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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1903-03-27 · 13 (27.3.1903) · page 11

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
20 (1903)
Issue
13 (27.3.1903)
Date
1903-03-27
Page
– (sequence 11)
Language
German
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Nr. 13 Dr. Blortz's Wochenschrift. Seite 207 ausschusses Herr Dr. Ludwig Bendiner gedachte der in den letzten 3 Jahren verstorbenen Mitglieder des Vereines, insbesondere des gewesenen ersten Vorstehers Herrn M. H. Neustadt! in wärmsten Worten. Sodann trug Herr Dr. Ludwig Pick, Secretär des Vereines, den Geschäftsbericht vor, aus welchem zu entnehmen ist, daß die Vermögensverhältniffe des Vereines die denkbar geordnetsten sind; abgesehen von dem schuldenfreien Tempelgebäude, ferner dem Administrationsgebäude für die Wohnungen der Functionäre, schließt das Vereinsvermögen pro Ende 1902 mit einem Betrage von Kronen 125.091*84, worin allerdings der Werth der angekauften Nachbarhäuser enthalten ist, die so wie das Administrationsgebäude der Assanirung zum Opfer fallen werden. Der Bericht constatirt, daß der Besuch des Gotteshauses am Freitag Abend und Samstagen ein zahlreicher sei, daß insbesondere die Predigten des Tempelrabbiners Dr. Julius Fischer verdienten Anklang finden und spricht dem allbeliebten Prediger die dankbare Anerkennung des Gesammtvorstandes hiefür aus. Der Bericht wurde von der Generalversammlung mit Beifall zur Kenntniß genommen. Hierauf fanden die Wahlen statt. Gewählt wurden die Herren: Moritz Austerlitz, Dr. Ludwig Bendiner, Dr. Sigmund Schneider als Vorsteher (Berwaltungsräthe); Dr. Ludwig Pick als Secretär; Michel Benies, Seligm. Elbogen, Robert Fuchs. Dr. Hammerschlag, Willibald Hirsch. Marcus Perlmann. Dr. Isidor Petschek, Marcus Popper, Gottlieb Schmelkes, Director Ad. Wlaschin als Beiräthe; David Troller, Sigm. Waldstein, Fritz Winterberg als Ersatzmänner; Louis Geschmay, I. Glücksmann, D. Troller als Rechnunasxevisoren, Friedek. (Leichenbegängniß.) Dienstag den 17. d. M. wurde Herr Sigmund R e i k, der Senior der hier wohnhaften, hochangesehenen, gleichnamigen Familien und eine der markantesten Gestalten unserer Stadt, zu Grabe getragen. Dem Dahingeschiedenen, deffen Namen auch in der weitesten Umgebung einen guten Klang hatte, war ein gutes Stück des Solon'schen Glückes zutheil geworden; er diente durch 11 Jahre als Grenadier treu seinem Baterlande, nahm theil an der Bewältigung des Aufstandes in Wien 1848 und erwarb sich als Unterofficier im Kriege gegen Ungarn 1849 die silberne Tapferkeitsmedaille. 27 Jahre wohnte der Verblichene in der Gemeinde Przno, geachtet und geehrt von den dortigen Bewohnern; seit 1878 wohnte er in Friedek. Es war ihm vergönnt, auf eine ehrenvolle Vergangenheit zurückzublicken und sich im Glücke seiner Kinder und Enkel zu sonnen; bis ins späte Greisenalter bewahrte er sich eine außergewöhnliche Rüstigkeit und geistige Frische. In dem von ihm gegründeten und dann von seinem Sohne Herrn Adolf Reik weiter geführten Geschäfte hat er bisnun mitgewirkt und bei diesem Sohne hat er auch, seitdem ihm seine treue Gattin im Tode vorausgegangen war, seinen Lebensabend verbracht und hier, gepflegt und betreut von der Liebe und Sorgfalt seiner Schwiegertochter und seiner Enkel, die Augen zum ewigen Schlafe geschlossen. Das Leichenbegängniß gestaltete sich zu einer ehrenden Anerkennung des Verblichenen. Verwandte von Fern und Nay waren gekommen; der Veteranenverein rückte corporativ mit der Fahne aus; der Verein Chewra-Kadischa, dessen Ehrenmitglied der Dahingeschiedene war, gab eine eigene Parte aus und betheiligte sich vollzählig am Leichenbegängniffe; von Przno, der Heimatsgemeinde des Tobten, erschien eine Abordnung mit dem Bürgermeister an der Spitze, sowie überhaupt die Landbevölkerung ein großes Contingent von Trauergästen stellte. In dem großen Trauerzuge sah man den Herrn Bezirkshauptmann I e l e n. den Bürgermeister Herrn Ko lt s ch a r s ch mit zahlreichen Gemeinderäthen, den Gesammtvorstand der Cultusgemeinde Friedek-Mistek, den Herrn Erzpriester Andreas Kuczera mit der Geistlichkeit, den Bezirksschulinspector Herrn Ant. Hawranek, den Gymnasialdirector Herrn Ed. Bottek, den Bürgerschuldirector Herrn Jvh. Fitz, die Sparcassadirectoren Herren Joh. Z a m a r s k y-Friedek und Josef Dworsky-Mistek, den Landesgerichtsrath Herrn Jg. Morawetz-Mistek, die Gerichtsadjuncten Herren Hawranek und B e r a n, die Großindustriellen Herren Elz er, Landsberger und N e u m a n n, den Stationsvorstand Herrn P a w l i k, den Streckenvorstand Herrn P r e tz n e r rc. Herr Dr. Bergmann betrauerte in einer ergreifenden Rede den Heimgang des ältesten Mitgliedes der Cultusgemeinde und der Vorsteherstellvertreter der Chewra-Kadischa Herr Mark. Kuffler widmete ihm am offenen Grabe einen tief empfundenen, zu Herzen gehenden Nachruf. Der Todte ruhe in Frieden! Die rumänische Judenfrage im deutschen Reichstage. Im Reichstage brachte beim Etat des Auswärtigen Amtes der Socialist Bernstein die rumänische Judenfrage zur Sprache. Zu den Diplomaten, die auf der Tribüne diesen heftigen Protest gegen ein anstößiges Willkürregiment anhörten, gehörte auch der österreichischungarische Botschafter Szögyenyi. Er folgte der Debatte mit ersichtlichem Interesse. Bernstein beklagte zunächst die Unthätigkeit der Signatarmächte gegenüber den armenischen Greueln und fuhr dann fort: Noch ein anderer Volksstamm leidet unsäglich, entgegen den Beschlüssen des Berliner Vertrages, das sind die rumänischen Juden. Die Gleichberechtigung der Religionen ist im Berliner Vertrage ausdrücklich gerade im Hinblicke auf die rumänischen Juden ausgesprochen worden. Rumänien verdankt seine Existenz der Hilfe der europäischen Staaten, in denen damals noch der liberale Gedanke mächtig war. Als Preis für diese Hilfe wnrde eine humane Behandlung der jüdischen Bevölkerung von Rumänien verlangt, aber die rumänischen Staatsmänner haben ihr Versprechen noch schlechter gehalten als die Türkei, und zwar nicht aus Unfähigkeit, sondern aus bösem Willen. Ein schmählicher Wortbruch wird täglich begangen. Mit unerhörter Grausamkeit werden die Juden dort behandelt. Unter den 6 Millionen Rumänen befinden sich 370 600 Juden, in der Mehrzahl echte Proletarier, Arbeiter und Handwerker. Gegen sie richtet sich eine Politik der Aushungerung, wie sie ein rumänischer Staatsmann selbst genannt hat. Redner gibt einige Beispiele für die Art der Behandlung. Die rumänischen Staatsmänner haben mit der Schlauheit, die nur im Orient zu finden ist, verstanden, sich um die eingegangenen Verpflichtungen herumzudrücken, es werden keine „Juden" mehr ausgewiesen, sondern nur die „Fremden". Der größte Haß gegen das Judenthum in irgend einem Lande hat nicht so grausame Maßregeln erdacht, wie sie in Rumänien durchgeführt werden, und Europa sieht diesen Zuständen müssig zu und duldet das l Im österreichischen Parlament steht die Einbringung einer Interpellation bevor, worin die österreichische Regierung gefragt wird, was sie gegenüber den dem Berliner Vertrage geradezu hohnsprechenden rumänischen Zuständen zu thun gedenke. So fragen auch wir heute den Reichskanzler: Ist dem Reichskanzler bekannt, daß Schritte gethan werden, nm die rumänische Regierung an ihre Verpflichtungen zu erinnern und ist der Reichskanzler entschlossen, sich solchen Schritten anzuschließen? Deutschland ist ja in Rumänien Handels- und leider auch finanzpolitisch interessirt, aber diese Interessen find ebensowenig bedroht, wie die des Friedens, wenn Deutschland in energischer Weise die rumänische Regierung an die Pflichten der Menschlichkeit mahnt. Rumänien ist corrumpirt durch ein. blutsaugerisches Heer von Beamten. Leider war Deutschland viel öfter betheiligt bei der Niederhaltung als bei der Befreiung der Völker. Deutschland, fuhr der Redner fort, ist einer der Unterzeichner des Berliner Vertrages, Deutschland ist mitverantwortlich für die rumänischen Zustände. Die dortigen Unterdrückten schauen hilfeflehend auf das Deutsche Reich und es geht jetzt die dringende Mahnung an die deutschen Staatsmänner, ihre Pflicht zu thun, damit es nicht wieder heiße, wie im „Don Carlos": Verkauft, verkauft und wiederum verkauft von dem berühmten Handelsmann im Norden!" (Lebhafter Beifall bei den Socialisten.) Es ist bezeichnend für die Haltung der Conservativen, daß O e r t e l Bernsteines Rede mit einigen witzig sein sollenden R edensarten abthun zu können glaubte. Oertel sagte: Der Herr Vorredner hat mit Mund nnd Hand flammenden Protest erhoben gegen die Bedrückung der rumänischen Juden. Europa hat den Protest gehört und Europa wird sich danach zu richten haben. (Große Heiterkeit rechts. Unruhe bei den Socialdemokraten.) Der Herr Vorredner hat fick darüber beklagt, daß die rumänischen Juden nicht Makler werden dür en und nickt zu Versteigerungen zugelassen würden. Das ist gewiß sehr bedenklich. (Heiterkeit rechts.) Es ist uur die Frage, ob der deutsche Reichstag das Recht hat, gegen diese Behandlung der rumänischen Juden einzuschreiten. Ein gewisses Recht concedire ich, weil im Berliner Vertrage Bestimmungen enthalten sind, gegen die die rumänische Regierung verstoßen haben soll. Die rumänische Regierung ist aber nicht der Meinung, daß sie das gethan hat, und die europäischen Regierungen haben diese Meinung auch nicht bekundet. Die Anregung Amerikas hat auch keine Gegenliebe gefunden. Schräder (freisinnig) berührte ebenfalls kurz die rumänische Judenfrage. Nach seiner Ansicht sollte Deutschland diese Angelegenheit in die Hand nehmen und bei den Signatarmächten entsprechende Schritte thun, zumal die Abmachungen des Berliner Congresses vielfach auf Bismarck's Initiative zurückzuführen seien. Die Großmächte sollten mit Rumänien ein ernstes Wort reden. (Zustimmung links.) Vom Bundesrathstische kam keine Antwort. Die deutschen Staatsmänner scheinen keine Neigung zu haben, sich mit dem rumänischen Problem zu beschäftigen. * q- * Die Vorsitzenden des Hilfscomites für die rumänischen Juden, James Simon und Stadtverordneter Dr. Paul Nathan, hatten kürzlich eine Audienz beim Reichskanzler, dem sie die traurige Lage der rumänischen Juden und die Rückwirkung dieser Zustände auf Deutschland schilderten. Der dem Hilfscomitä erstattete Bericht bemertt zu Büiow's Antwort: Wir haben alle Veranlassung, dem Reichskanzler für sein Entgegenkommen dankbar zu sein.

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