Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 20 (1903)
- Issue
- 14 (3.4.1903)
- Date
- 1903-04-03
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
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Seite 220 Dr. Blmtz's Wochsnfchrrfl. Nr. 14 einzelnen Distrikte verfaßten Lehrpläne ist eine Landescommission einznberufen, in welche jeder Gemeindedistrict wenigstens einen Fachmann zu entsenden hat. Da aber von diesen kein materielles Opfer gefordert werden kann, so muß man Sorge tragen, daß die Provinzmitglieder die Spesen rückerstattet erhalten, wozu der ungarische israelitische Landesfonds am berufensten, wäre. Der Landesfonds ist also zu ersuchen, für die Bedeckung dieser Spesen zu sorgen. Es sind in mehreren Fällen Zweifel aufgetaucht, wie jene gesetzliche Bestimmung zu interpretiren sei, wonach Rabbiner und Gemeindevorstände nur solche Personen sein können, die als ungarische Staatsbürger ihre Qualification in Ungarn erlangt haben. Es wurde nämlich in Frage gestellt, ob ein in Wien seine ärztliche Ausbildung erlangter Arzt zum Vorstand gewählt werden könne, und in einem anderen Falle hat der Honvödminister die gesetzliche Begünstigung einem Rabbinatscandidaten versagt, welcher sein Studium an einer ausländischen Universität beendigt hatte. Diese Fälle beweisen zur Genüge, daß eine authentische Interpretation dieser Gesetzesstelle von autoritativer Seite unumgänglich nothwendig geworden sei. Dies umsomehr, als die Stelle eines Vorstandes eine Ehrenstelle ist, und der Staat eine Qualification bezüglich der Beschäftigung desselben zu fordern nicht berechtigt ist. Bezüglich der Qualification der Rabbinatscandidaten könne der Staat nicht mehr fordern, als daß das Befähigungsdiplom vom Landes-Rabbinerseminar ausgestellt worden sei. Jede weitere Forderung wäre ein Eingriff in die Autonomie der Gemeinden. In dieser Angelegenheit bittet die Landeskanzlei, mit Ausarbeitung einer Denkschrift an den Cultusminister betraut zu werden. Die Landeskanzlei diente der Regierung auch im verfloffenen Jahre als ein ständiges, begutachtendes Organ in confessionellen Fragen. Hiebei wurden die Nachtheile einer ungenügenden Organisation wiederholt verspürt. Die Landeskanzlei hat in Folge dessen dem Cultusminister zu wiederholten Malen über diese Jnconvenienzen Bericht erstattet, und sie beantragt, die Jahresversammlung möge die Aufmerksamkeit des Cultusministers auf die Unhaltbarkeit des jetzigen Zustandes lenken. Die Jahresversammlung nahm den Bericht auf Antrag Wilhelm Lippe's zur Kenntniß und votirte der Leitung der Landeskanzlei für ihr eifriges und umsichtiges Wirken Dank. Der Antrag bezüglich der Rabbinerqualification wurde dahin ergänzt, der Rabbiner müsse der ungarischen Sprache in Wort und Schrift unbedingt mächtig sein. Auf Antrag Dr. Jzso v. Rozsa's wurde die Landeskanzlei beauftragt, beim Cultusminister dahin zu wirken, damit die israelitischen Religionslehrer in den Staatsschulen nach demselben Schlüssel wie die übrigen Religionslehrer dotirt werden. Nachdem die Präsidenten der Pester israelitischen Cultirsgemeinde für die Ueberlassung des Saales Dank votirt. wurde die Versammlung geschloffen. Groß-Lichterfelde. Kürzlich fand hier die Einweihung des Israelitischen Lehrerinnenheims unter reger Betheiligung eines weiten Freundeskreises statt. Der unter gleichem Namen vor vier Jahren begründete Verein macht es sich bekanntlich zur Aufgabe, armen, alten, arbeitsunfähig gewordenen Lehrerinnen ein behagliches sorgenfreies Heim für den Lebensabend zu bieten. Die Damen zahlen beim Eintritt 500 Mark und haben dann Wohnung mit voller Pension frei bis an ihr Lebensende. Ein bescheidener Anfang wurde vor vier Jahren in Steglitz in den Räumen eines Miethhauses aemacht, nun fand das Heim in der Karlstraße 112a in Groß-Lichttrfelde in dem durch Herrn und Frau Max Wygodzineki gestifteten Hause ein dauerndes Unterkommen. Es bietet Raum für dreißig Insassen, doch sind vorläufig erst 12 Damen als Bewohnerinnen ausgenommen, da das Capitalvermögen der Stiftung augenblicklich noch nicht für den Unterhalt einer größeren Zahl von Insassen ausreicht. — Die gestrige Feier begann mit einem Chorgesang, an dem sich eine Begrüßung der Gäste durch den ersten Vorsitzenden Justizraid Dr. Wiesenthal schloß, der den hochherzigen Stiftern des Hauses und all denen, die an seiner Einrichtung mithalfen, besonders Frau Director May. Frau Direktor Moritz und Herrn Fabriksbesitzer Netter, den wärmsten Dank aussprach. Die eigentliche Weiherede hielt Rabbiner Dr. Weiße, der der Freude Ausdruck gab, daß es gelungen sei, den israelitischen Lehrerinnen, denen der Kampf ums Dasein meist besonders hart sei, ein so schönes Heim für einen friedlichen Feierabend zu verschaffen. Bewegte Worte des Dankes im Namen der Insassen sprach Fräulein David, die in dem Dichterwort ausklangen: „Lebe im ganzen, wenn Du lange dahin bist, es bleibt!" Nach Verlesung eines Glückwunschschreibens des Directors Dr. Adler, schloß mit^ Sologesang des Fräulein Sera Goldberger die Feier. Ein Rundgang führte die Gäste durch das von den Architekten Höniger und Sedlmayer sehr licht, freundlich und praktisch erbaute Haus. Im Kellergeschoß liegen die Wirthschaftsräume. Das Hochparterre enthält den Speisesaal, das sehr behaglich eingerichtete Wohnzimmer mit Flügel und einer Anzahl hübscher, gemüthlicher Einzelzimmer, die sich noch durch zwei Stockwerke fortsetzen. Große luftige Veranden, die sich um das Haus ziehen, und der schöne, ausgedehnte Garten sorgen für das Luftbedürfniß der Hausbewohner. Die ruhige Lage inmitten angrenzender Gärten macht es zudem zu einem angenehmen Aufenthalt, und so war es ein guter Gedanke, auch einen Reconvalescentenplatz in dem Heim zu stiften. Eine erholungsbedürftige Lehrerin kann dort ständig längeren oder kürzeren Aufenthalt finden. Berlin, 31. März. Kaiser Wilhelm hat in der letzten Zeit hervorragenden Mitgliedern des Handelsstandes mehrfache Beweise persönlicher Sympathie gegeben, welche viel besprochen werden. Dieser Tage wurde gemeldet, daß er dem bekannten Berliner Großkaufmann James Simon seine Photographie übersendet hat. versehen mit einer Widmung, die in den wärmsten Worten die Wohlthätigkeitsbestrebungen des Herrn Simon anerkennt. Heute wird von kaiserlichen Gunstbeweisen berichtet, die einer andern Celebrität der Berliner Kaufmannschaft, nämlich dem Geheimen Baurath R a t h e n a u, dem Director der Allgemeinen Elektricitäts-Gesellschaft, zu Theil geworden sind. Als Kaiser Wilhelm vor Kurzem Nachmittags an der Spitze eines größeren Gefolges die Straße Unter den Linden entlang ritt, bemerkte er auf dem Pariser Platz den Geheimrath Rathenau. Der Kaiser verließ sein Gefolge, ritt aus den Geheimrath zu, schüttelte ihm die Hand und sagte ihm, wie sehr es ihn gefreut habe, zu hören, daß die Allgemeine Elektricitäts-Gesellschaft von der Regierung der Vereinigten Staaten von Nordamerika den Auftrag zur Errichtung von 25 Funken-Telegraphen-Stationen nach dem System Slaby-Arco erhalten habe. Der Kaiser fügte hinzu, daß ec sich für den weiteren Verlauf dieser Angelegenheit ganz besonders interessire. Geheimrath Rathenau antwortete, daß in der nächsten Zeit eine Conferenz stattfinden werde, in welcher die Angelegenheit definitiv zur Entscheidung gebracht werden solle. Kaiser Wilhelm erbat sich telephonischen Bericht, und in der That wurde, nachdem die Conferenz stattgefunden hatte, ihr Ecgebniß von der Allgemeinen Elektricitäts-Gesellschaft aus' ins Schloß an den kaiserlichen Flügeladjutanten telephonirt. Vorher schon war Kaiser Wilhelm mit dem Geheimrath Rathenau bei dem Diner zusammengetroffen, das, wie seinerzeit berichtet worden, der Admiral Hollmann vor einigen Tagen gegeben hat und .zu dem auf Wunsch des Kaisers auch Geheimrath Rathenau zugezogen.worden war. Geheimrath Rathenau hat kürzlich das Unglück gehabt, einen seiner Söhne durch den Tod zu verlieren. Der Kaiser sprach dem Geheimrath Rathenau in Worten von ganz besonderer Herzlichkeit sein Beileid aus und fügte hinzu, wie sehr auch die Kaiserin den Schmerz der eines so trefflichen Sohnes beraubten Mutter mitempfinde. Bukarest. Der hiesige „Adeverul". der über die rumänischen Verhältnisse objektiv zu berichten Pflegt, bringt folgende interessante Mittheilungen: „Einige politische Männer haben ernstlich die Judenfrage studirt, haben zahlreiche Schriftstücke gesammelt und sich für eine mögliche öffentliche Besprechung vorbereitet. Im Lande haben fremde Publicisten. französische und deutsche, welche sich mit der Regierung und mit unseren politischen Persönlichkeiten in Verbindung gesetzt haben, ihr Herz ausgescküttet. In geheimen Sitzungen wurde die Judenfrage von den verschiedenen Parteien besprochen. Wahrscheinlich hat Niemand das ganz gesagt, was er denkt, und hat sich jeder .sehr zurückhaltend gezeigt. Die Frage der leichteren Naturalisation der Juden ist, wie wir vernehmen, in einem Ministerrathe unter der Leitung des Königs besprochen worden. Herr Sturdza meinte, daß, um die Geister von auswärts zu beruhigen und die inländischen nicht zu erregen, man zu einer sofortigen ausführbaren Lösung schreiten müsse, man stimme für die Naturalisation derjenigen Juden, welche bis jetzt darum nachgesucht haben, und zwar nacheinander in der Kammer nnd im Senat, ohne Widersprüche der Mehrheiten. Der König selbst erkundigte sich nach der Gesammtzahl der Juden, welche die Naturalisation beantragt haben. Andererseits hat der König in der letzten Zeit mit den Herren Sturdza und Lascari gearbeitet, um die Läge der Juden