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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1903-04-10 · 15 (10.4.1903) · page 5

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
20 (1903)
Issue
15 (10.4.1903)
Date
1903-04-10
Page
– (sequence 5)
Language
German
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Nr. 15 Dr. Bloch's Worhrnfchrist. Seite 233 Von Besuchern der Ausstellung hörte ich über die jüdische Abtheilung das günstigste Urtheil, ja nicht selten wurde über sie im Superlativ geurtheilt. Das jüdische Museum, das durch sein rühriges und opferwilliges Curatorium so namhafte historische und Kunstschätze vereint, hat da Gelegenheit gefunden, mit einer hübschen Auswahl vor das größere Publicum zu treten, und braucht in den der Kunst geweihten Räumen des Oesterreichischen Museums wahrlich nicht zu erröthen. Die meisterhafte Nachbildung der Serajewoer Hagada des Baurathes Fleischer war am ersten Tage das am meisten umstandene Object dieses Flügels. Wie in der Ausstellung, ist auch in dem Mittelschultage, der am 5. d. M. eröffnet wurde, das Judenthum am ersten Tage zu Ehren und Anerkennung gekommen und unsere Schulmänner haben mit ihrer fachlichen Gerechtigkeit sich selbst geehrt. Der erste Fachvortrag wurde von Professor Dr. Wilhelm Jerusalem (Wien) über die wissenschaftlichen, didactischen und socialen Aufgaben des Mittelschullehrers gehalten und fanden seine vornehmen, idealen und doch im besten Sinne praktischen Ausführungen den lautesten und aufrichtigsten Beifall. Wiederholt mußte der Vortragende seine im elegantesten style gefaßten Auseinandersetzungen, vom frenetischen Beifall der Collegen unterbrochen, einhalten. Zum Schluffe beglückwünschte Hofrath Huemer vom Unterrichtsministerium den Redner mit warmen anerkennenden wohlverdienten Worten. Prof. Jerusalem war auch wenige Tage vorher mit der Elite unserer Gelehrtenwelt vom Unterrichtsminister zur Begründung einer gelehrtenaristokratischen „Oesterreichischen wissenschaftlichen Gesellschaft" geladen worden. Eine zweite That der Gerechtigkeit war am ersten Tage vom Gymnasialdirector Mandiczewski geübt worden. Se. Excellenz der jetzige Unterrichtsminister hat in Anerkennung der Wichtigkeit des mosaischen Religionsunterrichtes und zur Förderung des Ansehens der Männer, die diesen Gegenstand an unseren Mittelschulen lehren, eine Anzahl von israelitischen Religionslehrern, deren Vorbidung sie als den übrigen Gymnasialprofessoren ebenbürtig erscheinen läßt und die an Anstalten unterrichten, deren Schüler in namhafter Anzahl Israeliten sind, zu wirklichen Professoren mit allen Rechten und Pflichten von Gymnasialprofessoren ernannt. Professor Metzger, katholischer Religionspcofessor am akademischen Gymnasium in Wien, legte nun dem Mittelschultag eine Resolution vor, durch welche das Unterrichtsministerium ersucht wird, dem Abgeordnetenhaus einen Gesetzentwurf folgenden Inhalts vorzulegen: 1. Den katholischen Religionslehrern, welche nicht in allen Claffen einer vollständigen Mittelschule Unterricht ertheilten, sollen die an diesen Anstalten in definitiver Stellung verbrachten Dienstjahre für den Bezug von Quinquennalzulagen voll eingerechnet werden. 2. Den katholischen Religionslehrern sollen die in der öffentlichen Seelsorge oder an öffentlichen Volks- und Bürgerschulen verbrachten Dienstjahre für den Bezug vo i Quinquennalzulagen, zum mindesten aber für die seinerzeitige Pensionsbemessung, u. zw. im Verhältnisse von 3 : 4 in Anrechnung gebracht werden. Dazu nun stellte Director Mandiczewski den Zusatzantrag, auch die Religionslehrer anderer Confessionen, welche akademische Studien haben, den katholischen Religionslehrern gleich zu halten. Die Resolution wurde dann mit dem Zusatzantrage einstimmig angenommen. Dr. A. Kisch — Prag. Die Nemesis. Zwei Jahrzehnte hrndurch war das österreichische Parlament der Schauplatz rüdester Excesse. In den Räumen dieses Abgeordnetenhauses wurden Wehrlose, Abwesende und längst Verstorbene auf das Gemeinste beschimpft, in keinem einzigen Mitglied empörte sich das Rechtsgefühl gegen derlei unerhörte Brutalitäten. Die mächtigste und einflußreichste Partei des Parlamentes, der Polenclub sah diesem traurigen Schauspiel theilnahmslos zu und seine vornehmsten Mitglieder, zu denen damals Graf Pininski zählte, der jetzige Statthalter von Galizien, wechselten Händedrücke mit den.Arrangeuren dieser Scandale. Als einmal der Häuptling der Seandalpartei, Prinz Liechtenstein, von einem Mitgliede des Polenclubs unsanft angefaßt worden, wurde dieses zu einer öffentlichen Abbitte genöthigt. Allein die Zeiten ändern sich und die eingebürgerten Sitten kehren sich nunmehr gegen die Mitglieder des Polenclubs selber und der Obmann sieht sich genöthigt, an den Präsidenten um Abhilfe zu appelliren. Abgeordneter Daszynski nämlich hat in einer der letzten Sitzungen des Abgeordnetenhauses eine Interpellation an den Minister des Innern und der Justiz gerichtet, in welcher mehreren galizische» Behörden Mißbräuche bei de» Behandlung einer Erbschaftsmaffe zur Last gelegt werden. In dieser Interpellation werden auch Beschuldigungen gegen den Statthalter Grafen P i n i n s k i erhoben. Der Bruder des Statthalters, Abgeordneter Graf Pininski, beschwerte sich in einer an den Präsidenten gerichteten Anfrage wegen der vollinhaltlichen Aufnahme dieser Interpellation, in welcher auch die Ehre seiner verstorbenen Mutter angetastet werde, ins stenographische Protokoll. In derselben Angelegenheit hat Herr v. Jaworski folgendes Schreiben an den Präsidenten Grafen Vetter gerichtet: Eure Excellenz! Im Namen des Polenclubs muß ich die stärkste Verwahrung dagegen einlegen, daß das Präsidium es zugegeben hat, daß in der Form einer Interpellation die gröbsten Schmähungen gegen eine seit vielen Jahren verstorbene, allgemein geachtete Frau in diesem hohen Hause vorgebracht werden. Ich muß in dieser Hinsicht unserer größten Entrüstung Ausdruck geben, umsomehr, als es nach unserer Meinung Pflicht des Präsidenten ist, eingebrachte Interpellationen zu prüfen und die etwa darin vorkommenden Ehrenverletzungen hintanzuhalten. Genehmigen Sie rc. Jaworski m. p. Der Präsident des Abgeordnetenhauses dürfte dem Obmann des Polenclubs antworten, daß er bei bestem Willen nicht in der Lage ist, für die schlechten Sitten aufzukommen, welche durch frühere böse Beispiele verdorben worden sind. Aus dem Zeitalter des Blutaberglaubens. Die „Arb eiter-Zeitung" vom 5. April 1903 erzählt ihren Lesern: ..Die Münchener „Allgemeine Zeitung" brachte nach dem Proceß des Blumenmediums Rothe eine aufregende spiritistische Geschichte, die an Wunderbaren Alles weit Lbertraf, was man bisher von spiritistischen Erscheinungen erfuhr. In der spiritistischen Seance, von der dort berichtet wurde, schritt der jetzt in Bayern so oft heraufbeschworene T i l l y nicht nur in höchsteigener Person mit schweren Schritten durch den Saal, daß die eiserne Rüstung erdröhnte, sondern er umschlang sogar, nachdem er über sein Schicksal Auskunft gegeben, das Medium, eine bildhübsche Dame aus der höheren Aristokratie, bei der jeder Verdacht unreeller Manipulationen von vorneweg ausgeschlossen war. „mit Inbrunst und preßte einen Kuß, dessen Kälte ihre Nerven zu lähmen drohte, auf, ihre Lippen". Mit einem markerschütternden Schrei stürzte das Medium vornüber und kam erst nach langer Zeit „in Trance" wieder zu sich. Das war indessen noch nicht das Wunderbarste. Das trat erst ein, als ein Professor, der der Seance beigewohnt hatte, später einmal bei einem Glase Wein einem Freunde die Vorkommnisse erzählte. Als dieser Ungläubige einwendete, daß Tilly bekanntlich sich selbst gerühmt, nie ein Weib geküßt, nie einen Tropfen Wein getrunken zu haben, da erschien Tilly wieder, natürlich unsichtbar. Aber ein Humpen Wein, der auf dem Tische gestanden war, schwebte plötzlich in der Lust, als ob er von jemandem geführt würde, der zum Anstoßen aufforderte. Dem ungläubigen Freunde des Professors, dem selbst das Blut in allen Gliedern stockte, gelang es schließlich mit Anwendung aller seiner Energie, mit dem unsichtbaren Gaste anzustoßen. Ein dumpfer Klang, wie der Schlag einer Thurmuhr durchzitterte das Zimmer. Starr folgte der Blick dem schwebenden Humpen, der sich nun leicht neigte und geleert wurde, um dann wieder auf den Tisch zurückzuschweben. Auch das andere Glas war leer, obwohl der ungläubige Freund nicht getrunken hatte: der „Antialkoholiker" Tilly hatte auch das noch ausgesoffen. — Diese unheimliche Wundergefchichte mit ihren übertriebenen Unsinnigkeiten brachte die „Allgemeine Zeitung" am 1. April, was aber das Wiener „Vaterland nicht hinderte, sie blutig ernst zu nehmen. Nicht genug damit, das fromme „Vaterland" hat nicht übel Lust, mit diesem Aprilscherz den Glauben an die Erscheinungen in Lourdes zu stützen. Das würdige Organ unserer Bischöfe und Aristokraten druckte am 3. April die ganze unheimliche Spukgeschichte ernsthaft ab und fügte dann triumphirend bei: Wenn Derartiges in einem „c l e r i c a l e n" Blatte stünde, welches Getöse über Verdummung und Aberglauben würde in den liberalen Blättern sich erheben! Mit diesen Vorgängen, deren Thatsächlichkeit ja nicht bezweifelt werden kann» dürfen Vorgänge, wie die Erscheinung von Lourdes natürlich nicht in Parallele gestellt werden, aber, daß es auch noch andere Dinge gibt, als welche mit dem Meterstab rc. gemessen werden können, scheint jetzt doch auch den verstocktesten liberalen Kreisen aufzudämmern. Selbstverständlich handelt es sich in den obigen Fällen nicht um die Erscheinung des wirklichen Tilly, sondern um Gaukeleien anderer geistiger Wesen, denen es zeitweilig und bis zu gewissen Grenzen gestattet ist. fürwitzige Menschen an der Nase herumzuführev.

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