Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 20 (1903)
- Issue
- 14 (3.4.1903)
- Date
- 1903-04-03
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
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Nr. 14 Sr. Bloch's Wochrnfchrist «eite 217 Unverfrorenheit angenagelt werden, damit etliche Judengimpeln davor rechtzeitig gewarnt werden und nicht veranlassen, daß Wien nebst einen Prachtbau, genannt „Antisemitenhof", durch nicht zurückzahlbare jüdische Bankgelder erbaut, noch obendrein durch das Geld der P. T. „sehr geehrten Mitglieder und Gönner ohne Unterschied der Confession" ein antisemitisches Gesangshaus, allerdings unter der Patronanz des „angeblich" interevnfessionellen, von religiöser Toleranz sonst triefenden Wiener Männer-Gesangvereins erhält, aus welchen der Jude in beinahe absehbarer Zeit, nämlich nach vollbrachter „That" „in Lied und „Geld", frei und treu" — hinausgeworfen wird. Dann wird es heißen: „Der Saujud hat seine Schuldigkeit gethan; der Saujud kann gehen." Vor dieser Lächerlichkeit wollen wir unsere Glaubensgenossen rechtzeitig gewarnt haben. Wien, am 31. März 1903. Ein Urwiener. Aus dem Paschalik Pininski. Statthalter Graf P i n i n s k i ist ein intimer Freund und Gesinnungsgenosse des Prinzen L i e ch t e n st e i n. Die Befolgung solcher socialpolitischer Grundsätze hat es herbeigeführt, daß Interpellationen aus Galizien stets eine interessante Lectüre bilden. Meist gehören diese stets handlungsreichen Anfragen dem Genre der Bauernerzählungen an, mitunter steigen fie jedoch in tag high life hinauf und geben packende Darstellungen aus dem Leben der Gesellschaft in unserem östlichen Kronlande. Von der letzteren Art ist eine Interpellation, welche der Abg. Daszynski eingebracht hat. Sie erzählt von einer geplünderten Verlassenschaft, dem Verschwinden der Testamente, Briefschaften, Photographien und Memoiren und einer Perlenschnur und eiues Bildes . . . Am 3. Jänner 1902 starb auf seinem Gute Skoryki, dicht an der russischen Grenze, Kasimir Tuczynski, der fälschlich das Prädicat „Ritter von" geführt hatte. Tuczynski hatte in der aristokratischen Gesellschaft Galiziens verkehrt, war lange Jahre der erste Sportsman und Turfschriftsteller des Landes gewesen. Während, des polnischen Aufstandes 1863 war er in einem gräflichen Hause Galiziens einquartiert. Dort ging er, der 22jährige Mann, mit der um viele Jahre älteren Frau des Hauses ein intimes Verhältniß ein. das nahezu zwanzig Jahre dauerte, ganz offenkundig und im Lande allgemein bekannt war. Später verfiel er, wurde trunksüchtig; die Gesellschaft mied ihn. Auch finanziell kam er herunter und trat schließlich als Spion in die Dienste des gemeinsamen Kriegsministeriums und entging knapp den Nachstellungen der russischen Behörden. Die letzten Jahre seines Lebens verbrachte er krank auf seinem Gute. Wie Personen, die um ihn waren, aussagen, hatte Tuczynski über sein Vermögen eingehend verfügt. Es waren mehrere Testamente da, das letzte aus dem Jahre vor seinem Tode. Tuczynski hatte noch lebenden Zeugen stets erklärt, er habe sein ganzes Vermögen literarischen Zwecken testamentarisch vermacht. Seiner Dienerschaft hatte er, wie jedem einzeln bekannt, Legate zugedacht, einer in Rußland lebenden Dame eine Perlenschnur im Werthe von 6000 Gulden und endlich dem Lemberger Schriftsteller Abgarowicz 5000 Gulden, wofür dieser zwei Bände Memoiren des Tuczynski yerausgeben sollte. Nach dem Tode Tuczynski's verstrichen drei Tage, ehe das nur eine Stunde entfernte Gericht, das sofort von dem Todesfall verständigt worden war, einen Beamten zur Todfallsaufnahme entsendete. Hiebei zeigte es sich, daß mittlerweile die Papiere in den Schubladen durchwühlt worden waren. Weder ein Testament, noch die zwei Bände Memoiren, noch die Perlenschnur waren vorhanden. Auch fehlte die ganze Correspondenz, die nach Aussage der Diener zwei Säcke umfaßte. Zum Curator der Berlaffenschaft wurde der griechischkatholische Ortspfarrer bestimmt. Nun erfolgte ein merkwürdiger Vorfall: Graf Pininski, der Statthalter von Galizien, schrieb an diesen Curator, er möge ihm aus der Berlaffenschaft die Briefe und Photographien seiner Mutter herausgeben. Kurz darauf erschien der Bezirkshauptmann und nahm diese genannten Briefe und Photographien der Gräfin Julie Pininska an sich. Bei dieser Gelegenheit schickte er seinem Chef auch ein werthvolles Bild von Grottger. Um dieselbe Zeit erschien bei dem Curator auch ein Polizeicommiffär. welcher aus der Maffe 101 Briefe im Namen des Kriegsministeriums übernahm. Durch das Verschwinden der Testamente sind alle mit Legaten bedachten Personen und die galizischen Schriftsteller um die ihnen zugedachten Summen gebracht. Die Interpellation erklärt, nur die Lauheit der Untersuchung könne Schuld daran sein, daß jene Personen nicht eruirt wurden, die in den drei Tagen vor der Todfallsaufnahme die Behälter durchsucht haben. Zeugen behaupten, daß nach dem Tode Briefe und Papiere, die sich auf das erwähnte intime Verhältniß bezogen, verbrannt wurden. Hiedurch sei bewiesen, daß in der Umgebung des Erblaffers eine Person sich befand, die von intereffirter Seite gewonnen war, um nach dem Tode Tuczynski's gewisse compromittirende Briefe zu beseitigen, bei welcher Gelegenheit auch die Perlenschnur, das Testament und die Memoiren beseitigt worden seien. Die Interpellation schließt mit den Worten: „Uns find in dieser Angelegenheit weit mehr belastende Thatsachen bekannt, über welche aber in diesem Stadium Schweigen beobachtet werden kann." An den Justizminister wird die Anfrage gestellt, ob er die Staatsanwaltschaft zur unverzüglichen Einleitung einer Untersuchung veranlaffen wolle, ob er ferner geneigt sei, den Bezirkshauptmann wegen des Eingriffes in fremdes Eigenthum zur Verantwortung zu ziehen. Endlich wird Herr v. Koerber als Chef der politischen Verwaltung gefragt, auf Grund welchen Gesetzes sich der Statthalter Graf Pininski aus einer fremden Berlaffenschaft ein werthvolles Bild ausfolgen lasse. Man darf auf den Verlauf dieser mysteriösen Geschichte aus Galizien gespannt sein. Äm reEvmÄensen Israelitische Kinderbewahr-Anstall und Bildungs-Anstalt für Kindergärtnerinnen in Wien. Kinder sind Blumen. Die der Gärtner liebt; Zu ihrem Gedeih'n Warmen Sonnenschein Der gute Gärtner gibt. Die alljährlich am 25. März stattfindende Gründungsfeier der Israelitischen Kinderbewahr-Anstalt in Wien wurde diesmal mit erhöhtem Glanz und besonderer Weihe begangen. Mit diesem Tage ist die so herrliche Schöpfung des seligen Joses Wertheimer in das sechzigste Jabr ihres Bestandes getreten, eine Wohlsahrtsanstalt. die mit Rücksicht darauf, daß sie nur durch mildthätige Zuflüsse von Legaten. Spenden und Mitgliedsbeiträgen sich erhäll. heute zwar Großes leistet, aber dennoch den drängenden Ansprüchen dcrcnmen jüdischen Bevölkerung nach Aufnahme ihrer Kinder kaum zur Hälfte genügen kann. Im vorigen Jahre hatten 334 Kinder im Alter von 3—6 Jahren Aufnahme, Unterricht und ganze Kost gegen Zahlung von durchschnittlich acht Heller täglich erhalten! Die Zahlung soll eben nur markirt werden, damit die verschämte Armuth sich nicht zu scheuen brauche, ihr Kind, ihr welkes Blümchen, das sonst in des Elends dumpfen Heim verdorren müßte, in diesen Menschengarten einzusetzen, wo Licht und Wärme und Glück und Freude athmen und junges Leben wachsen und gedeihen muß. Wahrlich, diese Anstalt verdiente es, daß der Cultusvorstand auch ihr sein Augenmerk und seine Fürsorge zuwende, auf daß das schöne Werk endlich zur Ausgestaltung käme und dem edlen Zwecke voll und ganz genügen könnte. Der schöne Psalmvers, der an der Stirnseite dieses Hauses prangt: „Durch den Mund der Kinder schaffst Du den Sieg, den Feind verstummen zu machen", müßte der Repräsentanz unserer Wiener Judenschaft als Mahnruf gelten, auch diese gar nicht mehr wegzudenkende edle Institution unter ihre schützenden Fittige zu nehmen. Wie Josef Wertheimer aber durch Begründung der Kinder bewahranstalt, so hat der langjährige Director derselben, Herr Albert S. Fischer, der Altmeister der Kindergartensache in Oesterreich, sich ein unvergängliches Verdienst dadurch erworben, daß er auch für den Nachwuchs an pädagogisch gebildeten Lehrerinnen für den Kindergarten sorgte und so als erster in Oesterreich im Jahre 1868 nicht nur die erste und musterbildende Lehranstalt zur Heranbildung von Kindergärtnerinnen ins Leben rief, sondern auch einen neuen weiblichen und edlen Beruf erweckte, der Tausenden intelligenten, aber armen Mädchen einen anständigen Erwerb zu schaffen vermag. Auch ein — und gewiß kein geringer — Beitrag zur Lösung der socialen Frauenfrage, zumal es nicht schaden und mit Freuden begrüßt würde.