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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1903-04-03 · 14 (3.4.1903) · page 12

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
20 (1903)
Issue
14 (3.4.1903)
Date
1903-04-03
Page
– (sequence 12)
Language
German
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Sette 224 Nr 14 Dr. Block's Wochenschrift. sich wiederspiegelte, ihre frühere Klarheit verloren . . . Und als er sie jetzt zu den Menschen erhob, malte sich.Klage und Schreck in ihnen. Dann schwuug ersich. .aus Fprcht vor dem Tode, zum Throne Gottes empor und blieb vor dem'ÄÜmächtigen stehen. Und Gott'blickte in des Engels Augen und auf sein Gewand ... Der Engel stand vor dem Ewigen, und in seinen Augen war keine strahlende Helle, sondern Trauer, Schmerz und Beschämung ob dessen, daß er mit Blut befleckt war. Und die Augen des Engels waren trübe, denn nicht mehr war in ihnen die lautere Unkenntniß von einst zu sehen und noch leuchteten sie nicht in der Erkenntniß der Trauer. Und vorwurfsvoll sprach der Engel: „D Adonai, Adonai! . . . . Sieh', wohin du deinen Liebling gesandt ... . steh', was die Menschen mit mir gethan haben. Auf meinem Herzen liegt jetzt ein Stein . . / Und Gott blickte auf den Engel. „0, Menschen, Menschen!" rief er mit Thränen, „grausames, unverbesserliches Geschlecht, was thatest du mit meinem Liebling! Es ist voll das Maß meiner Langmuth, und Alle sollt ihr untergehen! . / . Und zum Engel sich wendend, fragte er : „Wieso geschah dir solches, und wo hast du deine,einstige Klarheit eingebüßt?"' Da berichtete der Engel dem Ewigen Alles, was er gesehen und erfahren: „Im Walde sah ich einen Mann in Kelten, und einen zweiten, der auf der Schwelle seiner Hütte saß. Sie sprachen von Verfolgung und Schutz, doch verstand ich nichls von ihren Worten. Dann ging der erschöpfte Mann in die Hütte und ich flog weiter fort ... Ich wollte vor ihnen stehen bleiben, doch sahen sie mich nicht, weil sie mit Anderem beschäftigt waren. / „Diese Männer bedurften deiner Klarheit nicht/ sprach Gott. „Zuvörderst jedoch hättest du vor den Verfolgern und dann erst vor den Verfolgten stehen bleiben sollen/ „Ich wußte nicht"', erwiderte der Engel. „Und weiterhin begegnete ich anderen Leuten, deren Augen von Zorn und Haß verblendet waren. Und sie fragten — ohne mich anzuflhen — wo der Mann in Ketten sei? Ich lächelte ihnen zu und wies auf die Hütte . . / „Wehe, wehe!" rief Gott. „Du thatest nicht das, was du hättest thun sollen!" Und der Engel setzte seinen Bericht fort, und als er am Schlusie desselben angelangt war, rief er vorwurfsvoll: „Du selber hast mich zur Erde entsandt, du trägst die Schuld an dem, was geschah, nicht aber ich! Befreie mein Herz von der Last, die es bedrückt, entferne die entsetzlichen Blutfl cke aus. meinem schneeweißen Gewand! Thue also, Urewiger, daß ich, so wie ernst, auch jetzt nicht wiffen soll, damit in meiner Seele wieder strahlende Helle heiliger Unkenntniß herrsche. Und schluchzend neigte sich der Engel vor dem Throne Gottes. Der Allmächtige jedoch sprach: „Nicht weißt du selber, was du verlangst. Das werde ich nicht thun, aber etwas Anderes. Anstatt deiner einstigen Unkenntniß, werde ich dir die traurige Erkenntniß verleihen."' ' Und Gott erklärte dem Engel, welches Blut sein Gewand befleckt, und sprach zu ihm: „Ich befehle dir, dieses Blut einem Heiligthume gleich zu hüten. Es ist lauteres, in Beschirmung eines Unschuldigen vergossenes Blut. Die Erinnerung daran wird dich betrüben, und nie mehr wird die Unkenntniß Einkehr bei dir halten. Selbst ich vermag nicht, was bereits vergangen, auf den Tafeln der Zeit auszulöschen. Und möchtest du, daß Alles, was geschehen, sich wiederhole, und daß in deinem Herzen hellstrahlende Freude herrsche? Das wünschest, um dieses bittest du mich? Und' während Gott sprach, erlosch in den Augen des Engels der Schmerz der Verzweiflung und traurige Erkenntniß leuchtete in ihnen auf. Und er erschrack, und an den Stufen von Gottes Throne niedersinkend, rief er : „Nein. Allmächtiger! Nicht will ich mehr die strahlende Helle der Unkenntrnß! Lass' mir meine Trauer für allezeit/ Und Gott hob den Engel zu sich empor und sprach : „Du wirst auch fernerhin mein Liebling sein, und meine Liebe zu dir wird noch größer werden. Bon nun an jedoch ist vein Name nicht mehr Unkenntniß. Dein Name ist: Große Trauer/ Und der Engel richtete sich empor und erhob seine Augen zu Gott. Und Gott blickte wieder mit Liebe in diese Augen und sah in ihnen: Trauer. ,. ' v; v - Und der Engel sprach / »Jetzt, Herr, entsende mich wieder zur Erde. Ich werde des Gerechten heiliges Blut seinen Kindern' und den Kindern seiner Mörder bringen. Und möge, wenn sie zu Männern heranreifen, die strahlende Klarheit in ihren Augen sich in traurige Erkenntniß verwandeln. „Dann werden sie, nach dem Beispiel ihres Geschlechtes, immer zur Beschirmung der Schwachen bereit sein, und werden erfüllen das Vermächtnis ihrer Väter, bis die Kinder der Verfolger begreifen werden die ganze Trauer, welche dem Bermächtniß der Unterdrücker entspringt.. Und der Engel neigte sich vor Gottes Throne. Dann richtete er sich empor, und leise seine Schwingen entfaltend flog er zur Erde nieder. Gott jedoch blickte mit Liebe auf den leisen Flug der Trauer Während Gamaliel die Parabel erzählte, hatte der Abend sein nebliges Gewand um die Erde gehüllt. Und die Erde versank in diesem Nebel, indeß am Himmel die Lichter Gottes angezündet wurden, und das flammende, gen Judäa gewandte Schwert erglänzte. Und die Herzen Aller wurden friedlich und still, und in den Seelen Aller war fromme Ergebung angesichts des Zeichens, welches den Willen des Herrn kund that. Und Alle schwiegen und lauschten der Stille der Nacht. Ihnen war, als ob sie im uferlosen Weltenraum den drohenden Flug des Sternes hörten, — des Sternes, der ihnen unabwendbaren Untergang verkündete. Gamaliel jedoch stand auf den Stufen seines Hauses, erhob die Arme zum Himmelszelt, und im Widerschein der himmlischen Lichter strahlend, sandte er sein Flehen zum Allerhöchsten empor: „O. Adonai, Adonai! . . . / „Du sendest uns Zeichen aus die Erde, doch die Bedeutung derselben enthülltest du uns nicht. Auf dieser Erde, gegen welche die Schärfe des Schwertes deines Zornes sich wendet, auf dieser Erde leben Unterdrücker und Unterdrückte. . . Wem gilt die Drohung deines Zeichens? den Ersteren oder den Letzteren? „Dein Wille, o Allerhöchster, geschehe, doch vernimm mein heißes Flehen. Erhöre es, Herr, der du thronest in der Höhe, und übersiehst die grenzenlose Zeit. Bei dir ist die Erfüllung unserer Hoffnungen, bei dir die Befreiung der Gefesselten, bei dir ist Friede. Und wenn du in deiner unendlichen Weisheit beschlossen hast, daß die gerechte Sache gegenwärtig erliege und die Gewalt noch einmal den Sieg davontrage — Und wenn es uns, den Vertheidigern der gerechten Sache bestimmt ist, zu sterben, und den Unterdrückern gestattet werden soll, an Stelle de.ner Heiligthümer der Uebermacht und Gottlosigkeit Altäre zu errichten, — Nun, so geschehe dein Wille! Aber erfülle die Bitte derer, denen du es versprochen, erfülle unsere Bitte, o Allerhöchster! Mögen wir, alle Tage unseres Lebens, das Gebot, für die Wahrheit zu kämpfen, nicht vergessen. Mögen wir niemals sprechen: es ist besser, wir retten uns, und lassen diejenigen, die schwächer cls wir, ohne Schutz. Möge niemals unser Arm sich erheben gegen solche, die unschuldig an der Unterdrückung. Mögen wir, eingedenk der Verhöhnung, die unsere Altäre erlitten, niemals die Heiligkeit fremder Altäre angreifen. Mögen unsere Gedanken sich Klarheit bewahren, damit unsere Füße wandeln sollen den Weg der Wahrheit und unsere Arme kämpfen für die Freiheit, nicht jedoch für die Unterdrückung. Und wenn unsere Augen trübe werden angesichts des Todes, beraube uns nicht, Adonai, des Glaubens an den endlichen Sieg des Guten auf dieser Welt. Auf daß wir erkennen, daß das Gebot der Wahrheit unwandelbar, wie die Gesetze der Natur. Siehe, dort am Himmelszett lodert eine drohende Flamme, doch wird sie vorüberfliegen, und nicht mehr sein. Aber der sanfte Mond, der jetzt wenig sichtbar, er wird Jahrhundert nach Jahrhundert zur gleichen' Stunde über der Erde leuchten. Und wenn sie kommen wird, die Zeit, da dein Wille in Erfüllung gegangen sein und der Tod uns ereilt haben wird, möge der Engel der Trauer mit seinen Fittigen unsere Gräber

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