Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 20 (1903)
- Issue
- 14 (3.4.1903)
- Date
- 1903-04-03
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
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Seite 216 Dx. BLoch's Wochenschrift. Nr. 14 schimpft, literarisch hoch über Lessiug, der sich mit seinem „Nathan der Weise" für immer unmöglich gemacht hat. Anders steht es mit dem Dr. Pattai, dem es vermöge seiner akademischen Bildung vollständig klar ist, daß die Bedeutung und die Wirkung eines Werkes nur nach dessen eigener Schönheit und eigenem Gedankeninhalt bemessen werden kann. Der süße Wohllaut und die bezaubernde Schönheit Heine'scher Lieder haben das deutsche Volk begeistert und entzückt, obgleich der Dichter ein Jude war oder, wie unsere geschmackvollen Feinde sich so schön ausdrücken, der „bärtigen Nation" angehörte. Daß Mendelssohn ein buckliger Jude war, hat es nicht verhindert, daß die vornehmsten Geister des deutschen Volkes ihn verehrten, und in der Geschichte der Philosophie strahlt der Name des Juden Spinoza in unvergänglichem Ruhme. Im Reiche der Wissenschaft und der schönen Künste findet der Glaubenshaß und der Racenhaß keinen Eingang, und wenn ein mit dem Doctortitel ausgestatteter Herr, wie Doctor Pattai, der schlaueste und geriebenste Advocat von Wien, sich so anstellt, als wären ihm diese bei allen Gebildeten selbstverständlichen Dinge nicht bekannt, so ist er genöthigt, Bornirtheit zu heucheln und sich aus das niedrige Niveau Derjenigen zu begeben, die in literarische oder künstlerische Dinge dreinzureden überhaupt nicht befugt sind. Die Interpellation war denn auch in einem Styl gehalten, als würde es sich um den Krapfenkcieg zwischen Bäcker und Conditor, oder um die Berechtigung des Krauteintretens zwischen Sauerkräutlern und Greislern handeln. Die bodenständigen Dichter gegen die sogenannten Fremdlinge in Schutz zu nehmen, stellte sich Herr Doctor Paltar an, und allgemeine Heiterkeit erweckte seine Schilderung der Lage, in der sich angeblich Mc verschiedenen Dichter befinden, deren Verhältnisse aussichtskofr seien, wenn die ausgrschriebenen Preise an jüdische Dichter fallen. Daß Herr Doctor Pattai im Rahmen einer Interpellation Mt Leistungen der aus der Bauernfeld-Stistung prämiirten Dichter jüdischer Confession als Minderwerthigkeiten hinstellte, das ist eine jener geschmacklosen Anmaßungen, von welchen das Auftreten der antisemitischen Parteigrößen täglich neue Beispiele liefert. Was dabei herauskommen werde, das hätte eigentlich Doctor Pattai selbst voraussehen und deshalb hätte er die böswillige und alberne Interpellation lieber unterlassen sollen. Es ereignete sich nämlich nichts anderes, als eine wohlverdiente Blamage des Herrn Doctor Pattai. Zunächst hätte er ja wissen können und hat es zweifellos auch gewußt, daß Herr Doctor von Härtel dem Curatorium der Bauernfeld-Stistung nicht als Unterrichts - minister, sondern als Privatmann angehörte. Was Herr Doctor v. Härtel thut, geht also den Dr. Pattai keinen Pfifferling ai. Was die meritorische Antwort betrifft, so war ja der Inhalt derselben ebenfalls nicht schwer vorauszusehen. Bei der Auszeichnung von Literaten durch Ehrengaben und Preise war eben nicht der Taufschein, sondern die literarische Leistung maßgebend. Sehr richtig sagte der Unterrichtsminister, daß es viel bequemer wäre, über solche Leistungen nach der Abstammung und nach der Confession der Preisbewerber zu entscheiden, und wenn Herr von Härtel weiter constatirte, daß den fünf in der Interpellation namhaft gemachten Dichtern neunzehn Dichter christlicher Confesston gegenübergestellt werden können, so finden wir durchaus nicht, daß der Unterrichtsminister mit dieser Constatirung sich auf das Niveau des Interpellanten gestellt habe. Er hat damit nur dargethan, daß im Hinblick auf die in der Interpellation hervorgekehrten Behauptungen auch jede thatsächliche Grundlage fehle, um sich über die Vertheilung des Bauernfeld-Preises irgendwie zu beklagen. Der Unterrichtsminister sprach von Literaten „mißliebigen Ursprungs", und da überrascht es uns sehr, wenn ihm auch aus der Wahl dieses Ausdruckes zugemuthet wird, als würde er den antisemitischen Standpunkt der Interpellanten irgendwie berechtigt finden. Es geht aus der Antwort des Ministers klar hervor, daß er von Literaten mißliebigen Ursprungs nur im Sinne der Interpellanten sprach. Den Herrn Dr. Pattai und Genossen mag die jüdische Eigenschaft eines Literaten als mißliebiger Ursprung erscheinen, davon, daß auch der Unterrichtsminister diese Ansicht theilt, ist in seiner Antwort nicht eine Spur zu finden. Herr Dr. v. Härtel erklärte auch, er werde sehr dankbar dafür sein, auf Künstler aufmerksam gemacht zu werden, deren Werke einen unbestreitbaren Vorzug vor den anderen verdienen. Die feine Ironie, die in dieser Aufforderung liegt, ist denn doch zu unverkennbar, als daß man auch darin ein Herabsteigen auf das geistig und sittlich tiefe Niveau der Interpellanten erblicken könnte. Im Gegentheil, auch uns Juden hätte es lebhaft interessirt, wenn Herr Dr. Pattai und Compagnie uns jene antisemitischen Dichter und Schriftsteller namhaft gemacht hätten, deren Products die Bewunderung der deutschen Culturwelt gefunden haben. Notorisch ist, daß auf dem Gebiete des antisemitischen Schriftthums die vollendetste Talentlosigkeit sich breit macht, daß in der Antisemitenpresie ein Deutsch geschrieben wird, dessen sich jeder Obergymnosiast schämen würde, und daß dramatische Producte, die von' einigen antisemitischen Scribenten zusammengekleistert wusden, als miserable Machwerke den verdienten Durchfall erlitten haben. Der Grund der Unfähigkeit antisemitischen Literatenthums liegt klar auf der Hand. Auf den Höcien der Dichtkunst weht der reine Hauch menschlich - idealer Denkungsart, der die Bacillen des Hasses tödtet. Der Antisemitismus ist eine cultur- und bildungsfeindliche Erscheinung, und der Einschlag von Bestialität und Dummheit, der ihm innewohnt, ist unvereinbar mit dichterischer Begeisterung' und künstlerischer Schönheit. * * ■’ * . Der Judenhaß reicht auch bei den Antisemitenführern nicht weiter als bis zur eigenen Tasche. Wenn es sich um ihr gutes Geld handelt, schmelzen ihre Grundsätze dahin wie Märzenschnee im Sonnenschein. Der fürstliche Führer der Wiener Antisemiten, Prinz Alois Liechtenstein, hat in einer großen Rede, in der er zum wirthschaftlichen Boycott der Juden auffordert, ein köstliches Geständniß abgelegt. Er könne keine Fuhr Holz, kein Stück Vieh, keine Frucht einem Anderen verkaufen als einem Juden, und sogar seine drei Gasthäuser die er auf feinen Gütern besitzt, hat er den Juden verpachten müssen. Dieser limitirte Antisemitismus des langen Alois ist eine überaus köstl che Erscheinung. Er predigt die Ausschließung der Juden vom commerziellen Verkehr, aber nur den Anderen, er selbst handelt und schachert mit ihnen, er vermiethet seine Häuser an Juden, er setzt jüdische Wirthe in seine Propinationen. Gar so schlechte Erfahrungen kann also Herr Alois mit den Jud n denn doch nicht gemacht haben, weil er ja seit vielen Jahren mit ihnen schachert und handelt, und es ist nach der Meinung, die er über Juden sonst verbreitet, anzunehmen, daß er an geschäftlicher Gewandtheit den jüdischen Roßtäuschern und Branntweinschänkern weit überlezen ist, weil er ungeachtet der ihnen von den Antisemiten zugeschriebenen Fähigkeiten, alle Anderen zu betrügen, von ihnen nicht übervortheilt werden kann. Nun sollte man glauben, daß ein so reicher Cavalier, wie der lange Alois, seinen Parteigenossen in der Selbstverleugnung und in der Hochhaltung ihrer Principiem als leuchtendes Beispiel vorang«-ht. So aber propagirt er nur den Antisemitismus bei den Anderen. Was ihn selbst betrifft,- so zieht er es vor, an den Juden sich zu bereichern, und so wird er sich dann nicht wundern, wenn die Juden seinen langjährigen-Geschäftsverkehr mit ihnen als ein glänzendes, wenn auch antisemitisches Zeugniß ihrer kaufmännischen Solidität verbuchen. Isegrim. Inden haltet die Taschen zu! „Nicht die „unarrigen" Juden sind für uns Wiener Antisemiten gefährlich, sondern die „anständigen" Juden", so äußerte sich in einer Versammlung ein bekannter Antisemiten' Häuptling. Dem gegenüber könnten wir Juden behaupten: Nicht die offenen, sondern die verkappten Antisemiten sind jene, denen die Larve der Heuchelei vom Gesicht gerissen werden muß, um sie in ihrer vollen Erbärmlichkeit der noch anständigen Welt zu zeigen. Weder ein unchristlicher christlich-socialer, oder ein undeutscher Allheilverein dürfte heute das elende Schandwerk der höheren Fopperei betreiben, als etwas anderes gelten zu wollen als er ist, und zwar als eine heute (siehe Ungarn) mehr als je, staatsgefährliche Vereinigung des Hasses, der Zwietracht, der Verhetzung friedliebender Bürger, Völker, Nationen, auf Grund des zufälligen Glaubensbekenntnisses; infolgedessen: unpatriotisch im höchsten Grade. Wenn aber ein Wiener Männer-Gesangverein, dessen Größe und Macht im Reiche der Töne, dessen Concerte und Unternehmungen mit ihren ertragsreichen Erfolgen der Mithilfe der ausgiebigsten Reclame der verhaßten „Judenpresse" und der P. T. „sehr geehrten" Mitglieder und Gönner der „nichtantisemitischen" Wiener Bevölkerung zu danken ist, nunmehr, behufs des Zusammenschnorrens, zum Zwecke Erbauung eines „Gesangshauses", ein demonstrativ judenreines Comitö in die Welt hinausposaunt, dann muß diese verkappte