Mannheim
Compact Memory

Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1903-04-10 · 15 (10.4.1903) · page 10

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
20 (1903)
Issue
15 (10.4.1903)
Date
1903-04-10
Page
– (sequence 10)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
95% known words query
IRI
…/3020846-3021493-3021509--12597-3037200
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

2 entity mentions

Sette L38 Dr. Bloch's Wochenfchrrfl. Nr. 18 und erfreute uns mit zwei Predigten, welche durch zahlreiche Citate aus Bibel und Talmud reich gewürzt waren und erbauend und belehrend zugleich auf die zahlreichen andächtigen Zuhörer wirkten; dieselben werden uns noch lange erfreulich in Erinnerung bleiben. Frankfurt. (Hilfsvcrein der deutschen Juden.) Das Frankfurter Localcomiis des im Mai 1901 in Berlin gegründeten Hilfsvereins der deutschen Juden hielt am Montag Abend im Saal der Frankfurt-Loge eine gutbesuchte Versammlung ab. Der erste Redner Dr. Paul Nathan aus Berlin erörterte zunächst Zweck und Ziele des Vereins, der ähnliche Absichten verfolgt wie die französische Alliance israölite universelle, die Anglo Jewish Association und die „Oesterreichisch-Jsraelitische Allianz". Das bisherige Wirken des Vereins hat gezeigt, daß es ein glücklicher Gedanke war. eine selbstständige deutsche Organisation zu gründen, die ohne Zwiespalt und Reibungen mit den ausländischen Gesellschaften ihre Ziele verfolgt. Für den Verein sind in der kurzen Zeit seines Bestehens schon 107.000 Mark eingegangen. Die Hilfsaction zu Gunsten der ausländischen Juden hat in Galizien bereits manches gute Resultat ergeben. Man hat dort die Haarflechtindustrie eingeführt, im Werden begriffen ist die Knopfindustrie. Etwas ausführlicher beschäftigte sich der Redner mit den Verhältniffen in Rumänien und gedachte dabei der „Frankfurter Zeitung", welche die Entwicklung der Judenfrage in Rumänien in anschaulicher Weise geschildert habe. Dr. Nathan führte aus, daß in dem angeblichen „Belgien des Ostens" nur eine kleine dünne Schicht westeuropäische (Zivilisation sich zu eigen gemacht hat; unter dieser Schicht befindet sich ein Ocean des Elends, nicht allein der Juden, sondern des gelammten Bauernstandes. Das Handwerkergesetz von 1902 ist nicht so zur Ausführung gekommen, wie es in der Absicht der Regierung lag; andernfalls war eine Mafsenauswanderung unausbleiblich. Auf eine Intervention anderer Staaten mir materiellem Druck ist nicht zu rechnen, immerhin ist durch das Auftreten der amerikanischen Regierung und andere Aeußerungen wenigstens das Eine erreicht worden, daß keine Verschlimmerung eintrat. Der Redner erwähnte das Urtheil eines englischen Reisenden, der in den rumänischen Juden eine „erstclassige Sorte von Handwerkern" erblickt, und gab zum Schluß der Meinung Ausdruck, daß man mit der Parteinahme für die unterdrückten Juden zugleich eine Menschlichkeitsaufgabe erfülle, denn die Gerechtigkeit für die Juden bedeute auch Gerechtigkeit für die Masse der Bevölkerung. Alsdann referirte Rabbiner Dr. Rosenack aus Bremen über galizische Zustände. Der Redner entwarf eine anschauliche Schilderung des Lebens und der Lebenshaltung der Judenschaft in Galizien, die er persönlich kennen gelernt hat. Er hat im Auftrag des deutschen Rabbinerverbandes, dessen Frankfurter Tagung sich bekanntlich mit dem galizischen Mädchenhandel beschäftigte, die Hauptstädte des Landes besucht und mit einflußreichen Persönlichkeiten Rücksprache genommen. Das Elend unter den Juden ist groß, der Verdienst gering trotz Arbeitswilligkeit. Der hervorragenden Arbeitskraft muß nur die richtige Bahn gewiesen werden'. In der Roth und namentlich auch in den ungenügenden Wohnverhältnissen mit ihrer Zusammenpferchung zahlreicher Personen beiderlei Geschlechts auf einen kleinen Raum erblickt der Redner den „Schlüssel zum Mädchenhandel". Die jüdischen hervorragenden Kreise in Galizien beschäftigen sich übrigens jetzt schon mit dieser Frage. Man hat sie bereits öffentlich besprochen und ein Gemeinden- und Rabbinertag, der im Mai stattfinden soll, wird ausschließlich dieser Sache gewidmet sein. Berlin. (Graf Pückler und Liebermann von Sonnender g.) Der Dreschgraf hat am 27. März im fünften Berliner Reichswahlkreis zur Unterstützung der Candidatur seines Geschäftsfreundes Bruhy eine Rede gehalten und dabei geklagt, daß eigentlich in Berlin „furchtbar viel Antisemiten sein müßten", dem aber leider nicht so sei. Im Anschluß hieran beklagte er sich über die Antisemiten wie folgt: „Es gibt zwar viele Leute, die da sagen: Ich bin Antisemit, aber wie wenig zuverlässig ist ihre Haltung! Zu diesen scheint neuerdings auch der Herr Biedermann von Sonnenberg zu gehören, der mich in schmählicher Weise beleidigt hat in seinen „Deutsch-socialen Blättern"." Graf Pückler ist erzürnt darüber, daß Liebermann von Sonnenberg die Sanatoriumgeschichte hervorgekramt habe. Wenn Liebermann von Sonnenberg sortfahre, in so gehäffiger Weise gegen seine eigenen Gesinnungsgenoffen zu Hetzen, würde auf die Dauer kein anständiger Mann mehr mit ihm zu thun haben wollen. Wer angesichts des Feindes die eigenen Gesinnungsgenossen angreist, sei schlimmer als das ganze Judenpack. In derselben Rede sagte der Gras: „Wenn wir nur in die Versammlungen gehen und Hurrah rufen, können wir die Judenfrage nicht lösen, wir müffen kämpfen, der Eine mit dem Sabel, der Andere mit dem Schnabel." In letzterer Beziehung hat der Herr Graf ja schon eine gewisse Fertigkeit erlangt. Die „Antisemitische Correspondenz" hält übrigens ihre Behauptung aufrecht, daß Graf Pückler in einer Anstalt gewesen sei, in der drei jüdische Aerzte amtiren; er habe die Anstalt allerdings seit dem 18. Jänner verlaffen. Berlin. (Delitzschund die jüdischen Geldgeber von der Orientgesellschaft.) In einer Sitzung des Centralvereines Deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens war die Anregung gegeben worden, der Verein solle gegen Delitzsch protestiren. Der Vorschlag wurde mit Recht abgelehnt. Weitaus geeigneter für eine Action wäre aber der Hilfsverein der deutschen Juden. Sein Präsident ist zugleich Präsident der Orientgesellschaft, unter deren Aegide Delitzsch sowohl seine Arbeiten gemacht, wie auch die Vorträge gehalten hat, in deren Folge der Mosaismus angerempelt worden ist. Der Hilfsverein könnte seinen Vorsitzenden auffordern, in der Orientgesellschaft bei deffen Vorsitzenden einen Protest gegen Delitzsch zu beantragen. Der Vorsitzende der Orientgesellschaft hätte umsomehr die moralische Beipflichtung, dieser Aufforderung Folge'zu leisten, als auf sein ehrliches Gesicht hin für die Ausgrabungen und Arbeiten des Professors Delitzsch Gelder aus jüdischen Kreisen hauptsächlich gegeben worden sind. Diese Kreise haben das Geld gegeben für die babylonischen Arbeiten des Professors Delitzsch, aber nicht für irgend welche byzantinischen Evolutionen. Nachdem der Mißbrauch eintrat, daß ein wissenschaftlicher Apparat zum Deckmantel diente, um die Person des Professors Delitzsch in der öffentlichen Meinung und in Hofkreisen zur Geltung zu bringen, und zwar dadurch, daß lediglich der traurige Muth entwickelt wurde, Diejenigen zu beschimpfen, die ohnehin beschimpft werden, und denen der Professor zum Theil das Geld zu seinen Arbeiten verdankte, erwächst dem jüdischen Präsidenten der Orientgesellschaft die Pflicht, hiergegen Stellung zu nehmen. Die Thatsache, daß unter dem Präsidium eines Juden derartige Beschimpfungen ohne dessen Protest hingehen dürften, wiegt schwerer als der ganze Hilfsverein. Denn nicht an Geld fehlt es, sondern an Muth und Rückgrat. Wir erkennen an, daß Herr James Simon, dessen Person uns sympathisch ist, sich in einer peinlichen Lage befindet. Um so ehrenvoller für ihn, wenn er Muth beweist. Um so peinlicher für uns, wenn er der Aufgabe, ein Jude zu sein, nicht gewachsen ist. („Jüdische Rundschau.") Petersburg. Im hiesigen Senate gelangte vor Kurzem ein Proceß zur Austragung, welcher von der national-russischen Presse lebhaft besprochen und commentirt wird. Zur Charakteristik der Lage der Juden in Rußland liefert aber der Proceß und die Zeitungsdebatte ein werthvolles Material. Der jüdische Tanzlehrer Dawinghof erwirkte infolge einer Empfehlung des Balletmeisters des kaiserlichen Michailow-Theaters, Petipa, vom Petersburger Stadthauptmann General Kleigels die Erlaubniß zur Eröffnung einer Tanzschule in Petersburg. Auf Grund dieser off ciellen Autorisation miethete Dawinghof am Newsky-Proipect eine elegante Wohnung, möblirte dieselbe luxuriös und eröffnele seine Tanzschule. Allein wenige Wochen darauf ordnete derselbe General Kleigels die Sperrung der Tanzlocalitäten an. Der Grund hierfür lag darin, daß Kleigels bei der Ectheilung der Erlaubniß angeblich nicht gewußt hatte, daß Dawinghof Jude sei. Aber diese Sperre hatte den jüdischen Tanzlehrer ruinirt und in große Schulden gestürzt. Dawinghof strengte deshalb gegen Kleigels einen Proceß wegen Schadenersatzes an. In der ersten Instanz verlor Dawinghof den Proceß, in der zweiten aber gewann er ihn. Der Proceß gelangte nun infolge der Nichtigkeitsbeschwerde des Generals Kleigels zur Verhandlung im Senate, der letzten Instanz. Der Senat wies die Nichtigkeitsbeschwerde ab und verurtheilte den Stadthauptmann von Petersburg zur Zahlung einer Schadenersotzsumme von ungefähr 4-0.000 Rubeln. In der Urtheilsbegründung erklärte der Senat, daß General Kleigels durch seine Unvorsichtigkeit und Unüberlegtheit den Wohlstand des Juden Dawinghof vernichtet habe. Aber dieses Urtheil rief in den judenseindlichen Blättern Rußlands eine Hetze gegen den Senat hervor, welche eigentlich eine scharfe Judenhetze genannt werden kann. Fürst Meschtscherskij zum Beispiel erklärt in seinem „Graschdanin", daß derartige Urtheile, zumal wenn sie zu Gunsten von Juden gefällt werden, nur geeignet seien, die Autorität der Behörde zu untergraben, während die „Nowoje Wremja" sich in scharfen Worten gegen die Verleihung von Conceffionen jeglicher Art an Juden wendet und die ruffische Justiz zur Vergewaltigung auffordert, sobald die Objecte dieser Vergewaltigung nicht dem orthodoxen Glauben angehören! — Dennoch bricht sich überall die Erkenntniß Bahn, daß der Antisemitismus für Volk und Civilisation überaus schädlich ist. So hat der Congreß der Mühleninteressenten, der vor einigen Wochen in Kiew getagt hat, die Regierung ersucht, den jüdischen Mühlenbesitzern den freien Aufenthalt in ganz Rußland zu gestatten. Die Winzer am Kaukasus haben bei der Regierung petitionirt, im Interesse des Weinhandels den jüdischen Weinhändlern zu gestatten, wenigstens während der Traubenernte sich im Lande aufzuhalten. Der Landwirthschaftsrath in

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.