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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1903-04-03 · 14 (3.4.1903) · page 9

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
20 (1903)
Issue
14 (3.4.1903)
Date
1903-04-03
Page
– (sequence 9)
Language
German
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Nr. 14 Dr. Bloch's WochenfchrM- Seite 221 des Landes zu Prüfer. Endlich wurde von der Regierung in Uebereinstimmung mit den Präsidenten der gesetzgebenden Corporationen der Beschluß gefaßt, ein Verzeichnis derjenigen Juden anzufertigen, welchen man die Naturalisation in dieser Session ohne Schwierigkeit gewähren könnte. Alle diese Anzeichen sind indessen keine ernsten Vorbedeutungen einer günstigen Lösung der Judenfrage. Es ist wahrscheinlicher, daß es Versuche sind, die eine Ablenkung in der öffentlichen Meinung und der fremden Presse zum Zwecke haben, und man erklärt sich auch die Thatsache, daß sofort eine amtliche Note in das Ausland geschickt wurde, daß die Regierung selbst die Naturalisation der Juden unterstützt und daß die Vorbereitungen schon beschlossen worden sind. Der König insbesondere, so viel man weiß, interessirt sich für diese Frage und beschäftigt sich mit ihr — wann und wie sie gelöste werden wird, darüber läßt sich jetzt noch nichts sagen/ Jassy. Die Emigration dauert fort. Hunderte belagern täglich die Samoil-Loge B’nai Brith, in der Herr A. S. Goldenthal als Vertrauensmann der Jewish Colonisatiou Association die geregelte und öffentliche Emigration leitet. Da kommen Personen, welche ihre Verwandten nach Amerika rufen, andere, die mit 150 Francs befördert werden, Frauen, für die ihre Männer noch nicht sorgen können und die deshalb in Rabbiner Dr. Niemirower drängen, daß er für sie bei amerikanischen Rabbinern intervenire. Es erscheinen Handwerker, die infolge der Arbeitslosigkeit und des sie bedrohenden Handwerkergesetzes zum Wanderstab greifen, aber über gar keine Mittel verfügen. Für die sorgt ein Hilfsverein, welcher die Summe von 20.000 Francs gesammelt hat, welche Summe der ehemalige kaufmännische Verein, die Chewra-Kadischa und wohlthätige Privatleute aufgebracht haben. Trotz dieser anhaltenden Auswanderung wurde für die Bildungs- Institute gesorgt. Für gegen 600 Schüler umfassende Cultura-Schulen wurde eine Theater-Vorstellung gegeben, u. 3. Victor Hugo's »Torguemado^, rumänisch übersetzt von unserem als Dichter gefeierten Glaubensgenossen Dr. A. Steuermann, welche Vorstellung 1600 Francs gebracht hat. Die mehr als ein Vierteljahrhundert bestehende Junimea-Schule hat unter Leitung der B'nai Brith einen mächtigen Aufschwung genommen. Die Armenschule in dem sehr bevölkerten Stadttheil der rothen Brücke, Junimea II genannt, hat die größere Spende ei les Privatmannes erhalten und so neue hygienisch befriedigende Schulräume bekommen Für die Mädchenschule wurde ebenfalls eine Theater- Vorstellung gegeben mit dem Reinerträgniß von 1600 Francs. Nachdem seit Jahren Rabbiner Dr. Niemirower gegen das Uebel prediat. daß man die jüdischen Töchter in die Nonnenschule schickt, hoben sich jüdische Studentinnen gefunden, die eine höhere israelitische Töchterschule gegründet haben, und die dazu nöthigen Mittel wurden unter den wohlhabenderen Juden gesammelt. Die von B'nai Brith gegründete, jetzt von der Culturagesellschaft geleitete Handelsschule hat auch eine dritte Classe eingerichtet. Die von Herrn Goldenthal ins Leben gerufene Ackerbauschule entwickelt sich und berechtigt zur Hoffnung, daß sie in der Zukunft allen an sie gestellten Anforderungen entsprechen wird. Neben dem Culturellen wurde auch an das Cultuelle gedacht. Die Jahrhunderte alte große Synagoge, welche baufällig wurde, wurde seitens der Chewra-Kadischa renovirt und unter großer Feierlichkeit durch die Rabbiner Dr. Niemirower und Taubes eingeweiht. Haben blos gegen 300 Personen, welche in unserer neuorganisirten Gemeinde in der es keine Fleisch-Gabella gibt und Alles .... Krankenhaus, Schulen, Gotteshäuser. Cultusbeamte u. s. w. auf dem Wege freiwilliger Beiträge erhalten werden, schon durch die genannten Veranstaltungen viel zu leisten gehabt, so hat der strenge Winter sie noch mehr belastet. Die Bekleidung der Schüler der fünf Knabenschulen, Mädchenschule und der Talmud-Thora-Anstaltcu hat gegen 4000 Francs gekostet. Für Holz wurden in der Stadt durch die Herren Schnürer, Garfunkel und Salomonica mehr als 4000 Francs gesammelt, abgesehen von dem, was durch das 6omitä d’Asistance vertheilt wurde. Für das Altenheim, welches durch einen Handwerkerverein erhalten wird, wurden ebenfalls einige Wohlthätigkeits-Beranstaltungen gemacht, welche mehr als 1000 Francs gebracht, ebenso hat die unter Leitung des Herrn Dr K. Lippe bestehende Lesehalle, der Verein jüdischer Studenten und der Stern-Verein literarische und musikalische Abende zu Zwecken ihrer Erhaltung gegeben. Das jüdische Krankenhaus, welches gegen 100 Betten hat, veranstaltet, wie alljährlich, einen Ball, der gegen 4000 Lei bringt. Bald beginnt die Sammlung für Mazzoth. Wenn man all' das zusammenrechnet und sich vergegenwärtigt, daß die Masse der jüdischen Bevölkerung nichts geben kann, die wenigen Großcapitalisten nicht allzuviel spenden und nur der eigentliche Mittelstand Alles ertragen hat und neben der öffentlichen Wohlthätigkeit eine private, stille vorhanden sein muß .... um. ohne Uebertreibung, die nach Tausenden zählenden verschämten Armen vor dem Hungertode zu retten, io wird man es begreifen, daß für die jüdische Volksküche in der Stadt nur wenig zu erbringen ist. Die Volksküche, welche unter der Leitung des Herrn Goldenthal steht, ist eine Nothwendigkeit geworden, besonders für.die gegen 300 zählenden Schüler, welche theils gratis, theils für 2'A, Centimes beköstigt werden. Auch die Familien, deren Häupter emigrirt haben, deren Zahl sich täglich vermehrt, sind auf die Volksküche angewiesen. Leider sieht sich aber die Alliance Isra61ite, welche diese Anstalt reichlich unterstützt, gezwungen, dieselbe zu schließen. Man muß jedoch hoffen, daß diese nothwendige Wohlthärigkeitsanstalt bald wieder eröffnet werden wird. Wenn man im Dienste des Judenthums für die Hebung der jüdischen Cultur bei unserer Jugend sorgen will, was hier durch die Einrichtung von Gratisabendcursen, wo jüdische Religion und Geschichte durch Herrn Rabbiner Dr. Niemirower in der jüdischen Lesehalle gelehrt wird, geschieht, so muß man auch dafür iorgen. daß die armen Schüler Nahrung bekommen, was nur in der Volksküche möglich ist. Wenn man die Emigranten unterstützt, so muß auch an ihre armen Familien und Kinder gedacht werden, für welche die Volksküche eine Duelle der Hilfe war. Die ausländische Philanthropie, welche für die Juden Jassys so viel geleistet, wird sicherlich d^n Untergang einer solchen Anstalt verhindern, die Volksküche wieder unterstützen, bis bessere Zeiten kommen, in welchen es den Juden Jassys möglich sein wird, dieselbe aus eigener Kraft zu erhalten. I s r a e l 0 w i tz. Die Blutbeschuldigung in Dubosary. Der Antisemitismus ist allmälig ein Saisongeschäft geworden! Zwar wird zu allen vier Jahreszeiten in Judenhaß gemacht, allein im Frühling geht die das ganze Jahr hindurch ausgestreute Drachensaat auf und gegen Ostern blüht den Juden bald hier, bald da ein Blutmärchen. Kaum ist ein Jahr verflossen, seitdem in W i l n a der arme Barbier Blondes von der Beschuldigung, zu rituellen Zwecken gegen sein polnisches Dienstmädchen einen Mordversuch unternommen zu haben, sreiqesprochen wurde, als in einer anderen Gegend des jüdischen Niederlaffungsgebietes, in der im Gouvernement Cherson gelegenen Stadt Dubosary, gegen die Juden schon eine neue Blutanklage erhoben wurde. In dieser zum überwiegenden Theil von Juden bewohnten Stadt ist nämlich am 15. Februar der 17jäbciqe Bauernsohn Ribalenko in einem der zahlreichen am Dnjester gelegenen Gärten todt aufgefunden worden. Eine nähere Besichtigung ergab, daß unzweifelhaft ein Mord vorlag. und daß Ribalenko mit einer scharfen Stichwaffe, anscheinend einer Mistod-r Heugabel, mehrere tödliche Wunden beigebrocht wurden. Trotzdem kein Schächterschnirt vorlag. verbreitete sich doch bald das Gerücht, die Juden haben den Ribalenko zu rituellen Zwecken ermordet, und die antisemitische Preffe Rußlands beeilte sich, durch ungeheuere Uebertreibungen und gewisftnlose Entstellungen der Thatsachen den Mord zu einem sensationellen Blutmärchen zu gestalten. So berichtet die »Nowoje Wremja", dem Ermordeten seien 17 Dolchstiche beigebracht worden, und »Swjet" beeilte sich seinerseits die 17 Dolchstiche aus 36 zu steigern, während endlich der südrussische »Bessarabetz" geheimnißvoll berichtet, daß die Leiche, der sämmtliche Ocffuungen am Kopse (wie Nasen-, Mund-, Ohren- und Augenöffnungen) zugenäht wurden, nur feine Dolchstiche in den Venen aufzuweisen hatte. Man sieht, die Antisemiten sind an der Arbeit, diese etwas ungewöhnliche Mordaffaire, da sie sich nicht sofort auf das durchaus klare Motiv des Raubes zurückführen läßt, »den Juden" in die Schuhe zu schieben. Glücklich-rweise sind die durch die glänzende Freisprechung Blondes von ihrem Blutaberglauben gründlich curirten russischen Behörden diesmal vollständig auf Seite» der Juden. Die Leiche wurde ärztlich untersucht und nach Aufnahme eines amtlichen Protokolls beerdigt. Gleichzeitig erklärte der Landrath von Tirasvol. sowie der Gouverneur von Cherson, Lewaschew, einer jüdischen Deputation, daß die Behörden die Juden mit allen ihnen zu Gebote stehenden staatlichen Mitteln geg'n Pöbelexc-sse schützen werden. Auf eine Denunciation gegen die Polizei, wonach diese bemüht sei, die Spuren des Mordes zu verwischen und daher die Leiche ohne vorhergegangene Section beerdigen ließ, kam am 2. März Staatsanwaltgehilfe Sacharewitsch in Begleitung eines Tiraspoler Arztes aus Odessa herüber und ließ die Leiche exhumiren und nochmals seciren. Die Exhumirung ergab, daß die Denmciation ebenso böswillig wie falsch war, worauf gegen den Denuncianten die Anklage wegen Beamteirbeleidigung erhoben wurde. Man siebt, tont comme chez nous! Die Sache nimmt den gleichen Verlauf wie in Könitz. Inzwischen find Polizei und Gericht in fieberhafter Thätigkeit, um den wirklichen Mörder zu eruiren, man ist aber einstweilen über einen gewissen Verdacht nicht hinausgekommen. Man vermutbet, daß Ribalenko, der ein reicher Erbe und seinen Angehörigen bei der bevorstehenden Erbschaftsregulirung sehr im Wege war, von diesen beseitigt worden ist. Um aber den Verdacht von sich abzulenken und die Untersuchung auf eine weitabgelegene Fährte zu bringen, haben sie die Leiche in die Nähe von Dubosary gebracht und der Affaire den Anstrich eines Blutmordes verliehen.

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