Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 20 (1903)
- Issue
- 15 (10.4.1903)
- Date
- 1903-04-10
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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Sette 230 Dr. Bloch's Wochsnschrifk. «*.16 Zeit in unlösbaren Widerspruch setzt, welches der staatlichen Gemeinschaft selbst durch die Vernichtung eines Handelszweiges, der für gewisse Erzeugnisse des Gewerbes und der Hausindustrie eine absolute Nothweudigkeit ist, unendlichen Schaden bedeutet; dulden wir nicht, daß Tausende ehrlicher Menschen, die im Schweiße ihres Angesichtes ihr Brot verdienen, der Willkür ihrer geschworenen Feinde anheimgegeben, daß sie als ehrlos gebrandmarkt werden!" Diesen Muth seiner Ueberzeugung hat auch das Herrenhaus nicht aufgebracht, sondern es hat sich darauf beschränkt, die odiosesten Stellen des Gesetzes, wie es aus den Berathungen des Abgeordnetenhauses hervorgegangen ist, zu beseitigen, im Uebrigen aber dem Hausierhandel das Grab zu schaufeln. Ach! Die empfindungsvollen Tiraden der Herren Dr. v. Berger, Für st Auersperg und Graf Z e d t w i tz haben uns Lief ergriffen. Fast wären wir an dem wahren Wesen dieser hochgeborenen Herren irre geworden, wenn der Effeld ihrer Klagen nicht der wäre, daß eine ganze Reihe von Hausierkategorien von den Beschränkungen des neuen Gesetzes wohl befreit wurden, daß aber alle diese Kategorien nur arische und nicht einen einzigen jüdischen Hausierer umfassen. Sowohl das Abgeordnetenhaus, als auch das Herrenhaus hat mit großer Liberalität jedem au sie gerichteten Wunsche, die Begünstigungen des § 16 auf dieses oder jenes Gebiet auszudehnen, entsprochen. Das weiche Gemüth der Herren verhärtete sich aber sofort, wenn es sich darum handelte, dieselben - Begünstigungen jüdischen Hausierern zukommen zu lassen, ja selbst die arische Bevölkerung mußte leiden, weil ihre Erzeugnisse durch jüdische Hausierer abgesetzt werden. Vergeblich haben viele Hunderte armer Handstickerinnen und Hausweber ans dem Boskowitzer Bezirke eine Petition an das Herrenhaus gerichtet, in welcher sie für ihre Erzeugnisse um die Begünstigung des § 16 baten. Sie wurde ihnen verweigert, weil von dem Absätze dieser Erzeugnisse eine Handvoll Boskowitzer Juden leben, und es fand sich unter den gefühlvollen Mitgliedern des Herrenhauses nicht ein Einziger, der die Sache dieser armen Leute zu der seinigen gemacht hätte. So sieht in Wahrheit die Menschenliebe jener Grafen und Fürsten aus, deren Liberalismus sich in schönen Worten erschöpft, in der That aber sich gründlich verleugnet. Die jüdischen Hausierer sind nun der Gewalt, der Willkür und dem Hohne ihrer Bedränger preisgegeben. Für sie mehr als für jeden anderen unserer Glaubensgenossen hat der Ruf: „Gedenket, daß Ihr Knechte wäret in Egypten" gerade au diesem Pessachfeste eine tiefschmerzliche Bedeutung. O ja, es ist dafür gesorgt, daß uns Juden diese Erinnerung niemals aus dem Gedächtnisse schwindet. Aber wir haben Härteres überstanden als das Hausiergesetz, wir werden auch dieses überstehen! Und wir werden für unsere armen, bedrängten, erwerbslos gemachten Glaubensgenossen mit jener stillen, aber intensiven Wohlthätigkeit sorgen, die den Stolz und den Ruhm des Judenthums seit Jahrtausenden bildet. Wir werden nicht aufhören, daran zu glauben, daß der Ewige unser Gott, wie er uns herausgeführt hat aus dem Lande Mizrasim, uns auch mit starker Hand herausführen wird aus den Bedrängnissen und Kümmernissen der Gegenwart. Da» I«de«thum i« Deutschland. Ein deutscher Gelehrter hat es als wahrscheinlich bezeichnet, daß die Juden im Deutschen Reich inmitten einer hundertfach überlegenen christlichen Bevölkerung .dem Schicksale der Aufsaugung durch die Christen entgegengehen^. Er begründet diese Erwartung durch eine Statistik über die Abnahme der Heiraten und der ehelichen Fruchtbarkeit der Juden und durch den aus den zunehmenden Mischehen sich ergebenden Austritt aus dem Jude^thum. Als Ursachen dieser Berhältniffe führt er allerlei wirthschastliche und sociale Momente an, die jedoch keineswegs hiureichen, eine so weitgehende Wendung zu erklären. Die wesentlichsten seiner Angaben sind folgende: Das Verhältniß der jüdischen Bevölkerung in Preußen zur Gesammtbevölkerung ist in den Jahren 1880—1900 von 13 3 pro Mille auf 1T4 herabgegangen. Während von 1820—1866 auf 1000 Juden in Preußen jährlich 37 20 Geburten, von 1878—1882 nur mehr 30 32 Geburten entfielen, ist diese Zahl in den Jahren 1893—18!)? auf 22°25 gesunken; bei der christlichen Bevölkerung belief sich diese Ziffer auf nahezu das Doppelte: 38 15. Der Ueberschuß der Geburten über die Sterbefälle betrug von 1820—1866 16 80 vom Tausend, von 1893—1897 nur mehr 7 52; die eheliche Fruchtbarkeit wies 1875—1879 noch 4‘57 Kinder für eine jüdische Ehe auf, 1895—1899 nur mehr 2°88; bei Mischehen sank diese Zffer sogar auf 143; todtgeboren waren von 1000 ehelichen jüdischen Kindern 32 07, bei Mischehen 34 54. An 1000 Geburten waren jüdische Ehepaare 1878—1682 noch mit 9 90 Kindern, in den Jahren 1895—1899 nur mehr mit 615 Kindern betheiligt. An diese natürliche Abnahme der jüdischen Bevölkerung schließt sich jene, die dem freien Entschlüsse entspringt. Während in den Jahren 1875—1879 auf 1000 jüdische Eheschließungen 98'3 Mischehen entfielen, sind diese Letzteren in den Jahren 1895—1899 auf 169'5 gestiegen. In der erstbezeichneten Periode betrug die Verheiratung von Chrfften mit Jüdinnen 53'7 pro Mille, die von Juden mit Christinnen 44 6; in der letzteren Periode war das Verhältniß umgekehrt, und zwar 79 1 und 90 4 pro Mille. Während also (nach Bismarck'schem Recept) in den Siebziger-Jahren die Christen auf die jüdische Mitgift erpicht waren, haben nunmehr die Juden eine Vorliebe für christliche Mädchen, bei denen die Mitgift in der Regel nicht wesentlich ist. In Berlin hat von 1895—1899 unter je 5 heiratenden Juden einer ein christliches Mädchen geheiratet. Erfahrungsgemäß entfernen sich die meisten der aus Mischehen entspringenden Familien vom Judenthume. Zunächst werden die Kinder getauft, später die jüdischen Elterntheile, nicht selten auch die jüdischen Schwiegereltern. Dem Gesetze nach könnte das männliche Kind der Religion des Vaters, das weibliche Kind der Religion der Mutter folgen, so daß etwa die Hälfte dieser Kinder dem Judenthum verbleiben möchte. Thatsächlich aber waren 1895 von den 5202 aus Mischehen entsprungenen Kindern 3929 getauft und nur 1273 dem Judenthum verblieben; anstatt 50 Percent also nur 24'47. Auch von diesen gehen Viele in späteren Jahren zum Christenthum über. Die Zahl der Uebertritte Erwachsener zum Christenthum, welche in Preußen 1889—1895 nur 133 jährlich betrug, ist seither auf ein Vielfaches gestiegen. Noch größer ist die Zahl derer, welche aus dem Judenthume ausschieden, ohne sofort Christen zu werden. Nach diesen Angaben kann die Prognose des obgedachten Statistikers nicht als unbegründet angesehen werden. Der Proceß der Aufsaugung der deutschen Judenheit durch die christliche Bevölkerung ist in vollem Zuge. Aus allen Völkern des Alterthums hat sich nur der jüdische Stamm bis nun erhalten, trotz allen Druckes, aller Verfolgungen, mitten in der Völkerwanderung, zwischen den Gräueln der Inquisition und den Austreibungen. All dies konnte überstanden werden — nur Eines nicht: der religiöse Jndifferentismus. Diese bedauerlichen Verhältnisse sollten bei uns zu Lande aufmerksam beachtet werden. Es läge im Interesse und in der Pflicht der Cultusvorstehungen, für eine gründliche Statistik zu sorgen, da nur aus einer solchen die einschlägigen Verhältnisse beurtheilt werden können. Aus derselben müssen aber auch die richtigen Schlüsse gezogen und sohin die richtigen Entschlüsse gefaßt werden. Aus den zu sammelnden Ziffern dürfte sich leider auch bei uns die Abnahme der jüdischen Fruchtbarkeit, der Immunität gegen vielerlei Uebel, der Langlebigkeit ergeben, vermuthlich auch der körperlichen und geistigen Leistungsfähigkeit. Alle diese Verhältnisse stehen in unleugbarer Beziehung mit dem religiösen Leben der Juden, mit ihrer Anhänglichkeit an die Tradition. Losgetrennt von der Tradition, nimmt die Assimilation ihren Fortgang und ihr Ergebniß ist: Aufsaugung des jüdischen Stammes durch die umwohnende Bevölkerung. Vielleicht wäre es aber noch Zeit, dem Verderben Einhalt zu thun. Dr. M. St.