nippsachen auf den Etagören. Wer Gustav mitten in seiner Häuslichkeit beobachtete, und mochte er der größte Misanthrop sein, hätte eingestehen müssen, daß hier der Engel des Friedens waltete... So oft Gustav von seinem Comptoir nach Hause kam, begrüßten sich die Gatten, als hätten sie sich Gott weiß wie lange schon nicht gesehen. Ebenso geschickt und sorgfältig schaltete Zenaide in Küche und Speisekammer. Sie ließ sich, als echte jüdische Hausfrau keine Mühe verdrießen und überwachte persönlich sowohl den Einkauf als die Zubereitung der Speisen. Sie sah häufig Gäste bei ihrem Tische und von Niemandem nahm man so gerne eine Einladung an, wie von ihr. Als die junge Frau Mutter wurde, fühlte sie sich noch mehr an das Haus gefesselt. Sie überließ das Regiment in der Küche dem Dienstmädchen und schränkte sich auf das Kinderzimmer ein, wo sie den ganzen Tag über vollauf zu thun fand. Das angenehme Ehepaar bildete alsbald den Mittelpunkt eines zahlreichen Bekanntenkreises, zu dem sowohl Juden als auch Christen gehörten. Zenaide liebte es, ihre Gäste nicht nur mit ausgesuchten Leckerbissen, die sie selber geschickt zubereitete, sondern auch mit erlesener Musik zu bewirthen. Sie verfügte über ein bedeutendes, sehr gut geschultes musikalisches Talent, welches Niemand dem emsigen Hausmütterchen zugetraut hätte. Entzückend spielte sie Clavier. Und wer dieser anmuthigen, lieblichen Frau zuhörte, wie sie dem Instrument die bezauberndsten Töne entlockte, konnte die ganze Welt mitsammt ihren Mühen und Qualen vergessen. Die Seele der Künstlerin selber schien voll Gesang und Licht und Leben, und das Alles theilte sich unwillkürlich auch dem Hörer mit, der sich hingerissen und umgewandelt fühlen mußte. So Mancher, der nach einem angeregten und angenehmen Abend dieses Haus verließ, sagte sich im Stillen: Es gibt noch Glück auf Erden. (Fortsetzung folgt.) Literatur. Berlin. (Literaturbriefe.) Die beiden Vorträge des Assyriologen Professor Delitzsch über die aufgefundenen Inschriften auf den ausgegrabenen Denkmälern in Babylonien, denen der Brief unseres Kaisers Wilhelm II. über den Inhalt und den Werth derselben an den Admiral Hollmann, Vorstandsmitglied der deutschen Orient-Gesellschaft, gefolgt war, haben großes Aufsehen in den gelehrten Kreisen hervorgerufen. Stimmen dafür und dagegen wurden laut und ein lebhafter Kampf entwickelte sich. Delitzsch hält den Glauben an die göttliche Offenbarung der biblischen Angaben dadurch als erschüttert. Professor Harnak äußerte sich darüber an den Berliner Vertreter der „New-Aorker Staatszeitung", daß das von Delitzsch in seinen Vorträgen Vorgebrachte sich nur auf die Vorgeschichte und die legendenartigen Bestandtheile der Religion im Alten Testament beziehen kann, ein Gegenstand, der in wissenschaftlichen Kreisen längst bekannt war. Im Alten Testament liegt der Werth der Religion, nicht in den Legenden und Mythen, sondern in dem Geist ihrer Behandlung. in den Lehren und Sprüchen der Propheten und Psalmisten, allgemein in den ethischen Vorschriften. In dem Brief unseres Kaisers wird hauptsächlich die Aeußerung Delitzsch's gegen den Offenbarungsalauben in den biblischen Angaben sehr getadelt. Er gibt daselbst als seinen Standpunkt über Offenbarung an: „Ich unterscheide", schreibt er, „zwei verschiedene Arten von Offenbarungen, eine fortlaufende, historische und eine rein religiöse. Gott hat dem Menschen einen Odem eingeblasen, d. h. ihm eine Seele, ein Stück von sich selbst gegeben

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