Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 20 (1903)
- Issue
- 15 (10.4.1903)
- Date
- 1903-04-10
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
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Nr. 15 Dr. Bloch's WochrnMrrM. Sette 335 Jeremias, Pfarrer an der Luther-Kirche zu Leipzig, in dem Theater, saal der akademischen Hochschule für Musik über das Thema: „Assyrischbabylonische Ausgrabungen und das Alte Testament." Es konnte die Erwartung seines gestrigen Hörerkreises n chtunerfüllt bleiben, daß er sich in theilweiser Abwehr gegen gewisse Schlußfolgerungen verhalten werde, die Professor Dr. Delitzsch aus den assyrisch-babylonischen Ausgrabungsergebnissen zu Ungunsten des Volkes Israel und ihrer alttestamentarischen Ueberlieferung gezogen hatte. In seinen Ausführungen, bei denen er gute Lichtbilder demonstrirte, legte er daher auch bedeutendes Gewicht auf den Unterschied zwischen dem historischen und religiösen Gebiet. Ehe der Vortragende — ein Herr in den besten Mannesjahren mit schwarzem Haupthaar ' und Schnurrbart, ohne Pastoralen Typus und Redeweise — auf den Kernpunkt seines Themas einging, bot er einen Ueberblick über die Ausgrabungen, welche uns Licht über die altorientalische Cultur gebracht haben, und verweilte lange bei den von ihm in Lichtbildern vorgeführten Darstellungen aus Niniveh. Er führte dabei seine Hörer in die Paläste Sanheribs und Sardanapals mit einer wohlgeordneten Backsteinbibliothek. Hierbei betonte er, daß der gegenwärtig die Gemüther erregende Babel-Bibel-Streit auf jenen vor 50 Jahren gefundenen Urkunden beruht. Und er wies nach, wie einerseits die Ausgrabungsfunde dem Bilde entsprechen, welches uns die biblischen Schriftsteller entwerfen, andererseits auch die biblischen Berichte dazu mitgeholfen hätten, Ordnung in die assyrisch-babylonischen Angaben zu bringen. Es sei höchst interessant, wie die assyrischen Berichte auch durch die biblischen corrigirt werden. Jesaia hatte geweissagt, daß es nicht zur Belagerung Jerusalems kommen werde. Der Engel des Herrn oder, wie der Chronist sagt eine Pest schlug Sanheribs Heer. Auf seinen Ruhmesinschriften verschweigt dieser weislich die Niederlage, aber an der Hand der biblischen Erzählung kann man den wahren Sachverhalt doch auch zwischen den Zeilen der prahlerischen Inschrift des Afsyrerkönigs lesen. Nach vielen Einzelheiten dieser Art gelangte der Redner zu den Berührungen des Volkes Israel mit Babylon. Der kleine Staat am Jordan hat für die assyrischen Könige keine geringe Bedeutung gehabt, und es bestanden zwischen beiden Ländern nicht nur feindliche Beziehungen, sondern es gab auch zwischen ihnen eine innige Gemeinschaft in den Cnlturverhältnissen. Nach biblischer Ueberlieferung ist Babylon die Heimat der Weltcultur. Aus Babylon haben sich die Israeliten ihre Bauformen geholt. Auch in religiöser Beziehung bestehen geschichtliche Zusammenhänge zwischen Babel und Bibel. Die Sterne sind in Babel das Buch der Offenbarung, und die Bibel enthält das Wort: Die Himmel erzählen die Ehre Gottes und die F ste (der Thierkreis) verkündet seiner Hände Werk. Wenn Gott sich Jacob offenbart im Traum, wie sollte es anders geschehen als in Bildern, welche Jacobs Seele vertraut find: Er sieht in den Himmelspalast, und die Engel Gottes steigen auf Stufen herauf und hernieder. Es ist das Abbild eines babylonischen Tempels. Ganz Babylon ist erfüllt von religiösen Gedanken, und in Babylon ist Wissenschaft identisch mit Religion. Seine Gesetzgebung ist nach der Anschauung dieses Volkes von der Gottheit geschrieben. Je tiefer wir in die babylonische Zeit hineinkommen, um so höher ist ihre Cultur, um so reiner sind ihre religiösen Gedanken. Erst ihr späterer Hexen- und Zauberkreis hat die babylonische Cultur zum Zerrbild gemacht. Bei allen diesen innigen Berührungen der beiden Völker ist aber der Unterschied zwischen ihren Anschauungen viel grüß r als die Aehnlichkeit. Wie hoch Israel über Babel stehe, trete in der Vorstellung hervor, die es von einem den tiefsten Bedürfnissen des Menschen entsprechenden lebendigen Gott hat. Der Debatte über den ihnen gemeinsamen Gottesnamen Jahwe sei geringe Wichtigkeit beizulegen. Der biblische Schöpfergott stehe erhaben über der Schöpfung, seinem Werk. Der babylonische Mythus hebt an mit der Erschaffung der Götter. Die Tendenz des babylonischen Schöffungsepos sei die, Babylon als Weltmetropole dadurch zu erweisen, daß der Gott Babylons als Schöpfergott über die andern Götter hinaus verherrlicht wird. Die Tendenz der biblischen Erzählung dagegen sei eine rein religiöse. Sie sollte zur anbetenden Dankoarkeit gegen den allmächtigen Schöpfer und Erhalter der Welt stimmen. Nun kam der Vortragende zur Frage des Monotheismus. Gewiß hätten wir babylonische Documente, aus denen tiefe religiöse Empfindung spreche. Auch sei es zweifellos, daß in einzelnen Priesterkreisen Babyloniens Vorstellungen geherrscht hätten, durch die ein monotheistischer Zug geht. Damit steht Babel kerneswegs unter den Heiden allein. Es handelt sich ja doch darum, welcher Art dieser Monotheismus ist. Bezeichnend sei dafür' die Thatsache, daß die heidnischen Vorstellungen von der Gottheit nie über das Mann-Weibliche herauskommen. Wie anders der Gott der Propheten! Auch in Babylon spreche man von der Sünde und Gnade, aber Sünde ist fast ausschließlich cultisches Vergehen, und Gnade ist immer Befreiung vom Leiden. Die Erlösung bezieht sich nur auf das Naturleben. Auch in Babylonien erkennt man ein Sittengesetz an. Aber es erblickt nicht wie Israel in Jahwe die erhabene sittliche Persönlichkeit, die sich zu den Menschen herabneigt. Die Erhabenheit des alttestamentarischen Monotheismus sein Volk gelehrt zu haben, das sei das große Lebenswerk Mofis gewesen. Mit einer feurigen Aufforderung, den Werth der Bibel in der gegenwärtig eingetretenen „babylonischen Verwirrung" aufrecht zu erhalten, schloß der Vortragende. Das Alte Testament sei uns zugleich Literaturbuch und Religionsbuch. Als letzteres sei es uns eine Urkunde, in der Gott seinen Willen der Menschheit kundgethan. „Wir wollen Babel geben, was Babel ist, aber der Bibel lassen, was ihr gehört!" * * * Auf der monatlichen Pastoralconferenz von West- Pennsylvania (Amerika) hat der Geistliche Rev. John A. Jayne aus Allegheny in der Ostend-Kirche zu Pittsburg eine interessante Rede gehalten, in welcher er sagte: „Lange bevor Sokrates Philosophie lehrte oder bevor Herodes Geschichte schrieb, waren die Juden schon eine feste und systematische Volkskörperschaft. Draper sagt: „Sie, die Juden, waren unsere Bankiers lange bevor sie lesen konnten." Als China noch ein Kind war, war Juda schon emporgewachsen; als Indien noch ein Säugling war, war Israel auserwählr von Gott. Als England noch ein rauhes und unwirthliches Land war, der Schwelgerei über alle Maßen ergeben, vereinigte sich das Volk Israel von Jahr zu Jahr in der ältesten Stadt der Welt — Jerusalem und sang seine Dankgebete dem mächtigen Gott. Als Damaskus nur bekannt war als ein Tränkplatz für Kameele, hatte Jerusalem schon seinen ersten König Malchisedeck. Als das große Bahylon nur ein Wall in der Wüste war — erhob Jerusalem seine ehrwürdigen Höhen über die Ebenen und ließ die Gesänge des großen Gottes erklingen. Es war David, der Hirtenknabe, welcher die gefühlvolle Musik zum Ausdruck brachte. Jesaia war es. welcher uns die Aussicht auf die Zukunfl eröffnet? und den Willen des Ewigen auslegte — nicht Sokrates. Moses ist es, zu welch m wir uns wenden als Richtschnur für unsere bürgerlichen Gesetz; — aber nicht Rom oder Griechenland. Es ist Israel, zu welchem wir uns wenden, wenn wir die Ausübung der göttlichen Liebe in der Person von I. Chr. zum Ausdruck bringen, nicht Affyrien, Niniveh, Tyrus, Babylon oder Damaskus. Wir schulden den Juden Dankbarkeit für Alles, was in der Literatur, Musik und Kunst groß ist, für Alles, was das Edelste und Beste der Bildung ist. für all das, was in unserem Hoffen der Zukunft das Reinste und Heiligste ist." Eorrespondenzeu. Wien, den 5. April 1903. Sehr geehrter Herr Redacteur! Ihr geschätztes Blatt vertritt in der am 3. April erschienenen Nummer im Leitartikel den Gedanken der Bereinigung aller humanitären jüdischen Vereine und betont in dieser Anregung die Wichtigkeit einer solchen Reform; es weift auf die Realisirung dieser Idee bei unseren Glaubensbrüdern in Deutschland hin und beweist damit auch die Möglichkeit der Durchführung in Oesterreich. Ich möchte nun, bevor ich von der großen Aufgabe der Bereinigung aller jüdisch-humanitären Vereine in Oesterreich spreche, es vorerst nur mit den Vereinen in Wien versuchen — und da auch nur mit einer Kategorie, und das ist der der Kranken-, Witwen- und Waisen-Unterstützungsvereine. Ist dies geschehen, dann folge dem ersten Schritte der zweite und dann der dritte u. s. w. auf diesem Gebiete. Ich halte es für gänzlich überflüssig, im Detail zu motiviren, wie außerordentlich segensreich es wäre, dieses Proj ct zur Wirklichkeit zu machen, welch' große Summen an Verwaltungskosten erspart werden könnten, welch' immense Beträge hiedurch