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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1903-04-10 · 15 (10.4.1903) · page 4

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
20 (1903)
Issue
15 (10.4.1903)
Date
1903-04-10
Page
– (sequence 4)
Language
German
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Sette 832 Dr. Bloch's Wochenschrift. Nr. 15 blos die Genesenden wieder in den Stand zu setzen, der Arbeit nachzugehen, denken Sie vielmehr auch daran, ihnen Arbeit zu geben, und denken Sie ferner daran, die Gesunden und nicht blos die Genesenden mit Arbeit zu versorgen. Ich habe Sie mit solchen Zielen vertraut gemacht, die Ihnen jetzt wohl am nächsten stehen dürsten. Das soll Sie aber nicht hindern, den allgemeinen Grundsatz stets sich vor Augen zu halten, den die Königin Alexandra von England in dem Satz zusammengefaßt hat: The best service oue can reuder the poor, is to fornish them work. Den besten Dienst erweist man dem Armen, wenn man ihm Arbeit gibt. Einen Bericht über den Verlauf der Sitzung behalten wir uns vor. Vom Jahrmarkt des Lebens. Glossen zur Tagesgeschichte. (Die Enthüllungen Jaures. — Cavaignac's Hinrichtung. — Das Recht ist unterwegs.) Europa steht unter dem Eindrücke der großen Rede Jaurss, der den Nachweis geführt hat, daß die zweite Verurtheilung des Capiläns Dreyfus vor dem Kriegsgerichte in Rennes genau so wie die erste Verurtheilung durch ein gefälschtes Document bewirkt wurde, das den Richtern ohne Vorwissen des Beschuldigten und seines Vertheidigers ins Berathungszimmer mitgegeben wurde. Die Fälschung war so plump, daß es ganz unbegreiflich erscheint, wie die Richter sich dadurch täuschen lassen konnten. Man gab den Richtern einen Zettel, der die Unterschrift des deutschen Kaisers trug und in welchem unter voller Namensnennung von der.Canaille Dreyfus" die Rede war. Jaures hat darauf aufmerksam gemacht, wie lächerlich es wäre, anzunehmen, daß der deutsche Kaiser ein Schriftstück, in welchem es sich um Spionage handelte, mit seinem Namen unterfertigen und den Namen des Spions nennen werde, während Personen von viel geringerem Range in solchen Angelegenheiten die größte Vorsicht beobachten. Bekanntlich hat Kaiser Wilhelm wiederholt l tc Erklärung abgegeben und abgeben lassen, daß Deutschland den Capitän Dreyfus niemals kannte, daß keine Abtheilung der deutschen Kriegsverwaltung jemals mit ihm verkehrte und daß er niemals der Kundschafter Deutschlands gewesen ist. Daß die Mitglieder des Kriegsgerichtes in Rennes die feierliche Erklärung des deutschen Kaisers nicht respectirten, erschien damals ganz unerklärlich. Es verlautete damals, daß Dreyfus, wenn er auch nicht an die deutsche Armee sein Vaterland verrathen habe, irgend einer anderen Macht Spionendienste geleistet hat. Nach den Enthüllungen, die Jaures nunmehr in der Kammersitzung vorbrachte, war die damals gehegte Vermuthung irrig, die Kriegsrichter hielten den ihnen übergebenen Zettel mit der Unterschrift des deutschen Kaisers für echt, und dieses Schriftstück bewirkte die Verurtheilung. Nunmehr wissen wir nicht blos, daß der Zettel ein Falcificat war, sondern auch, daß der damalige Kriegsminister Cavaignac von dieser durch Henry begangenen Fälschung wußte. Cavaignac hat diese Thatsache dem damaligen Ministerpräsidenten B r i s s o n verheimlicht, und womöglich noch interessanter als die Rede Jaurßs sind die Erklärungen Brisson's darüber, daß Cavaignac ihm sowohl diese Fälschung, als auch jenen Brief des Generals P e l l i e u x verheimlichte, in welchem dieser aus dem Dienste schied, weil man ihn gezwungen habe, mit Fälschungen zu arbeiten, und ihn dann im Stiche gelassen habe. Sehr zutreffend nannte ein Blatt diese Scene die Hinrichtung Cavaignac's. Unter seiner Ministerschast ist das verbrecherische Complott angezettelt und durchgeführt worden, das zur Verurtheilung und zur Deportation eines Unschuldigen führte. .Wir wollen die Affaire Dreyfus nicht aufrollen \* Mit dieser Phrase glauben die Nationalisten und die Antisemiten den Sieg des Rechtes undderWahrheit aufhcütcn zu können. Die Begnadigung des Drkyfus nach jahrelanger, auf der Teufelsinsel verbrachter Haft konnte das öffentliche Rechtsgefühl nicht befriedigen. Nicht um seine Person handelte es sich, nicht darum, ob er in Freiheit gesetzt und seiner Familie wiedergegeben wurde, sondern um die Gerechtigkeit. Falsche Documente und falsche Aussagen haben seine Verurtheilung ermöglicht; sonnenklar ist seine Unschuld, und das Gewissen Frankreichs kann keine Ruhe finden, so lange dieser Justizmord nicht gesühnt ist. Erwartungsvoll sehen wir Juden dem weiteren Verlaus dieser Angelegenheit entgegen, bei welcher es sich nicht um einen einzelnen Mann handelt, der zufällig unser Glaubensgenosse ist. Der Name Dreyfus ist für uns deshalb ein Losungswort geworden, weil ihm seiner Eigenschaft als Jude willen das Recht verweigert wurde, weil Judenhaß den ersten Anstoß dazu gab, den Unschuldigen zu verdächtigen und zu verfolgen, weil aus dem angeblich von Dreyfus verübten Verrath seitens der antisemitischen Preßmeute aller Länder die Berechtigung abgeleitet wurde, die Treue der Juden gegenüber dem Staate, dem sie als Bürger angehören, in der infamsten Weise zu verdächtigen. Der schimpfliche Vorwurf wurde gegen die Juden erhoben, daß sie mit einem Verräther sich solidarisch erklären, weil er ein Jude ist, während wir thatsächlich für ihn kämpften, weil er unschuldig ist, und weil seine Eigenschaft als Jude ihm zum Verderben gereichte. Emil Zola, den ein frühzeitiger Tod dahingerafft, hat die Rehabilitirung des Alfred Dreyfus, dessen Sache er feine Popularität zum Opfer brachte, nicht erlebt. Er hat in Jaures einen Nachfolger gesunden, ihm nahekommend in der wirkungsvollen Macht des Wortes, ihm gleichkommend in der Stärke des Rechtsgefühls. Die Wahrheit, deren Kommen Zola prophetisch ankündigte, ist bereits da. Das Recht ist unterwcgs. 13 e g r i m. Mittelschultag und Ausstellung neuerer Anschauungsmittel für die Mittelschulen. Der israelitische Religionsunterricht an den Mittelschulen Oesterreichs und in unzertrennlichem Zusammenhänge damit die Stellung des israelitischen Religionslehrers an den Mittelschulen hat, wie dies von einem so illustren und hochgelehrten, strenggerechten und wohlwollenden Manne nicht anders zu erwarten war, unter Sr. Excellenz dem Minister Dr. Wilhelm v. Härtel die erfreulichste Förderung erfahren und wird hoffentlich bald zu jener Stufe der Gleichberechtigung im Schulleben gelangen, wo die bisher oft ohne Schuld der Lehrpersonen gedrückte Leistungsfähigkeit und Leistungsfreudigkeit die von allen mitwirkenden Factoren erwünschten Früchte für unsere Religion, unsere Jugend und auch für uns Lehrer tragen wird. Zwei schöne Fortschritte der Gleichberechtigung sind auf den durch die Ueberschrist dieser Zeilen gekennzeichneten Gebieten zu melden. In der .Ausstellung neuerer Lehr- und Anschauungsmittel für den Unterricht an Mittelschulen unter dem Protectorate Sr. Excellenz Dr. Wilhelm Ritter v. Härtel, k. k. Ministers für Cultus und Unterricht, k. u. k. Geheimen Rathes" kann die dritte Section: .Mosaische Religion"' geradezu ein Schmuckkästchen genannt werden. Leider ist der Katalog dieser Abtheilung gewiß ohne jede Schuld des Sectionsobmannes, Hcrrn Professor Dr. Leopold Goldhammer, sehr unvollkommen. Herr Baurath Stiaßny, dem es warm verdankt werden muß, daß er den überwiegenden Theil der Ausstellungsobjecte aus dem .Jüdischen Museum zur Verfügung"' stellte, ließ als Ergänzung des osftciellen Kalaloges erneu solchen für die Objecte des .Jüdischen Museums" drucken, weil dort Vieles vermißt worden wäre. Gestatten Sie auch mir, der sieben Objecte ausgestellt hat, von denen nur eines im Kataloge verzeichnet ist, diese Gegenstände hier zu nennen. Neben dem Speciestoler, der aus Anlaß des Toleranzedictes (1782) geprägt wurde und der die Geistlichen der drei Confessionen (katholisch, protestantisch und jüdisch) unter dem kaiserlichen Adler mit Umschrift „sub celis suis protegit omnes“ (Unter seinen Flügeln schützt er alle) zeigt, mit der Unterschrift „ecce amici“ habe ich eine silberne mehr als talergroße Münze ausgestellt, die zun, 100. Geburtstage Moses Mendelssohn's von dessen Familie geprägt wurde. Auf der Aversseite trägt sie das Plastisch her vortretende Brustbild Mendelssohn's, aus der Reversseue einen Todtenkops mit daraufsitzendem Schmetterling und der Umschrift .Phaedon". Ein seltenes und eigenthümliches Stück ist die dritte von mir ausgestellte Münze. Mardochai Meist erhielt nach einer Prager Tradition, von der ich auch in irgend einem Münzkataloge emmal gelesen habe, vom Kaiser Rudolf II. das Privilegium, Schekelmünzen zu prägen. Ich vermuthe, zur Verwendung beim Pidjan seiner zahlreichen Pathenkinder. Ein solcher imitirter Schekel, der das bekannte Gepräge der Schekelimitationen mit hebräischer Quadralschrist trägt, aber die christliche Jahreszahl 1584 mit üblichen Ziffern hat und der, soweit mir bekannt ist, ein Unicat ist, befindet sich in meinem Besitze. Diesen habe ich als dritte Münze ausgestellt. Von den Photographien, Liebhaberausführung in großem Cabinetformat, wie ich selbst sagen darf, von vorzüglicher Schärfe, will ich aus die heraldisch-interessante Magendavidverzieruug vom Gestelle der Meisel'schen Menora besonders aufmerksam machen.

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