Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 20 (1903)
- Issue
- 15 (10.4.1903)
- Date
- 1903-04-10
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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Nr. 15 H»r. Blvck's WochrnMrlfr. Sette 331 Arbeitsfeld für Frauenvereine. In de.- Generalversammlung des »Vereines zur Errichtung eines Reconvalescentenheims für jüdische Kranke", die Samstag Abend in Khuner's Restauration unter dem Borfitze der Präsidentin Frau Amalia Beck abgehalten wurde, hielt kaiserl. Rath Johann Lichten st adt einen Bortrag über verschiedene Aufgaben, denen sich die jüdischen Frauenvereine kooperativ widmen sollten. Da dieser Bortrag durchaus mit den Tendenzen übereinstimmt, welche die »Oesterreichische Wochenschrift" stets vertreten hat, und da er allgemeine Beherzigung verdient, sehen wir uns veranlaßt, ihn wörtlich zum Abdrucke zu bringen. Kaiserl. Rath Lichten st adt sagte Folgendes : „Ich bin Ihrer Frau Präsidentin zu großem Danke verpflichtet dafür, daß sie mich freundlichst eingeladen hat, dieser Generalversammlung beizuwohnen. Habe ich doch hiedurch wieder einen Kreis edelherziger Frauen und Herren kennen gelernt, die es sich zur Aufgabe machen, ihren hilfsbedürftigen Mitbürgern und Glaubensgenossen werkthätig zur Seite zu stehen und einem Zweig des Wohlthätigkeitsbaumes ihre besondere Fürsorge angedeihen lassen, der bisher bei uns sowohl im Allgemeinen als auch bei den Juden nur geringer Pflege sich erfreute. Wiederholt haben Aerzte und namentlich Spitalsdirectoren den dringenden Wunsch kundgegeben, daß für genesende Kranke Sorge getragen werde. Wenn der Arzt die Krankheit besiegt hat, so ist sein Werk gethan. Nicht an ihm ist es gelegen, daß der Kranke wieder zu Kräften komme, daß dessen Arbeitsfähigkeit wiederhergestellt, dessen Erwerbs fähigkeit sichergestellt werde. Dieser Zweig der Krankenpflege ist Aufgabe der Wohlthätigkeitsaction, jener zielbewußten Hilfeleistung, die dort einsetzt, wo sie am meisten noththut und wo sie nicht blos momentane Hilfe schafft, sondern dauernden Nutzen bringt. Ist die Krankheit gewichen, so ist der Arme noch schlimmer daran, als zur Zeit der Krankheit. Während der Krankheit kann er Arzt und Medicamente unentgeltlich erhalten, er kann auch die Hilfe eines Krankenvereines in Anspruch nehmen. Ist er als genesen erklärt, so fällt jede derartige Hilfeleistung weg. Er ist aber hilfsbedürftig geblieben; denn er muß ja die verlorenen Kräfte ersetzen. Wenn ihm nun zu dieser Zeit, die wahrlich eine ebenso kritische ist, wie die der Krankheit, keine wohlthätige Hand zu Hilfe kommt, wenn er statt seine schwachen Kräfte zu stärken, sie im Kampfe um die Existenz aufreiben muß, dann hat er vielleicht die Krankheit glücklich überstanden, aber er geht nach der Krankheit an Erschöpfung zu Grunde. Wie viele Existenzen mögen wohl in diesem Kampfe untergegangen sein. Für den im Spitale Behandelten treffen alle diese Umstände ebenso zu. wie für den in häuslicher Pflege Gebliebenen. Es tritt aber noch ein weiterer Umstand hinzu: Das Spital muß für andere Kranke Raum schaffen, es kann — so paradox es klingen mag — aus Menschlichkeit den Genesenden nicht länger beherbergen; die Unmenschlichkeit, die darin liegt, daß es ihn entlassen muß, ist Menschlichkeit für Andere, die, weil wir zu wenig Spitäler haben, auf den freigewordenen Platz ängstlich warten. Aus der Erkenntniß, daß es nicht nur Menschenpflicht ist, Armen beizustehen, insbesondere arme Kranke, die ja nicht für sich selbst sorgen können, zu unterstützen, sondern daß es eine sociale Pflicht den Armen wie dem Staate gegenüber ist, die Arbeitskraft zu erhalten, sind die Anstalten hervorgegangen, welche darauf abzielen, aus der ärztlichen Behandlung entlassene Personen, die noch nicht im Stande sind, ohne Gefahr für Leben und Gesundheit die Erwerbsarbeit wieder aufzunehmen, so lange zu pflegen, bis die Wiedererlangung ihrer Kräfte sie in den Stand setzt, für sich und ihre Familien selbst zu sorgen. Dieses schöne Ziel haben auch Sie sich zur Aufgabe gestellt, und man kann Sie nur beglückwünschen, daß Sie mit so viel Edelsinn, so viel Eifer und Hingebung, mit so viel Verständniß für die Sache ans Werk gegangen sind. Mit diesen Eigenschaften werden Sie auch den Erfolg erreichen, in nicht ferner Zeit ihren Plan verwirklicht zu sehen. So optimistisch mich auch Ihre Thatkraft und Ihre Humanität stimmen, verkenne ich doch nicht, daß es sehr wünschenswerth wäre, wenn Sie bei der Arbeit nicht allein stünden, wenn nicht alle Last auf Ihren Schultern bliebe, wenn Sie vielmehr zahlreiche Mitarbeiter fänden, die mit gleicher Begeisterung wie Sie sich der Aufgabe widmen wollten. Halten Sie mich für keinen Centralisationsschwärmer, wenn ich auch bei dieser Gelegenheit darauf Hinweise, daß große Werke nur mit vereinten Kräften zustande gebracht werden können. Ich denke dabei vor Allem an die Frauenvereine und an die Krankenvereine. Erstere haben schon deshalb meine vollste Sympathie, weil ich durch aufmerksame Beobachtung ihres Wirkens die Ueberzeugung gewonnen habe, wie zielbewußt und verständnrßvoll sie sich ihren Arbeiten widmen. Sie sind auch zu Cooperationen viel geneigter als Männervereine, lassen ihre Subjektivität weniger hervortreten und bringen dadurch umsomehr das gute Werk zur Geltung, dem sie ihre Förderung angedeihen lassen. Den Frauenvereinen wird aber die Fürsorge für Genesende um so näher liegen, als sie empfänglicher find für die Erkenntniß. daß durch Krankheit geschwächte Personen zarter Hände und liebevoller Sorgfalt bedürfen, um sich wieder zu kräftigen. Ebenso nahe wird aber ihrem Herzen und Verstände auch die Erkenntniß' liegen, daß die beste Armenpflege die Erhaltung der Arbeitskraft ist. Was nun die Krankenvereine betrifft, so hätten diese wohl auch von zwiefachem Gesichtspunkte aus Anlaß, sich der Genesenden anzunehmen. Die Aufgabe fällt nicht blos im Allgemeinen mit ihren Zwecken zusammen. Es ist vielmehr diret und indirect ihr eigener Vortheil damit verbunden, daß ihre erkrankt gewesenen Mitglieder wieder recht kräftig und widerstandsfähig werden, damit sie nicht etwa in naher Zeit abermals die Hilfe des Vereins in Anspruch nehmen müffen. Es bieten sich sonach Ihrem Werke naturgemäße Mitarbeiter dar, von den Menschenfreunden abgesehen, die das Gute thun, nur um des Guten willen, die nach keinerlei anderen Gesichtspunkten fragen, als denen der werkthätigen Nächstenliebe. Ich zweifle nicht, daß ein Appell, der von Ihnen an alle diese Kreise ergeht, Gehör finden wird und daß Ihre Bemühungen von Erfolg gekrönt sein werden. Dem Schriftsteller ist es erlaubt, prophetisch in die Ferne zu sehen. Und da baut sich vor meinen Augen das Haus auf, von einem schönen Garten umgeben, in welchem Dank Ihrer unermüdlichen Arbeit unsere armen Kranken sich erholen werden. Nicht wahr, meine Damen und Herren! Sie selbst empfinden jetzt so eine Art Hochgefühl» indem Ihre Phantasie Ihnen das vollendete Werk vormalt! Halten Sie nur daran fest! Aber denken Sie gefälligst auch an das: „Was dann?" Wer wird die Genesenden pflegen? Wer wird sie bedienen? Es sind dies Fragen, die nicht erst nach Vollendung des Baues erwogen werden sollen, sondern sie verdienen rechtzeitig ins Auge gefaßt zu werden. Sie haben ein unmittelbares Interesse für Sie — sie haben ein noch viel größeres allgemeines Interesse für uns Alle. Sie sehen wohl schon, worauf ich abziele. Die Frage der Gründung von Anstalten, in denen jüdische Pflegerinnen herangebildet werden, steht schon lange auf der Tagesordnung; ihre Lösung wird aber theils dadurch verzögert, daß wirklich große Schwierigkeiten bestehen, deren Ueberwindung sorgfältige Vorber.iiung und viel Zeit erfordert, theils dadurch, daß persönliche Interessen hineingetragen werden und endlich auch dadurch, daß einseitige Bestrebungen sich geltend machen. Wenn ich diese Frage hier zur Sprache bringe, so hat dies nicht nur darin seinen Grund, weil Sie für ein Reconvalescentenheim jüdischer Pflegerinnen nicht entbehren können, sich also mit dieser Frage werden beschäftigen müffen, sondern auch weiter darin, daß ich Sie und speciell alle Frauenvereine veranlassen möchte, sich an der Lösung dieser Frage zu betheiligen und wieder eine Cooperation zu Stande zu bringen, die sich als erfolgreich erweisen dürfte. Eine Begründung für die Nothwendigkeit eigener jüdischer Pflegerinnen brauche ich Ihnen kaum darzulegen. Es sagt Ihnen Ihre eigene Empfindung, daß Sie mit bloßen Wärterinnen alten Schlages nicht auskommen, daß ferner unsere Spitäler und unsere Privat-Krankenpflege wohlgeschulter jüdischer Pflegerinnen dringend bedürfen. Sie erlassen es mir, die Gründe hiefür auseinander zu setzen. Ihr sociales Empfinden sagt Ihnen aber auch, daß wir damit der jüdischen weiblichen Jugend ein wohl aufopferungsvolles, aber ehrenhaftes und lohnendes Arbeitsfeld eröffnen, und ich gestehe gern, daß dieser letztere Gesichtspunkt für mich nicht weniger ausschlaggebend ist, wie das Krankenpflegebedürfniß. Ich zweifle nicht, daß es bei Ihnen ebenso der Fall sein wird, und rechne daher auf Ihre Mitwirkung. Diese Mitwirkung wird nicht blos in eifriger Propaganda, in der Betheiligung an Aufbringung der erforderlichen Mittel, in der lebhaften Betheiligung an der Erhaltung bestehen, sondern hauptsächlich in der Gewinnung des geeigneten Materiales, wozu gerade die Frauenvereine, die mit der Bevölkerung in innigstem Contact stehen, hervorragend geeignet sind. Wenn ich bei dieser Gelegenheit die Dienstbotenfrage streife, so geschieht es ebensowohl im Hinblick auf die Bedürfnisse des Reconvalescentenheimes, als von dem Wunsche beseelt, daß auch auf diesem Gebiete endlich ein Zustand geschaffen werde, der einerseits den Anforderungen der Hausftauen entspricht, andererseits aber eine große Zahl von Arbeitskräften befähigt, ehrlichen Erwerb zu finden, die sonst darben oder der Verwahrlosung anheimfallen. Wir dürfen die Verhältnisse der Verwerthung weiblicher Arbeitskraft nicht nach Wiener Maßstab beurtheilen. Hier ist es noch ziemlich leicht, lohnende Arbeit zu finden, und wenngleich die Enqueten und die Wahrnehmungen in unserem Arbeitsvermittlungsvereine zeigen, wie tief auch hier noch der Werth der weiblichen Arbeitskraft sinken kann — mit den Zuständen in den Provinzen und namentlich in Galizien darf man sie doch nicht vergleichen. Durch Dienstbotenschulen und Dienstbotenfürsorge könnte viel des Guten geschaffen werden. So führt uns denn das Bestreben, das eigene Bedürfniß zu befriedigen, auch dazu. Anderen nützlich zu fein. Mit der Gründung des Reconvalescentenheimes verbinden Sie den Zweck, die Arbeitsfähigkeit wiederherzustellen. Gliedern sie diesem edlen Zwecke auch noch denjenigen an, Arbeit zu schaffen und nicht