Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 20 (1903)
- Issue
- 13 (27.3.1903)
- Date
- 1903-03-27
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
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Nr. 13 Vr, Bloch's Wochenschrift. Seite 205 damaligen Spanien, seiner wechselnden Geschichte und den durch diesen Wechsel bedingten starken Schwankungen der geistigen Interessen ging der Redner auf die Individualität eines jeden der drei Dichter ein, indem er — Heine's Worten zustimmend und ihrer sich bedienend — Gabirol als den mehr denkenden, Jbn Esra als den mehr empfindenden Dichter darstellte, in Jehuda Halevy aber die Vereinigung beider Eigenschaften pries. Durch zahlreiche Proben aus den Werken jedes dieser Dichter illustrirte der geistvolle Redner trefflich seine Behauptungen und gab damit den intereffirten Zuhörern ein Bild von der Eigenart und der Kraft dieser genialen spanisch-jüdischen Dichter. Aber nicht nur als Literarhistoriker behandelte Architekt Fleischer sein Thema, durch fesselnde Berichte aus dem Leben der drei Meistersänger wußte er sie dem Publicum auch menschlich nahe zu bringen und das freudlose Geschick Gabirols und Jbn Esras, wie die glühende Sehnsucht Halevys nach dem Lande der Bäter, nach Jerusalem, in ergreifender Weise zu schildern. Reicher Beifall lohnte die formvollendeten Ausführungen des beliebten Redners. Unter den Anwesenden bemerkte man u. A.: den Präsidenten der israel. Cultusgemeinde kais. Rath Heinrich K l i n g e r mit dem Bicepräsidenten Dr. Alfred Stern, zahlreiche Vorstandsmitglieder, Rabbiner Dr. Schmiedl, Superintendent Seberiny u. v. A. Wien. (Hilfsverein für die nothleidende jüdische Bevölkerung in Galizien.) Am 11. d. M. fand die constituirende Versammlung der Ortsgruppe „Smichow" bei Prag statt. In den Vorstand wurden gewählt die Herren: Richard P e t s ch e k, Obmann; Albert Heller. Obmann-Stellvertreter; Gustav Fuchs, Schriftführer; Richard Kapper, Schriftführer-Stellvertreter; Ludwig E l i s a k, Cassier; M. Stefansky, Cassier-Stellvertreter. Die Ortsgruppe „Smichow" ist die 40. Ortsgruppe des Hilfsvereines. Ein sehr nachahmenswerthes Beispiel haben die beiden Ortsgruppen Bielitz und Tro pp au gegeben, indem sie zu Gunsten des Hilfsvereines Unterhaltungsabende veranstalteten. Die Ortsgruppe „Bielitz^ hat einen Reinertrag von K 280.—, die Ortsgruppe „Troppau" einen solchen von K 650.— an den Hilfsverein abführen können. Vielen Erwerbslosen kann der Hilfsverein durch einen so ansehnlichen Beitrag zu einem dauernden Arbeitseinkommen verhelfen. Baden. (D o p p e l j u b i l ä u m.) Aus einer Kundmachung des Vorstandes der israelitischen Cultusgemeinde Baden ist zu entnehmen, daß am 26. April d. I. die Neuwahlen für die Vertretung der israelitischen Cultusgemeinde Baden stattfinden. Die israelitische Cultusgemeinde Baden ist aus dem in Baden früher bestandenen Cultusverem, von welchem unter der Leitung der Herren I. L. Pollak und Max Mandl der jetzt noch bestehende Tempel erbaut wurde, hervorgegangen und wurde im Jahre 1878 creirt. Es möge daher erwähnt werden, daß dieselbe, die nach dem Cultusverein unter den denkbar schwierigsten Verhältnissen creirte Cultusgemeinde, nunmehr in ausgezeichneten Verhältnissen das Jubiläum ihres 25jährigen Bestandes zu feiern im Begriffe steht. Das zweite Jubiläum feiern zwei wackere Männer, die seit dem Bestände der Cultusgemeinde, also seit 25 Jahren ununterbrochen dem Vorstande derselben in leitender Stelle angehören. Herr Moritz Leitner der Präses, sowie Herr Anton Schneider, der Vicepräses (Letzterer auch der Begründer der Chewra-Kadischa Baden im Jahre 1873 und in dieser seit deren Bestand ununterbrochen als Vorsteher wirkend) wetteifern in ihrem Wirken für das Wohl der Gemeinde, in seltener Weise. Beide sind stets bemüht, auf dem Gebiete der Wohlthätigkeit und der rituellen Einrichtungen in der Gemeinde das Beste zu leisten, sie haben die Gemeinde in gute finanzielle Verhältnisse gebracht, ohne ihre Mitglieder zu sehr zu belasten, und die Gemeinde selbst so organisirt, daß alle Parteien zufrieden sein können. Wiewohl jeder Einzelne im Vorstande sein Möglichstes leistet, so muß doch auf die zwei genannten Herren besonders hingewiesen werden, da dieselben seit einer langen Reihe von Jahren in uneigennützigster Weise wirken. Hoffentlich wird die Judenschaft Badens, sowie auch alle jene Glaubensgenossen, die durch Erfahrungen während des Curgebrauches dieselben kennen, am 26. April 1903 (der Tag der Neuwahl) die Verdienste dieser Männer würdigen. Schließlich möge noch daraus hingewiesen werden, daß bei der bevorstehenden Wahl der ganze Cultusausschuß derartig zusammengesetzt werde, damit nicht etwa durch dazwischen tretende Elemente irgend welcher Mißton hervorgerufen wird; denn nur durch die Eintracht wird es dieser blühenden Gemeinde gelingen, sich zur höchsten Stufe zu entwickeln. Der Schwindel mit dem Blutmärchen. Aus Budweis wird geschrieben: In welchem Maße die Bevölkerung antisemitisch verhetzt ist, zeigt folgender Vorfall: In dem bei dem Orte Cemelitz gelegenen Dorfe Smetanova-Lhota (Bezirk Pisek) vermißte dieser Tage ein Bauer seine 18jährige Tochter. Es fanden sich Leute, welche gesehen haben wollten, daß das Mädchen in das Haus des Kaufmannes Wilhelm Fantl in Cemelitz geschleppt worden sei, kurz darauf hätten sich viele Juden aus der Umgebung dort eingefunden und Fantl habe sich auf den Bahnhof begeben, wahrscheinlich, um mit dem Blute des Mädch'Ns nach Wien zu fahren. Dieses Gerede verursachte in der Gegend große Aufregung. Am folgenden Abende versammelte sich vor dem Hause eine große Menschenmenge, welche drohende Rufe gegen die Juden ausstieß und die Herausgabe der »Leiche* des abgeschlochteten Mädchens verlangte. Im Hause war nur die Frau Wilhelm Fanti's mit ihren Kindern anwesend und weigerte sich begreiflicherweise, das Thor zu öffnen. Dem einzigen im Orte anwesenden Gendarmen gelang es, die Menae zu zerstreuen, doch stellte dieselbe Wachposten aus, welche die Nacht über das Haus beobachteten, damit die »Leiche* nicht beseitigt werden könne. Am darausfolgenden Morgen wurde die Menge in das Haus eingelassen und durchsuchte es, ohne etwas Verdächtiges zu finden. Kurz daraus erschien das Mädchen wieder im Dorfe. Es gab an, daß es eine Wallfahrt nach dem heiligen Berge gemacht habe. Herr Fantl hat den Advocaten Dr. Ludwig Bullaty in Budweis damit betraut, gegen die Urheber der gegen ihn veranstalteten Hetze die gerichtlichen Schritte einzuleiten. Aus K i s ch i n e w in Bessarabien wird gemeldet: Die jüdische Bevölkerung der Stadt Duboffary am Dnjestr wird von Bauern belagert, weil der Bauernknabe Rybalenko, der zu einem jüdischen Kaufmann geschickt wurde, um Tabak zu kaufen, auf räthselhafte Weise verschwand. Am nächsten Tage wurde die Leiche des Knaben mit 18 Wunden bedeckt in dem Garten des Kaufmanns aufgefunden. Die Bevölkerung glaubt an einen Ritualmord und will alle Juden lynchen. Lemberg. (Wiederaufnahme eines Mordp r o c e s s e s.) In Dukla wurde in der Nacht vom 12. auf den 13. März 1898 der zwanzigjährige Sohn des Schankwirthes Victor Geller ermordet. Unbekannte Thäter hatten denselben erdroffelt und hierauf die Leiche in einen tiefen Brunnen geworfen. Die Familie eines zweiten Schankwirthes Namens Jsak Lichtig erschien verdächtig, aus durch Concurrenzneid bervorqerufenem Haß den Meuchelmord begangen zu haben. Am 18. März 1899 wurden in Jaslo nach elftägiger Verhandlung, bei der 120 Zeugen zur Einvernehmung gelangten, die Angeklagten Isaak Lichtig und dessen Kinder Jacob Lichtig und Chana Lichtig des Mordes, beziehungsweise der Mitschuld an demselben, ferner Basia Lichtig und die Dienstmagd Katharina Szyndak des Betruges und der Verleumdung von den Geschworenen schuldig erkannt, woraus der Gerichtshof Isaak Lichtig zu sechs, Jacob Lichtig zu fünf Jahren und Chana Lichtig zu drei Jahren schweren Kerkers, Basia Lichtig zu sechs und Katharina Szyndak zu drei Monate mit Fasten verschärften Kerkers verurtheilte. Das Urtheil ist in Rechtskraft erwachsen. Chana L'ck!>'a. Basia Lichtig und Katharina Szyndak haben bereits ihre Strafe ganz, die beiden andern Verurtheilten zum größeren Theile verbüßt. Jetzt hat nun, nach Ablauf von vier Jahren, das Gendarmerieposten-Commando bei der Staatsanwaltschaft in Jaslo die Anzeige erstattet, der Meuchelmord an B'ctor Geller sei nicht von der Familie Lichtig, sondern, nach verschiedenen ernsten Anzeichen zu schließen, von einem Grundbesitzer, deffen Name genannt wird, begangen worden. In Folge deffen begibt sich der Untersuchungsrichter Dr. Julius Nowotny von Jaslo nach Dukla zur Durchführung neuer Erhebungen, nach deren Abschluß die Wiederaufnahme des Verfahrens in dieser Aufsehen erregenden Affaire erfolgen dürfte. 25jähriges Jubiläum des Kreuzervereines in Prag. In dem festlich geschmückten Sitzungssaal des Waisenheims für israelitische Waisenmädchen in den Weinbergen fand die 25. Generalversammlung des Kreuzervereines zur Unterstützung arnier israelitischer Waisenmädchen in Böhmen und zugleich die Festfeier des 25jährigen Bestandes des Vereines unter sehr zahlreicher Betheiligung von Mitgliedern, Ehrengästen und namentlich von Damen statt. An die Theilnehmer wurde eine reiche umfassende Festschrift vertheilt. Die außerordentlichen Leistungen des Vereines, der unter mustergiltiger Führung steht, haben ihn zu einer der bedeutendsten israelitischen Wohlthätigkeitsinstitutionen gemacht. Viele Hunderte haben seine Segnungen erfahren und der Verlauf der würdigen Feier zeugte